laut.de-Kritik

Dieses Album führt den Blues zu seinen Wurzeln in Westafrika zurück.

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Ganze drei Tage dauern die Aufnahmen von "Talking Timbuktu", mehr reingequetscht als geplant, im September 1993. Ali Farka Touré befindet sich auf Tour mit "The Source", seinem im Vorjahr erschienen Album mit Taj Mahal. Ob darüber die Verbindung entsteht, ist nicht bekannt, Taj Mahal jedoch musiziert seit seiner Jugend mit Blues-Urgestein Ry Cooder, der sich wiederum in einer Phase der musikalischen Neugier befindet und Einflüsse abseits des Mainstreams sucht. Touré kann ihm diese bieten.

Der Grenzgänger Ali Farka Touré baute sich schon in den Siebzigern ein Renommee auf, als er die Gitarre in die Welt der traditionellen malischen Musik einführte und somit die Brücke aus dem Sahelstaat nach Westen schlug. Der Desert Blues vereint die vielen perkussiven Elemente der westafrikanischen Volksmusik mit eingängigen, dem Rock und Blues entlehnten Melodien und Arrangements.

Diese Brücke beschreitet er auch mit seiner Band, Ry Cooder und einer Handvoll Studiomusiker*innen. Durch das Zusammentreffen zweier außergewöhnlicher Gitarristen trägt "Talking Timbuktu" mehr Blues und Psychedelic in sich, als vorherige Veröffentlichungen Tourés - ohne dem Kitsch zu verfallen, der an westliche Ohren angepasster westafrikanischer Musik oft innewohnt.

Die Platte öffnet mit "Bonde" und einer einzelnen, selbstbewussten Gitarre, schnell begleitet von den vielschichtigen Rhythmen, die sich durch die nächste Stunde erstrecken. Tourés nasaler Gesang wirkt auf den ersten Eindruck nicht ästhetisch, zieht jedoch nach wenigen Durchläufen immer mehr in den Bann.

In den Fußstapfen Tourés reisen seit einiger Zeit diverse Desert Blues- und Weltmusikgruppen von Festival zu Festival. Die Tuareg-Gruppe Tinariwen setzt auf einen moderneren Sound und versteht sich als dezidiert politisch, der Sohn des Großmeisters selbst geht als Vieux Farka Touré auf Tour.

"Talking Timbuktus" besonderer Reiz liegt in seinem unglaublichen Groove, der sich auf den ersten Blick gut versteckt. Im Hintergrund geht das Album durchaus als schöne Gitarrenmusik durch, bewusst gehört baut sich in jedem Lied eine mitreißende Spannung auf. Das sollte nicht überraschen, schaut man sich die Rhythmusgruppe an. Congas und Kalebassen untermalen die getragenen Gitarren treibend, oft akzentuiert. "Sega" führt dies auf die Spitze, lediglich eine Njarka, eine einsaitige Fidel, teilt sich die Bühne mit den Trommeln.

Die Stücke schichten sich behutsam immer mehr auf, viele, viele Wiederholungen braucht es, bis ein neues Element einsetzt. In der Art oft eher wie eine Jam-Session, und doch so durchgeplant, das nichts in Stocken kommt. "Gomni" nutzt diese selbst geschaffene Weite für ein Abwechseln von Call and Response-Gesang und einer fließenden E-Gitarre.

"Amandrai" setzt auf verschleppte, einfache Rhythmen und könnte damit genau so gut auf einem Psychedelic Rock-Album der 1960er vertreten sein. Wieder hält die Gitarre von Ry Cooder das Stück zusammen, verbindet die tiefen Schläge mit virtuosem Spiel.

Auch "Lasidan" gipfelt im Duo zweier Gitarren. Sowohl Touré als auch Cooder tauchten schon auf der "100 Greatest Guitarists Of All Time"-Liste des Rolling Stone Magazine auf. Ry Cooders Slide-Spiel und sein Talent als Arrangeur verhelfen ihm drei Jahre nach diesem Album auch noch zu besonders breiter Aufmerksamkeit: Als Produzent des Buena Vista Social Club. Den Grammy erhält er trotzdem mit Touré, welcher im Lauf seiner Karriere sogar noch zwei weitere dieser Auszeichnungen erhalten soll.

Getragen von Gitarre und kratziger Viola liegt in "Ai Du" eine sanfte Melancholie. Das Stück, wie die Platte, ist intensiv und mitreißend, das Ende überraschend optimistisch. Und damit die perfekte Überleitung in "Diaraby", ein malisches Traditional, dem einzigen Cover und letztem Titel auf der Platte.

Zentral auf "Talking Timbuktu" sind die sich ständig wiederholenden Elemente, ohne eine Zuwendung an klassische Rock-Song-Schemen. Die Musik packt bei den bluesigen Stücken genau wie auf für Touré konventionelleren Nummern wie "Keito". Es bleibt ein Album, das virtuos den Blues zu seinen Wurzeln in westafrikanischer Musik zurückführt. Hier verschmelzen E-Gitarren mit Kalabassen, als wären sie nie getrennt gewesen. Die Detaildichte bei gleichzeitiger Direktheit fängt ein, öffnet dabei aber auch Räume. Und selbst wenn diese nicht real sind: Bei den ersten Takten von "Bonde" weitet sich eine unendliche Sahel-Ebene vor dem inneren Auge.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Bonde
  2. 2. Soukora
  3. 3. Gomni
  4. 4. Sega
  5. 5. Amandrai
  6. 6. Lasidan
  7. 7. Keito
  8. 8. Banga
  9. 9. Ai Du
  10. 10. Diaraby

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