laut.de-Kritik

Ist das jetzt Gänsehaut oder Cold Turkey?

Review von

Geht es nach Billy Idol, dann ist sein neues Album eine große Beichte. "It's my life put into words" sagte er dem Billboard Magazine. Idol scheint die Dämonen seiner Vergangenheit bewältigt zu haben. Eigentlich hat er ja auch schon Anfang der 90er dem Heroin abgeschworen. Nun erzählt er unter anderem, wie er damals seine Plattensammlung für Heroin verkaufen musste. Die Vergangenheit lässt ihn einfach nicht los. Gleichzeitig zum Album erscheint Ende Oktober auch eine Autobiographie. Ist der Doppelrelease eine perfekte Marketingstrategie?

Fast zehn Jahre sind vergangen seit Idols letztem Album. 2005 wagte er nach über einer Dekade ein Comeback in den Popzirkus. Dann wurde es wieder ruhig und nun also das Comeback nach dem Comeback, das zweite Comeback sozusagen.

Im sich neu erfinden, war Idol ja schon immer gut, ein Chamäleon des Punk. Die einzige Konstante waren seine wasserstoffgetränkten Haare. Gestartet im Dunstkreis der ersten Welle des britischen Hardcore-Punk kam Anfang der 80er der Alleingang und der große Pop-Erfolg unter den Fittichen von Kiss-Manager Bill Aucoin.

Idols Haare waren ein wichtiges Style-Vorbild, unter anderem für den bekennenden Idol-Fan H.P. Baxxter und den Punk-Crooner Billy Joe Armstrong von Green Day. Letzterer scheint musikalisch einen gewissen Einfluss auf "Kings & Queens Of The Underground" gehabt zu haben. Denn auch Billy Idol erhofft sich als alternder Rebell vom College-Punk-Sound eine Frischzellenkur. Doch er wirkt eher wie der tröstende Onkel, der die Weisheit wie eine bittere Pille geschluckt hat. So singt er unter anderem "Nothing To Fear But The Fear Itself".

Vielleicht liegt es auch am Produzenten Trevor Horn (u.a. Robbie Williams, Yes, Pet Shop Boys), dass Billy Idol jetzt auf " Kings & Queens Of The Underground " einen wilden Ritt durch die verschiedensten Musikgenres wagt. Der kleinste gemeinsame Nenner ist dabei vielleicht der zum Mitgrölen einladende Stadionpop. Die Lieder nehmen immer wieder Fahrt auf wie etwa die erste Single-Auskopplung "Can't Break Me Down": Von Null auf Hundert. Der perfekte Soundtrack für 50-Jährige Motorradfahrer in der Midlife-Crisis, die noch mal rebellisch über die Landstraßen düsen wollen. In den Hooklines werden die Songs dann aber schön Ohrwurm-tauglich glattgebügelt, um auch in jede Radio-Rotation zu passen. Idol singt zwar gute Verse ("I trusted the law, they didn't helped me at all") aber in den Hooklines bremst sich Idol selber wieder aus. "It's a bitter pill I swallow just to keep you satisfied, it's a wicked world baby."

"One Breath Away" beginnt mit Trip Hop-Beats und düsterer Stimme in Dave Gahan-Manier, nur um dann im überproduzierten Chorus zu überfordern. Ein bisschen weniger Pathos und Selbstbeweihräucherung wäre nicht schlecht gewesen, um ein würdiges Album mit 60 Jahren zu machen. Stattdessen will Billy Idol nicht altersmilde sein, der Chorus von "One Breath Away" wirkt wie ein letztes oder erneutes Aufbäumen, aber gegen wen oder was? Er war schon immer der Rebell, der seine Aggressionen auch gerne selbstzerstörerisch kanalisierte. Jetzt macht er seinen Frieden mit sich selbst.

"Postcards from the Past" erinnert an Jon Bon Jovi, also einen entschärften Hardrocker. Ein Van Halen-artiges Solo darf nicht fehlen, auch hier müssen ein paar Takte düsterer Synthesizer untergebracht werden. Anstatt sämtliche Musik-Stile in alle Songs zu packen - hier noch eine Panflöte, dort noch ein paar Streicher - hätte es nicht geschadet, einzelne Schwerpunkte zu setzen und stringentere Songs zu schaffen. Denn so hat leider keiner der Titel Kult- oder Hitpotential, sondern fast alle sind maßgeschneidert wie Billy Idols Lederjacke. Nur bei den Balladen bleibt Idol konsequent auf einer musikalischen Linie, auch wenn diese oft in Kitsch abdriften. Aber da hatte er ja noch nie Berührungsängste.

In der Mitte des Albums steht der gleichnamige Titeltrack " Kings & Queens Of The Underground" als Hymne der Überlebenden des wahnsinnigen Rock'n Roll-Lifestyles und als Glorifizierung der Höhen und Tiefen der "Golden Years". Ist das jetzt Gänsehaut oder Cold Turkey? Ist das Kribbeln nur dem Alkoholentzug geschuldet? Stellenweise muss man an Udo Lindenberg denken, der auch als Zombie aus den 80ern immer wieder aufersteht und Oden an Whiskey oder Eierlikör singt.

Bei seinem ersten Comeback legte Billy Idol wenigstens noch Wert auf Authentizität und versuchte an Altes anzuknüpfen, anstatt sich selbst neu zu erfinden. Der aktuelle Seelenstriptease tut Idol vielleicht gut, doch die sinngeschwängerten Texte stoßen beim Mitgrölen sauer auf. Lieber noch mal die alten Alben auspacken und richtig aufdrehen.

Trackliste

  1. 1. Bitter Pill
  2. 2. Can't Break Me Down
  3. 3. Save Me Now
  4. 4. One Breath Away
  5. 5. Postcards From The Past
  6. 6. Kings & Queens Of The Underground
  7. 7. Eyes Wide Shut
  8. 8. Ghosts In My Guitar
  9. 9. Nothing To Fear
  10. 10. Love And Glory
  11. 11. Whiskey And Pills

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9 Kommentare

  • Vor 6 Jahren

    Generation X hörte ich mal ganz gerne. Und halt 4-5 Solo-Evergreens so ganz ab und an. Ansonsten kein Interesse.

  • Vor 6 Jahren

    Ihr habt doch wirklich talentierte Schreiber, kann nicht einer davon den Jonas unter seine Fittiche nehmen? Das wirkt alles leider wenig stringent argumentiert und stilistisch uninspiriert. Gerade die Attribuierungen scheinen häufig in ihren Folgerungen fehlkonstruiert und wenig überzeugend (z.B. Hitpotential -> maßgeschneidert, Authentizität -> Seelenstiptease, nicht altersmilde -> Frieden schließen, etc.).

    'Tschuldigung, nur meine Meinung, aber hier fällt es wirklich auf.

  • Vor 6 Jahren

    Uninspiriertes Album darf der Texter auch lustlos drüber schreiben. Und im Impressum taucht ein Jonas Kiß gar nicht auf. Wer ist also Jonas Kiß? Ein Praktikant oder die heimlich ausgetauschte Laut Redaktion, weil eigentlich steht oben drüber die komplette Redaktion als Autor dieses Textes. Was ist hier den los? Revolution......?!

  • Vor 6 Jahren

    huhu, Ihr seit hier alle noch sehr nett find ich. zu nett!!!
    ich finde die Kritik zum Album eine absolute Frechheit. Ist der Schreiber Fan von den Flippers oder Florian Silbereisen. Alter wir leben nicht mehr in den 80ern. Ich finde das Album super. Sehr abwechslungsreich und modern. Der Mann hat eine Stimme das ich Putenpelle bekomme. Und das mit dem Horn zu produzieren war goldrichtig!!! Laut.de schämt Euch!!!

  • Vor 5 Jahren

    Dieser Kommentar wurde vor 5 Jahren durch den Autor entfernt.

  • Vor 5 Jahren

    Mittlerweile sind 7 Monate seit der falschen und handwerklich obendrein auch noch schlechten Kritik vergangen. Schreibt die Kritik doch bitte nochmal, diesmal mit den richtigen Aussagen, Empfehlungen und Sternen. Das ist auch in meinen Augen ein wirklich großartiges Album!