laut.de-Kritik

Dancepop. Autotune. Pitbull. Gute Nacht.

Review von

Die Struktur eines Enrique Iglesias-Albums ließe sich wohl wie folgt prognostizieren: Pitbull. Jennifer Lopez. Autotune. Der Titel irgendwas mit Sex oder Liebe. Und siehe da: Bingo! Die Freude über den richtigen Tipp verfliegt jedoch schnell, angesichts dieses unheilvollen Gewitters, das da heraufzieht.

Für eine Menge Wind sorgt vor allem der ekstatisch über die Tanzfläche fegende Enrique: "Move to the right, move to the left!" Und nicht vergessen: "Put your hands up in the air!"" Auch schon in Stimmung? Na dann, let's get "Physical". J. Lo hat schon mal die Drinks besorgt und bewegt den Hintern zu fetten Dance-Beats von damals, als man noch "in your face" sagte und "LOL" schrieb.

Die Zeit also, in der Pitbull anfing, jedem Chartstürmer weltweit denselben Rap-Part anzudrehen und so selbst zum Superstar zu reifen. Die zumindest scheinbar einzige Strophe in seinem Repertoire wird er an Enrique Iglesias sogar gleich zweimal los. Fällt aber gar nicht weiter auf, da "Let Me Be Your Lover" und "I'm A Freak" mit Rammel-Beat und greller Hook ohnehin nahezu identisch klingen. "Na Na Na Na Na Na!"

Dass es auf der neuesten Platte des Sängers ordentlich zur Sache gehen soll, verrät schon der Titel. So singt sich Iglesias mit mal unerträglich hoch verstellter, mal vom Computer bis zur Unkenntlichkeit bearbeiteter Stimme durch die eher harmlos versexten Lyrics: "I love the way she gets so physical / fucks like an animal." Für den ersten "Explicit Content"-Stempel der Karriere hat's trotzdem nicht gereicht.

Aber auch wenn sich "Sex And Love" größtenteils mit Ersterem beschäftigt, soll die Liebe keinesfalls zu kurz kommen. "We break up / to make up / you got me spinning like a yo-yo-yo", weiß der Latin-Lover die Gefühlsduselei gekonnt zu symbolisieren. Zu zweit kommt die Message aber natürlich eindrucksvoller rüber. Dass die Emotionen aus "Beautiful", einem wirklich fiesen Duett mit Kylie Minogue, jedoch nicht gerade heraussprudeln, wundert wenig, wenn in den Augen der Protagonisten statt rosa Herzen Dollarzeichen blinken.

Schlimm geht's aber auch alleine, wie "You And I" zeigt. Kein Grund zum Verzweifeln, mit ähnlichen Eurodance-Nummern sind schon andere gescheitert. Für Deutschland beim Eurovision Song Contest 2013, zum Beispiel. Noch elektronischer kommt "Turn The Night Up" daher, in dem abermals eine verruchte Party auf dem von Laserstrahlen durchfluteten Tanzparkett gefeiert wird. Glücklicherweise hat wenigstens Skrillex die Fete verpasst, auch wenn die Hook von "Heart Attack" so klingt, als habe er doch mal kurz vorbeigeschaut.

Nachweislich anwesend ist auf jeden Fall Flo Rida. Der gibt sich alle Mühe, etwas Bleibendes zu "There Goes My Baby" beizutragen, indem er einfach den Text seines Hits "Blow My Whistle" mitbringt und ihn dem Hauptdarsteller zur Verfügung stellt: "I get so high when she go down down low / she work it nice and slow", bedankt sich Enrique artig.

Die größte Frechheit offenbart aber erst der Vergleich der vorliegenden internationalen mit der amerikanischen Version von "Sex And Love". Während die Platte in den USA einige spanische Latin-Songs enthält, kriegt Europa die volle Breitseite an grausigem Dancepop zu spüren. Lediglich das gar nicht mal schlechte "Bailando" sorgt auch hierzulande für kurzzeitige Erlösung. Der Wahnsinn hat also auch noch Methode.

Das kann der Protagonist nur bestätigen: "I'm a freeeeaaaaak!", schreit Enrique, völlig hypnotisiert von Autotune, 2006er-Beats und Pitbull-Raps. Schamlos vereint er die traumatischsten Erlebnisse der jüngeren Pop-Geschichte in diesem Teufelswerk namens "Sex And Love". Oh ja, du bist ein Freak. Um nicht zu sagen: ein verdammter Irrer. Und mit einem diabolischen Grinsen im Gesicht wirst du von einer unverschämt hohen Chart-Position spöttisch auf uns herabblicken.

Trackliste

  1. 1. I'm A Freak feat. Pitbull
  2. 2. There Goes My Baby feat. Flo Rida
  3. 3. Bailando
  4. 4. Beautiful feat. Kylie Minogue
  5. 5. Heart Attack
  6. 6. Let Me Be Your Lover feat. Pitbull
  7. 7. You And I
  8. 8. Still Your King
  9. 9. Only A Woman
  10. 10. Physical feat. Jennifer Lopez
  11. 11. Turn The Night Up

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12 Kommentare mit 13 Antworten

  • Vor 3 Jahren

    Er hat sich mit Hero ein Denkmal gesetzt. Darum kann ich ihm für etwaige spätere Verfehlungen nicht böse sein.

    • Vor 3 Jahren

      Jepp, große Lyrik.
      "Ich kann dein Held sein, Säugling, ich kann den Schmerz vondannen knutschen, ich werde ewig bei dir stehen, du kannst meinen Atem entwenden."

      Oder wie Babelfish weiß:
      "Ich kann dein Held, Baby.
      Ich kann den Schmerz weg küssen.
      Ich werde euch ewig bleiben.
      Sie können mir den Atem nehmen."
      Gruß
      Skywise

    • Vor 3 Jahren

      "Hero" ist wohl eines der grössten musikalischen Verbrechen an die Menschheit und reiht sich nahtlos in Lieder wie Bodyguard oder die Titanicscheisse ein.

    • Vor 3 Jahren

      hier irrst du cafpow.mega und sky haben natürlich recht, verstehe bis heute nicht, warum nicht mindestens 1 grosses goldenes enrique götzenbild in jeder halbwegs zivilisierten stadt steht. da besteht nachhbesserungsbedarf !

    • Vor 3 Jahren

      Die Herren scheinen noch nie erfahrung damit gemacht zu haben dieses Lied zu später Stunde und gehobenen Promille bereich im örtlichen Tanzlokal mitgesungen zu haben. Solche Emotionen erlebt man einfach nicht oft.

    • Vor 3 Jahren

      Die Erfahrung hab ich allerdings wirklich noch nicht gemacht. Ich müsste mal viel öfter auf Ü40-Parties gehen.
      Und selbst wenn Hero das Meiserwerk schlechthin wäre, "Sex And Love" ist keine "etwaige spätere Verfehlung", sondern pure vertonte Scheiße. Da hätte er Stairway to Heaven und die Mondscheinsonate schreiben können. Der hier vorliegende Nervenzellenholocaust wäre dadurch ganz sicher nicht gerechtfertigt.

    • Vor 3 Jahren

      Sorry aber worin besteht der Unterschied ob man blau in der nächsten Ranzdisko zu Hero mitgröhlt oder zu den Backstreet Boys? Oder zu David Guetta feat. Pitbull? Alles gleich scheiße.

    • Vor 3 Jahren

      Nervenzellenholocaust :D

    • Vor 3 Jahren

      Nervenzellenholocaust :D :D :D

    • Vor 3 Jahren

      Diffamiert bitte die Ü 40 Resterampe nicht. Auch ältere Menschen brauchen mal Rückzug vor der Würde.

  • Vor 3 Jahren

    Sexismus und Autotune. Geile Mischung.

  • Vor 3 Jahren

    Dieser Kommentar wurde vor 2 Jahren durch den Autor entfernt.