Ist Morrissey wirklich ein rassistischer Wutbürger? Wir haben uns das 40-minütige Skandal-Interview angehört.

Konstanz (mis) - Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel hat auf Morrisseys Vorwürfe mit der einzig richtigen Antwort reagiert und
die Tonaufnahme des umstrittenen Interviews veröffentlicht. Am Montag hatte der britische Sänger via Facebook seine Kritik, die er zuvor während eines Konzerts namentlich an das Hamburger Nachrichtenmagazin gerichtet hatte, mit einem giftigen Posting erneuert. Morrissey bestreitet darin zahlreiche Passagen, die ihn im Zuge des veröffentlichten Interviews vom 18. November als zündelnden Demokratieverräter und Sexismus-Verharmloser brandmarken. Seiner Bitte um Veröffentlichung des ungekürzten Interviews im Audio-Format habe man nicht nachkommen wollen, klagte er.

Das Magazin reagierte nun, vielleicht tatsächlich nach einiger Bedenkzeit, da es "aus unserer Sicht selbstverständlich ist, dass im Spiegel veröffentlichte Interviews keine falsch oder irreführend wiedergegebenen Zitate enthalten", so der Begleittext zum Audio-File. Morrissey scheint damit der große Verlierer dieses öffentlichen Muskelspiels zu sein, denn tatsächlich sind die meisten gedruckten Sätze in der Gesprächssituation auch tatsächlich so gefallen. Den Unmut des Sängers kann man nach Begutachtung des Audio-Files dennoch in Teilen nachvollziehen. Doch der Reihe nach.

Erhält man als Journalist ein Interview mit einem bekannten Künstler, noch dazu einer Pop-Legende, die weltweit nur eine Handvoll Interviews gibt, ist man um eine gute Gesprächsatmosphäre bemüht. Die Spiegel-Mitarbeiterin Juliane Liebert ist in diesem Punkt äußerst engagiert, sie scherzt gleich zu Beginn mit dem Künstler, sie lässt den Namen Oscar Wilde fallen, es wird geschmunzelt, aufgewärmt, die Atmosphäre ist locker und herzlich und wird es die gesamten 40 Minuten über bleiben. Selbst wenn sie mehrfach mit einem gedehnten "Let me see" ihre Anschlussfragen sucht oder in teilweise erschreckend bescheidenem Unterstufenenglisch Fragen formuliert, bleibt Morrissey locker. Er ist seit 1983 dabei, er kennt das alles. Und Liebert scheint ihm wohlgesonnen, wozu also sich aufregen?

Man habe ihr mitgeteilt, Politik sei als Gesprächsthema nicht erwünscht, legt sie gleich die Karten auf den Tisch, was angesichts seines wohl politischsten Albums "Low In High School" natürlich eine sensationell unsinnige Anweisung darstellt. Aber er, Morrissey, könne ja missliebige Fragen einfach von vornherein ablehnen. Kein Problem. Dann nimmt das Gespräch seinen Lauf. Morrissey hat nie gesagt, Donald Trump töten zu wollen? Doch. Liebert stellt die freilich suggestive Frage und der Sänger antwortet: "Für die Sicherheit und im Interesse der Menschheit würde ich es tun." Konjunktiv, klar, aber er sagt es.

Und so geht es weiter. Ja, er nennt den Holocaust im Bezug auf Tier-Schlachthöfe. Mal wieder. Das Interview ist zunächst gut und fair übersetzt, auch wenn viele Details weggelassen werden, was aber journalistischer Praxis entspricht. Schwierig wird es, wenn dadurch der Kontext verändert wird. Aufgrund der nachhörbaren Themenvielfalt entsteht tatsächlich im Laufe des Gesprächs der Eindruck, der Spiegel habe sich bei seiner Veröffentlichung bewusst auf die polarisierenden Themen konzentriert.

"Mark E. Smith ist schwierig"

Das Tier-/Schlachthaus-Thema ist im Original etwa viel länger, Morrissey erklärt die Zusammenhänge zwischen Fleischkonsum und Umweltzerstörung. Auch Liebert scheint das Thema zu interessieren, sie fragt beflissen nach, ob er in einer Welt ohne Schlachthöfe alle Tiere gern freilassen würde (Antwort: Alle Lebewesen sollten frei sein und es gäbe gar nicht so viele Tiere ohne die Fleischindustrie, daher auch weniger Probleme). Für die Printausgabe scheinbar zu uninteressant.

Auch nicht veröffentlicht: Sein Lamentieren über das Ex-Label Harvest, die Lobeshymnen auf den aktuellen BMG-Chef Korda Marshall, die Gründe dafür, warum seine Autobiographie nicht auf deutsch erschienen ist ("zu hohe Verlagsforderungen") oder wie er The Fall-Sänger Mark E. Smith findet ("Schwierige Person. Er mag niemanden und verteilt nie Komplimente. Toller Texter.). Die beste Stelle eigentlich: Es gibt Menschen, die sogar Morrissey schwierig findet. Ob er mitgekriegt hat, dass Smith gerne mal auf Eichhörnchen schießt? Zu Recht nicht veröffentlicht: Die Lobeshymnen des Künstlers auf seine soeben aufgenommene Platte.

Journalistin wähnt Morrissey in Sicherheit

Dann die heiklen Passagen: Ja, Morrissey hält die EU für ein deutsches Imperium, er findet, dass Eltern darauf achten sollten, welche Schlafzimmer ihre jugendlichen Kinder betreten und sagt den schlimmen Satz, Kevin Spacey sei im Zuge der #metoo-Bewegung unnötig attackiert worden. So krude und hanebüchen man solche Aussagen auch finden mag: Gerade bei einem bekanntlich exzentrischen, nostalgiegetriebenen und sicher auch rückwärtsgewandten Mann wie Morrissey muss der Journalist thematisch und sprachlich absolut auf der Höhe sein, muss unklare Antworten sofort als solche erkennen und zur Sprache bringen. Liebert ist dieser Aufgabe nicht gewachsen.

Sie fragt auch nicht so hart nach, wie es das Printinterview vorgibt ("Die was? Hauptstadt der Vergewaltigung?"), sondern gibt Morrissey vielmehr stets das Gefühl, mit ihm einer Meinung zu sein. Daraus resultiert ein Deutungskonflikt, der zwischen realem Gespräch und veröffentlichtem Transkript nun nachweisbar ist. Er erklärt sicher nicht Morrisseys Leugnen der getätigten Aussagen, wohl aber seine Enttäuschung und Wut bezüglich der Spiegel-Veröffentlichung. Im Printinterview klingt Morrissey wie ein rassistischer Wutbürger, im Gespräch wie ein im Elfenbeinturm des Ruhms gefangener Narzisst.

Verlierer auf beiden Seiten

Schließlich auch noch ein Übersetzungsfehler: Morrissey nennt aufgrund der offenen Grenzen nicht Berlin die "Vergewaltigungshauptstadt", sondern er sagt "Germany". Wenn er es wörtlich meint, könnte er damit auch auf die Kölner Silvesternacht anspielen, in der Hunderte Frauen zum Jahreswechsel 2015/2016 inmitten überwiegend ausländischer Männergruppen sexuell belästigt und ausgeraubt wurden. Oder er bezieht es konkret darauf, dass Angela Merkel im Sommer 2015 sagte, sie werde Flüchtlinge nicht abweisen, wodurch diese vermeintlich unter falschen Tatsachen hergelockt und dann aufgrund ihrer Rückführung im metaphorischen Sinne "vergewaltigt" wurden.

Den größten Patzer begeht der Spiegel aber beim Absatz über Multikulturalismus. Im Print-Interview steht das Zitat: "Ich will, dass Deutschland deutsch ist. Ich will, dass Frankreich französisch ist. Wenn man versucht, alles multikulturell zu machen, hat man am Ende gar keine Kultur mehr. Alle europäischen Länder haben viele, viele Jahre für ihre Identität gekämpft. Und jetzt werfen sie sie einfach weg. Ich finde das traurig." Nicht gedruckt wurde Morrisseys Satz: "Wenn du in die Türkei gehst, erhoffst du dir eine bestimmte Erfahrung. Wenn dort alle spanisch sprechen würden, wäre das doch komisch. Und das gilt auch für Deutschland und Frankreich. Es ist irgendwie sonderbar" ("peculiar").

Am Ende stehen auf beiden Seiten Verlierer. Der Musiker, der einen verbitterten Krieg gegen ein Medium anzettelt und getätigte Aussagen leugnet. Und ein Magazin, dessen Journalistin die situativen und sprachlichen Eigentümlichkeiten eines der exaltiertesten Künstler unserer Zeit nicht adäquat in Schriftform übertragen konnte.

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Morrissey

Morrissey,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Morrissey,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Morrissey,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Morrissey,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Morrissey,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Morrissey,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Morrissey,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Morrissey,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Morrissey,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Morrissey,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Morrissey,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Morrissey,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Morrissey,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Morrissey,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Morrissey,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Morrissey,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig)

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14 Kommentare mit 15 Antworten

  • Vor einem Monat

    Kannte den Künstler vor diesen ganzen Interviewskandalen gar nicht.

    Juckt also wie nicht vorhandene Schuppfenflechte.

  • Vor einem Monat

    Die gute Frau wirkt teilweise wirklich etwas verloren. Offensichtlich ist sie wenig mit diesem Künstler vertraut und obendrein hätte sie mit solchen Englischkenntnissen jemand anderen das Interview überlassen sollen. Und wenn man sich dann letztendlich mal die reißerische Überschrift des Interview-Artikels vor Augen führt, muss man sagen, dass das Audio File eher dem guten alten Morrissey entgegen kommt. Ein Mann, der - zugegeben - alles daran setzt, missverstanden zu werden.

  • Vor einem Monat

    Ich weiß net wie der Satz "Wenn du in die Türkei gehst, erhoffst du dir eine bestimmte Erfahrung. Wenn dort alle spanisch sprechen würden, wäre das doch komisch. Und das gilt auch für Deutschland und Frankreich. Es ist irgendwie sonderbar" die Aussage besser macht, dieses ganze überfremdungs/Verlust der Kultur gelaber, des is doch exakt des gleiche unbegründete gejammere wir die afd spasten betreiben... Klar, morgen verlernen wir alle deutsch und wissen nicht mehr wie man Bier braut, n Weihnachtsbaum aufstellt oder n asylheim anzündet oO was n bullshit...

  • Vor einem Monat

    Morissey-Apologetik galore.
    Morissey tätigt all die zitierten Aussagen, lügt erwiesenermaßen und trotzdem ist das ja alles verständlich, da er eben " ein im Elfenbeinturm des Ruhms gefangener Narzisst" ist und kein "rassistischer Wutbürger".
    Die Autorin wandelt je nach gusto zwischen "Unterstufen-Englisch" und manipulativer Verführerin, die zu begriffsstutzig ist, "die situativen und sprachlichen Eigentümlichkeiten eines der exaltiertesten Künstler unserer Zeit" richtig zu deuten.
    Das absolute Highlight: "Oder er bezieht es konkret darauf, dass Angela Merkel im Sommer 2015 sagte, sie werde Flüchtlinge nicht abweisen, wodurch diese vermeintlich unter falschen Tatsachen hergelockt und dann aufgrund ihrer Rückführung im metaphorischen Sinne "vergewaltigt" wurden."
    Alles klar:D

    Man muss sich nur mal vorstellen, es wäre um den Xer o.Ä. gegangen, dieser Verteidgungs- und Erklärungsreflex ist ja schon als pathologisch zu beschreiben.

    • Vor einem Monat

      Finde auch, dass der Typ 1:1 dieselben - sogar im Wortlaut größtenteils - dumpfbäckischen Aussagen tätigt, wie es alt-right Jockel weltweit die letzten Jahre getan haben. Ich lese das so circa wöchentlich im Internet.

      Das Einzige, was man der Interviewerin vorwerfen kann, ist, dass sie die Gelegenheit verpasst hat, ihn am Nasenring durch die Manege zu führen. Oder anders gesagt: Sie hätte da etwas vorbereiteter und gefasster rangehen können, womöglich sollen.

  • Vor 29 Tagen

    "Und Liebert scheint ihm wohlgesonnen ... " ist Unterstufendeutsch. "Wohlgesinnt" heißt das korrekt.