laut.de-Kritik

Der verlorene Schlüssel zu den Pforten der Wahrnehmung.

Review von

10000 Tage sind die Einheit für die gefühlte Zeitspanne zwischen zwei Tool-Alben. Der enorme Hunger der Fans war auch nach der Veröffentlichung der DVD-Appetizer "Shism" und "Parabola" nicht gestillt. Doch nun lassen Keenan und Jones mit "Vicarious" ordentlich die Muskeln spielen und signalisieren das Ende des langen Ausharrens. Seinem Titel gemäß steht er für die mit Steroiden getränkte Hitqualität dieser Platte.

Ein weiteres Mal bescheren uns Tool ein Konzeptalbum, das vom Hörer aus wie ein Puzzle in unterschiedlichen Formen zusammengesetzt und interpretiert werden kann. Es fehlt nicht an monumentalen Epen wie "Wings For Marie (Part 1)"oder "10,000 Days (Wings Part 2)". Diese leuchten in die dunklen Untiefen der Band hinab und eröffnen einen gefühlvollen Blick auf ihre fragilen Seiten.

Trotzdem brennen sie genauso lodernd wie die eingängigeren Stücke. Es ist, als würde eine unsichtbare Hand den Taktstock schwingen, um zwei Naturgewalten zähmend zu dirigieren. Dort, wo eine wunderbar leichtfüßige Stimme in einen verstörenden Rock-Rosenkranz dahin mäandert. Getragen von Gewitter- und Regeneffekten, die synchron mit dem mächtigen Gitarrenmantra in einen furiosen Tornado münden. Ein opernhaftes Musikdrama, ein wagnereskes Entzücken!

Auch dieses Album kommt wieder nicht ohne ein sattes Effektfeuerwerk aus und bedient sich diverser Spielereien akustischer, lyrischer und konspirativer Art. Da wären beispielsweise die indianische Geisterbeschwörung eines südtexanischen Apachenstammes ("Lipan Conjuring"). Oder "Right In Two", das mit indischer Tabla-Percussion arbeitet. Produzent Joe Barresi ist ein Meister der Soundgadgets. Unter anderem bei "Rosetta Stoned" hüllt er Maynards Vocals in diverse surreale Effekte und unheimliche Filter, so dass es klingt, als hätte der Tool-Frontmann eine Hand voll Zwillingsbrüder und würde mit ihnen zusammen aus einem Abflussrohr heraus singen.

Und natürlich gibt es wieder Querverweise zu Verschwörungstheorien und Anspielungen auf halluzinogene Drogenromantik. "Lost Keys (Blame Hofmann)" zum Beispiel, das offenbar auf die verlorenen Schlüssel zu den Pforten der Wahrnehmung - die einst Albert Hofmann öffnete - anspielt. Oder der Closer "Viginti Tres" (lateinisch für "23"), der wie die kaputten Heizkörper aus David Lynch-Filmen klingt. All dies hüllt das Album in einen geheimnisvollen Schleier, der zur Verwirrung des Hörers beitragen soll. Mit der gebührlichen Hingabe verfällt er alsbald in eine sanfte Trance, aus der ihn nur Adam Jones Gitarre oder Justin Chancellors Bass erwecken können.

Letztlich waren es nur 1811 Tage von "Lateralus" bis heute. Genug Zeit, um an neuem Material zu arbeiten. Wurde diese Zeit ausgiebig genutzt? Nun, Tool erfinden sich nicht neu und sollen es auch nicht. Sie legen ein Album vor, das erst mit mehrmaligem Genuss reift und seinen kompletten Facettenreichtum nach einiger Zeit offenbart. Sie erweitern damit lediglich ihre Präsenz in der Rockgeschichte um einen weiteren Blickwinkel, ein solides Statement.

Trackliste

  1. 1. Vicarious
  2. 2. Jambi
  3. 3. Wings For Marie (Pt 1)
  4. 4. 10,000 Days (Wings Pt 2)
  5. 5. The Pot
  6. 6. Lipan Conjuring
  7. 7. Lost Keys (Blame Hofmann)
  8. 8. Rosetta Stoned
  9. 9. Intension
  10. 10. Right In Two
  11. 11. Viginti Tres

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61 Kommentare

  • Vor 7 Jahren

    also ich hab das album (noch) ned hab aber in extrem vielen foren gehört das wenn man die lieder 10000 days zusammen mit zuerst viginiti tres und dann wings for marie abspielt das das ein eigenes weiteres lied ergeben soll...
    und dieses lied soll der ABSOLUTE ÜBERHAMMER sein
    allerdings hab ich nix gefunden wo man sich das ganze anhören kann
    kennt jemand zufällig ne seite dafür?

    (es gibt was auf youtube aber der typ hats verbockt)

  • Vor 7 Jahren

    ich finde das nicht überhammer. 10,000 Days [Part 2] ist ganz ohne irgendwelche spielereien mein absoluter lieblingssong. was für ne atmosphäre. wenn's nachts draussen regnet..woooooaaaaaaaahhhhh

    wobei, der teil mit wings for marie hat was

  • Vor 7 Jahren

    Der Song 10,000 Days [Part 2] ist mit 11 Minuten fast ein Song mit toolscher Durchschnittslänge! Einfach toll wie diese Art von Songs in ner Art Jam sich aufbauen und dabei eigendlich immer der Perfektion verdammt nah sind. Datails über Details die das verzwickte Gebilde zusammenfügen. Ist halt der pure Wahnsinn, den so ein Tool Album entfacht.

  • Vor 6 Jahren

    Nachdem ich die CD jetzt kA wie oft gehört habe und mich so langsam in ihr so gut zurecht finde, wie in den anderen Tool-Alben, muss ich sagen, dass 10000 Days mit das am schwersten zugängliche Album ist, gerade als eingefleischter Toolhörer.

    Am Anfang vermisst man irgendwie dieses gewisse Toolflair, dass bei Aenima, Undertow und Lateralus ab Sekunde 1 sofort vorhanden ist und es dauert irgendwie seine Zeit, bis man das "Toolige" aus der Platte hören kann.
    Ich weiss auch gar nicht so recht, woran es liegt, vielleicht der eher seltsame Opener (ziemlich leicht verträglich auch für "Pophörer"), das sehr sehr sanfte 10000 Days / Wings for Marie oder der komische indianische Zwischentrack. Irgendwie ist man als Toolhörer anderes gewöhnt und es dauert seine Zeit, bis man begreift, dass genau dieses überraschende, unbekannte, schwer zugängliche (hier im Sinne einer nicht typischen Toolvorgehensweise) genau das ist, was man eigentlich ja erwartet :)

    Das Album ist genial und steht meiner Meinung nach Lateralus und Aenima in nichts nach, auch wenn es anders ist.

  • Vor 6 Jahren

    Zu 10.000 Days:
    Ich lasse mir bewusst Zeit, mich zu neuen TOOL-Alben zu äußern, denn jedes Album braucht wirklich gefühlte 10.000 Days um wirklich alles zu präsentieren, was es beinhaltet und selbst dann hat man das Gefühl, noch nicht alles vernommen zu haben.

    Ein wirklich klasse Album, das bei mir schon x-mal im Player lief und zeigt, dass die Jungs nichts verlernt haben, doch wenn ich richtig Laune auf TOOL habe starte ich immer wieder mit der "undertow", dem für mich besten Album ever.

    Doch leider ist die "10.000 Days" ist das erste Album wo TOOL nichts wirklich Neues präsentiert.

    War die "opiate" wirklich nur eine EP einer aufstrebenen Undergroundband, die Lust auf mehr machte, so präsentierte sich "untertow" genial und erfrischend anders. Als habe die Musikszene nur auf eine solche Band gewartet. Das war der Szenen-Druchbruch und TOOL wurden in den Staaten immer bekannter und auch erfolgreicher.

    Mit "Aenema" wurde der Sound noch etwas härter, aber auch experimenteller. Kein Song glich dem anderen und TOOL bestätigte, dass sie nicht nur den Erfolg von "undertow" fortsetzen können, sondern ihn noch steigern würden. Nun waren auch die Europäer vom "toolschen" Virus infiziert.

    Fragte man sich jedoch noch zu "Aenema"-Zeiten, wie das nächste Album die beiden Vorgänger gerecht werden könnte, schlugen TOOL mit "Lateralus" einen Stilwechsel ein. Die Hypefans des Aenemaalbums waren verstört, doch diejenigen die TOOL als musikalisches Kunstwerk betrachteten waren begeistert. Im Nachhinein bekommt man das Gefühl, dass mit diesem Album der Grundstein für "a perfect circle" gelegt wurde.

    Die Erwartungen an das nächste Album "10.000 Days" waren natürlich groß und wieder durfte man Jahre lang warten. Die Presse feierte das neue Album als ein weiteres "Meisterwerk", was eingänglicher ist, aber nichts von seiner Komplexität der Vorgänger vermissen lassen sollte. Es präsentierte sich "a perfect circle" extrahiert und somit wieder mehr nach TOOL.

    Ich persönlich war etwas irritiert, denn ein Album wie "10.000 Days" hätte ich eher zwischen "Aenema" und der "Lateralus" erwartet. Für mich kam das Album eher einem Rückschritt gleich, wobei ich sagen möchte, dass ich das Album wirklich sehr gerne höre.

    Vielleicht ist es aber auch einfach die Konsequenz dessen, dass es jetzt "a perfect circle" gibt und TOOL sich nicht dahin entwickeln soll. Daher begrüße ich zwar diesen "Rückschritt", doch wird "a perfect circle" und TOOL mit 10.000 Days der Entwicklung des Albums "Lateralus" nicht gerecht. Somit steht wohl fest, dass das für mich musikalisch-epische Meisterwerk "Lateralus" ein einmaliges bleibt. ... Vielleicht ist es auch gut so.

    Somit hat die "10.000 Days" die Entwicklung der Band in die eine Richtung zwar gestoppt, doch wir dürfen gespannt sein, was uns das nächste Album bescheren wird. Es ist wieder einmal alles offen und das macht die Band so einzigartig!

    Gruß ...
    ... VV6

  • Vor 6 Jahren

    Ich höre das Album nach wie vor wirklich sehr gerne, aber an die Lateralus kommt es für mich einfach nicht heran.
    Vielleicht muss man das aber auch im Kontext der Zeit sehen, zu der man die jeweiligen Alben für sich entdeckt hat.
    In meinem Fall war die Lateralus zuerst da, erst danach habe ich die Aenima gekauft und nie verstanden, warum sie für manche das Nonplusultra darstellt. Klar, Songs wie Stinkfist, Eulogy, 46&2 sowie Third Eye und der Titeltrack sind für sich genommen der Hammer, aber die anderen Songs skippe ich meistens. Die Undertow mag ich bis auf einzelne Tracks überhaupt nicht. Die Opiate schon gar nicht.
    Die Lateralus hingegen befand sich insgesamt 3 volle Jahre (!) in meinem Minidisc-Player und ich habe sie tagtäglich auf dem Weg zur Schule mindestens einmal, meistens aber 2 oder gar 3 Mal komplett durchgehört. Da wird nichts geskippt, weil für mich absolut jeder Song ein Highlight ist.
    Somit ist die Lateralus für mich mit weit über 1500 Hörduchgängen das meistgehörte Album. Ich kann mittlerweile jeden einzelnen Hihat-Schlag mitklopfen. Und nein, ich werde der Platte nicht überdrüssig. Sozusagen meine persönliche "Dark Side of the Moon".
    Nerd? Vermutlich. Ändert aber nichts an der Tatsache, dass ich das Album als beste Platte überhaupt betrachte.
    Die 10.000 Days hat sich im Laufe der Zeit auf Platz 2 eingereiht. Mittlerweile glaube ich auch herausgefunden zu haben woran das liegt:
    - An "Vicarious" ist nichts auszusetzen und "The Grudge" meiner Meinung nach ebenbürtig
    - "Jambi" ist einfach ein schwacher Track. Zumindest bis zum Talkbox-Solo ist der Song zu stumpf und belanglos für Tool-Verhältnisse, da helfen auch die Soundeffekte nicht viel. "The Patient" auf der Lateralus ist weitaus durchdachter und atmosphärischer.
    - "10.000 Days I & II" sind der Oberhammer und für sich gesehen vllt. der beste Tooltrack überhaupt. Der größte Pluspunkt gegenüber der Lateralus. Da kann der Titeltrack "Lateralus" nicht mithalten.
    - "The Pot" ist ganz nett, gibt aber als Single weniger her als "Schism".
    - Das Interlude finde ich dafür wieder erfrischend
    - "Lost Keys" fand ich zu Beginn nervig, mit guten Kopfhörern sieht die Sache aber anders aus und in Verbindung mit "Rosetta Stoned" gibt's dafür auch einen weiteren Pluspunkt. "Parabol/a" ist aber meiner Meinung nach trotzdem etwas besser.
    - "Intension" ist meine Hoffnung für Tools Zukunft. Wenn sie in dieser Richtung weitermachen, wäre das typisch Tool, aber dennoch etwas Neues.
    - "Right in Two" ist für mich wieder ein absoluter Top-Track auf der Platte, genau wie "Reflection" auf der Lateralus. Die instrumentale Steigerung zur Hälfte des Tracks ist absolut gewaltig und perfektestens durcharrangiert. Leider gibt es solche Momente aber insgesamt weniger als früher.

    Insgesamt schwächelt die Platte im Gegenzug zur Lateralus in den Einzeldisziplinen etwas.