laut.de-Kritik

Der entscheidende Schritt in Richtung Apokalypse.

Review von

Lange bevor sich Al Jourgensen und Ministry mit letzten, allerletzten, allerallerletzen und jetzt mal ehrlich allerallerallerletzten Albumankündigungen zum Affen machten, schien der Stern der Industrial-Combo ganz hell und leuchtend. Zu verdanken war dies "Psalm 69", dem Highlight der Ministry-Diskografie, ohne das der Industrial-Metal heute ein anderer wäre.

Von der Bandgründung bis zu diesem Output des Sommers 1992 legten Jourgensen und sein damaliger Buddy Paul Barker bereits einen langen Weg zurück. Vom Synthiepop über den Darkwave-Umweg landeten die beiden mit ihrem Flaggschiff in düsteren Gefilden. Schon die beiden Vorgänger "The Land Of Rape And Honey" und "The Mind Is A Terrible Thing To Taste" deuteten an, in welche Richtung Ministry zu gehen gedachten, aber erst das Opus "Psalm 69" brachte alles ans Tageslicht.

Jetzt wurde bis hierher schon so viel über 'Licht' gefaselt, dabei könnten die vorliegenden neun Songs nicht weiter weg vom hellen Glanz der Sonne liegen. Das zeigt schon die Covergestaltung. Ein Engel, der die Arme ausbreitet. Nur leider sehen wir ihn von hinten. Rettung ist keine in Sicht, wenn sich schon die Sendboten des Herrn abwenden. Und genau so schaut es auf dem fünften Studioalbum aus.

Der Titel besitzt einen direkten Bezug zu Aleister Crowley und seinem "Book Of Lies". Das Kapitel 69 trägt den Namen "The Way To Succeed — And The Way To Suck Eggs". Mit dem Okkultisten teilte sich Jourgensen auch sein Faible für Heroin, was thematisch im Epos "Just One Fix" unterkommt. Hier mischte sogar William S. Burroughs mit, der neben einem Gastauftritt auch ein Sprachsample und das Cover der Single beisteuerte.

Wie Ministry Elektronik mit Metal vermählten und mit Samples, Loops und Satzfetzen aus Film-Dialogen garnierten, suchte damals seinesgleichen. Jourgensen und Barker gaben dem Genre anno 1992 den entscheidenden Kick. Mit synthetisch erzeugtem Drone-Noise kam man nicht mehr weiter, um eine musikalische Umgebung um die Themen Korruption, Drogen, Gewalt und Heuchlertum aufzubauen. Also benutzten Barker und Jourgensen meterhohe Gitarrenwände, um ihre Apokalypse zu entfesseln.

Und diese kommt schon nach den ersten Böllerklängen von "N.W.O." munter in Fahrt. Hier hören wir zum ersten Mal in der Ministry-Geschichte einen Bush-Präser mittels eingebautem Sample. Auf einem treibenden Bass- und Schlagzeug-Fundament sägt die Gitarren-Fraktion blutige Schneisen. Mit Noise-Versatzstücken und polternden Breaks entsteht eine Stimmung, als ob die Zenobiten aus "Hellraiser" eine launige Gute-Nacht-Geschichte vorlesen würden.

Neben diesem Brecher sind auf "Psalm 69" absolute Genre-Klassiker zu finden. Das bereits erwähnte "Just One Fix", das die musikalische Essenz von Rammstein in einem Song erklärt, gehört zum festen Inventar jeder Heavy-Disse wie auch der ungekrönte König des Industrial, der Kaiser des Pogo, der Herrscher über den Moshpit, Ladies And Gentleman: "Jesus Built My Hot Rod".

Es gehört zur Ironie dieses Albums, dass ausgerechnet dieser Track zu einem Überflieger mutierte. Die Vocals steuert Gibby Haines von den Butthole Surfers bei, der dem Vernehmen nach voll bis unter die Hutschnur auf einem Stuhl saß, um den Text einzu ... ja was eigentlich? Egal. Die epischen Zeilen "So there was only one thing that I could do / ding a ding dang my dang a long ling long" und drei Schläge auf der Snare eröffnen den Wahnwitz aus Speed, in dem Haynes sich wie ein Derwisch seinen Text zusammen faselt und kaum hinter dem thrashigen Tempo hinterher kommt.

Nach diesem Speed-Flash folgt mit "Scarecrow" eine sträflich vernachlässigte Perle der gesamten Ministry-Geschichte. Maschinell im wahrsten Wortsinne stampfen die Drums dahin, während Jourgensen in völliger Pein seine Lyrics über die Vogelscheuche auskotzt. Die Melodie des Tracks basiert auf dem Revolting Cocks-Song "Razor's Edge", den Jourgensen in Perfektion weiter ausarbeitete, die Drum-Patterns haben Ähnlichkeiten mit "When The Levee Breaks". Zwischen all die Hochkaräter mischen sich noch zwei weitere Songs: Bei "TV II" skandiert Jourgensen in einem endzeitlichen Gospel wie ein wildgewordener Anti-Pope seine Phrasen sowie das relativ gesetzte "Hero".

Die Emotionen, die dieser Negativ-Trip erzeugt, siedeln sich irgendwo zwischen Splatter-Movie und Horror-Shooter an. Nur blöd, dass weit und breit kein Controller in Sicht ist. Den hält nämlich Onkel Al in Händen: Hereinspaziert und Vorhang auf für die Ouvertüre zum Weltuntergang. Der Titeltrack zelebriert ganz großes orchestrales Schauerkino. Nachdem der Pfarrer die Gemeinde auffordert, die Gebetsbücher zu öffnen, erschallt das, was man sich auch als Soundtrack zum Eintritt durch die Pforten der Hölle ausmalen könnte. Wenn nach dem schleppenden und orchestralen Part die Gitarren wieder das Tempo anziehen, bellt Jourgensen bitterböse Lyrics über den christlichen Glauben und seine Würdenträger ins Gesicht. Danach ist man eigentlich erst einmal bedient.

Aber Pause machen gilt nicht, denn die beiden Industrial-Brecher "Corrosion" und "Grace" laden zum finalen und grindigen Kehraus. Skizzenhaft planieren sie den Rest dessen, was Jourgensen und Barker an Trümmern übrig gelassen haben. Maschinenmusik meets Metal. Die perfekte Symbiose dieser lieblichen Teile zelebrieren Ministry anno 1992 par excellence. Wer an Industrial Gefallen findet, kommt an diesem Opus Diaboli einfach nicht vorbei.

Und da Al Jourgensen gerne mit Metaphern und Symbolen verschiedener Verschwörungstheorien spielt, müsste man sich eigentlich tiefergehende Gedanken machen, wieso "Psalm 69" ausgerechnet in Deutschland in die Charts eingestiegen und bis auf Platz 69 geklettert ist.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. N.W.O.
  2. 2. Just One Fix
  3. 3. TV II
  4. 4. Hero
  5. 5. Jesus Built My Hot Rod
  6. 6. Scarecrow
  7. 7. Psalm 69
  8. 8. Corrosion
  9. 9. Grace

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LAUT.DE-PORTRÄT Ministry

Al Jourgensen ist ein umtriebiger Wicht. Mit Ministry, Revolting Cocks, Lard, Acid Horse, 1000 Homo DJs, PTP, Pailhead, Buck Satan, W.E.L.T., Special …

24 Kommentare mit einer Antwort

  • Vor 9 Monaten

    Is das ding Vergleichbar mit Reznors Abwärtsspirale? Falls ja, landet das Album direkt im Einkaufswagen!

  • Vor 9 Monaten

    @PKingEnte (« Is das ding Vergleichbar mit Reznors Abwärtsspirale? Falls ja, landet das Album direkt im Einkaufswagen! »):

    Das Ding ist ein Klassiker. Da kann man garnichts falsch machen wenn man sowas auch nur ein bisschen mag.

  • Vor 9 Monaten

    Klassiker - ja, aber eigentlich ist es nur eine konsequente Weiterentwicklung der beiden Vorgänger - wird im Text auch gesagt. Als eigentlichen Meilenstein von Ministry hätte ich trotzdem "The Mind Is A Terrible Thing To Taste" auserkoren, als die Band ihre Kreativität, die "Land Of Rape And Honey" hervorgebracht hatte, besser unter Kontrolle hatte und das kommerzielle Potenzial noch nicht vernünftig abschätzen konnte, was bei "Psalm 69" schon an der einen oder anderen Stelle zu spüren war.
    Aber trotzdem eine nachvollziehbare Wahl.
    Gruß
    Skywise

  • Vor 9 Monaten

    Ich fordere folgende Steine:

    Quicksand-Slip
    Sleep-Dopesmoker
    Daniel Johnston-alles
    John Frusciante-Smile from the streets you hold
    Palace Music-Lost Blues Other Songs

  • Vor 9 Monaten

    Stimme ich zu Quicksand und vor allem Sleep vollkommen zu.

  • Vor 9 Monaten

    @freddy (« @Skywise («
    Wie wär's passend zu den Temperaturen mit leichter Lektüre und einer weiteren Kategorie, einer Art "Anti-Meilensteine", "Evolutionsbremsen" oder wie man sie auch immer nennen mag, in denen die Laut-Redakteure ihre schlimmsten Prä- und Post-Jugendsünden offenlegen?
    Warum stelle ich mir eigentlich gerade den Plattenschrank von Herrn Fromm vor, in dem ganz hinten ein mittlerweile ungeliebtes, aber sicher einstmals häufig gespieltes Exemplar von Aquas "Aquarium" sein Dasein fristet? :-D »):

    sorry, die hab' ich wirklich nicht. da ganz hinten steht aber tatsächlich eine lp von pur. damals stand ich, fürchte ich, unter ganz schlechtem einfluss. :whiz: »):

    Wei.. die hätte man doch längst mal wegschmeißen können. Finde es immer wieder extrem befremdlich wenn ich irgendwo Musik-Regale durchforste und auf solche Geschmacklosigkeiten treffe.
    @topic: Meilenstein geht ok, auch wenn 9 Songs eigentlich (!) eine Frechheit sind.