1. Oktober 2018

"Ich würde gerne beide Eier behalten!"

Interview geführt von

Mit "The Satanist" schufen Behemoth ihr magnum opus. Das ist auch Bandkopf Nergal bewusst, der danach lange keine Behemoth-taugliche Musik mehr zustande brachte, sondern sich mit dem Nebenprojekt Me And That Man ablenkte. Ein neuer Ansatz musste her. Das Ergebnis heißt "I Loved You At Your Darkest". Inhaltlich bleibt Nergal seiner Linie treu, musikalisch streckt er seine Fühler in für die Band neue Gefilde aus.

Das Problem bei einem Interview mit Adam 'Nergal' Darski ist: Es gibt einfach zu viele Anknüpfungspunkte. Nutzt man die halbe Stunde nun, um über die Nachwirkungen des durchschlagenden Erfolgs von "The Satanist" und die anschließende Neuorientierung für das elfte Behemoth-Album "I Loved You At Your Darkest" zu sprechen? Rollt man die überstandene Leukämie-Erkrankung wieder auf, die Nergal und damit Behemoth 2010 fast bezwungen hätte? Hängt man sich am Einsatz eines Kinderchores an zwei Stellen des neuen Werkes auf? Diskutiert man über die Rolle Nergals als schillernden Popstar im mürrischen Extreme Metal-Lager?

Und dann gibt es ja noch mehrere Blasphemie-Gerichtsprozesse in der polnischen Heimat, zugehörigen Aktivismus, die Bibel als Steckenpferd, seine Ansichten über die Kirche, die über plumpe "God=Dog"-Provokation weit hinausgehen und eine Kollaboration mit Shining-Boss Niklas Kvarforth... Fangen wir einfach an.

Du kommst recht oft nach Berlin in letzter Zeit, nicht wahr?

Nergal: Das stimmt. Ich habe sogar das Gefühl, das könnte mein Platz fürs Leben werden. Ich mag einfach den Vibe Berlins. Ich mag die Freiheit, die hier in der Luft liegt. Es ist ein sehr inspirierender Ort.

Apropos Platz fürs Leben: Obwohl du häufig Probleme mit der Regierung hast, lebst du nach wie vor in Polen. Du bist zwar ständig unterwegs, kehrst aber doch immer wieder dorthin zurück.

Zunächst einmal: Nichts kann meine nomadische Natur aufhalten. Ich bin dauernd auf dem Sprung von Platz A zu Platz B und ich mag das. Das inspiriert. Aber ich bin Pole. Ich bin in Polen geboren und aufgewachsen, meine Familie lebt dort, meine neue Familie – die Freunde – leben ebenfalls dort. Und ehrlich gesagt: Ich weiß nicht, ob Deutschland Nergal braucht. Ich weiß nicht, ob Schweden Nergal braucht. Ihr habt längst den demokratischen Wandel vollzogen, ihr habt euch die Freiheit verdient, sie ist hier. In Polen ist dahingehend noch viel Arbeit zu tun. Es klingt vielleicht arrogant, aber dieses Land braucht mich.

Bemerkst du wirklich einen Wandel, der durch deine Aktionen angestoßen wird?

Ich hoffe schon. Trotz gewisser Tendenzen entwickeln wir uns, es geht voran. Jemand muss einfach rausgehen und das Maul aufmachen. Ich sehe es als meine Mission, so fucking real wie möglich zu sein.

Wünschst du, mehr Leute würden so ihre Meinung sagen?

Oh, da gibt es viele! Ich glaube, es ist nur eine Frage der Zeit, bis die momentane Regierung fällt. Hoffentlich schon bei der nächsten Präsidentschaftswahl. Ein Neuer bereitet gerade seine Kampagne vor und ich persönlich glaube, wenn er seinen politischen Wert steigern kann, wird er einiges reißen.

Kommen wir zu "I Loved You At Your Darkest". Der Titel ist ein Bibelzitat, ein Zitat von Jesus. Zeigt das nicht, dass es in der Bibel auch Passagen gibt, denen selbst Satanisten zustimmen können? Oder sagen wir: Die zumindest auch nützlich für deinesgleichen sein können?

Sehr nützlich sogar. Die Bibel stammt aus einer sehr düsteren Zeit, einem sehr düsteren Flecken in der menschlichen Geschichte. Dort gibt es viel Blut, viel Mythologie, viel Tod und einen Haufen furchterregender Scheiße. Schon seit Jahren ist die Bibel meine Inspirationsquelle. Zahlreiche Künstler nutzen die Bibel wegen ihrer Finsternis. Nimm zum Beispiel Nick Cave: Er ist kein Christ, aber alles dreht sich um die Bibel. Bei mir ist es genauso. Ich wuchs in einem zu 80, 90 Prozent katholischen Land auf. Polen ist sehr viel religiöser als Deutschland, Deutschland ist säkularer. Du kannst als aufgeweckte Person dagegen rebellieren, aber es ist trotzdem tief in deinem System verankert – von Geburt an. Haben deine Eltern dich gefragt, ob du getauft werden willst? Nein, sie machen es einfach automatisch. So läuft es meistens. Was du tun kannst und was ich auch getan habe, ist, eine Apostasie durchzuführen: der offizielle Rücktritt von der katholischen Lehre. Damit verbrennst du offiziell deine Brücke zum Katholizismus – für immer. Das ist das Beste daran: Du kannst nie wieder zurückkehren. (lacht) Ich empfehle das ausdrücklich jedem Freidenker, Rebellen, Außenseiter mit radikalen Veränderungen das System zu ficken. Sonst passiert nichts. So gibt es kein "ein bisschen hier, ein bisschen da, nette Gimmicks, um mehr Platten zu verkaufen, aber zur Not kann ich ja immer noch zurückkommen". Nein! Du überschreitest damit den Rubikon, es gibt kein Zurück. Wir huldigen der Freiheit. Wir huldigen Satan. Denn Satan ist uns genauso angeboren wie Gott, Jesus und all die Figuren der Bibel.

Gewissermaßen hat die Bibel ja Satan erfunden.

Ganz genau. Die Menschen haben das getan. Der Unterschied zwischen mir und meinen katholischen Mitmenschen ist, dass ich bewusst meine dunkle Seite begrüße. Das entspricht viel mehr unserer Natur. Ich möchte mich nicht selbst kastrieren. Ich mag meine zwei Eier und würde sie auch gern beide behalten. Stell dir vor, jemand kommt mit einer Schere an und sagt: "Du kannst auch mit einem Ei leben" Klar, aber das wäre ein scheiß Leben. Ich will nicht so leben. Ich will nicht diese Leere haben oder wie immer du es nennen willst. Für mich bedeutet, die menschliche Natur in all ihrer Perfektion und Imperfektion zu begrüßen, wirklich alles an ihr zu begrüßen. Und alles zu begrüßen bedeutet Sympathie für den Teufel, für Satan zu haben. Das führt uns zum Titel des neuen Behemoth-Albums: "I Loved You At Your Darkest". Ich habe diese Phrase direkt von Jesus geklaut, aber gegen ihn geschmettert und die Bedeutung verdreht und redefiniert. Ich richte sie an all die gefallenen Helden, Charaktere und Archetypen, die ich in der Kunst verehre: Satan, Luzifer, Prometheus, Ikarus, Dionysos und viele andere göttliche Wesen.

Du bist selbst nicht Mitglied in einer satanischen Kirche oder?

Ich gehöre keiner Institution an, nein.

Wie siehst du diese Organisationen im Vergleich zu christlichen?

Wer auch immer in der Opposition steht, hat meine Unterstützung. Ich muss nicht unbedingt mit deren Glauben übereinstimmen, aber jede Opposition ist gut, denn sie triggert Dialog und Diskussion. Dialog und Diskussion bringt uns dazu, miteinander zu sprechen und über einander zu lernen. Das Schlimmste ist, blind zu folgen. Der Moment, wenn du "Nein!" sagst, ist ein Funken, ein Anfang für Veränderung. Jede Veränderung ist gut.

Da du das blinde Folgen schon ansprichst: Es gibt in einer Kirche, sei es nun die christliche oder eine andere, ja immer zwei Seiten – die, die manipuliert und die, die sich manipulieren lässt. Letztere ist meist das Gros. Welche dieser Seiten stört dich am Christentum denn mehr? Ich könnte mir vorstellen, dass du der Meinung bist, die Kirche an sich sei ...

... böse. Die Kirche ist böse.

Böse – vielleicht. Aber das Konzept ist interessant oder?

Ist es. Es ist sehr clever. Sie wissen, was sie tun. Der Grund, warum Leute folgen ist, dass Menschen von Natur aus einfach faul sind. Sie wollen Dinge nicht hinterfragen, denn das erfordert ja mehr Anstrengung. Warum sollte ich mich um Metaphysik kümmern, wenn ich eine schöne Wohnung, Fernseher und einen guten Job habe? Oh, da gibts einen Gott? Joa, okay, folge ich mal. Ich glaube so verhält es sich mit den meisten Menschen in Polen. Ich werfe ihnen vor, sehr oberflächlich zu sein. Wenn du katholisch bist und die hard den christlichen Glauben vertrittst, verdienst du viel mehr Respekt als all die "sogenannten Christen". Ich habe christliche Freunde. Wir koexistieren. Wir streiten uns nie. Wir haben Diskussionen, aber nie Streit. Wir mögen einander, respektieren einander, vermissen einander, brauchen einander.

"Ich lebe und liebe nach eigenem Willen"

"Bartzabel" ein Song des neuen Albums wurde inspiriert von einem Ritual, das 2017 in Krakau stattgefunden hat. Ich nehme an, du hast dem beigewohnt?

Nein, war ich nicht. Das ist der einzige Text, den Krzysztof Azarewicz, der seit Jahren als Co-Writer für Behemoth aktiv ist, für das Album schrieb. Die Basis legte ein Gedicht von Aleister Crowley, an dem er ein wenig herumhantierte und einen Song daraus schraubte. Und ja, das wurde inspiriert von dem Ritual. Krzysztof nahm an der Messe im Hotel Stary in Krakau statt, einem wunderschönen mittelalterlichen Hotel. Angeblich wohnte dort einst der berühmte Okkultist John Dee. Wahrscheinlich ist das nur eine Legende und er hat irgendwo anders gewohnt, aber jedenfalls haben sie sich das zu eigen gemacht. Krzysztof gehört dem polnischen Ordo Templi Orientis an. Sie veranstalteten das Ritual dort. Wenn ich mich recht entsinne ganz oben, denn dort gibt es eine nette Terrasse und du hast den Himmel über dir.

Bist du selbst auch in der polnischen Okkult-Szene unterwegs? Dass du keiner Organisation angehörst, sagtest du ja bereits, aber bewegst du dich in deren Kreisen?

Nein, nicht wirklich. Ich halte Kontakt mit einigen aktiven Leuten, wir tauschen Anschauungen aus und ich ziehe eine Menge Inspiration daraus. Aber ich hatte noch nie das Bedürfnis, mich für irgendetwas einzuschreiben. Vielleicht ändert sich das eines Tages, neugierig bin ich schon. Bisher ist es aber noch nicht passiert. Dass ich nicht Teil des Ordo Templi Orientis bin, nimmt mir ja nicht das Recht, von Natur aus Thelemit zu sein – eine Person, die nach eigenem Willen lebt und liebt, um Aleister Crowley zu zitieren.

Ein anderer Song, "Havohej Pantocrator", ist im Grunde ein invertiertes Vaterunser. So funktioniert es ähnlich wie "O Father O Satan O Sun" von "The Satanist", finde ich – auch weil instrumental durch den Einsatz von Bläsern ein ähnlicher Vibe herrscht. Es wirkt fast wie ein Sequel. Als solches gedacht war es aber wahrscheinlich nicht oder?

Mh, ich weiß, worauf du hinaus willst. Vielleicht hast du recht. Ich schreibe gerne große, epische Songs, weißt du? "O Father O Satan O Sun" ist solch ein Song, "Lucifer" ist solch ein Song, "Bartzabel" ist solch ein Song. Und ja, "Havohej Pantocrator" erinnert am ehesten an "O Father O Satan O Sun". Deswegen habe ich es absichtlich nicht ans Ende des Albums gestellt. "Bartzabel" ist ebenfalls ein solcher Song, aber er sticht trotzdem heraus, denn er ist anders als alles, das wir bisher aufgenommen haben.

"Bartzabel" ist für eure Maßstäbe quasi eine Ballade.

Eh, sei vorsichtig mit Ballade, das stößt den Leuten doch auf. (lacht) Der Song ist so kraftvoll! Als wir den Groove in den Strophen, dieses "Dumbum ba dum bum da!", im Proberaum spielten, ohne Gesang, klang es total nach Danzig! "Spiel einfach wie Chuck Biscuits", rief ich Inferno immer zu. Die Basis, der Kern des Songs ist Rock. Der "Come to me, Bartzabel"-Gesang macht natürlich alles sehr episch.

Intro und Outro, also die Klammer um das Album, hast du nach 'solve et coagula' benannt, einer alchemistischen Formel, die den Prozess beischreibt, Bestehendes aufzulösen und die Bestandteile zu etwas Neuem zu kombinieren. War das also dein Ansatz an "I Loved You At Your Darkest", dem stilistisch am breitesten gefächerten Werk deiner Karriere?

Absolut. Als ich die Idee hatte, zwei separate, von der ganzen Band gespielten Intros zu machen, reizte mich das einfach. Bei Behemoth-Material kannst du dir zu hundert Prozent sicher sein, dass das nicht entstanden ist, indem ich lange darüber gebrütet und analysiert habe. Das Meiste entsteht aus Intuition heraus. Intuition heißt: eine Zusammenfassung all meiner Lebenserfahrungen und Einflüsse, die in mir drinstecken. Ich spucke sie einfach aus: "Boom! So soll es heißen!" Erst dann fange ich an zu denken und spinne Geschichten dazu. Oft schreibe ich Lyrics und lerne erst fünf jähre später ihre Bedeutung. Ich blicke mit meiner heutigen Erfahrung auf frühere Werke zurück und denke mir: "Ah, das meinte ich damals." Jetzt weiß ich, was es bedeutet, damals wusste ich es nicht. Ich glaube fest an die Kraft des Unterbewusstseins. Das Unterbewusstsein ist viel stärker als unser verkrüppelter Intellekt.

Ein wenig Kontrolle übst du aber trotzdem aus.

Natürlich, klar.

Es war schließlich auch eine bewusste Entscheidung, die Musik, die vergangenes Jahr unter dem Banner Me And That Man erschienen ist, mit Me And That Man und nicht mit Behemoth zu veröffentlichen. Wo ziehst du die Linie? Wie weit kannst du innerhalb der Grenzen Behemoths gehen?

Es gibt keine geschriebenen Gesetze, keine festgelegten Grenzen. Alles ist Gefühl. Ich wette, einige Me And That Man-Songs könnten mit etwas Umarrangieren zu Behemoth-Songs werden. Und würde ich "Bartzabel" gemeinsam mit John Porter singen und Akustikgitarre spielen, wäre es perfekt für Me And That Man. Die Trennung verläuft nicht schwarz/weiß.

"Werden Christen in einigen Teilen der Welt getötet, gibt es noch Gerechtigkeit auf Erden"

Bei Behemoth gibt es diese Dualität von einerseits sehr elaborierter Symbolik und andererseits plakativer Phrasen wie zum Beispiel "God=Dog". Ich weiß, dahinter steht ein Konzept von Aleister Crowley, aber auf den ersten Blick wirkt das erstmal sehr primitiv.

Ich liebe es. Ich kriege diese Anschuldigungen, es sei so ein kindischer Titel, und denke mir: "Yesss!" (lacht) Die Leute sehen, was sie sehen wollen. Wenn du tiefer gräbst und versuchst, es zu verstehen, wirst du es auch verstehen. Einige finden den Titel super, andere finden ihn absolut beschissen und hoffen, dass es nicht auch der Albumtitel wird. (lacht) Ich liebe es, das mit anzuschauen. Es stiftet Verwirrung und sorgt für Kämpfe zwischen den Leuten. Kämpfe in einem guten, kreativen Sinne, es tötet schließlich niemand irgendwen deswegen. Schau dir auch unser neues Symbol – Triumviratus – an: drei umgedrehte Kreuze, das ist perfekt. Die Inspiration dazu kam dem Künstler, Bartek Rogalewicz, übrigens durch ein Wasserzeichen. Denn Wasser strebt durch die Schwerkraft ja immer nach unten zum Boden. "Dieses Kreuz erdet euch", meinte er. Du kannst so viele Geschichten und Theorien dazu interpretieren. Auch das sieht vielleicht primitiv aus, doch es birgt so viele Ebenen und Levels. Alles hängt von deiner Vorstellungskraft ab. Crowley sagte: "Für die Blinden bin ich schwarz." Wenn du also nur Schwarz sehen möchtest, bitteschön. Aber ich bin für den Regenbogen. Mich interessiert das ganze Farbspektrum. Das Leben ist bunt und voller Möglichkeiten. Ich bin hier, um sie alle zu entdecken, nicht um in einer kleinen, eindimensionalen Zelle gefangen zu sein. Aber wer drauf steht ... jedem sein freier Wille.

Dir kreidet man teilweise an, zu sehr auf dem Christentum herumzureiten. Öfter liest man: "Black Metal-Bands haben Angst davor, den Islam zu kritisieren, weil das als fremdenfeindlich aufgefasst werden würde." Wie stehst du dazu? Hinduistische Motive bindest du zum Beispiel öfter in deine Symbolik ein.

Schürft man tief, findet man definitiv ein paar Referenzen zum Islam. Mir fällt gerade keine bestimmte Zeile ein, wir haben ja hunderte von Texten. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass irgendwo 'Schaitan' auftaucht, aus der arabischen Kultur. Ich konzentriere mich auf katholischen und christlichen Mythos, weil ich mich damit auskenne. Das ist, was meinem System angeboren ist, damit bin ich aufgewachsen. Ich kümmere mich um meinen Bullshit, lass die Muslime sich um ihren eigenen Bullshit kümmern und die Juden sich um den ihren. Es stimmt, ich drifte stark in diese Richtung. Aber wer weiß, vielleicht ändere ich meinen Kurs beim nächsten Album.

Einige Menschen sehen Religion als wesentlichen Teil ihrer Identität an. Ist Blasphemie dann nicht auch eine Form von Rassismus?

Nein. Denn für Religion entscheidest du dich. Du konntest dich nicht dafür entscheiden, weiß zu sein. Oder, Vanille-Gesicht? (lacht) Du bist so geboren und kannst nichts daran ändern. Chinesen genauso wenig.

Nur wie du vorhin meintest, werden ja viele schon kurz nach der Geburt getauft und können sich demnach auch nicht dafür entscheiden.

Doch, können sie. Ich habe es später zurückgewiesen und annulliert. Jeder kann das machen. Es geht um willentliche Entscheidungen im Leben. Aber versteh mich bitte nicht falsch: Wenn ich sage "Christians To The Lions" nehmen die Leute das oft viel zu wörtlich und ernst. Ich bin ein ernsthafter Künstler, aber das heißt nicht, dass ich jemanden umbringen möchte.

Klar, künstlerisches Statement ist nicht gleich Handlung. Nur werden in einigen Teilen der Welt Christen tatsächlich verfolgt und getötet – natürlich unabhängig von deiner Musik, aber es passiert. Wird es da nicht problematisch?

Wenn Christen in einigen Teilen der Welt getötet werden, dann gibt es noch Gerechtigkeit auf Erden.

Wo ziehst du die Linie zwischen Blasphemie als pure Provokation und Blasphemie als Kunst?

Erst einmal: Blasphemy ist eine tolle Band aus Kanada. Aus sozialer Sicht: Allein, dass wir in der polnischen Verfassung so etwas wie einen Blasphemie-Fall definiert haben, wirft uns zurück ins Mittelalter. In den meisten zivilisierten Ländern lachen sie mich aus, wenn ich mit Blasphemie ankomme. Die wissen gar nicht was das ist. Klar, im 15., 16. Jahrhundert war das ein großes Thema, aber doch jetzt nicht mehr. Die Zeiten haben sich geändert, wir haben uns entwickelt. Polen allerdings nicht. Das führt uns direkt zurück zum Anfang: Deswegen braucht Polen mich. Denn dieser Blasphemie-Fall muss aus der Verfassung getilgt werden. Sobald das passiert ist, höre ich auf. Dann ziehe ich nach Berlin und lebe dort mit einer netten muslimischen Frau. (lacht)

Anderes Thema: Behemoth sind kürzlich gemeinsam mit Niklas Kvarforth von Shining aufgetreten. Als wir uns vor einigen Wochen schon einmal getroffen haben, hast du verraten, dass diese Kollaboration eine Vorgeschichte im Studio hat. Ich behaupte, sein Ansatz an extreme Musik ist eher destruktiv, deiner konstruktiv...

Du hast recht. Vielleicht kommen wir genau deswegen so gut miteinander aus.

Wie funktionierte die Arbeit mit ihm?

Er ist tatsächlich nur eingesprungen. Wir sprachen darüber, ein Cover von The Cures "A Forest" aufzunehmen und ich wollte eigentlich Carl McCoy (Fields Of The Nephilim) für die Vocals. Aber Carl war nicht in der Lage dazu. Er schrieb mir eine E-Mail: "Mann, ich habs versucht, aber ich fühle es einfach nicht." Also übernahm Niklas. Er schickte mir die Tracks schon nach einer Woche zurück und hatte einen großartigen Job gemacht. Ich bin echt happy darüber, denn alles passierte super organisch. Ich weiß zwar nicht, ob ich mit Niklas zusammen in einem Apartment leben könnte oder im selben Tourbus. Aber wir unterhalten eine sehr kreative Synergie. Live funktioniert der Song super, die Studio-Version ist fucking amazing. Wir werden sie wahrscheinlich nächstes Jahr veröffentlichen und denken auch über ein Video dazu nach. Niklas ist ein Charakter. Er sticht heraus. Er ist einer der hellsten Sterne des Genres. Ich liebe an ihm, dass er völlig außer Kontrolle ist. Ich bin das genaue Gegenteil und sehr kontrolliert – jedenfalls in sozialen Situationen, wo er komplett unkontrollierbar ist. Ich weiß das irgendwie zu schätzen und finde das sehr interessant. Er hat seine Art, ist ein toller Künstler, ein fantastischer Sänger und hat gute Ideen. Warum es letztlich funktioniert, darüber denke ich gar nicht so viel nach. Wahrscheinlich ist es wie mit den Paaren, die man manchmal auf der Straße sieht und sich denkt: "Wie zur Hölle sind die denn zusammengekommen?" Wir begingen Mesalliance mit Niklas und es hat wunderbar geklappt.

Letztes Thema: Das YouTube-Format "Christians react to...".

Oh ja!

Du kennst es, du hast es gesehen und darüber gepostet. Auf gewisse Weise machen die beiden das gleiche wie du: Sie provozieren. In ihrem Fall die Metalszene...

Jawohl, das ist gut, sehr gut sogar. Sie machen einen guten Job.

Sie steigen sehr tief in die Materie ein.

Ja, das thematisierte ich auch in meinem Post dazu. Ich respektiere das total. Sowas baut Brücken. Und ich möchte solche Brücken nicht verbrennen. Ich habe meine Methoden, aber ich lese wahnsinnig oft den Kommentar: "Ich bin Christ und liebe deine Band" auf meinem Instagram-Kanal. Was soll ich mit diesen Leuten denn machen? Ich begrüße sie!

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5 Kommentare mit 27 Antworten

  • Vor einem Jahr

    Dieser Kommentar wurde wegen eines Verstoßes gegen die Hausordnung durch einen laut.de-Moderator entfernt.

  • Vor einem Jahr

    guter, intelligenter typ.
    würde mich wirklich interessieren, welches growley-poem hier pate stand. onkel aleister war ein verdammt guter dichter.

  • Vor einem Jahr

    "Wenn Christen in einigen Teilen der Welt getötet werden, dann gibt es noch Gerechtigkeit auf Erden."

    Dass der Interviewer das unkommentiert und ohne weitere Nachfrage stehen lässt, ist journalistisch ausgesprochen schwach und fragwürdig - sag ich als Journalist.

    • Vor einem Jahr

      Das kommt hier deutlich härter rüber, als es in der Situation tatsächlich war. Da schwang viel Sarkasmus mit und er hat sehr deutlich gemacht, dass er nicht weiter darauf eingehen wird. Für dieses Zitat gilt wohl das gleiche wie für: "Wenn ich sage 'Christians To The Lions' nehmen die Leute das oft viel zu wörtlich und ernst." So ganz kann er den Provokateur eben (leider) immer noch nicht abstellen.

    • Vor einem Jahr

      Danke für die Erklärung! Hatte ich erst nicht gesehen, darum mein Post unten. Hättest du aber mit einbauen sollen, finde ich. Natürlich nehmen Leute das ernst. Was will er denn? Nicht ernstgenommen werden? Ok, kommt bei mir fast hin... Nicht dass ich keinen Spaß verstehe (der ja im Black Metal auch weit verbreitet ist :-D), aber da redet er ewig vom Hinterfragen und dann sollte man das bei seinen Aussagen auch mal anwenden dürfen, oder? Gerade weil sich in der Black-Metal-Szene so viele erbärmliche Schwachmaten tummeln.

    • Vor einem Jahr

      PS: Bist du der Interviewer oder warst du dabei?

  • Vor einem Jahr

    Ja, das ist wirklich eine extrem schwache Leistung! Dazu wird das Zitat auch noch mehrere Zeilen darüber extra herausgestellt und dann? Nichts. Keine Nachfrage, kein Wundern, kein Hinterfragen solch unreflektierter Aussage (zwischen doch einigermaßen selbstreflektierten Sachen). Zumal seine vorangegangenen Worte noch etwas anderes vermitteln. Ist der Typ nun doch nur so ein Trottel, der sich ein paar schlau klingende Sätze draufgeschafft hat?

    • Vor einem Jahr

      Fühlt er sich aufs christliche Schlipschen getreten?

    • Vor einem Jahr

      Nein. Weder Christ noch sonstwie religiös, im Gegenteil: mir ist bewusst, dass Religion viel vom selbstständigen Denken kaputtmacht (von den kapitalistisch und ethisch zweifelhaft agierenden Kirchen will ich gar nicht reden), jedoch halte ich solche Aussagen, wie von ihm getätigt, für genauso selbstbezogen und soziopathisch wie die von irgendwelchen radikalen religiösen Spinnern. Er macht damit nichts anders, sondern reiht sich ein in den religiösen Wahn, die bei ihm als kindisches Santansgerödel ans Licht kommt. Wenn's der Kunst dient, ok, aber was soll das in Interviews? Lächerliche Provokation oder Dummheit? Ich versteh's noch nicht...

    • Vor einem Jahr

      Achtung, Eirik reimt sich auf Breivik.

    • Vor einem Jahr

      Ach das Internet ist toll... und von Reimen versteh ich auch mehr als du. Habt ihr Nasen auch was Inhaltliches vorzubringen anstatt... ach, ich glaube es bringt nichts - da kann ich auch unter 'nem YouTube-Video posten.

  • Vor einem Jahr

    "Ich konzentriere mich auf katholischen und christlichen Mythos, weil ich mich damit auskenne. Das ist, was meinem System angeboren ist, damit bin ich aufgewachsen. Ich kümmere mich um meinen Bullshit, lass die Muslime sich um ihren eigenen Bullshit" d.h. wenn die islamisierung auch in polen erfolgt ist (wonach es im augenblick gsd noch nicht aussieht) wird nergal auch anfangen allah zu schmähen? ich glaube nicht :lol:

    • Vor einem Jahr

      Nur so als kleiner Tipp für's nächste Mal. Wenn du eine Textstelle (absichtlich) fehlinterpretieren möchtest, würde ich sie nicht wie hier in aller Ausführlichkeit der eigenen Aussage voranstellen. So merkt nämlich auch die matteste Birne relativ schnell, dass das irgendwie nicht wirklich zusammenpasst.

    • Vor einem Jahr

      Dieser Kommentar wurde wegen eines Verstoßes gegen die Hausordnung durch einen laut.de-Moderator entfernt.

    • Vor einem Jahr

      und dieses "weil ich mich damit auskenne" zieht nicht. man kann auch gegen nazis sein, ohne Mein Kampf gelesen zu haben oder die Satzung der NSDAP. Man kann sogar gegen nazis sein, wenn man nicht in der lage ist, faschismus und nationalen sozialismus zu unterscheiden.
      Man kann auch gegen das Christentum sein, ohne die bibel gelesen zu haben. Spoiler alert, die meisten aus der zweiten welle und nahezu alle aus der ersten welle haben die Bibel NYCHT gelesen gehabt...scheisse, varg und oystein bzw faust hatten nid mal besonders religiöse eltern

    • Vor einem Jahr

      Dieser Kommentar wurde vor einem Jahr durch den Autor entfernt.

    • Vor einem Jahr

      Dieser Kommentar wurde vor einem Jahr durch den Autor entfernt.

    • Vor einem Jahr

      Das hat jetzt aber alles immer noch absolut null mit den Aussagen zu tun, die der Kollege hier gemacht hat. Weder hat er behauptet, dass der Islam im Westen keierlei Präsenz hat oder keinen "Einfluss" besitzt, noch hat er gesagt, dass er das überhaupt irgendwie zum Kriterium macht. Sondern er bezieht sich halt nur auf seine eigene religiöse Prägung. Was ja vollkommen legitim ist, wenn es ihm darum geht (inhaltlich) substanzvolle Kunst zu schaffen und nicht nur irgendwelche substanzlosen Parolen herauszublubbern. Entsprechend ist er auch nicht irgendwie verpflichtet sich "gegen den Islam" zu äußern, nur weil du das irgendwie für nötig oder essenziell hälst. Dass du das noch nicht so richtig verstanden hast, dass Kunst und Musik auch etwas anderes sein kann als Vehikel für das eigene krude-verblödete eindimensionale Weltverständnis oder die eigene Hasserfülltheit, geschenkt. Aber das braucht den jeweiligen Künstler ja nicht interessieren und er kann sich ja trotzdem dazu entscheiden, nur über die Sachen zu schreiben, von denen er auch wirklich Ahnung hat, auch vollkommen unabhängig vom Genre.

    • Vor einem Jahr

      weißt du, wenn ich ein nergal wäre, dessen knapp 20 jährige wandlung vom heiden zum satanisten sehr lange teile keinerlei "metaebene" oder auch nur irgendeine "tiefe" hatte... geschweige denn mit irgendeinem verständnis geglänzt hat, dann würde ich auch lieber solche ausflüchte finden, statt zu sagen: Ich habe angst andere religionen als meine eigene zu lästern...

    • Vor einem Jahr

      christen zu schmähen ist das, wofür es nach Harald Schmidt, "gratismut" bedarf. die art der provokation, die in keinster weise in irgendwelcher form eine negative konsequenz hätte... nergal weiß das (so klug ist er tatsächlich) und jeder andere BM/DM-Spast weiß das...

    • Vor einem Jahr

      weißt du, gleepi-mausi, ich "kenne" behemoth schon bevor sie auf laut.de erwähnung fanden. und ich weiß, was die herren damals für futzdummes zeug geredet haben, als sie noch gute musik gemacht haben, und ich weiß wie es immer futzdümmer musikalisch den bach runter ging...

    • Vor einem Jahr

      Ja schön und gut, dass alles macht deine Unterstellung aber immernoch zu nichts anderem als einer unbegründeten Unterstellung. Von daher finde ich das irgendwie müßig das jezt hier zu diskutieren und weiß auch nicht, ob das hier noch auf nen grünen Zweig führt. Wenn du Behemoths Entwicklung scheiße findest, darfst du das natürlich tun und auch so kundgeben. Wirkt auf mich nur ein bisschen so, als müsste der jetzt aus welchem Grund auch immer für deine Islamkritik herhalten. Wenn man den Islam u.U. nicht immer gefahrenlos kritisieren kann, macht es dann nicht irgendwie mehr Sinn, die gesellschaftlichen Elemente zu kritisieren, die diese Kritik so gefährlich machen als den Künstler, der evtl keinen Bock hat, sich in die Schusslinie zu stellen? Wedelst du etwa regelmäßig irgendwelchen radikalisierten Muslimen mit Mohammed-Karrikaturen im Gesicht rum?

    • Vor einem Jahr

      Keinerlei Konsequenzen ist gut. Dir ist bewusst, dass die aus Russland durchaus auch schonmal rausgeschmissen wurden wegen ihren Aktionen mit der Bibel und wirklich ständig Stress mit der eigenen Regierung haben? Lass den Leuten doch ihre eigenen Feindbilder und versuch nicht, deine eigenen als die objektiv richtigen hinzustellen.

    • Vor einem Jahr

      "Wenn man den Islam u.U. nicht immer gefahrenlos kritisieren kann, macht es dann nicht irgendwie mehr Sinn, die gesellschaftlichen Elemente zu kritisieren, die diese Kritik so gefährlich machen als den Künstler.." als ob ich das nicht machen würde :confused: nergal ist trotzdem ne fotze... und zwar eine futzdumme

      ich habe tatsächlich ein t-hemd mit einer mohammed-karrikatur darauf :smug:
      und ich habe dieses taake t-hemd :o aber über taake decken wir auch lieber den mantel des... :whiz:

    • Vor einem Jahr

      solange die nicht im russischen hinterland von orthoxen christen verhauen und verbrannt werden... und der "Stress mit der eigenen Regierung" dürfte auf die EMP-BMler eher als verkaufsverstärker wirken...

    • Vor einem Jahr

      Ja gut, dann spar dir das nächste mal halt einfach das Ausholen um drei Ecken und nenn' ihn gleich von Anfang an 'ne Fotze. Dann musst du dir auch nicht mein Gekaspere hier geben.

      Und den Punkt mit der Mohammed-Karrikatur nehme ich dann selbstredend zurück.

    • Vor einem Jahr

      :kiss: :kiss:

      ja, denn es ist auch eine IMMENSE LEBENSLEISTUNG mit ü30 solche shirts zu besitzen :koks: :o

    • Vor einem Jahr

      Ja, und es macht bestimmt auch optisch sehr viel her, wenn man solche Shirts im Schrank liegen hat. Damit bist du bestimmt der Islamkritiker par excellence in deinem Kollegenkreis, wenn du das erzählst...
      Und wie vermessen ist es eigentlich jemanden zu kritisieren, weil er nicht das kritisiert, was du scheiße findest?! Kritisiere die Politik, die Typen die den Islam wahrscheinlich auch nur missbrauchen, aber nicht andere, nur weil sie andere Dinge scheiße finden als du und etwas dagegen tun, auch wenn das vielleicht aus Feigheit passiert - hat dich nicht zu interessieren, weil das absolut ihre (in dem Fall Herrn Adam Darskis Sache ist)! Achso, ich vergaß, du kannst ihn ja nicht mehr leiden, weil er sich nicht musikalisch und persönlich so entwickelt hat, wie du es gut findest. Du Ärmster!

    • Vor einem Jahr

      ich hätte schwören können, du wolltest lieber unter judetube videos spielen gehen...