laut.de-Kritik

Aufgepumptes Melodrama ohne jeden Sinn für Selbstwahrnehmung.

Review von

Es ist immer schwer zu sagen, wem Cover-Alben eigentlich gefallen wollen. Sollen musikalische Neuinterpretationen Fans der Ursprungsmusik neue Perspektiven auf ihre Lieblingslieder aufzeigen? Oder soll es eher Musik aus einem fremden Fahrwasser in ein neues Genre integrieren? Jedenfalls unterschätzt man leicht, dass man für ein gelungenes Cover (insbesondere bei der Adaption von einem Genre ins andere) ein tief ausgeprägtes Verständnis für beide Musikrichtungen aufweisen muss, um Nuancen richtig deuten und auszuspielen.

Die Relevanz dieser Fähigkeit wird besonders an Metal-Cover-Bands wie Exit Eden deutlich, die auf ihrem neuen Langspieler "Rhapsodies in Black" beliebte Popsongs in ein Symphonic Metal-Gewand hüllen. Und dabei gehen sie vor wie der Elefant im Porzellanladen: Aus dramatischen Pop-Balladen werden nach Einheitsrezept Metal-Retorten geschleift, die jegliche Self-Awareness und alle Nuancen der Originalstücke vermissen lassen. Was bleibt, ist ein zur fast komödiantisch erzwungenen Epik aufgepumptes Melodrama ohne jeden Sinn für Selbstwahrnehmung.

Dabei kann man definitiv nicht behaupten, die Musikerinnen würden ihr Handwerk nicht beherrschen: Durch versierte Rythmusarbeit an den Gitarren und den Drums und tatsächlich sehr schöne Melodieläufe kreieren sie instrumental Textur und Tiefe, die definitiv Spaß machen – insbesondere, wenn die Streicher hier und da einprägsame Solo-Momente schaffen.

Ist man allerdings über die erste Freude über das glänzend ausproduzierte Machwerk hinweg, fällt recht schnell auf, dass im Grunde alle Songs auf die gleiche Art und Weise neu interpretiert wurden: Langsames Intro, Einführung der tragenden Melodie, Geschepper auf allen Kanälen zum Refrain und dann ein Folgen der Ursprungs-Songstruktur. Aufdringlich formelhaft wiederholt sich die Dramaturgie von Anspielstation zu Anspielstation, allein die Melodien der Originale halten die Frische ansatzweise aufrecht; handelte es sich denn nicht um ein Coveralbum. So weiß man spätestens nach drei Titeln in der Tracklist ganz genau, wie die anderen Tracks klingen werden, ohne sie überhaupt gehört zu haben.

Noch nerviger wird es, wenn man einmal über den guten Klang und die trainierten Stimmen der Sängerinnen hinausblickt. Völlig überzüchtet und facettenlos rattern die vier Damen ihre Performances Stück für Stück herunter, das Kredo bleibt immer gleich: Größer, lauter, epischer. Immer noch eine Ecke massiver schmettern. Dass die eigentlichen Songs von Acts wie Rihanna, Katy Perry oder den Backstreet Boys gewissermaßen mit der Trashigkeit ihres eigenen Melodramas und ihrer Albernheit spielen, das bemerken Exit Eden nicht so wirklich. Juvenile Beziehungszeilen werden geschmettert wie Anrufungen aus dem Nekronomikon. Dass das meist unfreiwillig komisch daherkommt, muss man nicht extra betonen.

Auch der konstruierte Girl-Power-Aspekt der Gruppe wird dadurch grundlegend subvertiert: So verloren und planlos scheinen die Sängerinnen vor ihrer Backing-Band zu stehen, dass man sich fast schon an K-Pop erinnert fühlt, in dem die unwissenden Performer von Label und Songwritern einfach Kram vorgesetzt bekommen, den sie dann auf ihre antrainierte Art und Weise performen dürfen. Schön für das männliche Auge in hübschen Gothic-Kleidern aufgereiht fühlt der Hörer sich fast schon schlecht für die eigentlich talentierten Sängerinnen, die auf den seichten Stücken mit einer Stimmgewalt herumsingen, als würden sie Fische in einem Weiher mit einer Kalaschnikow fangen wollen.

Nein, "Rhapsodies in Black" macht keinen Spaß. Als Popsongs fehlt den immer gleich aufgebauten und ausgeführten Covern jegliche Selbstwahrnehmung und irgendein Gefühl für Takt und Nuance, Subtilität und Dynamik. Und auch als Symphonic Metal geht die Band nicht über handwerklich einwandfreie Standardkost durch. Man merkt eben doch, dass die Popsongs nicht mit der kompositorischen Tiefe geschrieben wurden, durch die sich Nummern dieser Metal-Spielart normalerweise auszeichnen. Was bleibt ist eine ganze Menge Talent, das ziellos und unvorteilhaft zu einem banalen Cash-Grab zusammengeworfen wurde, aber als Album nur Langeweile und Fremdscham zustande bringt.

Trackliste

  1. 1. A Question Of Time
  2. 2. Unfaithful
  3. 3. Incomplete
  4. 4. Impossible
  5. 5. Frozen feat. Simone Simons
  6. 6. Heaven
  7. 7. Firework
  8. 8. Skyfall feat. Simone Simons
  9. 9. Total Eclipse of the Heart feat. Rick Altzi
  10. 10. Paparazzi
  11. 11. Fade to Grey

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7 Kommentare

  • Vor 8 Tagen

    Manchmal schon lustig, dass man beim ersten Anhören, einer in den Medien hoch angepriesenen, Platte, das gleiche denkt, was man im Text des Autors liest (Nur nicht so professionell und differenziert ausgedrückt :D ).
    Ich danke "Spotify" für die Möglichkeit, sich Alben anzuhören, bevor man sie kauft. Denn auf dem alt hergebrachten Weg wären wieder 20€ für einen der vielen nutzlosen Staubfänger im CD-Regal verloren gewesen, die sich dort im ungeliebten untersten Fach zusammen quetschen.
    Ich hab nach fünf, gefühlt immer gleich klingenden, Liedern wieder auf interessantere Musik gewechselt.
    Die nette TV-Werbung verspricht wie so oft viel mehr, als man dann geboten bekommt, sei es beim Geschmack diverser Knorr-Fertiggerichte oder eben wie in diesem Fall, bei abwechslungsarmer Musik...

  • Vor 3 Tagen

    Reißbrettmetal für Schwermetallanalphabeten. Wird seine Käufer finden.

  • Vor einem Tag

    Unglaublich wie schlecht man ein gelungenes Werk besprechen kann. Minimum die bekanntesten Songs wie Unfaithful, Impossible und Paparazzi sind alleine das Hören wert. Tolle Umsetzung und eine Bereicherung in der neuen Version. Prognose: Man wird noch viel von den Damen hören,