laut.de-Kritik

Du musst es ja nicht fressen, du Hippie!

Review von

Irgendwann ist mal Schluss mit gemütlich. Auf jedem Festival kommt der Moment, wenn der nächste Barde die Bühne erklimmt und über seine traurige Hotelnacht in Island tiriliert. Es will und muss einfach raus, diese aufgestaute Energie, diese Lust auf schnörkellose Unterhaltung. In diesem Moment gibt es kaum eine bessere Band als Amyl And The Sniffers, die einem ihren Garage-Punk roh und energetisch um die Ohren hauen. Es mag fast schon primitiv klingen, aber dieser Instinkt-Rock setzt den Hörer auch schon nach Sekunden in Brand. Scheiß auf Balladen, wenn Amy Taylor wieder ihre Rotz-Hymnen schreit und die perfekte eingespielte Band im Hintergrund ihren archaischen Gitarren-Sounds aufdreht. Australier haben die Rock-DNA seit AC/DC natürlich schon von Geburt an in den Genen.

Schon The Datsuns oder Jet profitierten davon, aber wirken gegen den räudigen Highspeed-Punk von "Capital" einfach nur extrem niedlich. Keine Ruhe, keine Verschnaufpause und wenn man ehrlich ist: Auch keine Veränderung zu den Alben davor. Auch "Comfort To Me" ist kompromissloser Hooligan-Hardrock, der alles unbarmherzig wegprügelt und manchmal kaum Zeit zum Atmen lässt. Abgemischt hat "Comfort To Me" Nick Launay, der auch schon Idles & Yeah Yeah Yeahs einen besseren Sound verpasste. So ganz billig und nach Street soll es also doch nicht scheppern.

"Security, will you let me in your pub? / I'm not looking for trouble, I'm looking for love / I'm not looking for harm, I'm looking for love / Will you let me in your hard heart? Let me in your pub", prollt Amyl Taylor in "Security" den armen Türsteher am Eingang an. Morgen höre ich mit dem Saufen auf, wirklich! Und die Anderen haben die Prügelei angefangen. Selbst wenn Amyl und ihre Schnüffler nur eine große Klappe riskieren und in real lieber Welpen streicheln, tönt "Comfort To Me" wie die absolut richtige Musikunterhaltung zu einer eingebildeten Klopperei.

Komplett egal, dass das alles schon da war, vielleicht sogar technisch besser, aber es ist die absolute Respektlosigkeit vor allem, die Australiens krawalligste Band auszeichnet. Sie stehen in der Tradition der Punk-Szene ihrer Heimat, die mit den Sharpies eine eigene Punk-Subkultur vorweisen kann, die der Skinhead-Kultur aus England nochmal eine ordentliche Dosis Motörhead und Brutalität verpasste. Gemeinsame Zechtour also lieber nicht, aber Anhören darf man es schon. Du musst es ja nicht fressen, du Hippie.

Oder anders gesagt: Du hast die Wahl zwischen deinem "Ich höre so ein bisschen Indie”-Strandkorb-Feeling oder Ur-Gewalt, die mit ihrer Unverfälschtheit an die Wand drückt. "No More Tears" lässt sogar das ewig angekündigte Distillers-Comeback plötzlich gar nicht mehr so wichtig erscheinen. Es bleibt einfach schwer vorstellbar, dass Brody Dale und ihre Band noch mal jugendliche Stiff Upper Lip-Ignoranz entfachen können. Das große Glück des Albums liegt schließlich darin, gar nicht lange zu überlegen und sich einfach darauf einzulassen.

Das Triggern der niederen Instinkte bleibt trotzdem keine Einladung auf Übergriffigkeit. "Freaks To The Front" tritt diesen sexistischen Schweinen dahin, wo eh nicht viel vorhanden scheint. Wenn die Frontfrau die Warnung ausspricht, sie bloß nicht anzupacken, muss man das absolut ernst nehmen. Wer ihre Live-Auftritte noch nicht sah, möchte gar nicht wissen, wie sehr diese Adrenalin-getriebene Sängerin im Hass-Modus agiert. Auch die Sleaford Mods und Viagra Boys baten Amy schon zum gemeinsamen Wütend-Sein. Bevor diese Asi-Inszenierung aber dann doch zu wild wird, hört das angenehm kurze Album auch schon nach 36 Minuten auf. Man selbst: Komplett durchgeschwitzt, dreckig und glücklich.

Trackliste

  1. 1. Guided by Angels
  2. 2. Freaks to the Front
  3. 3. Choices
  4. 4. Security
  5. 5. Hertz
  6. 6. No More Tears
  7. 7. Maggot
  8. 8. Capital
  9. 9. Don't Fence Me In
  10. 10. Knifey
  11. 11. Don't Need a Cunt (Like You to Love Me)
  12. 12. Laughing
  13. 13. Snakes

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