laut.de-Kritik

Das Ex-Enfant Terrible sucht die Finsternis - ein wenig.

Review von

"She went to the wishing well with her pocket full dreams" – natürlich, textlich ist das schon große Lyrik im erzählerischen Duktus von Avril Lavignes Opus Magnum "Sk8er Boi", was uns Lena Meyer-Landrut auf ihrem neuesten Album "Crystal Sky" gleich am Anfang kredenzt. "No one's ready for the girl", singt sie weiter, als wollte sie uns sagen: Die Idee ist visionär, aber die Welt noch nicht bereit.

Mit "Crystal Sky", so besagt es die Mär (oder die Presseinfo), will Lena ihre Vision von Popmusik ein Stück weiter nach vorne bringen. Dafür wäre jetzt auch eine gute Zeit: Die alten Verträge sind Vergangenheit, Popularität und Public Image natürlich auch mittlerweile nicht mehr so wie zu Songcontest-Tagen.

In der Zeit zwischen dem ersten Platz beim ESC und heute fuhr die Klatschpresse mit Madame Meyer-Landrut ordentlich Schlitten, stellte sie – in dieser Reihenfolge – als Everybody' Darling, Wunderkind, Powerfrau (übles Wort), Enfant Terrible, Übergör, Superzicke und Kategorie 'War früher mal ein Star' dar. Das kann einem schon gehörig auf den Zeiger gehen, und auch angebliche Wunderkinder möchten mal erwachsen werden. Deswegen hat sich Lena mit mehreren Songwriter- und Produzententeams zusammengetan, unter anderem mit BIFFCO, die schon Sia und Ellie Goulding Massenkompatibles auf den Leib schneiderten.

Und es hat sich ausgeraabt - musikalisch zumindest. Die Synth-Arpeggios wummern, ein paar Piano-Akkorde werden gelegt, an einigen Ecken und Enden sirren die Soundbänke, zur Bridge hin unterstreichen synthetische Streicher die Dramatik, schließlich müssen Sätze wie "Desperate to break away" auch adäquat untermalt sein. Einem Choral ähnlich steigert sich die Feierlichkeit beim Opener "The Girl" dann im Refrain noch mal um ein ganzes Stück. Auch strukturell ist das ganze kein Bubblegum-Pop, dafür ist das Stück zu verwachsen. Kein schlechter Opener eigentlich und auch gleich das beste Stück der Platte.

"Keep On Living" beginnt noch um ein Stück getragener mit einem düster gemeinten Klavier-Intro und ein paar Bassdrumschlägen, auch hier kommt der Chor mit feierlichen "Aaahs" zum Einsatz. Nichts da mit "Satellite" und Happy-go-lucky, das angebliche Enfant Terrible sucht die Finsternis. Zappenduster wird das naturgemäß trotzdem mitnichten, einen Carpe-Diem-Chorus schleudert sie uns dann aber als Gegenentwurf zur anfänglichen Klangkulisse dennoch entgegen: "Keep on living". Okay, Lena, machen wir.

Auch "Traffic Light" ist ein passabler und international angelegter Popsong: ein bauchiger Synth mit Filter-Modulationen, ein karges Beatgerüst, ein wenig Sphärisches und über allem die Stimme, die ein paar Englisch-Stunden genommen zu haben scheint. "Crystal Sky" setzt auf atmosphärischen und luftigen Elektropop, auf getragene Kulissen und Hall. Einzig beim einlullenden und etwas langweiligen "Sleep Now" übernimmt eine Akustikgitarre die Führung, die etwas übertrieben in Synth-Wattebauschen gebettet wird. Hier wäre etwas weniger mehr gewesen.

Schon im ersten Hördurchgang werden die Stärken und Schwächen von Lena Meyer-Landruts viertem Longplayer deutlich. Für eine Popproduktion gibt es wenig zu meckern: Hier gehts um modernen Electro-Pop mit ein wenig R'n'B und Neo-Soul-Einsprengseln, zielgerecht in ein (potentiell) international vermarktbares Soundkleid hinproduziert.

So international die Platte aber auch angelegt ist, so austauschbar klingt sie in einem Meer aus ähnlichen High-Gloss-Electro-Pop-Produktionen. Eine handwerklich perfekt durchgezogene und durchaus genießbare Auftragsarbeit und auch seitens Lena Meyer-Landrut ein durchaus nachvollziehbarer Schritt nach Vorne. Für ein wirklich in Erinnerung bleibendes und eigenständiges Werk fehlt es "Crystal Sky" aber doch etwas an Substanz. Sollte das noch kommen: Wir werden ready for the girl sein.

Trackliste

  1. 1. The Girl
  2. 2. Keep On Living
  3. 3. Traffic Lights
  4. 4. All Kinds Of Crazy
  5. 5. Beat To My Melody
  6. 6. Sleep Now
  7. 7. Lifeline
  8. 8. 4 Sleeps
  9. 9. We Roam
  10. 10. Crystal Sky
  11. 11. Invisible
  12. 12. Catapult (feat. Kal Vinter & Little Simz)
  13. 13. In The Light
  14. 14. Home

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20 Kommentare mit 21 Antworten

  • Vor 2 Jahren

    Die deutsche Ellie Goulding heißt Lena

  • Vor 2 Jahren

    "Love me like you do" von Ellie Goulding (Max Martin), schon jetzt einer der größten Hits in diesem Jahr, wenn nicht sogar der größte. Klar, dass man auf der Spur sich Erfolg verspricht. Ich liebe so dünne Stimmen wie von Ellie ^_^. Lena macht ihren Job hier sehr gut! Mir gefällt der sound auf jeden Fall besser als das nervige Satellite. Ich konnte das nie richtig Ernst nehmen.

  • Vor 2 Jahren

    Hat Sie denn keinen eigenen künstlerischen Anspruch? Stimmlich versucht sie Ellie Goulding zu imitieren. Dazu noch ein Covershoot im Lorde Style... Schon mit Stardust versuchte Sie visuell und akustisch die großartige Florence Welch zu kopieren und leider kommt das bei der musikalisch anspruchslosen Masse noch immer gut an -_-