laut.de-Kritik

Wattig verträumter Elektropop mit Dubstep- und R'n'B-Einschlag.

Review von

Eigentlich hat sie völlig recht, wenn Ella Yelich O'Connor aka Lorde, auf die ständigen Vergleiche mit Miley Cyrus angesprochen, freimütig meint: "I find it so stupid". Und trotzdem: Den Bezug zu Cyrus kann man sich kaum verkneifen, hält man sich vor Augen, dass die gerade mal 16-jährige O'Connor mit ihrem Debüt "Pure Heroine" die vier Jahre ältere "Wrecking Ball"-Sängerin von der Billboard-Charts-Spitze gestoßen hat. Amüsierte Häme hat das genauso zur Folge wie Neugier auf die unverschämt junge Überfliegerin aus unser aller Facebook-Feed.

Über eine halbe Million Fans folgen Lorde via Social Network. Längst hat sich der Riese Universal die Neuseeländerin geschnappt. Die kommen aus dem Händereiben wohl nicht mehr raus, schaut man sich Lordes Bilanz in Sachen Chartsplatzierung an. Die Single, die Cyrus schon vom iTunes-Thron vertrieb, heißt "Royals". Obwohl nicht mal das spannendste Stück auf "Pure Heroine", schlug der Song ein wie eine Bombe: Nicht viel mehr als simpler Beat, rhythmisches Fingerschnipsen und eingängige Gesangslinie reichten für Dreifachplatin in ihrem Heimatland. Gerade die Einfachheit in Struktur und Ausstattung übt eine unbestreitbare Faszination aus, die sich durch das Gesamtwerk zieht.

Denn ganz ähnlich funktionieren im Prinzip allen Songs auf dem Erstling: Mit einfachsten Mitteln, die sich meist auf reduzierte Synthieklänge und dezidiert dominante, schmucklos gehaltene Beat- und Rhythmusfraktion mit Handclaps, Schellenkranz und Snaps beschränken, kreiert Lorde infektiöse Slow-Pop-Hymnen. Die Sängerin hat sich, in Zusammenarbeit mit ihrem Produzenten Joel Little, offenbar die Soundcharakteristika ehemaliger Underground-Künstler von Burial über The xx bis Blake angehört und zu Eigen gemacht. Diese nutzt sie nun für ihren wattig verträumten Elektropop mit dem genau richtigen, derzeit äußerst beliebten Dubstep- und R'n'B-Einschlag.

So verknüpft sie geschickt und scheinbar spielend leicht Elemente der Indie-Musik-Kultur mit schamlos schlichten Mainstream-Komponenten. Dabei könnte man sie gewissermaßen als eine Art Mittlerin zwischen leicht Abseitigem und Massenhaftem verstehen: Ersteres transportiert sie scheinbar mühelos in Letzteres hinein. Man kommt nicht umhin, zu vermuten, dass trotz aller Kommerzinteressen auch ein großes Stück echte - was auch immer das genau heißen mag - Ella Yelich O'Connor in diesem Album steckt.

Nicht zuletzt, wenn man weiß, dass die Sängerin nicht einfach vorgesetzte Texte nachsingt, sondern sie selbst geschrieben hat. Nicht zuletzt, wenn man den Eindruck gewinnt, dass ihr der Entstehungsprozess ihrer Musik sehr stark selbst unterstand. Und insbesondere nicht zuletzt, wenn man unter ihren Dankesworten im Album-Inlay den folgenden Satz findet: "I poured my brain and heart into this, and maybe I'll hate it in two years, because that's the nature of being my age, but for now, it's the most powerful thing I can give."

Solch reife Einsichten finden sich auch nicht selten in ihren Lyrics. "Don't you think that it's boring how people talk?" lautet der erste Satz auf dem Album. Offenkundig schon jetzt gelangweilt vom Trubel um ihre Person, bewegen sich O'Connors Texte eindeutig über Cyrus-Niveau. Zwar zitieren auch sie oftmals das Bild eines jugendlichen Gruppenkollektivs und spiegeln teils das Lebensgefühl einer weißen, privilegierten Hedonisten-Generation wider. Gleichwohl scheint O'Connor dieser Privilegierung nicht selten misstrauisch bis kritisch gegenüberzustehen, trotz der eigenen Teilhabe daran.

Manchmal wirkt sie sogar richtig abgeklärt: "I'm kind of over getting told to throw my hands up in the air ... I'm kind of older than I was when I reveled without a care" - das könnte man, wenn man möchte, als direkten Seitenhieb auf Cyrus verstehen. Deren aufgesetzte, stupide Party-Eskapismus-Phrasen wirken doch in keinem Moment so souverän wie O'Connors Sätze.

Auch "Still Sane" scheint in diese Kerbe zu schlagen: "Riding around on the bikes, we're still sane / I won't be her, tripping over onstage ... I still like hotels but I think that'll change / Still like hotels and my newfound fame / Hey, promise I can stay good". Vergleicht man dann auch noch die optische Imagebildung der beiden Jungstars, könnte der Ansatz kaum unterschiedlicher sein: Lorde verzichtet gänzlich auf die Zurschaustellung überdrehter Körperlichkeiten. Die Frage nach dem Spielraum zwischen selbstbestimmter Auslebung von und autarkem Umgang mit weiblicher Physis und Sexualität einerseits und kommerzieller Ausbeutung derselben andererseits, wie sie kürzlich von Sinéad O'Connor und Amanda Palmer in Bezug auf Cyrus diskutiert wurde, stellt sich hier nicht. Lordes Albumcover ist Understatement pur: Künstlername und Albumtitel in Weiß vor schwarzem Hintergrund.

Jetzt aber mal Schluss mit diesem etwas konstruierten Wettbewerb der beiden Pop-Protagonistinnen. Lorde findet den heraufbeschworenen Konkurrenzkampf zwischen weiblichen Künstlerinnen sowieso fragwürdig: "It's this weird thing in pop like, 'Let's get all the females to compete'." Sie muss sich ohnehin mit niemandem im aktuellen Popzirkus vergleichen lassen.

Trackliste

  1. 1. Tennis Court
  2. 2. 400 Lux
  3. 3. Royals
  4. 4. Ribs
  5. 5. Buzzcut Season
  6. 6. Team
  7. 7. Glory And Gore
  8. 8. Still Sane
  9. 9. White Teeth Teens
  10. 10. A World Alone

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20 Kommentare mit 19 Antworten

  • Vor 3 Jahren

    So jetzt ist die 2. Single Team draussen und ich habe einen weiteren Eindruck sammeln können. Und auch dieser bestätigt, dass Lorde wieder mal maßlos overhyped ist. Das Lied ist gut, keine Frage. Aber für mich klingt es nach The naked and the famous und ist bei weitem nicht so originell oder frisch wie immer behauptet.

  • Vor 3 Jahren

    irgendwie kommt mir der song auch bekannt vor, das cover ist echt stark, aber vorsicht.

  • Vor 3 Jahren

    Also ich persönlich halte das Album für ein Meisterwerk. Wie man in so einem alter so etwas grandioses produzieren kann ist schon sehr erstaunlich. Und wenn der sound angeblich so simpel und berechenbar sich durch das gesamte Album zieht, wie vom Kritiker beschrieben, frage ich mich warum der Herr Kritiker nicht selber auf die Idee gekommen ist diese eintönigen und primitiven laute auf eine cd zu pressen. Selten habe ich ein Album gehört, wo fast durchgehend alle Lieder meinen geschmack treffen und ihren eigenen charme besitzen, trotz der eingängigkeit. Aber wie beschrieben ist und bleibt es ein Meisterwerk. Ich denke von Lorde wird man noch einiges hören.