11. August 2010

"2011 sind wir Wacken-Headliner"

Interview geführt von

Mit "7th Symphony" steht das neue Album von Apocalyptica an, und es wird Zeit, bei den Finnen mal nach zu hören, was denn der Stand der Dinge ist.Die Cellisten und ihr Drummer treiben sich gerade zu Promozwecken in Berlin rum und bekommen von ihrem Label einen straffen Zeitplan aufgedrückt. So geht der Interviewmarathon bereits um neun Uhr morgens los - mein Telefon klingelt punktlich um halb zehn.

Am anderen Ende zunächst noch der zuständige Promoter, der mich - nach einer kurzen Verzögerung - schließlich mit einem der Vier-Stringer verbindet. So ganz ausgeschlafen scheint Paavo Loetjoenen allerdings noch nicht zu sein.

Hey Paavo, wie gehts dir?

Hmmm, nicht so wirklich gut. Wir haben gestern auf Wacken gespielt und danach noch jede Menge Promotion gemacht und ein bisschen gefeiert. Wir sind erst heute Morgen um zwei in Berlin angekommen. Und dann um neun gleich wieder Interviews machen, ist da schon ne harte Nummer.

Wie war der Wacken Gig?

Oh, wirklich cool. Vor allem haben die schon ein paar Bands für das Line-Up im nächsten Jahr bekannt gegeben, und wir werden einer der Headliner sein. Gestern haben wir nur einen ganz kleinen Überraschungsgig auf dem Dach von einem Bus gespielt, nur ne halbe Stunde lang. Am Anfang waren nur ein paar Leute da, aber das hat sich dann doch ganz schnell gefüllt vor dem Bus. Allerdings war das auch ne ganz schöne Herausforderung, weil da oben nicht wirklich viel Platz war und die Soundanlage war auch eher spärlich. Aber wir hatten auf jeden Fall unseren Spaß und das Publikum wohl auch.

Ok, dann lass uns mal über das neue Album sprechen. Auf der Scheibe hab ich mehr denn je das Gefühl, dass ihr euch immer stärker zu einer straighten Rock- oder Metal-Band hin entwickelt.

Hm, ich denke dass das Album sehr abwechslungsreich ausgefallen ist. Sowohl was Stile, als auch Emotionen angeht. Wir haben großen Wert darauf gelegt, dass sich die einzelnen Songs weitgehend voneinander unterscheiden, dass man sich nicht langweilt, wenn man die Scheibe anhört. Im einen Moment hast du noch den weitgehend klaren, akustischen Cello-Sound, im nächsten gibt es die totale Verzerrung und jede Menge anderer Effekte. Vor allem in den Tracks ohne Gesang gehen ein paar sehr wilde Sachen ab (lacht).

Das stimmt. Allerdings frag ich mich, ob ihr eurer Songwriting in den letzten Jahren verändert habt. Als ihr damals auf "Cult" angefangen habt eigene Songs zu schreiben, war das meiste doch wohl eher noch klassisch inspiriert. Heutzutage scheint ihr euch da eher an modernen Rock- und Metal-Bands zu orientieren. Zumindest bei den Sachen mit Gesang.

Ja, muss ich dir in gewisser Weise recht geben. Man hört in unserem Stücken die Musik, die wir lieben, keine Frage. Apocalyptica war schon immer so was wie eine Verbindung zwischen der Rock und der Klassik Welt. Wenn wir Songs schreiben, für die es letztendlich einen Gesang geben soll, unterscheidet sich das natürlich von den Instrumentalstücken. Schon allein vom Aufbau der Stücke her halten wir uns bei Ersteren eher an den traditionellen Songaufbau mit Strophe, Bridge und Refrain. An so was müssen wir uns in den Instrumentalen aber nicht halten und nehmen uns dann auch die Freiheit, entsprechend wild und progressiv zur Sache zu gehen. Sachen wie ein Chorus oder eine Strophe sind dann nicht so wichtig.

Das trifft auch auf den Opener "Gates To Mannala" zu. Und wenn man sich die erste Webisode auf eurer Homepage anschaut, habt ihr euren Drummer Mika mit dem Song ganz schön zur Verzweiflung gebracht.

Hahaha, ja, der hatte da ne harte Zeit mit. Wir haben ihn mit der Nummer ziemlich ins kalte Wasser geworfen. Die Nummer ist sehr komplex, auch vom Timing her. Aber es macht einfach Spaß unseren Drummer zu quälen, das sollten wir viel öfters machen (lacht).

Wie ist das eigentlich mit den Sängern auf euren Alben. Schreiben die ihre Texte und Melodien selber oder bekommen die von euch Vorgaben?

Dieses Mal hatten sie ein wenig Einfluss auf das Finetuning und eigene Ideen können sie schon mit einbringen, aber im wesentlichen schreibt Eicca die Texte und Gesangslinien. Die einzige Ausnahme war bislang Joe Duplantier von Gojira. Der hat die Sachen tatsächlich mit Eicca zusammen ausgearbeitet.

Neuer Sänger von den Leningrad Cowboys


Ich warte ja immer noch auf die Zusammenarbeit mit James Hetfield.

Ja, nicht nur du. Da warte ich auch schon lange drauf (lacht).

Habt ihr ihn denn jetzt wenigstens mal gefragt? Das letzte Mal in Wiesbaden habt ihr euch im Interview ja noch damit rausgeredet, dass es noch nicht an der Zeit wäre.

Ja, aber das ist ja auch schwierig. Frag du ihn doch einfach mal (lacht).

Ok, wenn ich mal die Gelegenheit habe, mit ihm ein Interview zu machen, werde ich das auf jeden Fall tun, versprochen!

Cool, gib kurz Bescheid, wenn du ne Antwort hast.

Auf jeden Fall! Was ist eigentlich 2008 aus der Sache geworden, als ihr für das Area 4 Festival per Wettbewerb einen Sänger gesucht habt. Wie lief das denn?

Naja, nicht so toll. Obwohl, Moment, in Deutschland war das auf dem Festival gar nicht so schlecht. Der Typ war ganz gut als Sänger. Allerdings haben wir das in den USA wiederholt, das war dann eher ein Schuss in den Ofen. Seitdem haben wir nicht mehr so viel Bock auf irgendwelche Competitions. Lession learnt, sozusagen.

Schade eigentlich, denn bislang habt ihr ja auf euren CDs immer mit Sängern gearbeitet, die mit ihren eigenen Bands schon einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht haben. Habt ihr mal darüber nachgedacht, mit einem eher unbekannten Sänger zu arbeiten, der aber mehrere der Nummern singen kann und auch mit euch auf Tour geht?

Du wirst lachen, aber genau das haben wir getan und der hat auch gestern schon mit uns auf Wacken gespielt. Der Typ heißt Richard Gustaf Johnson und hat schon jede Menge Sachen gemacht. Am bekanntesten war er wohl als Sänger der Leningrad Cowboys, wo er acht Jahre lang hinterm Mikro stand. Er hat eine echt gute Stimme und hat schon ein paar Shows mit uns gemacht. Wir werden ihn auch auf der Tour im Herbst dabei haben. Das wird dann noch mal ein neues, frisches Element in die Shows bringen.

Coole Sache, dann bin ich auf die Shows echt mal gespannt. Was jetzt nur noch fehlt, ist eine normale Metal-Band, die mit Gitarren und Bass Apocalyptica-Songs covert.

Da gibt es schon mindestens eine, so weit ich weiß. Ich hab auf jeden Fall schon mal was von einer gehört, kann mich aber nicht an den Namen erinnern. Ich wünschte, da gäbe es ein paar mehr, denn die Sachen haben sich echt nicht schlecht angehört.

Die müsstet ihr dann nur noch als Support mit auf Tour nehmen.

Ja (lacht), das wäre der absolute Apocalyptica-Overkill an einem Abend.

Der absolute Apocalyptica-Overkill


Ich hatte vorhin mal die erste Webisode auf eurer Homepage angesprochen. Die zweite ist ja noch schräger.

(Lacht sich halb schief) Jaja, das solltest du alles nicht so ernst nehmen. Wir haben da jede Menge Blödsinn abgedreht.

Das ist doch Fake, mit diesem Hillbilly-Typen, oder?

Ja klar. Wir haben noch jede Menge von so Material gefilmt und da kommt noch mehr Blödsinn dazu, macht euch auf einiges gefasst. Die meisten Interviews sind doch ziemlich langweilig, weil sich die Fragen oft wiederholen und es ist nur bedingt spannend, über die eigene Musik zu reden und sie zu erklären. Da kommt man schon mal auf blöde Ideen.

Hattet ihr denn tatsächlich auch schon solche Typen in Interviews sitzen, die erst mal fragen, wer ihr überhaupt seid und was ihr macht?

Ja, auf jeden Fall! Vor allem früher, als wir noch nicht sonderlich bekannt waren. Da gab es mitunter schon sehr absurde Situationen, in denen wir uns gefragt haben: Was machen die Typen überhaupt hier? Wenn die keinen Plan haben, wen sie interviewen, dann sollen sie es doch lassen. Wir sind ja jetzt mittlerweile auch schon 15 Jahre dabei, da bekommst du einige sehr schräge Sachen mit. Das ist einfach ärgerlich, wenn du es mit Leuten zu tun hast, die sich nicht auf ihre Arbeit vorbereiten. Andererseits machen wir uns dann auch den Spaß und erzählen einfach jede Menge Bullshsit. Die haben ja eh keinen Plan und drucken das dann ungeprüft ab (lacht).

"On The Rooftop" featured anscheinend einen Kerl names Quasimodo. Wer ist das und was macht er?

"On The Rooftop" ist ein Song von unserem Drummer Mika. Er hat die Nummer komponiert und arrangiert, was für uns eine ganz neue Herangehensweise an das Songwriting ist. Der Song ist deutlich rhythmusorientierter, als alles was wir bisher gemacht haben. Mika hat die Sachen mit Gitarren und Drums geschrieben und nachher mit den entsprechenden Synthies umgewandelt. Der Song wird gegen Ende ein wenig progressiver und die Idee dahinter ist eben vom Glöckner von Notre Dame beeinflusst. Deswegen das featuring Quasimodo. Wie gesagt, die Herangehensweise unterscheidet sich sehr von unseren bisherigen Sachen, aber das trifft auch auf das komplette Album zu. Wir haben zum Beispiel auch sehr viel mit analogen Aufnahmegeräten und Effekten gearbeitet. Unser Produzent Joe Baresi ist in der Beziehung echt ein absoluter Maniac und Soundwizard. Was wir alles an unterschiedlichen Sachen ausprobiert und genutzt haben, ist schon unglaublich. Wir waren ziemlich erstaunt, was da noch alles machbar ist. Da wird es für das nächste Album noch jede Menge Möglichkeiten geben.

Man darf also weiterhin gespannt sein. Was hat es denn mit dem Bild von euch auf sich, das euch vier und vier ältere Damen vor euch zeigt. Sind das eure Muttis?

Nein (lacht), das war so ne Spontanaktion. Wir hatten einen Gig in der Ukraine und sind Nachmittags noch durch die Gegend gelatscht. Die vier Ladies saßen eben an einem Sonntagnachmittag zusammen und hielten ein Schwätzchen ab. Wir sind an ihnen vorbei gekommen und dachten uns, dass das mal ein cooles Bandfoto wäre. Die meisten Bandfotos sind doch alle gleich. Immer versuchen die Jungs so cool und heavy wie möglich auszusehen. Wir wollten mal was anderes und haben die Damen dann gefragt, ob es ok wäre, wenn wir mit ihnen ein Bild schießen.

Coole Sache. Wissen die Damen denn, dass sie jetzt berühmt sind?

Keine Ahnung, aber wir haben sie auf jeden Fall erst um Erlaubnis gefragt.

Ok, dann wäre es toll, wenn du unseren Lesern vielleicht noch ein gutes Buch empfehlen könntest.

Momentan lese sich die Stig Larsson-Trilogie, den ersten Teil "Verblendung". Das ist ganz ok, aber jetzt nichts Weltbewegendes. Wenn jemand mal was von einem finnischen Autor lesen will, würde ich Mika Waltari empfehlen. Der schreibt historische Romane, viele davon wurden auch in andere Sprachen übersetzt.

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