laut.de-Kritik

Klagelieder vom Schrottplatz aller Menschlichkeit.

Review von

Die Einstürzenden Neubauten machen ein Album zum aktuellen Thema "100 Jahre Erster Weltkrieg". Da werden einige sagen: Passt ja gut. Immerhin klangen sie schon oft wie ein Soundtrack zu Waffengang und Weltuntergang ("Steh auf Berlin", "Maifestspiele"). Doch "Lament" ist weder Klischee noch unfreiwillige Selbstparodie. Zwischen Abrissbirne und filigraner Ruhe bringen die Neubauten der Welt Klagelieder vom Schrottplatz aller Menschlichkeit.

Die Platte selbst ist die Auftragsarbeit zur Erstellung einer Performance. Die belgische Region Flandern wählte zum Auftakt einer historischen Themenreihe diese deutsche Band aus, der man - neben Kraftwerk - wie keiner anderen Germanenkapelle in den Metropolen der Welt mit Ehrfurcht und Inbrunst zuhört.

Das Bargeld, die Hacke, der Moser und co bieten dabei ein psychologisch höchst effektives Wechselspiel von Detonation, Poesie und Empathie. Die Platte sei "nicht missionarisch und keine Botschaft, keine Message, kein Lehrer, kein Schulbuch", betont Blixa Bargeld. Gut so! Den erhobenen Zeigefinger als Inbegriff aller künstlerisch belanglosen Langeweile überlassen sie gern den teutonischen Jammerbarden mit Predigerkomplex.

Doch das heißt nicht, es gäbe nichts zu entdecken. Im Gegenteil: Eine ganze Horde wenig bekannter und nicht selten makabrer Kriegsdetails aus dem menschlichen Kuriositätenkabinett machen ihre erschütternde Aufwartung und geben einander Pickelhaube und Piss-Cutter (Schiffchen) in die Hand.

Mit erstmaligen Blackmusic-Anleihen holen die Neubauten Ragtime-Pionier J.R. Europe aus der Kiste des Vergessens ("On Patrol In No Man's Land"). Als einer der ersten schwarzen Offiziere leitete dieser Bandleader die Harlem-Hellfighters-Kapelle. Die Kombo war der musikalische Arm einer schwarzen Kampfeinheit, von der kein einziger Höllenhund je lebend gefangen wurde.

In "Hymnen" bieten sie einen interessanten Zusammenschnitt von Originaltexten all derer, die von Deutschland bis Großbritannien die "God Save The Queen"-Melodie nutzten. Zu den pathetischen Klängen entlarven sie alle aufputschende Musikpropaganda als Teufelswerk und lassen den Hörer erkennen: Im Grunde ist es komplett egal, welches Land und welche Variante - am Ende geht es überall nur um das eine: Die verheizte Jugend gibt Blut und Tod fürs Vaterland.

Im wortreichen "The Willy - Nicky Telegrams" - das bei Ausbruch des aktuellen Ukraine-Konflikts entstand - bringt Blixa mit nahezu knuffigem Tonfall im Gesang den Irrsinn des Geschehens und der Machthaber auf den Punkt. Der schriftliche und absurd zärtliche Austausch Kaiser Wilhelms mit Zar Nikolaus inmitten von totaler Aufrüstung im Brinkmanship mutet als Kuschelbrief aus der Hölle auch nach 100 Jahren noch heuchlerisch, realitätsfern und widerwärtig an.

Von hier an zieht sich ein perkussiver Grundton durch weite Teile der Platte. Dieses zurück haltende, dabei sehr präsente Klopfen erhöht mit seinen Telegrafenrhythmen die Effektivität des Albums beträchtlich. Seinen Höhepunkt erreicht dieser elementare Sound im Anspieltipp "Der 1. Weltkrieg (Percussion Version)".

Die gebotene Intensität steigern sie im Verlauf durch die dreigeteilte "Lament"-Sequenz. Vor allem "Lament: 1. Lament" ragt als finsterer Turm aus dark ambient und Chorwerk heraus. Ein anklagendes Requiem zur Ehre der Gefallenen mischt sich mit dem Totengeheul der Verstorbenen. Alles gipfelt in der finalen Erkenntnis "Die Mächtigen lieben den Krieg!" Der Track ist musikalisch wie atmosphärisch zutiefst eindrucksvoll und entfaltet einen ähnlich hypnotischen Malstrom wie Góreckis klassischer Megaseller "3. Sinfonie (Symfonia pieśni żałosnych – Sinfonie der Klagelieder)" von 1976. Als besonderes Schmankerl gibt es hier ihre sinister schimmernde Slide-Gitarre, die man bereits vom Übersong "Fiat Lux" ("Haus Der Lüge", 1989) in guter Erinnerung hat.

Wer mehr auf ihre konventionelleren Lieder steht, wird bei der leicht chansonesken Killerballade "How Did I Die?" fündig. Im Gegensatz zu ihrem Meilenstein "Halber Mensch" ist der Tod hier längst kein berittener Dandy mehr. Dafür findet sich das charakteristische Schaben der frühen Neubauten an vielen Stellen der Scheibe.

Gibt es inmitten dieser Superlative auch Kritik? Ja! Der große Antikriegs-Klassiker "Sag Mir Wo Die Blumen Sind", den Marlene Dietrich einst erstrahlen ließ, klingt in den Händen der Einstürzenden Neubauten merkwürdig steril und anämisch. Wer sich die charismatische Sinnlichkeit gelungener Bargeld-Cover wie "Sand" oder "Johnny Guitar" vergegenwärtigt, kann diese Blutarmut nicht recht nachvollziehen. Die Interpretation kommt ungewohnt verkrampft und gezwungen durch den Äther.

Doch dieser kleine Wermutstropfen ändert nichts daran, dass ihnen mit dem ambitionierten "Lament" ein ebenso anstrengendes wie erfüllendes Hörerlebnis für Hirn, Bauch und Ohr gelungen ist. So schwebt am Ende über dieser Platte wie über diesem Planeten ein einziger ewiger Satz: "Wann wird man je verstehen; wann wird man je verstehen?"

Trackliste

  1. 1. Kriegsmaschinerie
  2. 2. Hymnen
  3. 3. The Willy - Nicky Telegrams
  4. 4. In De Loopgraaf
  5. 5. Der 1. Weltkrieg (Percussion Version)
  6. 6. On Patrol In No Man's Land
  7. 7. Achterland
  8. 8. Lament: 1. Lament
  9. 9. Lament: 2. Abwärstsspirale
  10. 10. Lament: 3. Pater Peccavi
  11. 11. How Did I Die?
  12. 12. Sag Mir Wo Die Blumen Sind
  13. 13. Der Beginn des Weltkrieges 1914 (Dargestellt Unter Zuhilfenahme eines Tierstimmenimitators)
  14. 14. All Of No Man's Land Is Ours

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1 Kommentar

  • Vor 2 Jahren

    Als Begleitung zur Performance in Flandern bestimmt sehr wirkungsmächtig, als selbstständiges Album aber eher unausgegoren. Da wäre die Veröffentlichung eines Mitschnitts des Auftritts vielleicht besser gewesen.