laut.de-Kritik

Wahre Magie bleibt nun mal unbegreiflich.

Review von

"Sie hat etwas, was die Leute nicht begreifen." So kommentiert der Feuilletonist Tobi Müller das Phänomen Sophie Hunger. Wer sich den zweiten Longplayer der Schweizer Sängerin und Songwriterin anhört weiß: der Mann hat recht.

Die junge Künstlerin lässt sich in der Tat nur schwer einordnen. Hat man ihr eine bestimmte musikalische Gattung zugeschrieben, wechselt sie behände das Genre. Dabei entsteht eine höchst abwechslungsreiche Mischung aus Folk, Jazz, Klassik, Rock und Soul.

Auch die Texte gewähren kaum einen Blick auf die Person hinter dieser facettenreichen Musik. Vielmehr geben sie äußere Eindrücke, Gedankenfetzen und Zitate wieder. Daraus kreiert Hunger beeindruckende Poesie voller Symbolik.

Ihre zauberhafte Stimme verführt den Hörer auf Anhieb. Man kann gar nicht anders, als der Musikerin von der ersten bis zur letzten Minute gebannt zu lauschen. Gefühlvoll und ausdrucksstark intoniert sie ihre ausgefeilten Melodien.

Passend zur stilistischen Vielfalt der Songschreiberin, fällt auch das Begleitinstrumentarium äußerst vielseitig aus. Angerockte Stücke wie "The Boat Is Full" und "The Tourist" warten mit allerlei E-Gitarren und energischem Schlagzeug auf. In ruhigen Momenten dominieren Akustikgitarre, Klavier und Posaune das Klangbild.

Genau diese stilleren Songs bringen Hungers Stärken dann auch am besten zur Geltung. So etwa die Folk-Ballade "A Protest Song". Umrahmt von Gitarre und einem zaghaften Bläsersatz besingt sie darin die Macht der Gedanken.

Zuvor erinnert "Birth-Day" mit seinen kraftvollen Gesangsparts an Janis Joplin. Mundharmonika und Songwriting wecken Assoziationen zu Bob Dylan. Dem huldigt sie im folgenden "Sophie Hunger Blues" ein weiteres Mal. Bewaffnet mit der Akustischen zupft sich die Schweizerin durch die Bluesharmonik und singt von den Kuriositäten ihrer Umwelt. Am Ende beantwortet sie den Dylan-Ausspruch "I let you be part of my dream, if I can be part of yours" abgeklärt mit:"I let you be part of my dream, if I can be part of your reality".

Den Höhepunkt erreicht das Album jedoch mit seinem Titeltrack "Monday's Ghost". Was als schöne Piano-Ballade beginnt, steigert sich überraschend in ein furioses Zwischenspiel. Hungers Stimme, Querflöte und Posaune offenbaren eindrucksvoll die Schmerzen der im Text beschriebenen Person, die zurück ins Dunkel will, um ihr Gegenüber zu schützen. Abschließend rutscht der Refrain von Dur nach Moll und bringt die Hilflosigkeit des Protagonisten zum Ausdruck. Hier trifft die etwas abgenutzte Bezeichnung Songpoetin wahrlich zu! Weitere Highlights sind der deutsche "Walzer Für Niemand" und der Opener "Shape".

Dass die Musikerin bei all dem ihre Person weitgehend im Verborgenen hält, erweist sich als Gewinn. Auf diese Weise kann die Hörerschaft jeden Song auf ihre jeweilige Situation beziehen und noch individueller interpretieren. Man erhält die Gelegenheit einer freien Reise ins eigene Innenleben. So ist gerade die Unfassbarkeit Sophie Hungers einer ihrer großen Pluspunkte. Wahre Magie bleibt nun mal unbegreiflich.

Trackliste

  1. 1. Shape
  2. 2. The Boat Is Full
  3. 3. Beauty Above All
  4. 4. Walzer Für Niemand
  5. 5. Birth-Day
  6. 6. Sophie Hunger Blues
  7. 7. Round And Round
  8. 8. The Tourist
  9. 9. Teenage Spirit
  10. 10. A Protest Song
  11. 11. Monday's Ghost
  12. 12. Rise And Fall
  13. 13. Drainpipes
  14. 14. House Of Gods

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