19. August 2013

"An 'Staub' bin ich verrückt geworden"

Interview geführt von

Zehn Jahre mache er das jetzt schon, merkt Maxim nach unserem Gespräch an - und untermauert damit noch mal den hohen Stellenwert seines insgesamt vierten und allerersten Majoralbums "Staub". Kein Geheimnis macht er aus dem Erfolgsdruck, der nach all der Detailarbeit, all dem kreativen Input und auch all den Kosten auf der Veröffentlichung lastet.

Mittlerweile steht fest, dass Maxim nicht nur der lange Anlauf in Form der "Meine Soldaten"-Single, sondern auch der endgültige Absprung glückte: "Staub" verkaufte sich sehr ordentlich und landete auf Platz zehn der Albumcharts. Doch bei unserem Interview in einem umfunktionierten AStA-Büro der Heinrich-Heine-Universität stand sein bisher wegweisendster Release gerade unmittelbar bevor.

Wie lief der Gig?

War schön, ich fands super. Ein paar kleine Fehlerchen waren drin, wie immer.

Und das Wetter war ausbaufähig.

Ach, das Wetter ist egal. Das macht nichts. Manchmal hast du 'nen Supergig, aber alle sind besoffen und schreien "La Paloma" rum, dann hast du da auch nichts zu suchen. Dann hast du einen bei Scheißwetter, aber alle sind gut drauf. So wie heute.

Die Band, die heute mit dir auf der Bühne stand - hört man die so auch auf der Platte? Oder spielen auf "Staub" Studiomusiker?

Nee, nur teils. Es ist unterschiedlich. Lukas, der Drummer, hat beispielsweise "Wut" eingespielt und der Keyboarder Marvin "Vielleicht In Einem Anderen Leben". Aber im Großen und Ganzen findet die Band nicht auf dem Album statt. Studiomusiker aber auch nicht wirklich. Es gab ja drei unterschiedliche Produzenten. Farhot hat zum Beispiel immer seinen eigenen Drummer, die Keys hat er selbst eingespielt, die Gitarren meistens ich. Jochen Naaf aus Köln spielt alle Instrumente selbst. Und Thilo "Teka" Jacks spielt auch Gitarre und Klavier. Ansonsten waren das einfach Musiker, mit denen man arbeiten wollte.

Die Setlist dominierte ganz klar das Material der neuen Platte, ansonsten gabs nur zwei alte Songs zu hören. Gestaltet ihr das bewusst so, um "Staub" zu promoten? Oder habt ihr keine Lust mehr auf die alten Sachen?

Ach, was das angeht, bin ich einfach ein bisschen rigoros. Man macht eine Platte, damit man mit ihr auf die Bühne geht. Und es muss ja weiter gehen. Zudem kannten mich vorher sowieso nicht so viele Leute. Daher will ich jetzt einfach das neue Album spielen, weil es mir am meisten Spaß macht. Das ist einfach egoistisch.

Wie ist deine Gefühlslage zum Release? Aufgeregt?

Ja, ich hab' Angst. (lacht) Ich freu mich natürlich auch drauf, aber ich hab Angst, klar.

Speziell bei dem Release, weil es das erste Majoralbum ist? Oder geht das jetzt zum vierten Mal so?

Beim letzten Mal wars sehr entspannt. Denn das Album ist so daher getröppelt, muss man sagen. Wir haben ja zuerst drei EPs gemacht, die noch mal zusammengefasst und mit zwei zusätzlichen Songs ein Album rausgebracht. Ich war währenddessen aber schon mit dem jetzigen beschäftigt. Ich wusste: Es geht nicht um die Platte, sondern eigentlich um die, die danach kommt. Und von der noch keiner weiß. Daher war "Asphalt" für mich so ein Zwischenschritt, den ich ganz entspannt beobachten konnte. Ich war da einfach nicht so gestresst.

An "Staub" bin ich hingegen verrückt geworden. Da steckt so viel Herzblut drin. In dem vorherigen auch, aber auf eine andere Art und Weise. "Staub" war aber wieder so ein Album, für das ich das Letzte gegeben habe, was ich geben kann. Und dann ist man natürlich aufgeregt. Denn danach war wirklich Flasch' leer. Da war nichts mehr, ich hätte nichts mehr schreiben oder verändern können. Wir haben alles getan, was geht. Dann müssen halt die Leute entscheiden.

An dieser Stelle bricht die Handy-Aufzeichnung ärgerlicherweise ab. Der Rest unseres langen Gesprächs in Düsseldorf fällt einer beschädigten Speicherkarte zum Opfer. Wir führen das Interview ein paar Wochen später am Telefon weiter.

Deutscher Reggae: Nicht tot, aber im Wachkoma.

Kannst du aktuell eigentlich von der Musik leben?

Ja, kann ich. Mittlerweile kann ich das ganz gut. Als ich anfangs als Backgroundsänger bei Nosliw gesungen habe, konnte ich auch schon davon leben. Damals brauchte ich aber auch noch sehr wenig Geld. Dann kam die zweite Platte, mit der ich ja quasi noch mal von vorne angefangen habe. Da wurde es dann immer knapper. Aber seit einem Jahr ist es eigentlich wieder okay.

Wie kam es denn dazu, dass "Staub" jetzt bei Warner Music erschien?

Mein A&R Norbert Rudnitzky kennt mich schon seit der ersten Platte und hat das alles verfolgt. Als die erste Teil-EP von "Asphalt" draußen war, hat er gemeint, jetzt müssen wir mal ernsthaft drüber sprechen. Und dann haben wir den Deal gemacht.

Eine Art Durchbruch stellte dann "Meine Soldaten" dar - nicht gerade eine typische Radiosingle. War eurerseits damit zu rechnen, dass sie dennoch so gut angekommen?

Nee, das konnte man so nicht absehen. Man hoffte es natürlich. Und es musste irgendwie auch erfolgreich werden. Man gibt für ein Album ja Geld aus, das man auch irgendwie wieder einspielen muss. Aber man konnte nicht damit rechnen, dass das auf so gut funktioniert.

In unserem verschollenen Interview hast du erklärt, dass das Reggae-Genre für dich ziemlich tot ist.

Es gibt für mich nach wie vor interessante Reggae-Sachen, zum Beispiel die Black Seeds oder Fat Freddy's Drop. Ich interessiere mich schon auch dafür, was diese ganzen Major Lazer-Typen da veranstalten. Aber es sind nur noch so einzelne Bands, keine ganze Szene mehr, aus der ich alles höre. Was deutschen Reggae angeht: Da gibt es halt ein paar Köpfe, die ein bisschen was machen. Aber viel geht da nicht mehr, das kann man schon sagen. Wenn ich 'tot' gesagt habe, finde ich das zu krass. Aber es ist auf jeden Fall ein Wachkoma.

Und du brauchst es auch nicht mehr?

Es ist halt auch eine inhaltliche Komponente. Es passiert ja überall, auch im Pop, aber besonders im Reggae, dass die Leute lyrisch schnell in irgendwelche Floskeln verfallen. "Halt' durch" und so was. Das ist eben nicht so mein Ding - nicht nur auf Reggae bezogen, sondern grundsätzlich. Gerade deutschsprachig gibt es jedenfalls kaum Reggae-Sachen, die mich textlich krass mitnehmen. Nosliw hat ja auch ein Weilchen keine Platte mehr gemacht. Ansonsten finde ich Slonesta ganz cool. Aber es ist nicht wirklich ein Poet dabei. Peter Fox vielleicht, aber das ist auch kein Reggae mehr.

Gab es denn einen bestimmten Zeitpunkt, an dem du dich im Hinblick auf dein eigenes Schaffen bewusst davon abgewandt hast?

Auf jeden Fall, vor dem "Asphalt"-Album haben wir diese Entscheidung getroffen. Vorher haben wir uns noch überlegt, wie wir das vermischen können, meine Gitarrenlieder und diesen Reggae-Aspekt. Vor "Asphalt" haben wir dann beschlossen, dass wir diesen Versuch nicht mehr wollen, sondern die Lieder einfach so lassen, wie sie sind. Das war schon eine Art Erleuchtung für uns. Da war auch schon klar, dass es beim darauffolgenden Album so weiter gehen wird.

Jeder hat ja persönliche Einflüsse, die letztlich zu einem gewissen Stil führen. Welche sind das bei dir? Du hast beispielsweise den Namen Portishead genannt.

Ja, Portishead waren auf jeden Fall wichtig. Auch James Vincent McMorrow hat mich im letzten Jahr inspiriert. Aber es ist einfach zu schwer, so was zu sagen. Es gibt einige Sachen, die mich von Anfang sehr inspiriert haben und derart in mein Schaffen hineinwirken, dass ich es gar nicht weiß. Man kann auch nicht sagen, dass Portishead das Soundbeispiel war. Das haben wir uns mal zusammen mit den Produzenten angehört und fanden es ganz passend. Aber wir haben das nicht als Schablone verwendet. Bob Dylan hat mich zum Beispiel einfach als Songwriter beeinflusst - so wie fast jeden Songwriter. Die meisten Sachen kann ich aber gar nicht benennen. Das ist einfach ein Brei, der irgendwo in mir drin ist. Die einzelnen Zutaten sind da nicht mehr rauszuschmecken.

"Herbert Grönemeyer ist großartig"

Gibt es denn andere deutsche Singer/Songwriter, die du dir gerne anhörst?

Ja, die gibt es natürlich. Wobei sich natürlich die Frage stellt, was man unter dem Begriff versteht. Gisbert zu Knyphausen mag ich gerne. Wir Sind Helden finde ich cool. Ich sag jetzt einfach mal, dass das auch Singer/Songwriter sind. Für mich ist das einfach einer, der sich hinsetzt und an einem Instrument seine Songs schreibt. Und da fällt dann wiederum auch Herbert Grönemeyer mit rein, den ich auch großartig finde. Oder auch Sophie Hunger, die zwar meistens auf Englisch, aber manchmal ja auch auf Deutsch singt. "Walzer Für Niemand" ist eines der geilsten deutschen Lieder überhaupt.

Soundtechnisch habt ihr euch ja bewusst davon abgegrenzt. Gab es dafür bestimmte Ansatzpunkte, wie etwa die getriggerten Drums?

Ja, aber das ist natürlich auch ein bisschen dahin gewachsen. Wir haben nicht von vornherein gesagt, dass wir nur getriggerte Drums verwenden. Am Anfang haben wir sogar eine analoge Bandaufnahme gemacht - ich mit meinem Trio. Davon ist es aber immer mehr weggerutscht. Weil wir gemerkt haben, dass es viel interessanter wird, wenn wir soundmäßig richtig frickeln und programmieren.

Einen Song wie "Staub" kannst du beispielsweise auch einfach auf dem Klavier machen, die Streicher dazu und dann wird das halt ein guter Song. Aber wir haben stattdessen krasse Drums zusammengeballert, aus tausend verschiedenen Samples. Und das macht so ein Lied dann im Endeffekt auch aus. Der klassische Ansatz ist ja immer da, wenn ich einen Song schreibe. Aber die Instrumentierung ist eben nicht so klassisch.

Wir sind Helden hast du bereits erwähnt: Einen Teil der Album-Lyrics hast du gemeinsam mit Judith Holofernes geschrieben. Wie ist denn der Kontakt zustande gekommen?

Der Kontakt kam übers Booking zustande, wir sind bei derselben Agentur. Da habe ich einfach angefragt, weil ich Bock drauf hatte, und dann hat das geklappt. Bei drei Songs bin ich mit meiner Vorlage zu Judith gegangen und wir haben an den Strophen gefeilt. Die Refrains haben wir eigentlich nie angerührt. Aber in den Strophen haben wir hier und da Wörter verdreht, ersetzt und so weiter.

Wie kam es dazu, dass Tua den genialen Remix zu "Meine Soldaten" produziert?

Das lief ähnlich ab. Als klar war, dass das die Single wird, stellte sich die Frage, wer den Remix macht. Ich habe gesagt: Wenn den einer macht, dann Tua. Ich hatte das in dem Lied bereits gehört. Ich hatte noch nie mit ihm gesprochen, aber wusste, dass das perfekt passt, sofern ihm der Song auch gefällt. Er hatte dann Bock und als der Remix ankam, war daran auch nichts mehr zu ersetzen oder so. Das war einfach: Alles klar, wow! Jetzt noch mastern und fertig. Wobei wir sogar sein Master hätten nehmen können. Der Typ ist schon krass.

Auf jeden Fall. Wobei es mich echt gewundert hat, weil man deinen Stil so gar nicht mit seinem Geschmack verbunden hatte. Umso schöner.

Das freut mich auch. Da können irgendwelche Kritiker meine Musik ruhig kritisieren. Das Geile ist, dass ein Tua sagt, das sei ein geiler Song. Oder dass eine Cäthe einfach "Meine Worte" covert. Da müssten manche Kritiker ja total ausrasten. (lacht)

Die kanntest du also auch nicht persönlich?

Nee, wir haben mal ein paar E-Mails hin- und hergeschrieben. Aber ich habe sie noch nie getroffen. Die hat das einfach gecovert, weil sie Bock drauf hatte. Und auf einmal lief es bei TV Noir.

In unserem Interview kurz vorm Release haben wir bereits über deine Gefühlslage gesprochen. Jetzt kann ich ja fragen: Wie fühlt man sich denn danach? Glückwunsch noch zum Top Ten-Einsteig. Was bedeutet er dir?

Es ist natürlich super, wenns klappt. Man arbeitet Ewigkeiten an so einer Platte, hat aber keine Ahnung, was die Leute davon halten. Wir hatten natürlich durch "Meine Soldaten" schon einen Eindruck. Aber man weiß ja nie, ob die Leute dann auch die Platte kaufen. Daher ist Platz zehn natürlich super. Wir hatten schließlich auch eine krasse Woche. Mit Xavier Naidoo, Tim Bendzko, Sportfreunde Stiller, Queens Of The Stone Age, Zaz, DSDS und so weiter. Demnach war es echt heftig, dass wir es auf die Zehn geschafft haben. Ein krasses Gefühl. Ich habe auf jeden Fall gezittert, als ich das von meinem Produktmanager gehört habe.

Und schau mal, wir haben nicht das ganze Land vollplakatiert. Wir hatten auch keine Fernsehwerbung bei ProSieben. Klar haben wir auch Marketing gemacht. Aber eben Marketing, das für einen Newcomer Sinn macht. Keine vollgeklebten Hauswände, sondern eine starke Single und ein paar Koops. Das muss man erst mal hinkriegen. (lacht)

Und die Leute nehmen es auch gut auf? Wie laufen die Konzerte seither?

Alles cool, super. Wir hatten auch dieses Bauhaus-Konzert, das war grandios. Die Band ist fit. Im Oktober kommt dann die richtige Tour, im Moment spielen wir ja fast nur Festivals.

Hast du schon einen Plan für die nächsten zwölf Monate? Weißt du schon, wann und wie die nächste Platte entsteht?

Erst mal stehen noch wahnsinnig viele andere Sachen an. Konzerte, eine neue Single, irgendwann noch mal eine Single, dazugehörige Videodrehs. Die ganz krasse Promophase, in der ich von Radiosender zu Radiosender fahre, ist jetzt aber vorbei. Ich kann mich zumindest langsam hinsetzen und wieder Songs schreiben. Ich denke, in zwei, drei Monaten werde ich mich mit Rootdown, meinem Management, hinsetzen und einen Plan schmieden. Etwa, bis wann ich zehn bis fünfzehn Songs für die nächste Platte geschrieben haben sollte.

Weiterlesen

LAUT.DE-PORTRÄT Maxim

Sich aus einer Schublade zu befreien, in der man gelandet ist, fällt äußerst schwer. Ein einmal aufgeklebtes Etikett bleibt hartnäckig haften, auch …

4 Kommentare mit 2 Antworten