laut.de-Kritik

Diffiziler Elektro und sanfter R'n'B - fast ohne Autotune.

Review von

Im Opener "Hard Liquor" legt Sohn direkt mit einem intensiv wummernden Beat los, der im Chorus in Symbiose mit breiten, von Taylors souliger Falsettstimme überlagerten Synthieflächen tritt. Am Ende malträtiert er nochmals die Regler – so dekonstruiert sich Sohn quasi selbst. Ursprünglich sei der Track für einen anderen Artist gedacht gewesen. Gut, dass Taylor ihn dann doch selbst einspielte. "Hard Liquor" ist einer der besten unter den vielen erstklassigen Songs der Platte.

"Conrad" macht direkt mit ähnlichem Stampfbeat weiter und soll als Kommentar auf das politische Klima Europas verstanden werden: "I can feel it coming, coming back to haunt me / It's the glass that's empty and we're trying to fill it up / We're lost civilians with the weight of millions / We're pawns in war living in denial." Zusammen mit Samples leerer Flaschen und diverser Küchengeräte, die Verwendung als Percussionelemente finden, und gepaart mit fettem Synthesizersound entsteht eine der poppigsten und eingängigsten Nummern auf "Rennen".

Sohns Debütalbum "Tremors" begeisterte sowohl die Fachpresse als auch die Fans. Vergleiche mit James Blake und anderen Größen aus Post-Dubstep, Ambient, Alternative-R'n'B, oder welche Genrebezeichnung man auch verwenden mag, machten den Wahl-Wiener mit Londoner Wurzeln zum bekannten Geheimtipp.

Nun erscheint mit "Rennen" der Nachfolger, mit dem Toph Taylor aka Sohn wieder seinen düsteren, elektronischen R'n'B-Entwurf präsentiert. Zwei Jahre lang produzierte er für andere Künstler und war unentwegt auf Tour, "running nonstop that whole time", wie er selbst sagt. Daher also der Titel: "Rennen".

Für das Songwriting zog er sich schließlich für einen Monat mitsamt Equipment in eine abgelegene Gegend Nord-Kaliforniens zurück. Luft holen und die Schreibblockade überwinden, um dann doch ein ziemlich starkes Album rauszuhauen. Respekt! Sohns Kollegen The Weeknd, Lana Del Rey, Rihanna und Banks stehen nicht umsonst Schlange, um einen Remix oder gleich einen kompletten Track von ihm zu bekommen.

Wie "Hard Liquor" und "Conrad" war auch "Signal" bereits als Singleauskopplung vorab bekannt, entwickelt aber erst gegen Ende, wenn sich Sohn an den Reglern austobt und mehr Experimentierfreude zeigt, ähnliche Qualität. Dabei verzichtet Taylor weitestgehend auf ausufernde Autotune-Eskapaden. Nur ab und an wird die Stimme moduliert, so etwa in den Tracks "Signal" und "Proof", aber nie so extrem wie beispielsweise jüngst beim Kollegen Bon Iver.

"Dead Wrong" kommt mit reduziertem Beat und sanften Synths aus, während sich "Primary" nach und nach zu einem geschmeidigen Dance-Track aufbaut. In "Rennen" zeigt Taylor mit schlichter E-Piano-Begleitung, dass er auch Ballade kann: neben "Dead Wrong", "Primary" und "Still Waters" einer der gemächlichen Tracks der Scheibe, in denen Sohn bedauerlicherweise zu sehr auf Samtpfoten-R'n'B macht. So plätschert das Album ab und an in zu seichten Gewässern. Düster, vertrackt und verflochten steht ihm eindeutig besser.

Mit "Falling" modelliert Sohn dann wieder einen komplex verschachtelten Elektronik-Track. Ein Percussionelement überlagert das andere, so entsteht ein vielschichtiges, sich stets steigerndes Gefüge mit Tiefe, das, wenn schlussendlich noch der Synthesizer einsetzt, zu seiner wahren Größe anwächst. Dass Taylor zusätzlich seine eigene Stimme sampelt und sie mehr als Soundelement denn als Gesang einsetzt, krönt die Nummer nochmals. Fett! Mehr davon wäre wünschenswert gewesen.

"Proof" und der Schlusstrack "Harbour" bilden weitere Glanzlichter, in denen Taylor abermals mit Stimmsamples arbeitet und die Grenzen seiner Sound-Maschinen auslotet, wodurch sich bei fast jedem Hördurchgang neue Raffinessen entdecken lassen. So muss das sein!

Mit "Rennen" kommt Sohn durchaus an das Niveau des Debüts heran. Neben den komplexen Elektronik-Nummern zwischen Techno, House, R'n'B und Pop wie die herausragenden "Hard Liquor", "Conrad" und "Falling" stehen aber auch weniger durchdachte und diffizile Songs wie "Still Waters" und "Dead Wrong". Die sind zwar immer noch stark, trüben das überaus positive Gesamtbild aber leicht. Das mag der Produktionszeit von nur einem Monat geschuldet sein, andererseits zeigt genau das aber auch, welch großes Talent in dem Briten steckt. Mal sehen, wie er sich beim berüchtigten dritten Album schlagen wird.

Trackliste

  1. 1. Hard Liquor
  2. 2. Conrad
  3. 3. Signal
  4. 4. Dead Wrong
  5. 5. Primary
  6. 6. Rennen
  7. 7. Falling
  8. 8. Proof
  9. 9. Still Waters
  10. 10. Harbour

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