laut.de-Kritik

Es geht auch anders: Nostalgie in gut.

Review von

Altern im Deutschrap ist schwierig und gelingt meistens nur so mittelprächtig. Manche verbittern, viele werden vorhersehbar und wenige avancieren zu Dauergästen bei "Sing Meinen Song". Dass das Leben als Elder Statesman of Deutschrap gerade denjenigen glückt, die schon zu ihrer größten Zeit nicht unbedingt im Zentrum der Aufmerksamkeit standen, überrascht. Aber tatsächlich gelingt Afrob mit "Abschied Von Gestern" ein Album, das zwar in der Essenz nostalgisch ist, aber klingt, als hätte er noch einer ganzen Welt zu beweisen, was in ihm steckt.

Authentizität ist dabei ein Begriff, der über Jahre des Diskurses schon bis zur Nutzlosigkeit totgeredet wurde. Dass er hier fruchtet, liegt eben nicht nur daran, dass Afrob in der Tat das, was er sagt, auch verkörpert, sondern auch daran, wie er es sagt. Vom Einstieg in die Platte an rappt er mit einer Leidenschaft, die in diesem verschlafenen 'Gerade so 90BPM'-Gang ihresgleichen sucht.

Auf "Stein Auf Stein" teilt er prächtige Synergien mit dem Karlsruher-Straßenrap-Eremiten Haze. Das gelingt, weil dieses ungleiche Paar Bonding über gemeinsame Erfahrungen und Leidenschaften finden. Klingt tatsächlich wie Rumhängen vor dem Plattenbau an einem sonnigen Tag, beschaulich, lebensfroh und tiefenentspannt. Gerade der dritte Verse, in dem die beiden dann in einen Tag-Team-Part einsteigen, klingt, als sei hier Spaß am Rappen die treibende Kraft des Projektes.

Genauso warm und liebevoll geraten Nummern wie das Hip Hop-Tribut "Rolle Mit Hip Hop II". Auch wenn das Konzept abgedroschen wie die Ernte ist und Robbe die gleichen Akteure aufzählt wie alle anderen, gibt es hier doch etwas mehr zu beobachten. "Ich kannte nur aus Raps alle New Yorker Brücken" ist eine wunderbar getextete Beobachtung. Gekoppelt an den warmen Sample-Beat entsteht ein inspirierendes Gefühl von Liebe zur Kultur.

Sogar wenn es politisch wird, ist es fast schockierend, wie scharf Afrob klingt. "Wo Gehör Ich Hin" erzählt nachfühlbare Geschichten von der schiefen Bahn. "Stadtmensch" bearbeitet kompetent das klassische Thema der grauen Stadt. Besonders eindringlich gerät "Flüchtling4Life", auf dem er vielschichtig und empathisch Blackness in Deutschland diskutiert, deutlich kompromissbereiter als ein OG Keemo, aber immer noch mit wacher Beobachtungs- und Auffassungsgabe im Köcher. "Sie Kommen Wieder" bringt Gedanken zu Globalisierung und zur afrikanischen Identität musikalisch gekonnt in Songform, der Einschlag in Richtung Dub passt gut ins Gesamtbild.

Dass auf 20 Tracks nicht absolut jeder Song zünden kann, ist klar. Mancher Beat klingt etwas zu generisch und aus der Mottenkiste gezogen. Mitunter entstehen auch Längen, da Afrob keine große Bandbreite an Facetten aufbringt. Der einzige Song, der wirklich in die Hose geht ist "Offline", eine etwas anstrengende Anti-Smartphone-Hymne, die unglücklich an Streits mit seiner Partnerin aufgezogen wird. Klingt alles etwas altherrenhaft, wie er sich da aufspielt und gerät deswegen ein wenig pampiger und bitterer, als es für ein ohnehin schon nicht so spannendes Konzept nötig gewesen wäre.

Abgesehen davon macht Afrob hier aber unglaublich viel richtig. "Abschied Von Gestern" ist ein Album, das grundsätzlich von Nostalgie geprägt ist. Diese Nostalgie ist jedoch nicht negativ, nicht gegen die Gegenwart gerichtet, sondern vielmehr wohlwollend und inspiriert. In der Summe hat sich ein kompetenter und hochsympathischer Rapper einen Haufen traditionelle Samplebeats geschnappt, einen Strauß an Geschichten darauf erzählt und darauf seine Freude am Sprechgesang walten lassen. Wenn man im Deutschrap alt wird, könnte das hier gut und gerne als Blueprint gelten, wie man das unpeinlich macht.

Trackliste

  1. 1. Intro
  2. 2. Stein Auf Stein (feat. Haze)
  3. 3. Rolle Mit Hip Hop II
  4. 4. U.N.I.T.Y. 2020
  5. 5. Sie Kommen Wieder
  6. 6. Slowmotion I - Skit
  7. 7. Diese Welt (feat. Alex Prince)
  8. 8. Flüchtling4Life
  9. 9. Wo Gehör Ich Hin
  10. 10. Slowmotion II
  11. 11. Stadtmensch
  12. 12. Eins Noch...
  13. 13. Offline
  14. 14. Dreckige Wäsche (feat. Umse)
  15. 15. Maestro
  16. 16. Dr. Zoom
  17. 17. Ich War Noch Nie In Paris (feat. Joy Denalane)
  18. 18. Minus
  19. 19. Aua, Aua
  20. 20. Eins Noch... - RMX

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7 Kommentare mit 9 Antworten

  • Vor 13 Tagen

    Dieser Vergleich über die unterschiedlichen Herangehensweisen beim Thema Rassismus mit OG Keemo drängt sich natürlich auf.
    Beides hat seine Berechtigung.
    Eine Talkrunde mit Afrob, Keemo und Aminati zu dem Thema wäre interessant.
    Bewertung 4/5 geht absolut klar!
    Ich glaube das Beats, Rhymes & Mr. Scardanelli Ding hat ihm gut getan denn so klingt er am besten!

  • Vor 12 Tagen

    Abschied von Gestern mit den Sounds von Gestern? Klar, es muss nicht jeder Autotune nutzen oder sich an Trap oder Cloud Rap versuchen, und Afrob besinnt sich hier sicher auf seine Stärken, aber etwas zeitgemäßer könnte das Ganze schon klingen. Für mich höchstens 3/5. Von den alten Recken hat mich 2019 nur das Album von Dende überzeugt.

  • Vor 4 Tagen

    Endlich Zeit gefunden, um das zu hören. Ist für mich die Überraschung des Jahres, mit dem hätte ich überhaupt nicht mehr gerechnet! Das erste hörbare Afrob-Album seit "Hammer" (wobei das übelst schlecht gealtert ist). Sachen wie Stein auf Stein, Wo gehör ich hin, Stadtmensch oder Flüchtling4life sind wirklich gute Tracks, vielleicht sogar die besten, die Afrob überhaupt bis jetzt gemacht hat. Würde trotzdem nur 3/5 geben, weils zum Ende hin z.T. wieder echt übel wird. Offline, Dr Zoom und AuaAua finde ich komplette Ausfälle. Hätte er die Filler weggelassen, wär das richtig geil geworden. So ist es trotzdem noch überraschend gut.