laut.de-Kritik

Die Bewegung heißt Hauptschuhle!

Review von

HGich.T nun wieder. Das ranzige Bums-Kollektiv, das Kunstkenner und "Freunde des gepflegten Trash" ernüchternde Interpretations-Errors verschafft und in die Logik-Bredouille bringt, hat ein viertes Album veröffentlicht und es ist wieder ausschließlich geil. Zwischen Mozart, Cohen und Nirvana und dem Typen, der mal dieses eine virale Straßenmusikvideo hochgeladen hat, befinden sich die Musiker und Künstler mit ihrer Musik – nicht.

HGich.T treffen einen an der Bushaltestelle im Vorort von Ruhrpott- und Ossi-Städten, sie ritzen Peacepimmel in die Scheibe, sind mit neonfarbenen Westen und Traumfängern behangen und von irgendwo kommt immer Strobo her. Shisha-Extrem und LSD-Shots werden verteilt, Stickeralbeninhalte getauscht und es wird in Hundescheiße getreten. Am Abend wird in Kübel uriniert und auf Betten gibt es keine Laken. Bei HGich.T sieht es halt aus wie bei ganz normalen Freunden von früher zu Hause. "Therapie Wirkt" ist wieder schön monoton, unverschwurbelt, versifft, bescheuert und absolut wahr. Pfeffi in Musikform. Eine Ästhetik, an der VICE oder Fusion-Gänger sich seit immer versuchen und scherbelnd scheitern, weil sie es zu sehr wollen und wegen Berlin.

Produzent DJ Hundefriedhof, Tutenchamun, Maike Schönfeld, Anna-Maria-Kaiser, Dr. Diamond und all die anderen Leute mit und ohne Namen, die grob aus Hamburg kommen, haben wieder alles weggelassen, wofür es sich an Bartresen über Musik zu dozieren lohnt und nur das Nötigste auf den Datenträger gekotzt. Und das ist nicht weniger als eine Reise durch die Freuden des Wahnsinns oder der Normalität - je nachdem, welchen Blickwinkel man eben einnimmt.

So gibt es für Fans von HGich.T und allen, die sonst nicht entkommen können, eine Wiederaufnahme der bekannten Bildungspolitik-Problematik: "Ich hab geträumt, dass ich den Hauptschulabschluss noch mal gemacht hab / Ich hab geträumt, dass ich durch'n Hauptschulabschluss nochmal durchgefallen bin". Damit dürfte sich jeder ordentliche Mensch identifizieren können. Auf "Therapie Wirkt" geht die Geschichte aber noch weiter: das lyrische Ich befindet sich heute offenbar in Betreuung und wer von den Hatern hätte es ihm nicht gegönnt? "Hurra, Hurra, die Ausserirdischen sind da."

Nachdem der Betreuer erst zum Weinen und dann zum Lachen gebracht wird, folgt zwar die Erkenntnis: "Ich will kein Prollkind sein / Ich will später mal studieren" ("Der Junge mit dem Knüppel"). Aber die Bewegung heißt nun mal nicht "Uni", sondern "Hauptschuhle" und dementsprechend werden weiter Köpfe geraucht ("Radio Krishna"), Teddys tätowieren Teddys auf Teddys ("Teddys Penis"), das pure Glück findet im Vollrausch auf einer Mühle statt ("100 Jahre Mühle"), es wird sich verliebt ("Alien Lover") und zu alldem gehört dann auch noch die Absage ans Gesundheitssystem und Realitätsfetisch: "Kommt mich doch holen, ihr Schweine!" ("Golden Monday Und The Neffenin"). Sauber!

Doch verzagt nicht, werte Kulturwissenschaftsstudentenschweine. Für euch gibt es sogar eine richtige, uncodierte Gesellschaftskritik mit Trance: "Die einzige Beziehung, die ein Leben lang hält, ist die Beziehung zwischen mir und der Welt / Und die Liebe ist das Gegenteil vom Geld, weil weder Macht noch Besitz Menschen zusammenhält" ("Illuminati Baby"). Nichts anderes haben eure Lennons und Gandhis und Ches und die anderen Idioten dieses Planeten, die ihr so anbetet, je gesagt. Also runter mit der Nase und der Hose, geschissen auf den Abschluss und schließt euch der Bewegung an. Oder bleibt halt weg, wir Fans haben eh den Masterplan: "Eins, zwei, Nackedei / Drei, vier, ich will Bier / Fünf, sechs, alte Sau / Sieben, acht, jetzt wird gefickt!" Das gibt's in euren Etepetete-Vernissage-Vereinen nicht, stimmt's?

Trackliste

  1. 1. Der Haubtschulwecker
  2. 2. Therapie wirkt
  3. 3. Der Junge mit dem Knüppel
  4. 4. Radio Krishna
  5. 5. 100 Jahre Mühle
  6. 6. Teddys Penis
  7. 7. Illuminati Baby
  8. 8. Uhu Arsch
  9. 9. Die Heimleitung
  10. 10. Eins zwei Nackidei
  11. 11. Golden Monday und the Neffenin
  12. 12. Alien Lover
  13. 13. Skeletor

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8 Kommentare mit 21 Antworten

  • Vor 9 Monaten

    Super Rezi, Paula. Damit sprichst du mir wahrlich aus der Seele. Hast du toll geschrieben! :)

  • Vor 9 Monaten

    :D :D, schöner trick, den lenny in einer hgich.t-rezi unterzu bringen. und zumindest eine gewisse verbindung zum anderen cohen marke "sasha baron" wäre ja auch gar nicht mal unpassend.

    die scheibe sehe ich nicht so positiv.

    - die freak-, retardierten- und loserkarten funktionieren nicht mehr so effektiv. weder auf der anarcho-ebene noch auf dem schock-, bad taste- oder voyeur-level.

    der zitierte "hauptschuhlwecker" wiederholt lediglich die zum kult (ich hasse das wort) gewordenen grundsongs. ihr betreuungs-dadaismus mit "hurrah, hurra, die ausserirdischen..." reißt da echt nichts raus. "uhu arsch" ist auch nichts weiter als "mein arsch" part II von lecko grande.

    das ist so dermaßen langweilig, weil man es ja mittlerweile erwartet. und ohne den überraschungseffekt des "shocking" ist das doch nur noch tüdelkram.

    - ohne subversive gewichte wie seinerzeit "künstlerschweine" oder gäste wie dr kuhlbrodt als dirty old fart, wirkt das gebotene noch beliebiger als ohnehin schon.

    aus meiner sicht scheitern hgich.t hier zum ersten mal auch dann, wenn man ihre eigene methode zum maßstab erhebt.

    der joke ist in dieser inszenierungsform irgendwie durch; egal von welcher seite man ihn betrachtet. es bleibt nur noch loriots gleichgültiges "achwas?". es se denn, man goutiert den in der tat kompromisslosen nihilismus der scheibe. insofern dann vielleicht doch ein diabolisches "meisterwerk".