25. August 2022

"Träume sind größer als wir"

Interview geführt von

Während Valerie June Songs immer schreiben kann, beim Blumengießen oder Geschirrspülen, jederzeit, außer wenn sie es sich vornimmt, bremst sie ihre eigene Ideen-Flut aktuell zum Zwecke einer Cover-LP.

Auf "Under Cover", das an diesem Freitag erscheint, gibt sie einen Dylan-Song aus dessen "Nashville Skyline"-LP zum Besten, covert Gillian Welch, Hope Sandoval & Mazzy Star und Nick Cave. Auch Nick Drake hat sie sich vorgeknöpft, den "Pink Moon", weil ihre vorige Platte von Mond und Sternen handelte. "Imagine" von John Lennon ist dabei, weil es eines ihrer liebsten Lieder ever ist.

Jenseits solcher großen Artists, die schon lange tot sind, traf sie in den letzten Jahren, wann immer möglich, direkt auf Vorbilder. PJ Harvey erzählte ihr am Rande eines Konzerts, sie schreibe vor allem visuell und habe kurze Filme vor Augen, wenn sie einen Song entwerfe. In diesem Moment entdeckte Valerie, wie ihre eigene Schreibtechnik aussieht, und dabei denkt sie sehr vernetzt, was man auch beim Sprechen merkt. Ein Talk mit ihr könnte wohl Stunden oder auch Tage dauern. Und sie wirkt ein bisschen abgewürgt, als ich ihr in der 22. Zoom-Minute sage, dass das errechnete Schedule vorsieht, dass wir uns trennen. Doch wir trennen uns auch gleich am Anfang.

Valerie June: Für einen kleinen Moment hatte ich gerade kein WLAN, weil ich auf einen verkehrten Knopf gedrückt habe. Was war nochmal die Frage?

Auf dem Cover-Bild zu "Under Cover" liegst du im Bett unter einer Decke, die du bis über die Nase ziehst. Ein Plädoyer um mehr zu träumen, nachdem die letzte Platte "Prescriptions For Dreamers" untertitelt war?

Valerie: Aaaah, ja das ist lustig, weil ich das genauso liebe wie man's da sieht, mit Instrumenten ins Bett zu gehen, mit Pflanzen, Steinen und Büchern um mich rum. So mag ich es einzuschlafen.

Und ja, Träume sind super wichtig. Denn die [stoffliche] Welt ist sehr konkret. Die Systeme, die seit langem drum herum etabliert wurden, eignen sich nicht notwendiger Weise für alle menschlichen Wesen und sind auch nicht für alle gerecht. Wie aber schaffen wir etwas Neues?

Ich denke, der einzige Weg etwas Neues zu ersinnen, ist fähig zu sein zu träumen und sich etwas vorzustellen und zu hoffen. Und unserem kindlichen Naturell zu erlauben, auch in unserem Erwachsenenleben durchzudringen und zum Vorschein zu kommen. Wünschbares zu kreieren, und sich um neue Arten der Lebensgestaltung zu kümmern.

Wird das Träumen also unterschätzt?

Wenn wir nur in unserer gegenständlichen Welt leben, können wir nicht hinter sie blicken und über sie hinaus wachsen, indem wir etwas Neues sehen. Träumen ist harte Arbeit. Es scheint weich, aber es ist hart, obwohl es wolkig und fluffig klingt. Es ist hart, eine Entscheidung zu treffen. Sagen wir mal, du träumst davon, eine Malerin zu sein oder ein Fotograf, oder du träumst davon, dein eigenes Unternehmen zu gründen, nun: Wenn du tatsächlich losziehst und es probierst und deinen Arsch bewegst, um etwas dafür zu tun, wirst du feststellen, dass diese Route hart zu segeln ist. Es ist nicht einfach.

Und für die Menschheit ist es dasselbe. Wenn wir uns wünschen, etwas so zu erträumen, wie das wovon Dr. Martin Luther King gesprochen hat, also "Ich habe einen Traum, dass wir in mehr Harmonie in den Staaten miteinander leben und nicht nach der Farbe unserer Haut beurteilt werden", dann ist es immer noch Jahrzehnte nachdem er das gesagt hat, harte Arbeit für Menschen. Dass sie einander wirklich so sehen und wirklich einander respektieren. 

Meine Platte "The Moon And Stars: Prescriptions For Dreamers" war deshalb einfach ein Versuch, Leute mitten in der Pandemie zu motivieren. Da kam so viel Ungerechtigkeit an die Oberfläche, die geheilt werden muss. Mir ging es darum, Leute zu inspirieren: 'Träumt von etwas! Träumt und verliert nicht die Hoffnung!'

Und ich empfinde es so, dass Musik und Kunst genau die Werkzeuge sind, die das für uns tun können. Die können uns auf dem Pfad der Hoffnung bei der Stange halten. Oder sie lassen uns Fragen stellen. Stellt Fragen! Habt nicht das Gefühl, dass uns alles beantwortet ist oder dass wir je auf alles in unserer Lebensspanne eine Antwort bekommen werden.

Denn Träumen ist größer als wir! Alle großen Träumenden, die ich respektiere und liebe, sind tot und vergangen, aber ihre Träume leben in mir weiter. Und genau so wird es mit mir auch mal sein. Jetzt sitz ich da und rede darüber, über manches, was in meinem Leben nie Wirklichkeit werden wird (lacht) ich bin fast eine auf positive Art negativ eingestellte Person (lacht herzlich) ... in mancher Hinsicht ... und ich hoffnungvoll, und ich will dass, etwas gelingt, aber (lacht) es werden meine Nichten und Neffen sein, die den Schritt dann in der Wirklichkeit noch zuende gehen müssen.

Das heißt, du bist eine pessimistische Person mit Hoffnungen, oder eine Optimistin, oder eine Realistin?

Ich wähle alle Antworten. (lacht lang und intensiv) Ich kann nicht auswählen. Will ich auch nicht.

Du hast einige Leute getroffen, zum Beispiel einige 'Stax'-Größen, nämlich Booker T., mit dem du komponiert hast, und Mavis Staples, mit der du ein Duett gemacht hast. Du hast dafür Gelegenheiten genutzt, solange sie am Leben sind, und sie sind ja sehr für etwas Visionäres eingetreten. Gerade in dem Zusammenhang mit Rassismus, den du ansprichst.

Nun, die verkörpern das, was ich 'Freude' nennen würde. Das, was ich von denen am meisten will, hat damit zu tun, dass sie sich sogar so ausdrückten, obwohl sie Zeiten erlebten, die in Bezug auf Rassismus härter waren, als das was wir heute erleben. Aus meiner Sicht scheint mir das so. Denn es war nicht einfach! (Redet sich in Fahrt) Du hörst Stories von Booker, wie sie zwar Rechte hinzugewonnen haben und zum Beispiel Geschlechtsverkehr und auch sonst Umgang zwischen Hautfarben erlaubt wurde, aber: Die Stadt Memphis war sehr geteilt in jener Zeit. Es gab ja diese Phase, als Dr. King ermordet wurde. 

Musik überwand die Grenzen der 'Rasse'. Die MusikerInnen kamen trotz allem zusammen, und es gab die Anschläge und alles, und alles war so heavy! Aber die wussten, Musik steht da drüber, und sie mussten ja eh miteinander zurecht kommen, und sie machten großartige Musik. Sie ließen sich bei ihrem Höhenflug nicht bremsen.

Sogar bei Bookers Arbeit, die er mit Willie Nelson machte, auf "Stardust": Denn er arbeitet immer mit dem Kosmos wie ich; meine Inspirationen speisen sich daraus. Und selbst Mavis tut das. Da gibt es ein Album von ihr mit einem Stern auf ihrer Stirn auf dem Cover (Anm. d. Red.: "Mavis Staples", ihr Debüt von '69). Und es ist eine Nahaufnahme, ein Foto, das direkt auf ihr Gesicht zielt. Und bei Scarlett Thomas (Anm. d. Red.: Schriftstellerin), da ist es dasselbe mit der kosmischen Sternen-Magie.

Die alle haben das, und sind sehr genießerisch, voller Freude. Klar, die wussten, dass sie in harten Zeiten leben, und wenn Mavis auf die Bühne geht, dann sagt sie, 'hey, ich gehe den Marsch von Dr. King, aber ich bin jetzt hier um euch allen Freude zu bringen. Ich lifte euch alle up', und das ist das, was sie tut! Weißt du? 

Das ist so ungefähr das, was ich von denen allen gelernt habe: Der Weg ist hart. Der Weg wird dunkel. Aber: Musik wird uns alle verbinden und sie wird das transzendieren. Es ist wahr, wenn man sagt, sie ist die universelle Sprache.

Und es war mir als junger Frau wichtig, mit meinen 'Elders' zu arbeiten. Jetzt bin ich vielleicht interessiert daran, mit manchen meiner Gleichaltrigen - oder womöglich Jüngeren - zu arbeiten. Siehe einige der Cover, die ich mache (Anm. d. Red.: Frank Ocean, "Godspeed") - und ich habe das Gefühl: Ich wollte erst mit meinen Vorfahren arbeiten. Weil du nie weißt, wie lange wir unsere Leute noch haben.

"Als Kind wohnte ich in einer Garage, einem Motel und einem Landhaus mit Schlangen"

Dein Vater hat im Nebenberuf sein ganzes Geld und seine Zeit darin gesteckt, solche Legenden zu euch in die Stadt zu holen, als Konzertpromoter. Aber er zahlte oft drauf. Ihr habt in einer kleinen Baracke gelebt, und dann brannte die auch noch ab ...

Oh ja. Wir haben alles verloren. Ja, fast die Hälfte meiner Kindheit lebte ich in einer Garage. Also, ich wurde in einem schönen Haus geboren, von da aus zogen wir in einen nicht so guten Stadtteil mit einem Haus, wo Ratten rumliefen, dann wechselten meine Eltern in einen Trailerpark, und als sie genug Geld beisammen hatten, kauften sie zwar ein Grundstück. Sie konnten aber kein Haus finanzieren und bauten dann eine Garage da drauf. Sie waren scharf drauf, ihr Traumhaus auf eigenem Land zu bauen. Jedoch, ja: Diese Garage brannte ab. Und das, während sie gar nicht mal so weit gekommen waren, ein Haus zu bauen.

Aber, vor Ort blieben wir in einem Motel, ich schätz mal, drei Monate oder so, nach dem Brand, und mein Vater hatte zu der Zeit folgenden Job: Er baute an einer Kirche mit, er war der Bauunternehmer. Er gewann eine Ausschreibung. Die Vorschusszahlungen waren dann so hoch, dass er sich zutraute, damit ein Haus zu ersteigern. 

In dieser Straße, wo unser Grundstück mit der abgebrannten Garage sich befand, da gab es am Ende der Straße auch ein Auktionshaus. Es gelang ihm, die Auktion zu gewinnen, und so hatten wir schließlich unser wirkliches Haus. Meine Familie lebt heute noch darin, und das war das Haus während meiner Teenager-Jahre. Ein schönes kleines Landhaus mit Palmen dahinter, wo ich mit Fröschen und Vögeln und Schlangen Zeit verbrachte (lacht). Und es ist großartig.

Das ist definitiv eine Geschichte, die davon handelt, zu lernen, wie man etwas verliert und seinen Weg zurück findet, und davon, wie du träumst und wie du hoffst und wie du scheiterst, aber trotzdem dabei bleibst, deinen Weg zurück zu finden. Das ist so etwas, was ich von meinen Eltern gelernt habe.

"Mein Land wollte, dass ich sterbe"

Du hast dich - so ist mein Eindruck - oft durchgebissen, unter schwierigen Umständen. Und sehr viele Berufe ausgeübt. Teils um überhaupt in die Musikwelt reinzukommen. Was waren denn deine härtesten Jobs?

Als ich ein Kind war, arbeitete ich in der Firma meines Vaters mit und er machte Bau-, aber auch Abrissarbeiten. Und wir haben Geld bekommen, um für ihn zu arbeiten, säuberten frische Mauern, und meine Brüder haben Traktoren gefahren, all so Zeug. Weißt du, wir haben unter der heißen Sonne gearbeitet, und Mauern zu reinigen ist sehr schwierig.

Ein Kind zu sein und sowas zu machen ist auf eine Art hart, aber ich lernte, wie ich es artikuliere, wenn ich etwas möchte. Wenn ich etwas haben wollte, konnte ich nicht einfach sagen: 'Das will ich' und meine Eltern hätten es dann gekauft, nein, meine Geschwister und ich mussten für alles arbeiten, das wir wollten. Außer für Essen ... und ein Obdach (lacht). Wenn ich was Neues zum Anziehen haben wollte: Nicht einfach, shoppen zu gehen. Ich musste dafür erst mal arbeiten.

Und genau so war es dann, als ich auf eigenen Beinen stand: Ich hatte zuerst einen Job als Bedienung, und danach dann als Barista, dann nahm ich noch einen Job als Putzfrau an, dann habe ich in einem Kräuterladen angefangen, und ich machte mehrere Jobs parallel, manche am selben Tag.

Und ich hatte mir Ziele gesteckt, wofür ich genug Geld ansparen wollte, wie eben meine eigene CD. Und ich wusste, dass es Tausende und Abertausende Dollars dafür brauchen würde, und wie viele Arbeitsstunden umgerechnet, und so schrieb ich mir in ein Notizbuch, wie viele Jahre es dauern würde, und ich stand um 6 Uhr früh auf und ging um Mitternacht ins Bett und arbeitete, um das Ziel zu erreichen, das ich mir gesteckt hatte, und als ich gut dabei war dem Ziel nahe zu kommen, wurde ich krank. (Anm. d. Red.: Diabetes)

Es war mir nicht möglich, aus eigener Kraft ins Ziel zu kommen. Denn ich musste das Geld, das ich angespart hatte, für meine Gesundheit ausgeben. Aber das war zu der Zeit, als Kickstarter-Kampagnen aufkamen, und ich war dann in der Lage, das Geld von lokalen Fans aufzutreiben! Ich hatte mir über die Zeit bei Auftritten einen Kreis an Fans aufgebaut. In dieser Zeit ging es in meinem Kopf nur darum, das Ziel zu erreichen und meinen Traum wahr werden zu lassen. Und dann dauerte das schon so eine lange Zeit (Anm. d. Red.: fast sechs Jahre), und mir war bewusst: Das ist kein einfacher Weg, und die einzige Lösung ist, eben weiter zu proben, und zu hoffen, dass meine Kunst sich verkaufen wird. Bis dahin hatte mir keiner geholfen. Ich wusste, niemand hilft mir zu überleben, zu essen (lacht) ...

Und mein Gedanke war: Wenn meine Kunst sich nicht verkaufen wird - meine Idole waren Mississippi John Hurt (Anm. d. Red.: Blueslegende, arbeitete als Landwirt, starb nach seinem zweiten Studioalbum, posthum entstand ein großer Kult um ihn und seine unveröffentlichten Aufnahmen) oder Elizabeth Cotten (Haushaltshilfe von Pete Seeger, die als Kind erste Songs geschrieben hatte und mit 65 ihr Debüt rausbrachte) oder Mavis Staples. Also ältere Artists, die erst in fortgeschrittenem Alter ihre Anerkennung erfahren haben. Weißt du ... Also, ich hatte das alles immer im Hinterkopf: Es muss nicht alles klappen, wenn ich in meinen Zwanzigern, Dreißigern bin, oder Fünfzigern, vielleicht passiert's wenn ich über 80 bin (lacht).

Du redest gerne über Politik, und du hast deine eigenen Gesundheitskosten damals zwischen etwa 2005 und '09 angesprochen. Hätte es dir geholfen, wenn es 'Obamacare' früher gegeben hätte? Was tut sich denn überhaupt in der US-Sozialpolitik? (Wir bekommen hier als Nebeneffekt des Kriegs in der Ukraine, und seit Trump als Aufreger-Figur weg ist, relativ wenig über die USA mit.)

Als Obamacare eingeführt wurde, half es mir. Ich wäre wahrscheinlich gestorben ohne. Ich war angewiesen auf Insulin, und ich war wirklich sehr dünn, denn mein Körper war sozusagen langsam am Absterben. Ich nahm Tabletten, um meinen Blutzucker zu regulieren, aber die passten nicht zu der Art Diabetes, die ich habe.

Und dann war ich schließlich in der Lage, mir eine Krankenversicherung zu leisten. Und als ich dann die Unterlagen für eine erschwingliche Versicherung hatte, ging ich zu einer Ärztin. Sie meinte: 'Sie müssen damit anfangen, Insulin zu nehmen, und zwar JETZT!' Und ich so: 'Aber ich mag keine Spritzen.' Und sie: 'Entweder nehmen Sie Insulin oder Sie sterben.'

Und ich weinte in diesem Sprechzimmer, ich schluchzte. Und sie so: 'Mir ist es egal, ob Sie heulen. Entweder nehmen Sie das Insulin oder Sie sterben in absehbarer Zeit.' Das heißt: Wenn ich keine Versicherung gehabt hätte und nicht fähig gewesen wäre, zu einem geeigneten Endokrinologen zu gehen (Anm. d. Red.: Facharzt fürs Hormonsystem) und die medizinische Behandlung zu bekommen, die ich brauchte, wäre ich ganz ernsthaft nicht jetzt hier. Eine bezahlbare Krankenversicherung zu haben ist so wichtig, und ich weiß, dass ihr das alle wisst: Denn euer System in Deutschland ist so viel besser für Gesundheitsvorsorge.

Und das gilt sogar bis heute: Ich merke das, wenn ich mit einer Gruppe namens 'Power To The Patients' arbeite. Wenn du heute in ein Krankenhaus gehst, können die dich mit was immer sie wollen finanziell belasten. Da gibt es keine Liste, so wie wenn du ins Restaurant gehst und eine Speisekarte bekommst und dann siehst, wie viel der Salat kostet, wie viel das Hähnchen, oder was auch immer. Kliniken in den USA können dir Preise berechnen, wie sie wollen. Und jetzt gibt es tatsächlich ein Gesetz in den USA, demnach sie dir den Preis einer Behandlung offen legen müssen, bevor sie sie anwenden. Aber die Anwendung dieses Gesetzes wird nicht überwacht. 

Und so kommt es dann durch die Nicht-Anwendung des Gesetzes dazu, dass Rechnungen über die Leute herein brechen, die ihnen die Existenz zerstören oder in den Tod führen. Manche verlieren ihr Zuhause und all ihr Hab und Gut. Der einzige Weg, wie ich es ja durch meine harte Zeit geschafft habe, war, dass ich diese Ersparnisse hatte. Und von daher: Du bist krank, und du versuchst zu überleben, und was ich zu der Zeit dachte, war: 'Oh Mann, ich kann überhaupt keine medizinische Hilfe von meinem Land bekommen - mein Land möchte von mir, dass ich sterbe!' Und das machte mich ... das brach mein Herz.

Das war, bevor Obamacare kam. Also: Es war okay, Leute drauf gehen zu lassen. Ich war eine hart arbeitende Frau. Ich partizipierte an der Gesellschaft, (amüsiert) ich zahlte Steuern, hab alles getan - aber es machte mein Leben nicht besser - auf gesundheitlicher Ebene. Und ich denke, das ist der Punkt, wo wir die größte Veränderung gebrauchen können: Dass wir uns mehr um die Gesundheit der Nation und der einzelnen Menschen kümmern. Das wäre etwas, wo wir hierzulande unser Leben viel einfacher gestalten würden. 

Der andere Punkt, wo ich das Gefühl habe, dass es großartig wäre, wenn wir einiges bewegen würden: Bildung! Wenn wirklich gute Bildung zugänglicher wäre für alle. Denn eine smartere Nation ist auch eine gesündere Nation. Und diese beiden Dinge wären dann wirklich das, was ich mir wünschen würde, was ich gerne sehen würde. Ich denke, das kriegen wir schon hin, aber es ist eine Frage des Willens.  

Du bist ja auch ein spiritueller Mensch, und hast über Mond und Sterne diese Platte gemacht, und ich habe da eine Frage, die ich immer gerne stelle: Feuer, Erde, Wasser und Luft, welches Element beeinflusst dich in deiner Musik am meisten?

Sie beeinflussen mich alle, aber am meisten: Erde! Nun, ich bin ein Erd-Sternzeichen. Ich bin ein Pflanzen-Fan, ich mag Erde, ich liebe Natur, und alles was im Kosmos so lebt. In meinem Leben beschäftige ich mich gerne damit, wie die Sterne den menschlichen Körper beeinflussen, oder wie man eine ganze Galaxie in einem Kleeblatt entdecken kann. Das ist alles Erde.

Oder Erfahrungen wie Schönheit, Liebe, Magie, du schaust in den Himmel, und fragst dich: Wie können wir das alles in uns tragen? Mich interessieren Sterne nur so weit, wie ich mit der Erde physisch in Kontakt bin und Boden unter mir habe. Wir sehen jeden Tag irgendwelche Herausforderungen oder leiden unter etwas, stehen Schwierigkeiten gegenüber. Und kosmisch zu sein, heißt daher für mich auch zugleich, grounded zu sein und realistisch auf das zu blicken, was wir hier auf der Erde an Brutalität erleben. (lacht)

Also, du möchtest Menschen mit deiner Musik erleuchten, möchtest ihnen vielleicht auch eine gewisse Sicherheit vermitteln? Oder deine Hörer*innen ermutigen, den eigenen inneren Spirit wahrzunehmen und im alltäglichen Leben auszuleben, zu entfalten?

Das ist das, was ich tun möchte. Und ich habe zugleich nicht das Gefühl, dass ich den Leuten irgendeine Art Orientierungshilfe in Richtung Sicherheit geben kann, aber was ich tun kann, ist: Sie inspirieren! Auf dieselbe Weise, auf die Mavis mich inspiriert oder auf die Booker T. mich inspiriert, weißt du.

Aber, 'Sicherheit', das ist recht allumfassend. Ich glaube, dass wir die nie erreichen (lacht) ... Das Leben ist ein unsicheres Gelände. Da muss man einfach manchen Sprung wagen (lacht), ihr könnt mich jetzt naiv finden, aber wenn ich verliebt bin oder einen Traum wage oder überhaupt eben lebe, dann muss ich dafür einfach eintreten. Und es kann passieren, dass ich dabei auf die Schnauze falle, aber: egal, who cares?! (lacht)

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