Es gibt sie noch: Die erfreulich fruchtbaren Kooperationen zweier eigenwilliger Musiker, die einander fernab von Marketingplänen, Namedropping und blankem Eigennutz unter die Arme greifen. Dabei war die musikalische Verbindung zwischen Judith Holofernes und Teitur Lassen zunächst bloß einseitiger …

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  • Vor 8 Monaten

    Judith ist sicherlich kompliziert. Eigentlich würde ich Judith ja auf der Stelle weg heiraten, falls sie es nicht schon wäre. Ich mag ihren Witz, ich mag ihre Melancholie und seit Jahren schreib ich schon, dass sie mit ihrer Poesie und Bildern in Sprache mein Herz erreicht. Ich denke, dass sie das auch möchte, das das ihr eigentliches Anliegen ist.

    Nun gibt es in meinem Kopf, verschiedene Wege, das zu erreichen. Der eine ist: Frau ist ein guter Selbstdarsteller und bemüht das halt. Judith hat Spaß am Selbstdarstellen, was mit Selbstironie auch relativ natürlich rüberkommt, insbesondere wenn der Fokus auf der Ironie liegt. Bei Spotify ging der Albumveröffentlichung voraus, dass es wohl ein Hörbuch von Judith gab, was einmal jeden einzelnen Titel vom aktuellen Album besprach. Natürlich vorgelesen von Frau Holofernes persönlich. Das ist nun gerade wieder verschwunden, dafür ist das Album in voller Länge auch im Free Spotify zu finden. Was ich ein wenig schade finde. Das Bild von Frau Holofernes was man sich so macht, ist das einer witzigen, hellwachen und selbstbewussten Frau, die gerne ihre Kunst mit uns teilt. Eigentlich wünscht Mann sich nur solche Frauen, ich hab wenn ich ehrlich bin immer etwas die Düse bei „Too Much“ schlau Frau. ;-) Das wird durch diese Veröffentlichungspolitik etwas torpediert.

    Eine kleine Anekdote noch, bevor ich zum Album komme. Frau Holofernes sucht eine Gitarristin, laut einem Interview bei Laut.de. Ob sie die gefunden hat, weiß ich nicht. Jedenfalls nach mehrmaligen Hören des aktuellen Albums wird es Zeit, dass sie für das nächste Projekt, eine oder einen auftut. Wobei das mit dem Geschlecht echt Banane ist. Ab und zu fehlt mir nämlich der fetzige, schräge Rockriff und ihr Sound verflacht dadurch.

    Nun also ihr „Ich bin das Chaos“ und natürlich muss sie daran mal feste glauben. Ihre textlichen Skills sind seit Heldenzeiten ohne Makel. Mit „Analogpunk“ kommt sogar ein wenig Heldenfeeling wieder auf, aber hier fehlt der bratzige Riff, der dem ganzen die Krone aufsetzen würde. Der Opener „Der letzte Optimist“ macht den Zugang noch easy, ein morbides Stück, nicht klein und weil von hinten aufgezogen sozu agen genau die richtige Portion Ironie um nicht ins Gefällige abzugleiten.

    Die beiden nächsten Stücke offerieren eine gewisse lässige Großkopfigkeit, da über Dritte getextet wird (Charlotte Atlas) bzw. Beethovens „Ode an die Freude“ wird durch zufügen eines Buchstaben (Ode(r)), persifliert. Dann biegt schon der Ex- Heldenpunk um die Ecke und das erste Drittel eines bis dahin wirklich schönen Albums neigt sich was auch immer zu.

    Mit den „Leiden der jungen Lisa“ wird Judith für meinen auch nicht schlecht tickenden Kopf sogar zur multiplen Persönlichkeit, wobei ich ihr ungern auch nur eine absprechen würde. Schade wäre es drum! Das ganze gipfelt dann im Titelstück „Ich bin das Chaos“ und man könnte anhand der vielen kleinen Persönlichkeiten die bisher textlich eine Rolle spielen meinen, Frau Holofernes meint es ernst. Aber Obacht, Judith nimmt sich nie zu ernst. Sonst hätte sie schon längst bratzige Gitarren gefunden, egal ob weiblich oder männlich gespielt.

    Rauswerfen tut uns „Das Ende“, „Oh Henry“ (was wohl vom letztem Album noch übrig geblieben ist, laut dem verschwundenen Hörbuch) und „Unverschämtes Glück“. Insgesamt plädiere ich dafür dass Judith Holofernes wieder einen Schritt in Richtung Ex- Band „den Helden“, mit dem aktuellem Album macht. Bei aller Melancholie wird es nie unlustig und im deutschen Kontext, dass bräsige Typen und noch bräsigere Tulpen (kann man Typinnen schreiben?) aktuell mit dummdreisten Themen in der Suppe rühren, ist musikalisch und textlich Judith ein feiner Gegenentwurf dazu gelungen. Solch ein Chaos, an kleinen aber feinen deutschen Geschichten, lass ich mir gerne gefallen. Und beschreibt recht genau, wie es bei halbwegs intelligenten Menschen im Kopf aussieht, nämlich voller Sucht und Suche nach dem tieferem Sinn den das Leben uns anbietet. Mit dem letztem Broilers Album zusammen, geht es im deutsch Pop/Rock wieder etwas aufwärts. Schon zwei sehr gute Alben, scheinen da am Firmament und nicht mal ein viertel Jahr vorbei. 5/5

    Gruß Speedi

    P.S.: Wobei, ein Love Gitarren - Frauen Point einer, von den fünfen. Hope, da findet sich wer. Ach und den Running Gag im Hörbuch hab ich nicht verstanden, eventuell erklärt sie den nochmal, nur blaue Augen bekomme ich deshalb nicht.

  • Vor 8 Monaten

    Wieso sollte eine Kooperation keinem Marketingplan unterliegen? Gibt es die Platte für umsonst?

  • Vor 4 Monaten

    Album pendelt zwischen extrem großartig und extrem nervig