laut.de-Kritik

Liebe, Sex, Hoffnung und Schmerz: 56 Minuten zwischen Himmel und Hölle.

Review von

Der 21. Oktober 1991 war einer der wichtigsten Tage in der Karriere von Tori Amos. Knapp drei Monate vor dem Release ihres Debütalbums "Little Earthquakes" veröffentlichte die bis dato nur Insidern bekannte Sängerin mit dem Song "Me And A Gun" den ersten Appetizer für das Komplettwerk.

Für Tori bedeutete die Veröffentlichung des Songs allerdings weitaus mehr, als "nur" den ersten Schritt ins Solo-Business. Sechs Jahre nachdem sie von einem Konzertbesucher mit einem Messer bedroht und vergewaltigt wurde, öffnete sie das dunkelste Kapitel ihrer Vergangenheit: "Yes I wore a slinky red thing / Does that mean I should spread for you, your friends your father, Mr. Ed", heißt es in dem dreieinhalbminütigen Acappella-Drama. Das Tragen von luftiger Kleidung als Einladung zum Geschlechtsverkehr. Gedemütigt und gepeinigt braucht es mehr als ein halbes Jahrzehnt, ehe sich Tori Amos als Opfer outet und den Hörer auf eine emotionale Reise zu den tiefsten Abgründen ihres Seelenlebens mit nimmt.

Die inhaltliche Speerspitze des Albums sorgt natürlich für reichlich Aufsehen in der Öffentlichkeit, auch wenn sich die Single nur schleppend verkauft; im Gegensatz zum Gesamtwerk, das bis heute über zwei Millionen Mal über die Ladentische ging und mit aufwühlenden Klanglandschaften ein neues Singer/Songwriter-Zeitalter einläutete. Ruhige Momente ("Silence All These Years", "Winter", "China"), in denen sich die Sängerin allein mit einem Piano und ihrem einzigartigen Organ in den Tiefen ihres Inneren verschanzt und dabei für Gänsehautattacken im Akkord sorgt, wechseln sich mit klassisch ausgereiftem Genre-Schaffen ab ("Girl", "Tear In Your Hand", "Precious Things"). Neben Tori agiert eine Band, die wahlweise dezent und unaufgeregt oder impulsiv und aufdringlich zu Werke geht.

Die Melange aus punktuell verstörenden Fingerthemen und zerbrechlichen Harmonieläufen ("Leather", "Mother") lassen oberflächliche Betrachter vorschnell den Vergleich mit Kate Bush in den Mund nehmen. Und sicher, der Opener "Crucify" hätte mit seinem leichten 80s-Vibe und der eindringlichen Gesangs-Performance ohne Probleme auch auf der "Hounds Of Love"-A-Seite eine tragende Rolle spielen können. Doch Tori Amos geht noch einen Schritt weiter als die vermeintliche Mentorin von der Insel. Mit verspielter Ohnmacht dringt sie in musikalische Gefilde vor, in denen sich zu später Stunde gegensätzliche Rock-Ikonen wie Leonard Cohen, Joni Mitchell und Robert Plant zum heimlichen Jammen treffen. Das Resultat sind elf Songs, die an einem seidenen Faden hängen, der trotz allem mehr Halt bietet als ein armdickes Tau.

Fernab von aufgesetztem Wortspiel-Kitsch drehen sich die Songs um Liebe, Sex, Sehnsucht, Hoffnung und Schmerz; 56 Minuten zwischen Himmel und Hölle. Selten zuvor und noch seltener danach wurde der Querschnitt einer Künstlerin dermaßen intensiv von lieblichen Harmonien getragen wie auf "Little Earthquakes". Der Albumtitel ist Programm. Viele kleine Klangeruptionen machen dem Emotions-Seismografen am Ende den Garaus. Alles zittert, alles bebt.

Das Debüt von Tori Amos ist ein Werk voller Antworten auf Fragen, die sich bis dato noch niemand stellte. Ist es möglich, sich lasziv und verletzlich am Klavier zu positionieren und dennoch mit schroffen Ecken und Kanten aufzuwarten? Kann man ein Piano mitunter mehr rocken lassen, als eine angezerrte Strat ("Precious Things") und wenige Minuten später auf demselben Instrument die Vorzeige-Neo-Bedroom-Ballade ("Winter") präsentieren? Allerdings!

"Watch out, motherfuckers", raunte Tori Amos diversen Labels zu, die ihr vor den Arbeiten an "Little Earthquakes" mit Ablehnung und Skepsis das Leben schwer machten. Sie sollte Recht behalten, denn vorliegendes Debütalbum markierte den Beginn einer unnachahmlichen Klangreise. Fast zwanzig Millionen verkaufte Tonträger später sitzt Tori Amos immer noch unangefochten auf dem Branchen-Thron, während sich viele Verantwortliche von damals wohl ins Knie beißen, weil sie seinerzeit nicht mehr als ein müdes Lächeln für die bis heute jüngste Teilnehmerin des Peabody-Konservatoriums für Musik in Baltimore übrig hatten.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Crucify
  2. 2. Girl
  3. 3. Silent All These Years
  4. 4. Precious Things
  5. 5. Winter
  6. 6. Happy Phantom
  7. 7. China
  8. 8. Leather
  9. 9. Mother
  10. 10. Tear In Your Hand
  11. 11. Me And A Gun
  12. 12. Little Earthquakes

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10 Kommentare

  • Vor 4 Jahren

    Kate Bush anybody??? Hat ja nur die Pfade für Tori, Fiona Apple usw. gelegt. Liebe Laut.de Autoren, man muss sich fragen was den ein Meilenstein ist? Es ist viel mehr als nur ein gutes Album, es muss auch etwas bewegt haben und spüren hinterlassen. In diesem Sinne kann ich nur Alanis und Jagged Little Pill erwähnen, noch heute das A und O des Angry-Girl Pop/Rock. Und was ist mit Madonna? Vielleicht sind Like a Prayer oder Ray of Light nicht so gut wie Tori Amos' Platte, dafür haben sie aber die Pop Welt so geprägt wie kaum was anderes.

  • Vor 4 Jahren

    na, dann wird es doch erst recht zeit, dass wir die ewige wiederholung hier nicht mitmachen ;)

  • Vor einem Jahr

    Ich höre mich momentan durch so einige laut.de Meilensteine und diese Platte hat mich komplett vom Hocker gehauen. Da jagt ein gefühlvoll, melodiöser Spitzensong den nächsten.

    Andere mögen sich darüber streiten, ob dies nun eine Musikhistorisch bedeutende Platte ist, oder nicht. Von mir gibt es so oder so 5/5.