laut.de-Kritik

Zu viele Rotzklumpen auf der festlichen Kaffeetafel.

Review von

"They say I calmed down since the last album." Alles andere hätte im Vergleich zu "Goblin", mit Verlaub, auch beängstigende Ausmaße angenommen. Tyler The Creator hat offenbar trotzdem keine Lust, in die gefälligen Breiten der Harmlosigkeit überzusiedeln. "Well: Lick my dick. How does that sound, umm?"

"Wolf", darüber besteht eigentlich kaum Diskussionsbedarf, klingt ziemlich gut. Schon die ebenfalls "Wolf" betitelte Eröffnungsnummer heißt mit Klavier, Klingeling und Gesang in verblüffend melodischen Sphären willkommen - ehe Tylers "Fuck!" aufschlägt wie ein Rotzklumpen auf der festlich gedeckten Kaffeetafel.

"You think I'm crazy?" Aye, Sir. Alles andere hätte - Fans wie Hater - vermutlich bitter enttäuscht. "This is 'Wolf'", so die höfliche Begrüßung. "You guys have fun."

"I take bets on how quick Tyler can reach maturity." Da würde ich keine allzu großen Einsätze empfehlen. Zu allgegenwärtig bleibt immer noch der dauerfluchende, schabenfressende Schrecken derer, die sich für wenigstens halbwegs normal gestrickt halten. "Now everytime you see a roach you think of me, eh?" Darauf wiederum lohnte es sich, zu wetten.

Nö, Tyler spinnt schon immer noch ganz gehörig. "I'm a cowboy on my own trip, I rode here on a mean unicorn." Mit ganz eigenem Flow reitet er seine selbstgestrickten Beats mindestens so souverän wie sein Einhorn - was allerdings kein Stück daran ändert, dass sein Depri-Vortrag einen auf Dauer einfach runterzieht, ganz tief ins Loch. Spaß an der Sache klingt anders. Darin sieht der OFWGKTA-Vorreiter aber wohl auch kaum seine Mission. "This isn't a song. I just happen to rhyme when I get emo." Gut zu wissen: Das passiert nämlich mit schöner Regelmäßigkeit.

Näher, als sich "Awkward" heran wagt, dürfte Tyler The Creator einem Lovesong nicht mehr kommen. Liebe und Hass, die so erschütternd dicht beieinander liegen, liefern ihm Themen, verwickelte Familienverhältnisse, ebenso die Kehrseiten des Ruhms, mit denen er und seine zahlreich aufgebotenen Alter Egos sich inzwischen konfrontiert sehen. "God, I wanna quit but I can't!"

"Lone" stellt - wieder einmal - fest: "It's lonely at the top.". Mit "Colossus" hat Tyler mich da ohnehin schon längst gekriegt. Man möchte die unsensiblen Fanhorden mit ihm um die Wette anbrüllen: "Jetzt schießt doch endlich euer verdammtes Foto, Scheiße noch eins!"

Mit "jazz punk shit" charakterisiert Tyler seine Beats gar nicht einmal so unzutreffend: Wie improvisiert hingeworfene Klaviernoten begegnen auf "Wolf" staubigen Drums, souligen Streichern und perlenden Synthiemelodien. Die Rhythmen fordern heraus, treiben vor sich her oder lullen ein. Die Geborgenheit, die die Beats zu bieten scheinen, bleibt aber stets trügerisch, durchzogen von Fallstricken.

Hinter dem akustischen Himmel voller Geigen liegt das Inferno mit seinen Sirenen, Zwischenrufen, gequältem Stöhnen und verstörenden Geräuschen auch dann längst auf der Lauer, wenn Frank Ocean sich noch einen abcroont, Erykah Badu zuckersüßen Gesang beisteuert oder der Kinderchor, ums Lagerfeuer versammelt, Marshmallows grillt.

Wie gesagt: "Wolf" klingt ziemlich gut. Schwer zu erklären, warum die Platte trotzdem so unwahrscheinlich an meinen Nerven zerrt. Ich versteh' es ja selbst kaum. Einzeln betrachtet kann ich jedem einzelnen Track etwas abgewinnen. Kaum muss ich aber zwei oder mehr am Stück hören, möchte ich mit dem "Wolf" verfahren wie der Jäger aus den "Sieben Geißlein": Bauch auf, Steine rein und ab in den Brunnen. Dann gilt, was Tyler, "passive aggressive", zusammen mit Pharrell in die Runde kotzt: "I fucking hate you." Aber echt!

Trackliste

  1. 1. Wolf
  2. 2. Jamba
  3. 3. Cowboy
  4. 4. Awkward
  5. 5. Domo 23
  6. 6. Answer
  7. 7. Slater
  8. 8. 48
  9. 9. Colossus
  10. 10. Partyisntover
  11. 11. Campfire
  12. 12. Bimmer
  13. 13. IFHY
  14. 14. Pigs
  15. 15. Parking Lot
  16. 16. Rusty
  17. 17. Trashwang
  18. 18. Treehome95
  19. 19. Tamale
  20. 20. Lone

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13 Kommentare

  • Vor einem Jahr

    Hmm, mir klingen die Beats entweder zu stressig oder zu melancholisch-depri...und warum gibts das Cover mit Lil Tyler aufm BMX anscheinend nur in den Statten, die beiden anderen Cover sind ja mal potthässlich.

  • Vor einem Jahr

    Noch droegere beats gab es dieses Jahr bisher noch nirgends. Interessante Sachen zu erzaehlen hat er sowieso nicht, da haette er einfach ein ganzes Album voller rape lines machen sollen, wie damals ja mein Vorschlag war. Anthony Obst wird es aber in der naechsten Juice-Ausgabe sicher wieder abfeiern, wenn er sich mittlerweile vom mixtape der Underachievers erholt hat.
    Lieber richtigen rap hoeren: http://www.youtube.com/watch?v=bENUysRfjdU

    'cause boys be hatin' me and makin' my pressure rise / niggas get bigger but my Glock stay the same size

  • Vor einem Jahr

    "motherfucker you not dope, so you tryna get some attention by cussin and eatin a fuckin cockroach? and goblin, you get no props on it, it sucks so much I get blowjobs from it" :P so viel zu ttc

  • Vor einem Jahr

    Ansatz, blah, kuenstlerisch, blah, Konzeptalben, blah, Pitchfork rap, blah blah. Etwas scheisse finden = nicht verstehen, blah blah blah. Hochkomplex, nur weil die Trilogie wuest durcheinander veroeffentlicht wurde, alles klar, weiter jetzt. Und ja, ein Album voller rape lines waere interessanter als das Leben slash "Leben" eines mittelstaendischen skate punk-Jungen aus L.A. in nonlinearer Erzaehlform. Dann koennte man auch ueber die Musik hinwegsehn. Lynch leidet zuweilen auch unter seiner Produktion, ist aber a) Legende, b) Rapgott und kann c) Geschichten erzaehlen. Jetzt Schluss mit dem Scheiss hier.

  • Vor einem Jahr

    @thevomitsuk (« Ganz eGhrlich?
    Das Album war der Hammer!
    Tyler hat nen krassen Flow den ich noch nie zuvor gehört habe.
    Klar ein paar Songs hier und da waren nicht so top(campfire etc.)Aber was viele (deutschsprachige) Hörer oft nicht peilen ist die Story die Tyler hier aufzieht, und für die sind die nicht so guten tracks essentiel.
    Aber wie auch immer man muss halt echt n OF fan sein um das zu feiern und wir ham ja schon alle gecheckt das es in laut.de keine gibt. »):

    Noch nie zuvor gehoert? Also auch genfrefremd und sonst eher "alles" hoerend, nur keinen richtigen rap?

  • Vor einem Jahr

    Für mich ist es schon was anderes, ob du sagst, dass er das scheiße gemacht hat, oder ob du einen kleinen Aspekt seiner Musik raus suchst und sagst: hätt er besser mal nur das gemacht. Das zeugt dann schon irgendwie davon, dass du nicht so recht verstanden hast, worum es ihm geht. Ich finde auch, dass Wolf ein bisschen daneben gegangen ist was die Storyline angeht, aber dennoch hätte ich deine Idee schlechter gefunden, auch wenn du dich jetzt natürlich mega elitär fühlen kannst. Ist schon cool, wenn man auf "Hipster" spuckt und seinen Tag damit verbringt, über irgendwas zu meckern und die "reine Lehre" zu vertreten. Kurzum: du bist genau die Sorte arrogante Bratze, wegen der bei laut.de ziemlich selten eine interessante Diskussion aufkommt.