laut.de-Kritik

Endlich befreit vom ESC-Trauma.

Review von

Wenn einem praktisch über Nacht alle Türen offen stehen, dann packt man die Chancen normalerweise beim Schopfe. Man greift einfach zu. Auch Andreas Kümmert standen im März 2015 alle Türen offen. Als Sieger des Eurovision Song Contest-Vorentscheids hatte der bärtige Bayer das Ticket nach Österreich bereits gelöst. Alle klatschten, alle jubelten.

Doch im Moment des Triumphs wird dem Sänger plötzlich der Preis dieses Sieges bewusst - als Vertreter Deutschlands hätte er in Wien eine Woche lang ein Rolle spielen müssen, die ihm so gar nicht behagt: die des angepassten Pop-Troubadours: "Jeder will da Antworten auf hirnrissige Fragen, für die ich keinen Nerv hätte. Das hat mir plötzlich eine Riesenangst gemacht", erklärte Andreas Kümmert im Herbst 2015.

Zu dem Zeitpunkt sah sich der Sänger bereits mit der anderen Seite des Showbiz konfrontiert. Nach der Spontanverweigerung vor laufenden TV-Kameras zog plötzlich das halbe Land über ihn her. Wochen und Monate verkroch sich Andreas Kümmert hinter einer Schutzmauer des Schweigens. Doch irgendwann ziehen auch die dicksten Wolken von dannen: Keiner kümmerte sich mehr um Kümmert.

Die Monate des Leidens, die anderen Newcomern vielleicht das Genick gebrochen hätten, machten den sensiblen Sänger mit der markanten Stimme aber nur stärker. Mit seinem neuen Album "Recovery Case" bringt er nun alles auf den Punkt, was ihn schon vor der Zeit im Medien-Fokus als Musiker ausmachte: Leidenschaft, Authentizität und eine musikalische Lockerheit.

Bereits der Beginn des Openers "Train To Nowhere" offenbart eine Entwicklung, die dem Sänger als ESC-Sieger wohl verwehrt geblieben wäre. Nur begleitet von groovenden Percussions lässt Andreas Kümmert seine soulige Stimme durch die Boxen tanzen. Der aufgeplusterte Refrain passt zwar so gar nicht ins Konzept. Aber vielleicht ist er auch nur ein kurzer Blick in den Rückspiegel.

Wäre Andreas Kümmert im vergangenen Jahr auf den ESC-Zug gesprungen, würde sich das komplette Album wohl in süffigem Allerweltspop verlieren. Schon eher präsentiert es einen ambitionierten Künstler, der sich mehr denn je auf sein Bauchgefühl verlässt.

Mit seiner erstaunlichen Präsenz verschafft sich Andreas Kümmert spielend leicht Zugang zu diversen Genres. Wahlweise verzerrt, fast schon knorrig und mit dem Volumen eines Arena-Rockers, oder melancholisch und nachdenklich auf den sensibelsten Zwischentönen pfeifend, weist der 30-Jährige eine erstaunliche Bandbreite auf.

Das noisige "Notorious Alien" beispielsweise verzückt mit crunchigem Lo-Fi-Rock. Mindestens genauso wuchtig kommt der vertrackte Soulrocker "One Day" um die Ecke. Auf der anderen Seite beeindrucken besonders das folkig dramatische "Beside You" sowie die zwischen klassischem Americana-Pop und Neo-Blues pendelnde Ballade "The Beginning Is The End". Hier zeigt sich, wie behutsam sich Kümmert mit den Wunden der Vergangenheit beschäftigt.

Der sympathische Bayer liebt sich endlich wieder selbst ("I Love You"), fühlt sich bisweilen einsam, aber dennoch frei ("Lonesome But Free") und erfreut sich wieder an den kleinen Dingen des Lebens ("Silver And Gold"). Mit einer Melange aus schnörkellosem Pop und erdigem Soul sowie zahlreichen Abstechern in Richtung Rock, Folk und Blues gelingt ihm der Befreiungsschlag, der alten "The Voice Of Germany"-Ballast und das ESC-Traumata endgültig von der Bildschirmfläche verschwinden lässt.

Trackliste

  1. 1. Train To Nowhere
  2. 2. Beside You
  3. 3. Falling
  4. 4. Notorious Alien
  5. 5. Ego Song
  6. 6. I Love You
  7. 7. One Day
  8. 8. The Beginning Is The End
  9. 9. Reflection
  10. 10. Lonesome But Free
  11. 11. Silver And Gold
  12. 12. Desperate Moves

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