laut.de-Kritik

Suzanne, Marianne und Co. - nie klang Sehnsucht schöner.

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Es war nicht das Verlangen nach Ruhm, Frauen oder Anerkennung, die Leonard Cohen und seine Gitarre in der zweiten Hälfte der 60er Jahre auf die Bühne trieben. Der Grund war einfach und in gewisser Hinsicht auch ehrlich: Er brauchte Kohle.

Seine jüdischen Vorfahren waren aus Osteuropa nach Kanada ausgewandert, sein Vater hatte vor seinem frühen Tod erfolgreich ein Geschäft betrieben. Schon zu Schulzeiten hatte sich Leonard als Dichter hervorgetan, veröffentlichte später zwei Romane und mehrere Gedichtsammlungen und reiste durch die Welt. Das klassische Leben eines Bohemians, stets elegant gekleidet, ermöglicht durch das Erbe seines Vaters, der ihm ein kleines monatliches Stipendium hinterlassen hatte.

Als Cohen 32 wurde, reichte das Geld nicht mehr. Gitarrespielen gelernt hatte er schon als Jugendlicher, Texte gabs zuhauf. Es lag nahe, die Welle des Folk-Revivals zu reiten, zumal Joni Mitchell 1966 seinen Song "Suzanne" gecovert hatte. Seit Ende der 50er-Jahre hatte Cohen immer wieder in New York gelebt und war eine Randfigur in Andy Warhols schrillem Sammelsurium an Künstlern und Freaks geworden. Also versuchte er sich 1967 als Solokünstler.

Mit Erfolg, denn nach wenigen Auftritten ergatterte er mit seiner ruhigen Stimme, seiner unaufgeregten Zupftechnik und seinen scheinbar einfachen, dennoch vielschichtigen Texten über Liebe, Tod und Religion einen Vertrag bei Columbia. Die Plattenfirma, der auch Bob Dylan und Simon & Garfunkel angehörten.

Doch so einfach sollte es nicht werden. John Hammond und Bob Johnston, die Produzenten der Stunde, standen nicht zur Verfügung. Also teilte man dem Neuling John Simon zu. Es war Abneigung auf den ersten Blick. Cohen wollte den Sound so einfach wie möglich halten, Simon ihn mit Bläsern und Streichern verzieren.

Das Ergebnis war ein merkwürdiger Zwitter. Cohen setzte bei der Abmischung durch, das meiste rauszuschmeißen, doch einige Instrumente waren von den Grundspuren nicht mehr zu löschen. Weshalb im Hintergrund hier ein Cembalo, dort eine Flöte zu hören sind, die so gar nicht reinpassen wollen.

Doch selbst Dieter Bohlen wäre es nicht gelungen, das schnöde betitelte "Songs Of Leonard Cohen" zu verhunzen. Die Qualität der Stücke ist einfach zu hoch.

Angefangen bei jenem Lied über eine mysteriöse Frau: "In Lumpen und Federn aus dem Benefizladen gekleidet", "halb verrückt, aber genau deshalb willst du bei ihr sein", "neben ihrer Weisheit ging Jesus unter wie ein Stein", "du weißt, sie wird dir vertrauen, denn du hast ihren Traumkörper mit deiner Seele berührt". Suzanne, die Freundin eines Freundes, ist eine der am liebevollsten besungenen Frauen der Musikgeschichte.

Die Hauptbegleitung? Eine Akustikgitarre und dazu die Akkorde E, A und ein paar einfache Barré-Griffe. Im Prinzip simpel, aber dann doch nicht, denn Cohen wechselt im Stück immer wieder die Takte. Eigenschaften, die sich auch in der Folge durch sein Werk ziehen.

Die zweite Frau des Albums, Marianne, ist Cohens damalige Lebensgefährtin. Sie ist die Frau, die auf der Rückseite seines zweiten Albums "Songs From A Room" (1969) zu sehen ist. Ein Klassiker ebenso wie die barmherzigen Schwestern, die den ziellosen Cohen eines Nachts aufnehmen, einfach so. "Ich wäre nicht eifersüchtig, wenn sie deine Nacht versüßen sollten. Wir waren keine Liebhaber, aber selbst dann wäre es in Ordnung" lauten die letzten Zeilen, die den Geist jener Zeit ausdrücken. Das einzige Gedicht, das Cohen aus dem Arm geschüttelt hat, wie er meint.

Der vierte Klassiker ist "Hey, That's No Way To Say Goodbye". "Viele haben sich vor uns geliebt, wir haben nichts Neues erfunden ... nun ist es zu Differenzen gekommen, wir müssen es aber versuchen. Deine Augen sind mit Trauer gefüllt. Das ist keine Art, sich zu verabschieden", klagt Cohen stimmungsvoll.

Doch besteht der Rest des Albums nicht aus Lückenfüllern. "Master Of Song" und "The Stranger Song" sind vielleicht etwas zu lang geraten, "Winter Lady" dagegen kaum mehr als eine Skizze. Auf "Stories Of The Street" und "Teachers" singt Cohen zu hoch, seine Stimme klingt etwas gequält. Dennoch zieht sich auch durch diese Stücke jene Sehnsucht und Wehmut, die den Reiz seiner Musik ausmachen.

Zum Schluss kommt in "One Of Us Cannot Be Wrong" auch seine Ironie zum Vorschein. "Ich zeigte mein Herz einem Arzt. Er sagte mir, ich solle damit aufhören. Dann stellte er sich selbst ein Rezept aus, in dem er deinen Namen erwähnte." Noch ein Stück, das Cohen live immer wieder ins Programm genommen hat.

In den USA war "Songs Of Leonard Cohen" kaum mehr als eine Randnotiz, in Großbritannien hielt es sich allerdings fast zwei Jahre lang in den Charts. 1969 ging Cohen mit Bob Johnston ins Studio und nahm seinen wohl bekanntesten Song, "Bird On The Wire", auf. Da besaß er schon jenen Kultstatus, den er heute noch genießt. Immerhin ist es ihm gelungen, sein ganzes künstlerisches Leben bei Columbia zu bleiben. Wie auch Labelkollege Dylan.

Dass uns Cohen im neuen Jahrtausend als Livekünstler erhalten geblieben ist, darf man wohl wieder Geldmangel zuschreiben. Nachdem er 2004 feststellen musste, dass seine langjährige Managerin fast sein gesamtes Vermögen veruntreut hatte, begab er sich 2008 wieder on the road. Wer einem seiner Auftritte seitdem beigewohnt hat, wird die Aura wohl nie vergessen, die dieser Mann in hohem Alter mit seinem demütigen, verschmitzten Lächeln noch ausstrahlt. Auch dank der Lieder, die er seit einem halben Jahrhundert in sich trägt.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Suzanne
  2. 2. Master Song
  3. 3. Winter Lady
  4. 4. The Stranger Song
  5. 5. Sisters Of Mercy
  6. 6. So Long, Marianne
  7. 7. Hey, That's No Way To Say Goodbye
  8. 8. Stories of the Street
  9. 9. Teachers
  10. 10. One Of Us Cannot Be Wrong

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