laut.de-Kritik

Metal für den Eurovision Song Contest.

Review von

Amaranthe machen es einem leicht. Schon im ersten Song von "Manifest" lassen sich die Stärken und Schwächen sowie die Eigenheiten dieses sechsten Albums ablesen. Wer ihn mag, wird auch den Rest des Albums mögen. Wem die Galle hochsteigt, schaltet lieber gleich ab. "Manifest" ist Metal für den Eurovision Song Contest – überladen, trotz Bildersturm überraschungsarm, dafür mit einem klaren Selling Point und starken, exzellent in Szene gesetzten Hooks, die im Ohr bleiben, ob man will oder nicht.

Vor allem diese Zugänglichkeit macht den Reiz Amaranthes aus. Obwohl die Schweden von Melodic Death Metal bis hin zu schlagereskem Dance Pop alles abgrasen und ihrem zuckergussbeschichteten Stil-Potpourri einverleiben, weiß man doch sofort, woran man ist. "Manifest" ist kein Metal-Album, sondern ein Popalbum mit jeder Menge metallischer Elemente, um möglichst viele Zielpersonen gleichzeitig abzugreifen. So ist es auch produziert.

Im Grunde erinnert der Ansatz der Band ein wenig an Babymetal – nur realisieren Amaranthe ihre Ideen deutlich weniger radikal, vielleicht um westliche Hörgewohnheiten nicht zu überfordern. Denn so überladen die Songs oft auch sind – sie alle folgen konservativen Songstrukturen. Das Höchste der Gefühle sind ab und an die guten alten Tonartwechsel für die Hauptmelodie. Bei "Viral" immerhin noch kombiniert mit Dubstep-Breakdown.

Das inflationäre Wiederkäuen einiger weniger Melodien pro Song betreiben Amaranthe freilich aus gutem Grund. Fast immer wenn sie gen Refrain abbiegen, sprengen sie die Fesseln ihrer selten über Allgemeinplätze hinausreichenden stählernen Basis. Die euphorischen catchy Vocals von Sängerin Elize Ryd beamen den Modern Power Metal von "Fearless" gen ABBA. "Strong", das Ryd im Duett mit Battle Beasts Nora Louhimo trällert, würde ohne Gitarren glatt als Bewerbung zum Titelsong für Disneys "Frozen 3" durchgehen. Und wer der Killer-Hook von "Archangel" nicht wenigstens Anerkennung zollt, hört bitte ab sofort bloß noch Six Feet Under. Glaubt mir, danach wünscht ihr euch nichts sehnlicher als gute Hooklines.

Doch Ryd besetzt eben nur eins von insgesamt drei festen Mikros bei Amaranthe. Ihre beiden Kollegen Henrik Englund Wilhelmsson (Growls/Shouts) und Nils Molin (Klargesang) gehen im Vergleich ziemlich unter. Das liegt nur bedingt an ihnen selbst (gerade Molin glänzt in der ihm auf den Leib geschneiderten und von Apocalyptica-Cellist Perttu Kivilaakso veredelten Ballade "Crystalline"), sondern eher an der Rollenverteilung. Während Ryd meist das Rampenlicht im Refrain abbekommt und dabei auch vollends überzeugt, müssen die Herren in den Strophen zu abgenudelten Hartwurstparts die Wacken-Fahne hochhalten. Der eine grunzt für die härtere Fraktion und krebst in Bereichen schwacher In Flames ("Archangel") oder sehr schwacher Parkway Drive ("Boom!") herum – ganz nach dem Motto mancher Genrenationalisten: Musik mit Growl ist immer besser als Musik ohne Growl.

Der andere zieht die Pathos-Schleimspur von unterdurchschnittlichem Symphonic und Power Metal hinter sich her. In "Make It Better" hört man ihn förmlich breitbeinig posend die Fingerkrallen ausfahren. Leider spiegelt sich die 2/3-Mehrheit der Herren auf dem Papier mindestens gefühlt auch in der Musik. Klar, Ryds Performance wirkt im Vergleich umso stärker – die Songs leiden durch das Überangebot an enttäuschenden Passagen trotzdem an Mittelmäßigkeit.

"Manifest" wird Amaranthe voraussichtlich einen gewaltigen Popularitätsschub verschaffen. Und ganz ehrlich: Mit dem Hitpotenzial, das in Songs wie "Archangel" und "Viral" steckt, gehört diese Band definitiv auf große Bühnen. Anfang 2020 spielte das Sextett noch im Vorprogramm von Sabaton und Apocalyptica – mit entsprechender Produktion könnten sie das dortige Publikum mittlerweile wahrscheinlich auch in Headliner-Position bestens unterhalten.

Trackliste

  1. 1. Fearless
  2. 2. Make It Better
  3. 3. Scream My Name
  4. 4. Viral
  5. 5. Adrenaline
  6. 6. Strong
  7. 7. The Game
  8. 8. Crystalline
  9. 9. Archangel
  10. 10. Boom!
  11. 11. Die And Wake Up
  12. 12. Do Or Die

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