laut.de-Kritik

Seelen zum Verkauf! Frische Seelen zum Verkauf!

Review von

Liest man Interviews mit Pop-Rap-Newcomer 24kGoldn, destillieren sich zwei Grundsätze heraus. Erstens: Verwundbarkeit und Ehrlichkeit sind wichtig für ehrlichen Rap. Nicht, weil Juice WRLD, Trippie Redd und Lil Peep gerade populär sind, sondern weil Kunst und so. Zweitens: Als BWL-Student – und das ist ihm wichtig – weiß er, wie man Musik als ein Business sieht, netzwerkt und seine Kohle darin macht. Zum Beispiel, indem man schamlos ersteren Grundsatz verhökert. "El Dorado" ist ein so schmieriger, kalkulierter und bis ins Absurde glattgebügelter Abszess der Emo-Trap-Bewegung, dass es keinen wundern sollte, wenn es im Mainstream rapide nach oben durchgereicht wurde.

Aber das Geldmachen ist ihm ja schon vortrefflich gelungen. "Mood" ist ein massiver, mehrwöchiger Nummer-Eins-Hit geworden, indem er tut, was nun auch der Rest dieser Platte versucht: Eine prominente Melodie so plakativ wie möglich in eine Hook zu pressen, die Hook achtzig Prozent der zweieinhalb Minuten Song ausfüllen lassen und hoffen, dass Tiktok den Braten frisst. Wenn die Melodie so griffig wie auf "Mood" ist, funktioniert das, aber selbst diese niedrige Messlatte erreichen die Nummern hier kaum.

Refrains wie "Lust Or Love" oder "Breath Away" klingen melodisch wie Nummern, die man ohnehin schon einmal gehört hat ("Breath Away" ähnelt zum Beispiel dem Riff von Didos "Stan"-Hook), fügen dem aber nichts hinzu. 24kGoldn ist kein per se schlechter Sänger, er hat die selbe markante Stimmtiefe wie ein Post Malone oder ein Juice WRLD, aber nichts von deren Fähigkeit, ihr Gewinsel authentisch und immersiv in die Songs einzufügen.

Das führt zu Absurditäten wie der belastenden Hook auf "Coco", auf der er mit schmerzergriffenem Pathos den Namen einer Luxus-Klamotten-Marke singt. Warum? Weiß man nicht. Aber: Der Schmerz! Der Schmerz! "Cocoooo ... Chaneelll!" Ahh! Dass danach noch DaBaby im besten "ich wurde für ein Feature auf einem Paris Hilton-Song bezahlt, also bringen wirs hinter uns"-Autopilot aufkreuzt, macht 24kGoldns verzweifelte Anrufung der Materialismus-Götter nur noch witziger.

Vielleicht liegt hier ja wirklich der Hund begraben. Denn auch, wenn jeder Song der selben Formel folgt, die gleiche Internet Money-Songstruktur verwendet und ohne wirklichen Kontext auf einmal in immensen Pathos ausbricht, könnte das ja trotzdem funktionieren. Das wahre Problem, das dieser Burschenschafts-BWL-Bro hat, ist, dass er nicht so richtig zu raffen scheint, was Gefühle sind – und wie sie funktionieren.

Sein Verständnis von emotionaler Offenheit und Depri-Talk ist es, seine Angepisstheit über sein Liebesleben auszubreiten. Er macht das aber nicht ehrlich oder introspektiv, er kleidet so viele Songs dieser Platte in das Gewand simpler, süßer Liebeslieder, nur um dann passiv-aggressives Selbstmitleid über die vermeintlich viel zu komplizierten und emotionalen Frauen vom Stapel zu lassen. Die können nämlich machen was sie wollen, scheinbar fühlt sich dieser Goldjunge immer verarscht, ausgenutzt oder einfach nicht genug lieb gehabt.

Da freut man sich fast über einen Future, der auftaucht und für den einen überzeugenden Verse des Albums zumindest aufrichtig und ungefiltert Frauen hasst. Versteht mich nicht falsch, was er über seine Ansicht von Frauen vom Stapel lässt, da rollen sich einem die Zehnägel hoch, aber zumindest versteckt er die Misogynie nicht unter drei Schichten Zuckerwatte. Das ermöglicht Einordnung. Und von einem Future im Modus des verwundeten Hundes erwartet nun mal niemand eine Meisterklasse der Galanterie. Aber während er auf "Company" seinen Giftmüll "La Paloma" pfeifend in den See kippt, spürt man, wie ein gezwungen lächelnder 24kGoldn an der Seite steht und neidet.

Der hat nämlich nach einer ganzen Platte voller Gepampe, Miesepeterei und Schuldzuweisung auf Schlusstrack "Mood" noch die Dreistigkeit, seiner Freundin vorzuwerfen, sie wäre immer in einer schlechten Stimmung. Wenn sich dieser schleimige Scheißsong nicht davor wie die Hymne aller manipulativen Fuckboys angehört hat, dann doch bitte wenigstens im Albumkontext. Wie kann man so plump jede Prämisse der Emo-Trap-Idee vergessen, die Goldn selbst zitiert? Es ist okay, Gefühle zu haben und sie zu zeigen, kompliziert zu sein und darüber zu reden. Würde er sicher sofort unterschreiben. Es sei denn, du bist seine Freundin, dann halte bitte einfach deine Fresse.

Wenn diese triste Stadt "El Dorado" sein soll, dann schickt mich zurück zum Boulevard of Broken Dreams. Für dreizehn Songs buhlt 24kGoldn um die Gunst unangenehmer Menschen auf TikTok, benutzt dafür dreizehn Mal die gleiche, abgepauste Songstruktur, die schon bei Lil Tecca Pop-Trap zum Abgewöhnen war. "El Dorado" ist ein bitteres, ätzendes Album von einem bitteren, ätzenden Typen, das sich hinter kalkulierender, zynischer Zuckerwatte versteckt.

Trackliste

  1. 1. The Top
  2. 2. Company (feat. Future)
  3. 3. Love Or Lust
  4. 4. Outta Pocket
  5. 5. Coco (feat. DaBaby)
  6. 6. Butterflies
  7. 7. Breath Away
  8. 8. Yellow Lights
  9. 9. 3,2,1
  10. 10. Empty (feat. Swae Lee)
  11. 11. Cut It Off
  12. 12. Don't Sleep
  13. 13. Mood (feat. Iann Dior)

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