laut.de-Kritik

Zielgruppentechno nach Patentrezept.

Review von

In Kreisen derer, die sich einbilden, Ahnung von Musik zu haben, geht der Albumtitel "Scooter Forever" vermutlich als veritable Drohung durch. Hört das wirklich nicht auf? Gehen die nie wieder weg?

Ganz ehrlich? Es deutet nichts darauf hin. Warum sollten sie auch? Mit einem einzigen funktionalen Rezept seit einem Vierteljahrhundert ordentlich abzukassieren, muss auch erst einmal jemand nachmachen.

Im 25. Jahr ihres Bestehens muss man wohl keinem mehr erklären, wie eine Scooter-Platte klingt. Eher schon, dass es sich bei Scooter nicht um eine Einmann-Veranstaltung handelt. Auch wenn Frontschreihals H.P. Baxxter natürlich den Löwenanteil der Aufmerksamkeit auf sich zieht, haben wir es doch, schon immer und immer noch, mit einem Trio zu tun.

Das operiert nach mehreren Besetzungswechseln inzwischen doch schon recht erkleckliche Zeit in unveränderter Besetzung. "Michael Simon und Phil Speiser ... sorgen für Kontinuität", informiert das Label. Genau diese Kontinuität wird "Scooter Forever" nun aber zum Verhängnis. Die Herren scheinen diesmal allzu stark auf das Läuft-ohnehin-Gefühl zu vertrauen.

Aller Voraussicht nach behalten sie damit sogar Recht. Ihre getreue Anhängerschaft dürfte an der üblichen Mischung aus Happy Hardcore-Tunes, Jump- und Hardstyle wenig auszusetzen haben. Die tumben Massen johlen und hüpfen dazu. Alles in Butter ... oder doch nicht?

Gleich werden sie scharenweise aus den Löchern gekrochen kommen, die Kollegen, um mir die Unsinnigkeit des Vorwurfs zu erläutern, Scooter servierten auf "Scooter Forever" fünfzehnmal das Gleiche. Nee, ihr Nixchecker! Das war keineswegs immer schon so. Im direkten Vergleich mit "Ace" stinkt das Nachfolgealbum doch ziemlich ab, was Ideenreichtum und Catchphrases für die Ewigkeit angeht.

Kein Hit von "Mary Got No Lamb"- oder "Oi"-Ausmaßen. Keine Lebensweisheiten des Kalibers "Don't throw away the banana boxes". "Lyrics fly like birds in the sky", nur schwirren durch "Scooter Forever" offenbar nur auf roten oder schwarzen Listen geführte Vogelarten, so selten, wie hier überhaupt einmal etwas flattert.

Die Aha-Effekte angesichts exhumierter, eigentlich längst vergessener Synthiepop-Perlen halten sich diesmal ebenfalls in übersichtlichem Rahmen. Trotzdem dessen birgt "Scooter Forever" natürlich in nahezu jedem Track ein in Mickymaus-Sphären gepitchtes Vocalsample zu eingespielter frenetisch jubelnder Crowd, Bumm-Bumm-Beat und Baxxters Megafon-Shouts. Das war in der Tat fast immer so, nur drücken Scooter diesmal ausschließlich die plakativsten, weil größten Knöpfe.

Die Absicht liegt auf der Hand: Zielgruppenbedienung. So holt "Wild And Wicked" mit Drums und E-Gitarren den durchschnittlichen Wacken-Gänger ab. Die Samplegrundlage von "The Roof" wirkt, wie unterm Tisch im Bierzelt aufgeklaubt, "Kiss Goodnight" kommt ohne Umweg direkt vom Autoscooter. "The Darkside" mit seinem in Grabesstimme rezitierten, depressiven Gedichtchen soll wohl die Dunkelheimer auf dem nächtlichen Friedhof abholen.

Zotteltechno, Stadltechno, Kirmestechno, Gruftietechno - und dann schnell noch was für die ach so gute Laune. Dafür muss das doch schon recht ausgenudelte Abschlusslied aus "Life Of Brian" herhalten: "Always Look On The Bright Side Of Life"? Diesem Titel Folge zu leisten, fällt einigermaßen schwer. So lange das Stück in der aufgerissenen Kluft zwischen nahezu unveränderten Passagen der Vorlage und gnadenlos durch den Plastik-Fleischwolf gejagten Strophen versackt und nirgends eine Brücke schlägt, um diese beiden Ufer des Wahnsinns irgendwie zu verbinden, hat der Spaß doch ein riesiges Loch.

"Never complain and never explain", röhrt Baxxter im Titeltrack - und erklärt sich dessen ungeachtet doch: "Der Respekt vor den Leistungen unserer Helden", der habe bei Scooter seit jeher dazu gehört, lässt er wissen. (Stimmt, schon seit "Hyper Hyper", und genau so lange empfinden die Geehrten derlei Hommagen oft als ziemlich fragwürdige Ehre.) Die CD mit Zugaben füllen entspechend keine originalen Scooter-Stücke, sondern Neuaufnahmen diverser klassischer Trance-Hymnen.

Die Qualität dieser Remakes sollte vielleicht besser jemand beurteilen, der in den Neunzigern des letzten Jahrhunderts statt auf irgendwelchen Hip Hop-Jams auf den einschlägigen Raves herumgekullert ist. Keine Ahnung, warum man den Originalen aufgewärmte Kopien vorziehen sollte. Sogar mir mit äußerst lückenhaftem Techno-Geschichtswissen kommt das alles, jeder Effekt, jeder Beat, jeder Synthiesound, wie schon dreitausendmal gehört vor. Den Vibe der heraufbeschworenen Zeit haben Scooter offenbar ganz gut eingefangen bekommen.

... und doch kann ich sie einfach nicht hassen. Wie auch? Allein schon das Intro "Foreplay", vom Gewitterregen über die bombastischen Streicher und die sakralen Chöre bis zum Synthie-Gewummere mit (DAFUQ!?) Didgeridoo-Appeal ein einziger Klischeeritt, zwingt auf die Knie - gleich in die richtige Andachtshaltung für das Glaubensbekenntnis: "In Rave We Trust". Ja, worin denn auch sonst? J'adore hardcore, immer noch. Vielleicht hätten es Scooter diesmal nur einfach nach der Hälfte der Spielzeit gut sein lassen sollen.

Trackliste

CD 1

  1. 1. Foreplay
  2. 2. In Rave We Trust
  3. 3. Bora! Bora! Bora!
  4. 4. My Gabber
  5. 5. Wall Of China (See The Light)
  6. 6. Shooting Stars (Move It To The Left)
  7. 7. When I'm Raving
  8. 8. Scooter Forever
  9. 9. As The Years Go By
  10. 10. Wild And Wicked
  11. 11. The Roof
  12. 12. Kiss Goodnight
  13. 13. Kill The Cat
  14. 14. The Darkside
  15. 15. Always Look On The Bright Side Of Life

CD 2

  1. 1. Universal Nation
  2. 2. Symmetry C
  3. 3. Unfuture
  4. 4. The First Rebirth
  5. 5. Sacred Cycles
  6. 6. Burning Phibes
  7. 7. Lost In Love
  8. 8. The House Of House
  9. 9. Lost In Space
  10. 10. Tales Of Mystery

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