laut.de-Kritik

Alle Grausamkeiten der Geschichte in Musik gefasst.

Review von

Seit knapp zwanzig Jahren künden Primordial von Vernichtung, Verdammnis und dem zerstörerischen Naturell der Menschen. Nicht nur Leichen, sondern ganze Gebirge aus Kadavern in Meeren von Blut pflastern ihren Weg. Über all diesem Tod haben sie mittlerweile ihren ganz eigenen dunklen Turm musikalischer Unsterblichkeit errichtet. Wer glaubt, er habe schon alles im Metal gehört und ihr Köcher sei nun langsam leer, braucht das neue "Where Greater Men Have Fallen" unbedingt. Alle anderen auch!

Andere Bands, die ihnen das Wasser reichen könnten, sind auf dem schlammverkrusteten Schlachtfeld des Metal - erst recht in der Pagan- und Viking-Variante - weit und breit nicht zu sehen. Primordial sind ihr eigener Maßstab, ihre eigene Liga, ihr eigenes musikalisches Universum.

Vergleiche dieses achten Albums mit seinen Vorgängern sind müßig. Jede ihrer Platten steht monolithisch für sich und bedeutet ein eigenes Fürstentum in ihrem musikalischen Königreich. Ausgangspunkt ist diesmal das weitgehende Scheitern der Revolutionen des arabischen Frühlings. Alan Averill: "Die grundsätzliche Idee wurde vom arabischen Frühling inspiriert und der naiven Sichtweise, dass die alten Regime still dahinscheiden und Demokratie aufblüht. In Wahrheit stehen für jeden entmachteten Tyrannen neue Despoten bereit, diesen zu ersetzen."

Diese wie gewohnt von brutaler Destruktivität gespeiste Kreativität Primordials bedeutet gleichwohl nicht, man habe hier eine Art arabischen Konzeptalbums am Start. Es bekommen mal wieder alle Tyrannen und Ideologien verschiedenster Couleur ihr Fett weg. So etwa auch die irisch-katholische Kirche ("Ghosts Of The Charnel House"). Alle Grausamkeit der Historie dient einmal mehr als Schablone. Sie fließt bei Primordial in ihre Sicht auf die Gegenwart. "Es gibt keine Wirklichkeitsflucht, nur die harsche Realität!"

Doch das tut der anmutigen und erhabenen Schönheit ihrer Musik keinen Abbruch. Auch wer nicht ein Wort dieser harschen Blutorgie versteht oder den sprachlich ausgefeilten Texten Averills nicht folgen mag, kommt musikalisch hundertprozentig auf seine Kosten. Der grünlich keltische Kokon umhüllt die Stücke gleichermaßen elegant wie effektiv. Oft hält er sich hörbar zurück, damit Doom, Black Metal oder zerrender Midtempo-Stoff ungehindert durchbrechen kann ("Wield Lightning To Split The Sun"). Der leichte Schimmer irischer Weisen bleibt jedoch allgegenwärtig und bildet den perfekten Kontrast zu all den zersägten Leibern und bleichenden Knochen.

Die einander blind verstehende Virtuosität, mit der Ciáran MacUiliam und Co lediglich mittels schnörkelloser Gitarre/Bass/Drums-Besetzung ihre vielschichtige Stimmung erzeugen, ist jeden Kniefall wert. Allein schon das atmosphärische Titelstück sowie die gnadenlos dunkle Walze "Born To Night" gehören für alle Zeiten festgeschrieben ins ewige Necronomikon des Heavy Metal.

Bei all dieser zur Schau gestellten instrumentalen Pracht musste anscheinend auch Averill die eigene Stimmentwicklung voran treiben. Noch nie klang sein Timbre so vielschichtig, mühelos und voluminös. Das tut den Songs sehr gut. Empathisch mitgelitten hat der Frontmann bei seinen Zeilen schon immer. Nunmehr tritt zur mitfühlend anprangernden Emotion noch das rechte Quäntchen Wucht hinzu, mit dem er sich vollends zum schamanischen Zeremonienmeister stilisiert.

Er klingt wie ein Magier, der das Entsetzen über die in seiner Kristallkugel gezeigten, weltlichen Gräuel nicht verhehlen kann und dem in seiner Machtlosigkeit doch nichts weiter bleibt als Zorn und Trauer heraus zu schreien. "Der Stellenwert der Band ist gewachsen. Wir spielen als Headliner länger und unter größerem Druck. Man entwickelt sich als Musiker weiter. Es kam die Zeit, mich den neuen Herausforderungen zu stellen."

Eine musikalisch wie Textliche Besonderheit bietet "The Alchemist's Head". Hier erweisen Primordial dem von ihnen hoch geschätzten Dichter William Blake die verdiente Ehre. Passend zu dessen - seiner Zeit weit vorauseilenden - Progressivität im Denken, liefert das irische Quintett erstmals einen Hauch von Progrock in der sinistren Klangmalerei. Für Primordial-Verhältnisse ist das fast schon ein Opeth-Song anno "Blackwater Park". Wer hernach noch mehr Lust auf William Blake im Metalkontext hat, greife zum nicht minder wundervollen Album "Themes From William Blake's The Marriage Of Heaven And Hell" von Ulver.

Wenn der letzte Ton von "Where Greater Men Have Fallen" verklingt, ist man bereits süchtig nach dieser meisterlichen Platte. Je öfter der Hörer die Repeattaste drückt, desto klarer wird: Es mögen größere Männer gefallen sein. Es gibt indes derzeit keine großartigere Band im gesamten Metal.

Trackliste

  1. 1. Where Greater Men Have Fallen
  2. 2. Babel's Tower
  3. 3. Come The Flood
  4. 4. The Seed Of Tyrants
  5. 5. Ghosts Of the Charnel House
  6. 6. The Alchemist's Head
  7. 7. Born To Night
  8. 8. Wield Lightning To Split The Sun

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9 Kommentare mit 13 Antworten

  • Vor 2 Jahren

    ah, ein kenner :)
    interessant, wie unterschiedllich die wahrnehmungen sind. bei mir war es eher "gathering wilderness", dass 5-6 durchläufe benötigte, bis es bei mir ankam.
    insgesamt denke ich, wenn diese platte bei dir zündet, dann wird sie ne verdammt lange halbwertszeitspanne haben

    • Vor 2 Jahren

      Ich hoffe es doch, wobei ich momentan den Großteil meiner Zeit mit Ludwig Hirschs Discographie fülle, da steht Primordial einfach hinten an im Moment.

  • Vor 2 Jahren

    Ich muss auch sagen, dass dies hier eine geile Scheibe ist, aber bei "To The Nameless Dead" blieben die Sachen schneller im Kopf hängen.

    Davon abgesehen sind Primordial nahezu die einzige nicht peinliche Pagan-Metal Band (musikalisch haben sie mit dem Dudelsack-Black Metal, der sich zumeist so schimpft, ja auch nicht viel gemein). Live eine Macht und wer sich an der manchmal unsauberen Intonation von Alan Averill stört, hat glaube ich sowieso kein Verständnis für diese Art von Musik und findet auch Mercyful Fate und Bathory scheiße. Die Überzeugung und Inbrunst, mit der er seine Töne rausdrückt, geht den allermeisten Metal-Vocalisten ab. Er kann traurig klingen wie ein alter Krieger, aber niemals wie ein Emo, dem gerade der Freund weggelaufen ist. Eine Stimme, die man unter Millionen wiedererkennt. Wäre auch noch seine Intonation perfekt, wäre er ein zweiter Dio.

    • Vor 2 Jahren

      Natürlich, wenn man es nicht mag, hat man NATÜRLICH kein Verständnis für die Art von Musik..^^ Bathory war auch immer besser, wenn er nicht clean gesungen hat, das klang häufig auch richtig schief. Hat trotzdem viele gute Alben abgeliefert. Mercyful Fate ist auch nicht scheiße, aber mit hohem Knödelgesang hab ich es halt nicht so.

      Das der Primordial Sänger mit dem Gesang viel Emotionen ausdrückt finde ich auch.. aber es klingt halt trotzdem unglaublich schief.. und das finde ich beim hören arg nervig.

  • Vor 2 Jahren

    der letzte satz ist nur als "ridiculous" zu bezeichnen. werd mir die platte trotzdem mal reinziehen.