laut.de-Kritik

Bierzeltbeats und plumpe Lyrics: Die Berliner sind am Ende.

Review von

Platten mit einem Punkt abzufertigen, ist normalerweise nicht meine Art. Zumeist gebührt es der Respekt vor der Anstrengung des Künstlers, auf wohltätige zwei Punkte aufzurunden. Und das selbst dann, wenn das musikalische Ergebnis diese Wertung unterm Strich eigentlich gar nicht rechtfertigt.

Beim neuen Jeans Team-Album muss man derlei journalistische Gnadenakte gar nicht in Betracht ziehen. "Das ist Alkomerz" hat sich die Niedrigstwertung locker verdient - man fragt sich fast, ob nicht selbst die noch zu hoch gegriffen ist.

Dies liegt vor allen Dingen am äußerst komischen Verständnis von Witz, Persiflage und Ironie, die Jeans Team an den Tag legen. Bierzeltselige Primitivrhythmen und plumpe Lyrics, so macht das Duo heute Stimmung. Und dabei immer schön stumpf vor sich hinreimen.

Lieder wie "Scheiss Drauf", "Haddu Zeit", "Sozialistische Einheiz-Party" und "Lolita Dröhn" wollen alle ganz besonders spaßig sein, doch ihr Witz kommt nicht an. Mehr als ein mitleidsvolles Kopfschütteln ist nicht drin.

Kostprobe gefällig? Nehmen wir "Scheiss drauf", das zu stampfigen billigst Polkabeats mit Textzeilen wie "Hallo ich bin der Dieter, und ich mach heute blau, zusammen mit Roswitha, denn das ist meine Frau. Beim Arzt die Diagnose, ging reichlich in die Hose ..." aufwartet. Damit ist das Muster, nachdem "Das ist Alkomerz" funktioniert bereits etabliert: naive Sounds, dümmliche Lyrics.

Lustigerweise hätten sich Jeans Team nur mal auf ihrem neuen Label Staatsakt umschauen müssen. Dort wären sie auf die Namen der beiden altgedienten Sänger Jacques Palminger und Andreas Dorau gestoßen. Beide machen in Perfektion vor, woran Franz Schütte und Reimo Herfort so kläglich scheitern: Sie singen auf deutsch, reimen mit wohl kalkuliertem Wortwitz, spielen mit doppelbödigen Bedeutungen und instrumentieren das Ganze mit gespielter Naivität.

Die Zukunft von Jeans Team? Sieht düster aus. 2006 veröffentlichten sie ihr erfolgloses Album "Kopf Auf" und dürften damit ihren Teil zur Zahlungsunfähigkeit des Patrick Wagner-Labels Louisville Records beigesteuert haben. 2010 dann schrumpfte das Quartett durch den Weggang von Gunther Kreis und Henning Watkinson zum Duo. Und jetzt folgt mit "Das ist Alkomerz" die endgültige künstlerische Bankrotterklärung. Höchste Zeit aufzuhören.

Trackliste

  1. 1. Ey
  2. 2. Scheiß drauf
  3. 3. Gay House Party
  4. 4. Menschen
  5. 5. Haddu Zeit
  6. 6. Sozialistische Einheiz-Party
  7. 7. Erotik-ABC
  8. 8. Bomberjäckchen
  9. 9. Lolita Dröhn
  10. 10. Party Unser
  11. 11. Gesundbrunnencenter
  12. 12. Plus Prize Maximizer

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11 Kommentare

  • Vor einem Jahr

    Ich habe übrigens, außer hier bei laut.de, noch nie irgendwas von Hipstern oder über Hipster gehört. Auch im Alltag ist mir dieses Wort noch NIE untergekommen.
    Oft erscheint mir das, was als Ironie dargestellt wird, nur als blasser, platter Humorversuch.
    Bei mir schwillt dann eher die Halsschlagader an. Ich kenne einige dieser Spezies. Die sitzen dann da in der Runde und finden sich selbst, und nur sie sich selbst, totaaal lustig. Außenstehende denken eher, was ist das denn für ne Bratpfanne!?
    Aber solange sie mit sich selbst im Reinen sind, denke ich mir: Soll'n se doch machen, ICH bin hier raus!

  • Vor einem Jahr

    Das Problem beim Jeans Team ist, dass ihre Ironie nicht funktioniert. Während andere Künstler es immer noch schaffen, haarscharf an der Fremdschamgrenze entlang zu schlittern, regiert hier auch beim genauesten Hinhören nichts als Effekthascherei und Stumpfsinn. Wer auf diese Form des Ironischen reagiert, findet wahrscheinlich auch Atze Schröder lustig.

  • Vor einem Jahr

    (In der ZEIT? Äh...)
    Ich glaube,es ist eben NICHT ironisch gemeint, was die Typen da so produzieren. Leider scheint's wirklich so zu sein, dass das außerhalb eines sehr kleinen Kreises nicht funktioniert. Ich "kenn" die halt schon lange und meine,dem folgen zu können. Beweise habe ich keine.