laut.de-Kritik

Alltägliche Absurditäten und zwischenmenschlicher Kleinscheiß in Reimform.

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Zu Hülf. In dem Fall befinde ich mich entweder in einem Rauschzustand und halluziniere dieses Szenario nur. Oder aber es ist geschehen, und Dendemanns im schmerzlichst wahren Wortsinne jahrelang erwartetes Solo-Debüt fand tatsächlich den Weg in die Plattenläden. "Immer schön der Reihe nach, Eile mit Weile", beruhigt der Protagonist, denn: "Dendemann ist kein D-Zug." Das haben wir gemerkt: Er wob sein Spinnennetz wirklich und wahrhaftig mit Geduld und Spucke.

Der Chef von unvergleichbaren Vergleichen präsentiert sich wie zu besten Eins Zwo-Zeiten als Gott des Wortwitzes. Wenn er in Begleitung seiner 26 Kumpels die Rhetorik abcheckt, ist umgehend klar: So manch anderer, der auf dem glatten Parkett des Deutschrap herum stolpert, hätte mal besser ein wenig mehr mit A, E, I, O und U gechillt.

Dende inszeniert sich wieder als Geschichtenerzähler Nummer 1. So locker flockig wie er packt niemand alltägliche Absurditäten und zwischenmenschlichen Kleinscheiß in Reimform: "Hör dir deinen Studentenrap mal a-capella an / Dir fehlt die Grauzone, so wie Stracciatella, Mann / Du denkst schwarz-weiß wie Dalmatiner beim Schach." In der Fortsetzung des legendären "ErsoIchso" liefert tatsächlich wieder Ex-Kollege Rabauke die Scratches.

"Hörtnichauf" demonstriert eindrucksvoll, was Dendemann in den letzten Jahren getrieben haben muss: Texten konnte er früher schon - der Knabe hat rappen geübt! Mit reibeiserner Stimme jagt er punktgenau den Beat entlang. Derartige Geschwindigkeit in solcher Qualität habe ich Herrn Larusso auf keiner früheren Veröffentlichung vorlegen hören.

Noch eine andere Sache ist neu: "Auch, wenn ich Geschichten noch so toll erzähle: Am liebsten sing' ich einfach doch aus voller Kehle!" Ungeachtet eventueller Schwächen, die er ohnehin durch charmant entwaffnende Ehrlichkeit wett macht, frönt Dendemann seiner Leidenschaft: "Nein, ich sing' nicht gut, aber ich tu's gern!" Gesungen wird hemmungslos und eine ganze Menge, als sei man in der Dusche und da ganz unter sich.

Dendemann also gar kein Rapper, "nur ein Bluessänger auf Abwegen"? Oh, nein! Dieser Mann hat zweifellos die Rapsuppe mit Löffeln gefressen. "Hol tief Luft, du wirst es brauchen!" ("Inhalation") Ein nützlicher Rat an alle, die der irrigen Meinung anhängen, ein Storyteller könne nicht auf dicke Hose machen.

Abzüge gibt es lediglich in der B-Note: Die Beats (bis auf zwei Ausnahmen von Jansen und Kowalski weitgehend aus der Mainzer Audiotreats-Schmiede) lassen durchaus Wünsche offen. Elektronisch und ohne viel Wucht wirken die Instrumentals zuweilen recht flach und ausdruckslos. "Sachmagehtsnoch", nur einer von etlichen musikalisch eher eintönigen Fällen, auch dem textlich grandiosen "Endlich Nichtschwimmer" fehlt der letzte Rrrumms.

Ganz anders da das überaus soulige "3 1/2 Minuten": Orgel, jaulende Gitarre und das klimpernde Klavier schaffen eine angemessen melancholische Kulisse für Dendes Tränenmeer. "Ich stopf meinen Kopf ins Eisfach und bleib cool." Wer soll das denn glauben? Dreieinhalb Minuten? Sehr gerne auch länger.

Mindestens ebenso gelungen: "Dende 74" mit einem überaus gediegenen und satten Sound. Wieder garniert mit lässigem Piano und Streichern, untermalt dies die Party, die Dendemann und Gwen McCrae mit ihren Erinnerungen abfeiern. Wer auch nur einen Hauch 70er-Baby oder ein 80er-Kind in sich trägt, wird bei diesem Blick zurück mit Tränen in den Augen auf Nostalgiewellen reiten. Ein echter Wurf bildet den würdigen Abschluss für ein - trotz leichter Schwächen in den Beats - gelungenes Album. Es stimmt eben doch: "Jedes kleine d hat ein großes Ende, Mann!"

Trackliste

  1. 1. Check Mal Die Rhetorik Ab
  2. 2. Das Erste Mal
  3. 3. Das Lied Mit Dem ...
  4. 4. Gut Und Gerne
  5. 5. Endlich Nichtschwimmer
  6. 6. 3 1/2 Minuten
  7. 7. Kommt Zeit Dreht Rad
  8. 8. Inhalation
  9. 9. LaLaLabernich
  10. 10. Volle Kontrolle
  11. 11. Sachma gehtsnoch
  12. 12. Ersolchso
  13. 13. Sensationell
  14. 14. Dende 74 Mit Gwen McCrae

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