6. April 2009

"Halt's Maul und hör auf die Musik!"

Interview geführt von

Nie waren Archive mehr ein Archiv als jetzt: Für "Controlling Crowds" griffen die Londoner tief in ihr kollektives Bandgemenge und zauberten sogar Rosko John wieder hervor. Wie es dazu kam, um was es geht und welche Bedeutung Aggressionen dabei hatten - darüber sprachen Danny Griffiths und Pollard Berrier.Berlin, Kreuzberg. Vor dem Hotel, in dem ich gleich Archive treffe, sammeln sich langsam die ersten - Ave Maria - Michael Hirte Superfans. Kurze Wartezeit, dann treffe ich das 'Herz' von Archive. Pollard Berrier (Sänger) und Danny Griffiths (Gründungsmitglied, Gitarre und Bass) unterhalten sich gerade über die Vorzüge des deutschen Reinheitsgebots. Deutsches Bier sei einfach das beste. Natürlich empfehle ich ihnen sofort Deutschlands meistgekauften Gerstensaft: Oettinger. 6,6 Millionen Hektoliter/Jahr können nicht lügen!

Archive ist ja inzwischen ein richtiges Archiv, ihr habt Rosko John wieder mit dabei, mit dem ihr vor zwölf Jahren euer erstes Album "Londinium" aufgenommen habt, damals noch Trip Hop?

Danny: Ja, das Album fühlt sich auch wie ein wirkliches Achive-Album an.

Pollard: Ich denke, jeder der darin involviert ist, hat eine starke Stimme.

Danny: Wir haben Rosko John wieder dabei und sind in die Zeit von "Londinium" zurückgegangen. Wir hatten immer diesen Hip Hop Hintergrund, und das hat mir danach sehr gefehlt. Denn das war der Grund, warum ich zu Archive gestoßen bin. Das war großartig, ich hab so viel über Musik gelernt. Wir wollten diesmal nicht so gitarrenlastig werden, und Rosko war einfach in der Gegend, das war perfekt.

Also war das nicht von Anfang an geplant?

Danny: Nein, wir hatten ein anderes Projekt mit ihm, ein Hip Hop-Projekt, das ursprünglich nichts mit Archive zu tun hatte. Als wir angefangen haben, passten die Texte von Rosko dann inhaltlich so gut zu dem, über das wir gerade mit "Controlling Crowds" schrieben, dass wir uns gut damit fühlten. Ich weiß nicht, ob das Hip Hop-Projekt etwas wird, weil wir dauernd von Archive abgelenkt werden. Wir wollen manchmal andere Projekt machen, fangen sie an, und dann machen wir aber wieder mit Archive weiter und vergessen das andere. Archive takes up ur hole head. Es ist hart, neben Archive noch andere Projekte zu realisieren, aber so hat es ganz gut funktioniert. Rosko ist sehr froh, wieder involviert zu sein.

Damals gab es Streitigkeiten zwischen der Sängerin Roya Arab und Rosko, weshalb ihr euch bald von beiden getrennt habt. Ich konnte bisher aber nicht herausfinden, worum es bei den Streitereien genau ging?

Danny: Jeder wollte verschiedene Sachen zu dieser Zeit, verschiedene Musikrichtungen einschlagen. Rosko ging gerade auf Wu-Tang ab und Roya Arab wollte in eine andere Richtung, das funktionierte dann nicht. … Und Egos waren involviert …

Pollard: Es war einfach schlechtes Timing

Danny: Ja, es war einfach schlechtes Timing. Rosko war sehr jung. Ich und Darius hatten schon seit fünf, sechs Jahren Musik gemacht und wir wussten, wie das Geschäft läuft. Wenn du dann auf einmal einen Vertrag bekommst, dich acht oder neun Labels haben wollen, sie Geld nach dir werfen, bla bla … , da verliert man schnell den Boden unter den Füßen, wenn man 21 Jahre jung ist und das noch nie erlebt hat.

Pollard: Das ist genau das! Die Leute verlieren die Spur, wenn sie plötzlich so im Fokus stehen. Manche Menschen haben das Glück und können sich schnell anpassen, aber sonst musst du verdammt gute Freunde um dich haben, um da nicht unterzugehen.

Wird es also in Zukunft wieder mehr Kollaborationen mit ihm geben?

Danny: Ja ich hoffe es. Archive ist ja ein Kollektiv von Leuten und Köpfen und es gibt keinen Grund warum nicht. Wir haben so weit noch nicht gedacht und das machen wir auch nie. Dave Penny hat gerade ein Album mit seiner Band rausgebracht, vielleicht geht das richtig gut ab und dann würde er nächstes Mal wahrscheinlich nicht dabei sein, weil er zu viel zu tun hat. Wer weiß das schon? Wir bereiten uns auf alles vor. Wir drei (Anm: d. Red.: Darius Keeler, Pollard Berrier, Danny Griffiths) sind jetzt zum beständigen Kern von Archive geworden, und dann schauen wir mal, was um uns herum passiert.

"Die französische Regierung hat die Hälfte gezahlt"


Ihr habt gesagt, dass das euer wichtigstes Album sei. Warum?

Pollard: Haben wir?

Zumindest habe ich das irgendwo gelesen, vielleicht war es aber auch nur Werbung.

Danny: Auf eine gewisse Weise fühlt es sich wie ein sehr wichtiges Album an.

Pollard: Diesmal fühlte sich jeder gut mit dem was wir getan haben, das war nicht immer so. Aber andererseits kann eine gewisse Spannung manchmal auch gut sein, das weiß man nicht. Also wer auch immer das gesagt hat - es ist auf jeden Fall ein Stück Arbeit, auf das wir sehr stolz sind!

Danny: Es war sehr wichtig für uns selber. Als wir "Lights" gemacht haben, waren wir gerade im Umbruch. Wir (zeigt auf Pollard) hatten vorher nicht zusammen gearbeitet und auch noch nicht mit Dave Penny, es war schwierig den Namen "Archive" überhaupt am Leben zu halten, dass die Leute wussten, dass wir weiter Musik machen. Außerdem mussten wir herausfinden, was unsere musikalischen Möglichkeiten als Gruppe sind. Ich vermute, wir haben uns damit aufgebaut, dass das nächste Album dann überwältigend wird.

War es denn das teuerste? Ihr habt ja mit einem ganzen Orchester aufgenommen?

Pollard: Wir hatten Glück. Die französische Regierung hat die Hälfte des Orchesters gezahlt, das hat sehr viel geholfen. Außerdem waren sie billig, weil sie semi-professionell waren.

Danny: Wir haben viel davon zu Hause gemacht, so arbeiten wir heutzutage. Wir können es uns nicht leisten, viel Zeit im Studio zu verbringen. Die meiste Zeit sind wir in unseren Häusern und gehen viel seltener ins Studio als früher. Wir haben früher Monate im Studio verbracht, das können wir nicht mehr machen. Es ist wahrscheinlich eines des billigsten Alben.

Um was geht es, gibt es ein Hauptmotiv, ein Thema?

Danny: Ja, Kontrolle, definitiv.

Pollard: Es ist ein reflektives Album. Es geht darum wie wir uns fühlen, was gerade in der Welt passiert. Und das beinhaltet Dinge, über die die Leute reden wollen und Dinge, über die sie nicht reden wollen. Wie Darius heute schon sagte, eine surreale Welt, eine Halbgeschichte, gemischt mit verschiedenen echten Gefühlen. Es hat viel mehr zu erzählen als einfach mit dem Finger auf etwas zu zeigen und zu sagen, es ginge um dies, oder es ginge um das. Jeder in der Band schreibt an den Liedern, wir haben fünf Schreiber, und es bedeutet auch für jeden etwas anderes. Ich könnte nie wissen, was der meint, oder was dieser meint, auch wenn er es mir erklärt. Es ist eine märchenhafte, kreative Erfahrung, obwohl ich denke, dass die Themen, um die es in unserem Leben geht, sich in diesem Album wiederfinden.

London ist ja eine spezielle Stadt, wenn es um Kontrolle geht. Zum Beispiel die Kameras, die überall hängen?

Danny: Stimmt. Aber die Frage, ob das gut, oder ob das schlecht ist … Wenn du auf der Straße angegriffen wirst, bist du froh, wenn dich jemand beobachtet. Andererseits denkst du manchmal, sie übernehmen deine Privatsphäre. Es gibt immer Argumente für beide Seiten.

Pollard: Das ist der zweite Teil von dem, was ich über das Album sagte. Was dort niedergeschrieben ist, ist negativ und positiv, es schlägt sich nie auf eine Seite durch. Wir wissen zwar, wo wir stehen, aber wir sprechen uns nicht für eine oder die andere Seite aus, weil wir nicht glauben, dass es diese Illusion von Gut und Böse gibt, die wir so lange glauben sollten. Das ist Schwachsinn. Wir fühlen so, wir sehen es so und so spielen wir es. Die Musik ist eine Reflektion über unsere Welt. Nicht philosophisch, sondern nach dem Motto: schau doch mal hier, oder auch nicht, eine Art Gespräch … eine Unterhaltung. … Musikalische Unterhaltung, in Bildern, die dich zu verschiedenen Orten führt. Das ist das Wesen von Kommunikation. Du musst nicht mal reden, du musst jemanden nur berühren, und es ist schon Kommunikation. Wir spielen mehr mit diesen Elementen, anstatt wirklich sehr ernsthaft zu sein, einen festen Standpunkt zu haben.

Ich mag definitiv eure Homepage! Obwohl es ein bisschen angsterregend ist!

Pollard: Danke, cool.

Danny: Ich liebe sie.

Pollard: Viele Leute - besonders die älteren - sagen, dass sie unsere Musik mögen, aber (verstellt die Stimme) "die Videos sind wirklich angsterregend. Eure Homepage ist angsterregend." (Gelächter)

Danny: Es fängt die Stimmung perfekt ein - mysteriös.

Pollard: Seien wir ehrlich. (Ironisch:) Hier ist das sonnige, schöne London, aber unter der Oberfläche - da ist unsere Homepage.

Und auch das Video für "Bullets" ist sehr cool. Ich bekam eine Gänsehaut, als ich es angeschaut habe.

Danny: Das waren die gleichen Leute, die die Homepage gemacht haben und auch das Artwork für das Cover. Wir hatten sie vorher nie getroffen, wir spielten ihnen einfach das Album vor und sie kamen mit vielen Ideen für das Artwork zurück, wir diskutierten die Videos und hoffentlich werden auch die Live-Shows involviert. Weil wenn du einmal so ein Stück Arbeit hast, dann kannst du den Rest nicht abkacken lassen. Dann musst du die Stimmung und die Atmosphäre beibehalten. Sie haben einen tollen Job gemacht. Die Webseite wird auch besser und besser, daran arbeiten wir. Wir hatten bisher nicht die Zeit, uns da richtig reinzuhängen, aber das wird kommen.

Es erinnert mich sehr an Trent Reznor. Übrigens auch die Musik.

Danny: Ja, stimmt. Die haben wirklich sehr hart daran gearbeitet. Trent Reznor ist ein guter Kopf.

Pollard: Er gibt den Fans so viel zurück. Wir versuchen, auch in die Richtung zu gehen und unseren Fans mehr zu geben.

"Es ist verdammt groß, es ist intensiv ..."


Ich würde gerne über Aggressionen mit euch reden. Auch wenn es vielleicht ein bisschen philosophisch ist. Was bedeuten Aggressionen für euch?

Danny: Ich bin eigentlich kein aggressiver Mensch.

Pollard: Die westliche Gesellschaft an sich ist sehr aggressiv. Wir ziehen überall Zäune hoch, teilen die Stadt in Blöcke ein, das ist aggressiv. Passiv aggressiv vielleicht. ... Die amerikanische Strategie besteht auch stark aus Aggressionen.

Haltet ihr eure Musik für aggressiv?

Danny: Diese Art von Power die sie hat, ich weiß nicht ob das Aggression ist, ich finde das richtige Wort nicht. Es ist verdammt groß, es ist intensiv, … es hat auch Momente von Aggression und Wut, aber es ist nette Aggression. (lacht)

Pollard: Das habe ich heute schon mal gesagt. Es hängt davon ab, wo du dich gerade befindest in deinem Leben, wer du bist. Ich kann sehen, wie man es als aggressiv ansehen könnte, aber es kann auch als depressiv, erleuchtend, hoffnungsvoll, was auch immer wahrgenommen werden. Diese Energie kann leicht missverstanden werden.

Wenn ich eure Musik höre, hab ich immer das Gefühl, mir haut jemand konstant in die Fresse. Aber auf eine verdammt coole Weise, auf die ich stehe.

Danny: Wie wenn jemand mit einer CD auf deinen Kopf einprügelt! Ich vermute diese Art von Aggression kommt vor. Aber es ist ein cooles Gefühl! Es löst Spannungen. Und dafür ist Musik verdammt gut. Wenn jemand sauer ist, frustriert oder kein Bock mehr auf sein Leben, seine Beziehung hat, dann bläst er sich den Kopf mit Musik frei. Etwas davon muss auch im Album sein.

Pollard: Es gibt ein Element in der Natur, das aggressiv ist. Wenn man sich einen Wasserfall anschaut, das ist umwerfend schön und aggressiv, der Ozean ist aggressiv, oder eine Blume, die durch einen Stein durchkommt, das ist alles aggressiv.

Wut war ja schon immer eine Inspiration für Musiker. Glaubt ihr, dass sich die Art der Aggressionen über die Jahrzehnte verändert hat?

Pollard: Es ist komplizierter geworden. Jeder Art von Manipulation ist komplizierter geworden. Die Medien sind sehr aggressiv in ihrer Art wie sie ihre Themen zeigen - Gewalt, Negativität.

Stimmt ihr mir zu, dass man eure Musik nur alleine hören kann?

Danny: Ich kann auch kein Archive hören, wenn ich unter Leuten bin.

Pollard: Ja, es passt auch nicht in einen Pub …

Danny: Ich habe ein paar Freunde, die im Pub arbeiten und sie schlugen vor, es bei ihnen laufen zu lassen. Ich sagte nein! Wenn ich mir vorstelle da zu sitzen, wenn meine Musik läuft und die Leute dabei reden, würde ich sagen: "Haltets Maul und hört auf die Musik!" Ich kann es nicht haben, wenn Leute drum herum reden. Selbst wenn ich es schon das hundertste Mal gehört habe, muss ich immer noch genau zuhören und sicherstellen, dass jeder genau zuhört und auch keine einzige dabei Note verpasst. Ich hab meine Freunden in den Wahnsinn getrieben, als wir es hörten: Jedes Mal wenn sie anfingen zu reden, hab ich sie angefahren. Ich glaube, am Ende waren sie ziemlich genervt von mir. Das ist komisch, Archive ist keine Musik um sie im Hintergrund laufen zu lassen.

Pollard: Das stimmt. Es fordert einiges vom Hörer ab. Aber ich glaube nicht, dass das etwas Schlechtes ist. Obwohl es vielleicht provokant ist, spricht es eine Stille in dir an, die in der westlichen Gesellschaft fehlt.

Danny: Das ist auch der Grund, warum wahrscheinlich noch keiner meiner Freunde das Album gehört hat. Nicht mal meine Geschwister haben es bisher gehört. Mehr Leute in Europa haben es gehört, als meine eigene Familie. (lacht)

Es ist Musik für den Kopfhörer.

Danny: Definitiv. Es ist ein großartiges Album, um damit in der Stadt herumzulaufen.

Für die Untergrundbahn.

Danny: Ja. Als wir am Album gearbeitet haben, bin ich viel mit Kopfhörern Zug und U-Bahn gefahren. Der Zug nach London braucht so 40-50 Minuten, und jeder läuft hin und her zwischen Haltestellen, da habe ich zu mir gesagt: 'Das macht einfach keinen Sinn.'

Pollard: Das mag ich an unserer Musik. Wenn du sie brauchst: sie ist da. Wenn sie nichts für dich tut: Wir sind trotzdem glücklich. So einfach ist das: Sie ist da.

Das Video hat auch dieses Zugmotiv aufgenommen, das passt sehr gut.

Danny: Deshalb mag ich auch diese Idee mit dem Zug. Sie kamen damit an, und ich mochte es sofort. Es macht Sinn für mich.

Pollard: Die ganze Geschichte basiert eigentlich auf etwas anderem. Sie wird weitergehen, und die nächsten Videos werden das aufgreifen ... (bedeutungsschwanger:) verschiedene Ebenen der menschlichen Natur.

Was sind eure nächsten Pläne, wann seid ihr wieder auf Tour?

Pollard: Wir werden im Herbst touren. Wahrscheinlich im Oktober in Deutschland. Je nachdem was mit der Musikindustrie passiert und wie das Album ankommt, entscheiden wir genaueres. Festivals spielen wir erst nächstes Jahr, dieses Jahr noch nicht.

Danny: Die Leute sollen zunächst mal mit dem Album leben. Weil wir es als Ganzes auf Tour spielen wollen.

Pollard: Festival sind eine anderes Pflaster. Wir mögen beides, aber bei diesem Album wollten wir, dass die Leute es erst als ein Ganzes hören.

Danny: Manche Leute werden das hassen, weil sie die alten Sachen hören möchten. Dann werden wir auch ein bisschen davon spielen.

Pollard: Aber vornehmlich wollen wir das jetzige Album richtig etablieren. Sonst würden wir gelangweilt und müde, immer die selben Lieder zu spielen.

Dann habt ihr also noch ein bisschen Pause über den Sommer?

Danny: Die nächsten Wochen werden mit Pressearbeit und Promotion ausgefüllt sein, das gibt es viel zu tun. Und dann werden wir sehr bald wieder mit Schreiben anfangen. (Lacht) Man ignoriert so viele Dinge, wenn man in dieser Industrie ist …

Pollard: … man muss erst mal wieder mit dem Alltag klarkommen. Das wird eine Zeit brauchen in London. Und es ist auch wichtig, denn die Inspiration kommt einfach vom alltäglichen Leben. Hat nicht John Lennon mal gesagt: "Live is what happens when you're making plans for something else".

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LAUT.DE-PORTRÄT Archive

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