2. Juli 2013

"Religion ist eine Störung der menschlichen Psyche"

Interview geführt von

Treffpunkt Zürich, vor Steven Wilsons Gig im altehrwürdigen Volkshaus. Zum insgesamt wasweißich wievielten Mal treffen wir den sympathischen Musiker zu einem Plausch im Backstagebereich.Etwas hektisch scheint er unterwegs zu sein dieser Tage. Aber kein Wunder: Wilson ist ein Getriebener. In ihm steckt einfach zu viel, das er heraus lassen muss. Neben den vielfältigen musikalischen Unternehmungen kommt demnächst wohl auch ein neues Betätigungsfeld. Wilson würde gerne einmal Filmmusik komponieren.

Wenn man sich all die Reaktionen von Seiten der Hörer und der Presse ansieht, ist es offensichtlich, dass der "Raven" das Album von dir ist, das bislang mit Abstand am positivsten angenommen wurde. Wie hast du dich gefühlt, als die ganzen Lobeshymnen erschienen sind?

Ich war natürlich sehr erfreut. Aber wenn man wie ich einen Backkatalog im Rücken hat, dann merkt man recht schnell, dass manche Alben einfach besser funktionieren als andere. Mir gefallen alle Sachen, die ich gemacht habe. Ich denke nicht, dass der "Raven" irgendwie besser ist als "Grace For Drowning", aber manchmal macht es einfach klick.

Mir ist es in zwanzig Jahren jetzt zwei oder dreimal passiert, dass ein Album, von dem ich dachte, dass es etwas Besonderes sei, auch von der großen Öffentlichkeit als solches angesehen wurde. Und dieses Album kam zum größten Teil sehr gut an. Ich habe echt keine Ahnung, warum das so ist. Ich wünschte, ich könnte das analysieren. Dann würde ich das wieder so machen. (lacht) Quatsch. Natürlich nicht, so arbeite ich nicht. Aber du weißt, was ich meine. Ich habe wirklich keine Erklärung dafür, warum dieses jetzt so viel besser läuft.

Was mir sofort aufgefallen ist: Sogar die seriösen Zeitungen kamen nicht umhin, sich mit dir zu befassen. Spiegel, Guardian ... das war man in der Vergangenheit ja nicht gewohnt.

Ja, das ist auch so eine seltsame Geschichte diesmal. "Grace For Drowning" lief ja schon ganz gut. Es gab zwar kein riesiges Medienecho, aber es lief gut. Hinzu kam einmal mehr eine Mund-zu-Mund-Propaganda, so dass die Leute beim Erscheinen von "The Raven" wohl eher dafür bereit waren. Vielleicht hat das auch mit einem Zeitgeist-Aspekt zu tun.

Manchmal ist die Zeit eben reif. Vielleicht haben die Leute was über mich gelesen oder gehört, ich bin ja schon eine Weile dabei. Die Medien können dich als Underground-Künstler viele Jahre ignorieren und auf einmal, warum auch immer, ist deine Zeit eben gekommen. Das ist anderen Künstlern, die ich mag, auch passiert. Nimm diesen Typen, über den sie diesen Film gemacht haben, Rodriguez. Irgendwie passt das alles gerade ganz gut.

Glück?

Ja ja, klar! Mir kommt es so vor als drehe sich in diesem Business alles um 10% Talent, 30% Vitamin B und 60% Glück oder Timing. Die meiste Zeit war mein Timing einfach furchtbar. Ich habe angefangen, Musik zu machen, als sich alle nur für Grunge interssiert haben. Spacerock und Ambient-Zeugs mit langen Gitarrensoli ... das Timing hätte schlechter nicht sein können. Anfang der Nullerjahre hat sich das ein wenig geändert. Die Musikszene hat Porcupine Tree etwas wohlwollender verfolgt. Als wir etwas mehr Metal in den Sound integrierten, gab es mehr Aufmerksamkeit aus der Progressive Metal-Ecke.

Betrachten wir uns mal das Cover oder die Gestaltung des kompletten Packages. War es eine bewusste Entscheidung, einen Bruch zu wagen und Lasse Hoile diesmal bei der künstlerischen Gestaltung nicht zu berücksichtigen?

Das war eher eine konzeptionelle Entscheidung. Als ich mich für diese klassischen übernatürlichen Geschichten entschieden habe und beschlossen habe, das Album als Sammlung von Kurzgeschichten anzulegen, hatte ich das Bild eines Buches im Kopf, das vor hundert Jahren veröffentlich worden wäre. Ich überlegte mir dann, wie ein Buch aussähe, auf das man in einem Antiquariat beim Stöbern stößt. Ein Buch über Gothic-Märchen und Geistergeschichten. Wie würde das aussehen?

Da gäbe es sicher keine Fotografien, sondern eher Illustrationen oder Stiche. Als die Entscheidung gefallen war, ergab es einfach keinen Sinn, mit Lasse zu arbeiten, ich brauchte einen Zeichner. Und Hajo kenne ich jetzt schon ein paar Jahre. Ich habe ihm dann die Idee vorgelegt und er wusste sofort, was ich benötige.

Gabs da kein böses Blut?

Nein. Lasse ist natürlich enttäuscht, dass er nicht in dieses Projekt eingebunden wurde, aber er versteht, dass das nicht zu seinem Stil passen würde. Er macht ein paar Clips für die Live-Shows und ist auch sonst mit dabei, aber eben nicht mehr so sehr wie zuvor.


Bleiben wir beim Begriff 'Enttäuschung'. War der Rest von Porcupine Tree enttäuscht, dass du jetzt doch weiter dein Soloding verfolgst?

Ja, vermutlich. Aber ich glaube nicht, dass sie mir das ins Gesicht sagen würden. Das ist wohl so ähnlich wie bei Lasse. Sie verstehen, warum ich das machen muss. Sie hätten es wohl bevorzugt, dass ich mit ihnen arbeite und auf Tour gehe. Da gibt es kein böses Blut, aber ich bin mir sicher, dass sie darauf warten, dass ich sage 'Okay, lasst uns ein neues Album machen'. Und momentan sage sich das einfach nicht.

Du scheinst mit der momentanen Situation ja auch mehr als zufrieden zu sein.

Ja, klar, warum auch nicht? Die Musik ist toll und die Reaktionen sind bislang phänomenal. "The Raven" ist das Album, das sich bislang am besten verkauft, die Porcupine Tree-Alben eingeschlossen. Das ist schon außergewöhnlich. Als ich mit dem Solo-Ding angefangen habe, prophezeihten mir die Leute, dass die Verkäufe um 25% zurück gehen würden, aber es kam anders.

Was das Songwriting betrifft: Wann kommst du eigentlich an den Punkt, an dem du für dich persönlichh sagen kannst, dass ein Song oder ein Album genau jetzt fertig ist?

Das ist dann der Fall, wenn mich nichts mehr nervt. Wenn ich mir etwas anhöre und mich etwas stört, eine Textzeile, der Sound der Hi-Hat oder wenn der Bass zu laut ist oder was auch immer. Wenn sich das für mich nicht richtig anhört, dann arbeite ich weiter daran. Ich kann den Song dann meist nicht mehr genießen, weil ich ihn so oft gehört habe. Das schlägt im Prozess oft um, so dass ich einen Song dann mehr als ein Konstrukt wahrnehme und nicht als künstlerisches Stück. Man hört dann auf die Ton-Qualität eines Instrumentes, die Balance, die Abstimmung, das Timing. Wenn ich all das abgearbeitet habe, ist der Zeitpunkt gekommen, loszulassen.

Hört sich für mich jetzt nicht nach einem manischen Perfektionisten an.

Nein, ich mag es wirklich, wenn meine Alben gut klingen und gut eingespielt sind. Aber es gibt auch einen spirituellen Aspekt der Musik, der mit Perfektion nichts am Hut hat. Nimm "Deform To Form A Star": Der Song handelt ja davon, dass die schönsten Dinge des Lebens eigentlich nicht perfekt sind.

Nebenbei bemerkt, einer der schönsten Songs, die du überhaupt geschrieben hast.

Danke, ich bin auch sehr stolz darauf. Der Gedanke hinter diesem Lied ist, dass Perfektion sehr langweilig sein kann.

Ich habe mal gesehen, wie Wissenschaftler versucht haben, am Rechner das perfekte Gesicht zu basteln. Das Ergebnis sollte alle Schönheitsideale beinhalten, die zu der Zeit en vogue waren. Das Ergebnis sah verdammt öde aus.

Deswegen sind Supermodels auch nicht wirklich sexy. Wenn du dir die anschaust, sind die meist seltsam unsexy. Wirklich schöne Frauen haben etwas an sich, das etwas sonderbar aussieht. So ist das aber auch bei Musik oder im Film oder irgendeiner kreativen Angelegenheit. Wenn du alles perfekt machst, landest du irgendwann bei "American Idol". Das ist dann das Paradebeispiel, wie man Hochglanz-Pop macht. Völlig inhaltsleer.

Ihr habt das Album innerhalb einer Woche aufgenommen. Das ist ja eine Dauer, in der andere Bands gerade mal ihren Snare-Sound finden.

Das ist auch der Grund, warum ich das Album immer noch so mag. Als wir fertig waren mit den Aufnahmen, lag der Entstehungsprozess noch nicht so lange zurück. Wir haben die Songs zwar in einer Woche aufgenommen, aber im Nachhinein gab es noch viel zu tun: Orchester, Gesang, Overdubs und das Mixing.

Seitdem ihr auf Tour seid, scheint ihr als Band öfter mal Clowns zu frühstücken. Ich sage nur: Nick Beggs und die Ananas ...

Ja! Wir haben wirklich eine Menge Spaß. Speziell Nick ist total verrückt. Da geht wirklich viel ab.


Welches Projekt steht als nächstes auf deiner Agenda?

Um ehrlich zu sein, habe ich noch keine Ahnung. Ich plane das alles nicht. Die Tour, die gerade läuft, setzt sich bis Jahresende fort. Die letzten Shows, die bis jetzt gebucht sind, finden Ende November statt. Wir sind bis zum Jahresende also fast nonstop auf Tour. Für die Zeit danach habe ich noch keine Pläne.

Ich bin noch mit Remixen von Klassiker-Alben beschäftigt, da kommt noch einiges auf mich zu. Ich wüsste ansonsten schon, was mir gefallen würde, etwa ein Soundtrack zu einem Film, die Arbeit mit einem tollen Regisseur an einem tollen Skript und an einem Soundtrack.

Dann passiert das wohl auch, oder? Bislang ist es in deiner Karriere als Musiker ja stetig bergauf gegangen.

Ja schon, die Dinge haben sich durchaus positiv entwickelt, aber der Erfolg kam erst nach vielen Jahren und harter Arbeit. Das mit dem Film ist jetzt noch ein unerfüllter Traum und definitiv das, was ich unbedingt noch in meinem Leben machen muss.

Mit welchem Regisseur?

Am besten mit einem Neuling. Ich finde, dass die besten Ergebnisse einer Regisseur-Musiker-Beziehung aus langfristigen Partnerschaften stammen. Ich denke da an Tim Burton und Danny Elfman, Steven Spielberg und John Williams, Christopher Nolan und Hans Zimmer oder Werner Herzog und Popol Vuh.

Mal was ganz anderes: Wir haben uns ja jetzt schon einige Male getroffen und ich habe bislang noch nie Fragen nach deinem Privatleben gestellt. Auch sonst liest man nicht wirklich etwas darüber. Fragt man dich nicht oder gibst du einfach keine Auskunft über dein Leben abseits der Musik?

Die Fragen gibts schon, aber ich beantworte die nicht. (zeigt auf sein Laptop, auf dem ein kleiner Hund zu sehen ist) Das da ist alles, was du von meinem Privatleben zu sehen bekommst. Ich liebe Tiere.

Okay, nochmal zum neuen Album: Es gibt da Themen, die im Laufe der Jahre immer wieder auftauchen. So zum Beispiel der religöse Besserwisser. Auf "Deadwing" war das "Halo" und auf "The Raven" heißt er "The Holy Drinker".

Es gibt einfach bestimmte Themen, die mich faszinieren. Serienkiller zum Beispiel. Ich mache liebend gerne Songs über Serienmörder. "Raider II", "Index" oder "Blackest Eye". Aber ich habe eigentlich keine Verbindung dazu, außer dass es mich fasziniert. Ich bin auch irgendwie davon fasziniert, wie Religion ... ich will nicht sagen, dass es die Welt zugrunde gerichtet hat, aber Religion ist meiner Ansicht nach die wahre Wurzel des Bösen auf diesem Planeten. Das fasziniert mich einfach.

Wie Religion dazu benutzt wird, Menschen zu kontrollieren und zu bevormunden, die pure Einbildung an der ganzen Sache. Religion ist einfach eine Störung der menschlichen Psyche, dieser Glaube an einen Schöpfer. Das hat alles einen zerstörerischen Einfluss auf die Welt. Das ist doch faszinierend, oder? Das sollte jeden interessieren. Wenn es das nicht tut, müsste was falsch mit dir sein. Es ist eine Krankheit dieses Planeten. Ja, auf dieses Thema komme ich immer wieder zurück.

Dann gibt es immer wieder Songs über das Verlassenwerden, über Verlust und Schmerz oder über Geister.

Ja, ich habe meinen Vater vor zwei Jahren verloren. Das war ganz sicher ein Prüfstein für dieses Album. Es geht um Verlust, um Sterblichkeit, um die Furcht vor dem Tod. Es ist vielleicht ein Klischee, aber wenn man ein Elternteil verliert, bist du einen Schritt weiter, der Nächste zu sein. Ich bin jetzt der älteste Mann in meiner Familie. Mein Bruder ist zwei Jahre jünger, meine Großeltern sind bereits tot.

Man betrachtet Dinge wie Sterblichkeit auf einmal aus einem ganz anderen Blickwinkel. Man macht sich Gedanken darüber, was man bis jetzt aus seinem Leben gemacht hat. Habe ich die Dinge gemacht, die ich machen wollte? Viele Antworten auf diese Fragen lauten in meinem Fall: Ja, habe ich. Ich fühle mich sehr erfüllt bei den Sachen, die ich kreativ mache. Aber als ich meinen Vater verloren habe, kamen viele dieser Sachen hoch.

Dasselbe passiert wohl, wenn man Kinder hat. Ich habe ja keine und will auch keine. Ich habe meinen Hund Milly. Das ist ja ähnlich. Man muss Verantwortung für jemanden übernehmen.

Nimmst du sie mit auf Tour?

Oh nein. Sie ist ein sehr heimatverbundenes Mädchen.

Das Touren wäre wohl auch etwas zu stressig.

Ja, das stimmt. Die ganze Zeit im Bus und so ... Sie liebt es, im Garten rumzurennen. Das wäre wohl nicht wirklich das Richtige für sie.

Und auf Tour gibts auch keinen anderen Hundehintern, an dem man mal schnüffeln könnte.

Ha ha, genau.

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