6. November 2019

"Mir ist egal, wie die Leute mich nennen"

Interview geführt von

Tim Bendzko ist "Immer Noch Mensch". Ein Mensch, der nicht gerne alleine Musik macht. Drei Jahre hat er sich Zeit genommen, um den Nachfolger zu seiner letzten Goldplatte zu präsentieren. Der größte Unterschied zu "Immer Noch Mensch" ist, dass er wieder mit vielen Musikern zusammengearbeitet hat. Dabei herausgekommen ist sein viertes Album "Filter", auf dem er versucht, ein wenig mehr Selbstbewusstsein an den Tag zu legen.

Im Vorfeld des Interviews mit Tim Bendzko heißt es, dass er sich "besonders viel Zeit" für das Gespräch nehmen wolle. Rund 45 Minuten sind veranschlagt. Die nutzen wir, um über die Reizüberflutung durch Social Media, sein Verhältnis zu Hip Hop und Meinungsverschiedenheiten zwischen ihm und Hertha BSC Berlin zu sprechen. Als Tim Bendzko mich anruft, widmen wir uns aber zunächst der Musik.

Klima-Krisen, Kriege und Konflikte überall in der Welt: Jemand, der mal eben kurz die Welt rettet, wäre da nicht schlecht. Und plötzlich bist du wieder mit einem neuen Album da. Was kann Musik in einer Gesellschaft bewirken?

Musik hat für mich die unglaubliche Eigenschaft, Menschen zu verbinden und zu bewegen. Dementsprechend glaube ich sehr stark daran, dass Musik etwas verändern kann. Zum Beispiel immer dann, wenn sich jemand mit einem bestimmten Thema oder einer bestimmen Position in einem Song identifizieren kann.

Im Pressetext zu "Filter" heißt es unter anderem: "2018, und das hatte er sich so vorgenommen, war das Jahr für ihn, um aufzuräumen. Radikales Ausmisten. In allen denkbaren Dimensionen", sagt er. Was genau kann ich mir darunter vorstellen?

Man kann sich das wirklich erstmal bildlich vorstellen. Ich habe in einem Haus gewohnt. Und wie das dann so ist, wenn man in einem Haus wohnt, fängt man an, Dinge anzuhäufen – inklusive Studio. Mein letztes Album habe ich komplett zu Hause aufgenommen. Ich habe gemerkt, dass ich viel Ballast mit mir herumschleppe. Dementsprechend habe ich zuerst mal ganz klassisch ausgemistet. Im Zuge dessen habe ich alles hinterfragt, was ich so mache. Ist das überhaupt der richtige Beruf? Wie soll es weitergehen? Wie soll das nächste Album klingen? Ich glaube aber, dass man sich diese grundlegenden Fragen sowieso immer wieder im Leben stellt – ich mache das jedenfalls nach jedem Album.

Weiterhin heißt es im Text: "Er reiste nach New York, Mykonos, Kapstadt und Australien, schrieb dort Songs, probierte viel Neues aus, ging verschiedene Wege und setzte auf eine moderne Produktion." In deiner Reihe "Tim trifft" hast du im Gespräch mit Curse gesagt, dass du keinen Reisedrang hast, maximal ab und an in eine Stadt fährst. Wie kam der Sinneswandel?

So ist es tatsächlich auch. Für meine Verhältnisse bin ich wirklich sehr viel gereist. Mich nervt am Reisen vor allen Dingen, dass es so komplex ist, das Ganze vorzubereiten. Man will natürlich vor Ort sinnvolle Dinge tun. Ich habe die ganze Zeit einen Druck verspürt, dass wenn ich in einer neuen Stadt bin, ich auch die ganzen Sehenswürdigkeiten abarbeiten muss. Ich habe für mich aber irgendwann festgestellt, dass man das gar nicht unbedingt muss. Ich finde es spannender, solange an einem Ort zu sein bis man das Gefühl hat, dass man da nicht mehr auffällt. Bis man sich selber nicht mehr als Tourist fühlt. New York ist ein sehr gutes Beispiel. Als ich das erste Mal da war, hatte ich die ersten beiden Tage Angst auf der Straße, weil einfach alles laut, schnell und groß ist. Ich finde es gut, an so einem Ort ein bisschen das Klima aufzusaugen und zu verstehen wie der Vibe dort ist. Lustigerweise habe ich keinen einzigen Song in diesen Ländern geschrieben. Ich habe das eher gebraucht, um aus dem eigenen Alltag herauszukommen und von draußen drauf zu gucken. Ich versuche Songs zu schreiben über Dinge, die mich beschäftigen und die unterschwellig die ganze Zeit Thema in mir sind. Sowas entdeckt man gefühlt besser, wenn man nicht zu Hause ist. Ich habe das mit dem Songschreiben aber versucht – in Melbourne bei 40 Grad und unfassbarer Luftfeuchtigkeit. Das hat nicht wirklich geklappt.

Ich fand beim Durchhören, dass der überwiegende Teil der Songs eher ruhig und melancholisch daherkommt. Ist das so in deiner DNA verankert bzw. welche Gedanken hast du dir im Vorfeld der Platte gemacht?

Ich finde es super schwierig, sich vorher inhaltliche Gedanken zu machen. Ich habe eher so ein Grundgefühl, dass das Album haben sollte. Ich wollte unbedingt, dass es selbstbewusster ist als das letzte Album. Natürlich hat es auch melancholische Teile. Das liegt so ein bisschen in der Natur der Sache, wenn man Songs schreibt über Dinge, die einen beschäftigen. Ich finde tatsächlich, dass es im Vergleich zum letzten Album sehr selbstbewusst ist und der ein oder andere Song ein bisschen überrascht. Man würde jetzt nicht unbedingt erwarten, dass ein Tim Bendzko mal einen Song singt, der mit breiter Brust vorangeht wie zum Beispiel "Hoch".

Du hast erneut mit Kool Savas zusammengearbeitet, den du schon auf seinem Album "Märtyrer" unterstützt hast. War er dir jetzt bei deinem Album noch ein Feature schuldig oder warum ist die Wahl auf ihn gefallen?

Wir hatten vor dem "Intro" auf "Märtyrer" ja schon einen Song zusammen – bei der Re-Edition von "Xavas" mit Xavier Naidoo. Das lief von der ersten Idee bis zum fertigen Song sehr gut. Es war klar, dass wir das wiederholen müssen. Als ich den Song "Nicht genug" jetzt geschrieben habe stand für mich fest, dass da noch eine Information fehlt. Die konnte aber nicht von mir kommen, weil ich schon alles gesagt hatte. Da war dann mein erster Gedanke Savas zu fragen, ob er nicht eingreifen möchte. Er mochte das Thema und den Song. Letztendlich hatten wir wieder eine unfassbar angenehme Zusammenarbeit, weil er einfach der netteste Mensch der Welt ist und dazu noch kreativ bis zum Mond.

Bist du eigentlich Hip Hop-Fan? Du hast ja neben Savas auch schon mit Eko Fresh, F.R. oder Chima zusammengearbeitet.

Es ist immer wieder mal so, dass ich den ein oder anderen Hip Hop-Song super finde, aber ich kann da keine ganzen Alben hören. Das sind mir zu viele Informationen gleichzeitig. Ich bewundere es wie man durch Sprechen und Grooven in der Stimme einen Song zum Funktionieren bekommt. Auch als Savas bei mir im Studio war und in das Mikrofon reingerappt hat, habe ich mich richtig erschrocken. Das hatte so eine unfassbare Energie, dass es mich fast vom Stuhl geworfen hätte. Ich bin jetzt allerdings kein Hip Hop-Fan in dem Sinne, dass ich die Szene akut verfolge.

„Was ich nicht verstehen kann, ist, dass wir alle sehr häufig auf unsere Telefone gucken“

"Filter" ist ein einfacher und plakativer Albumtitel, aber auch ein sehr interessanter. Wie bist du darauf gekommen?

Bei allen anderen Alben davor war relativ schnell klar, wie sie heißen sollten. Das war diesmal nicht der Fall. Ich bin am Ende so ein bisschen über die Entstehungsgeschichte zum Albumtitel gekommen. Der Unterschied zum letzten Album ist, dass ich viel mit anderen Musikern zusammengearbeitet habe. Dadurch habe ich versucht, meine Art von Songschreiben mit der von anderen zu verbinden. In der Hoffnung, dass damit eine neue Note Einzug in meine Songs erhält. Das war für mich so das Rausfiltern von allem, was noch so geht in mir. Filter ist zudem einfach ein super spannendes Wort, weil jeder ein bisschen was anderes darunter versteht. Ein Drittel würde sofort an Filterkaffee denken, das nächste Drittel an Instagram und ein anderes Drittel vielleicht an den Filter einer Kamera. Von den dreien wäre es für mich auch am ehesten der Kamerafilter, der so ein bisschen die Aufgabe hat, das Beste aus einer Sache rauszuholen. Im Gegensatz zu dem Instagram-Filter, der eigentlich nur etwas übertüncht.

Worüber legst du im Leben gerne mal den Filter? Und wo sollte man es lieber bleiben lassen?

Das schließt an das Thema Ausmisten an: Ich habe gemerkt, dass ich meine Energie auf wenige Dinge konzentrieren muss. Ich neige dazu, sehr viele Dinge zu tun. Ich suche mir immer wieder eine nächste Aufgabe oder eine Challenge und dann möchte ich was ausprobieren. Ich habe für mich in den letzten zwei bis drei Jahren festgestellt, dass das Schwachsinn ist. Such dir lieber eine Sache und mache die richtig. Und wenn du zwischendrin mal einen Tag Langeweile hast, dann ist das halt so. Das ist immer noch besser als zehn Sachen parallel zu machen.

Du hast eben schon angesprochen, dass man bei einem Filter auch oft an Instagram denkt. Du hast im April mit folgenden Worten auf der Plattform viele Instagrammer aufs Korn genommen: "Es geht nicht mehr darum wie schön die Zeit war, sondern wie viele es geliked haben. Bin heute influencermäßig am Frühstücken. Macht mir große Gefühle. Fröhliche Ostern." Für das Foto gab's innerhalb von zwei Tagen 9000 Likes. Welche Veränderungen hast du bei dir selbst durch Social Media wahrgenommen?

Erstmal so den Klassiker, den ganz viele wahrscheinlich haben dürften: Man macht eine Sache, die vielleicht besonders ist. Oft ist dann direkt der erste Gedanke: Kann ich das Social-Media-mäßig verwerten? Man kann sich da schon sehr verrückt machen, aber ich bin da mittlerweile entspannt. Im Endeffekt ist es nichts anderes wie wenn man früher im Urlaub war, Fotos gemacht, sie anschließend entwickeln lassen und dann seiner Familie gezeigt hat. In der Hoffnung, dass sie sich dann mit einem freuen wie schön doch alles war. Was natürlich jetzt ein bisschen skurril ist, ist, dass man das nun auch mit Menschen teilt, die man gar nicht kennt. Ich finde, dass man deswegen schon mal ein bisschen differenzieren sollte, ob man wirklich alle Dinge mit der Welt teilen muss.

Ich Zuge der ständigen Reizüberflutung möchte ich ein weiteres Zitat von dir aus einem Interview aufgreifen. Du hast mal gesagt: "Mein Telefon klingelt tatsächlich nur noch, wenn mich jemand anruft. Die Benachrichtigungsfunktionen für SMS und E-Mail habe ich abgestellt. Das sehe ich alles nur noch, wenn ich gezielt danach schaue. Und das versuche ich auf ein paar Momente des Tages zu verteilen." Wie umsetzbar ist das im Alltag, gerade wenn man in einer stressigen Tour- oder Albumphase ist? Klingelt da nicht ständig dein Telefon?

Es wäre schön, wenn in dieser Zeit ständig mein Telefon klingeln würde (lacht). Wenn ich mich privat mit Menschen über dieses Thema unterhalte, geht es immer um Vibrationsalarme. Was ich nicht verstehen kann, ist, dass wir alle sehr häufig auf unsere Telefone gucken. In der Hoffnung, dass es in der Zwischenzeit vielleicht eine neue Nachricht gab. Ich frage mich immer, warum das Telefon noch bimmeln muss, wenn man sowieso in einem Abstand von zehn Minuten oder noch kürzer drauf guckt. Wenn man jemanden innerhalb von einer Stunde zurückruft oder auf eine Sache antwortet, kann sich keiner beklagen.

„Ich hasse es, Zeit zu verschwenden und morgens mit einem dicken Kopf aufzuwachen, weil ich den Abend zuvor zwei Gläser zu viel getrunken habe“

Du hast 2009 bei einem Talentwettbewerb der Söhne Mannheims mitgemacht und mit der Band vor 20.000 Leuten in der Berliner Waldbühne gespielt. Kurz darauf hast du einen Plattenvertrag bekommen. Heutzutage suchen Labels vor allem auch gezielt in Social Media nach Künstlern, die sie signen können. War es früher vielleicht sogar leichter einen Plattenvertrag zu bekommen, weil noch nicht jeder gleich klang?

Ob das früher leichter war, weiß ich nicht. 2009, als ich meinen Plattenvertrag bekommen habe, hieß es schon, dass das jetzt alles schwieriger geworden ist. Grundsätzlich finde ich es total positiv, dass es heute so einfach ist, sich eigenständig einem großen Publikum zu zeigen. Als Kind oder Teenager hätte ich das überragend gefunden, wenn ich mich auf diese Art und Weise bereits künstlerisch hätte zeigen können. Das zeigt auch wie viel Talent es gibt und macht es schwieriger, sich von anderen abzusetzen, weil es so viele Leute gibt, die Musik machen. Aber das müsste ja in der Theorie dafür sorgen, dass die Qualität besser wird, weil derjenige der sich am Ende durchsetzt sich gegen sehr viel mehr Konkurrenz durchsetzen muss.

Würdest du selbst neue Künstler an den Start bringen?

Ich habe früher immer gedacht, wenn ich es mal schaffe mit meiner Musik erfolgreich zu sein, möchte ich auch junge Künstler fördern. Ich musste aber relativ schnell feststellen, dass ich dafür gar nicht so ein großes Talent habe. Ich kann für mich privat sehr gut entscheiden, wann ich einen Sänger gut finde oder wann nicht. Aber auf der Business-Ebene wäre das nichts für mich.

Du könntest auch als Bruder von Matthias Schweighöfer durchgehen. Jetzt hat der in den letzten Jahren auch Musik veröffentlicht. Wie steht es um deine Schauspielkünste?

Das ist ganz einfach: Ich kann nicht schauspielern! Ich bin ein sehr großer Filmliebhaber, aber ich glaube einfach nicht, dass ich das gut kann. Die Wahrscheinlichkeit, dass man mich in Zukunft auf der Leinwand oder im Fernsehen als Schauspieler sehen wird, ist wirklich sehr gering. Ich beschränke meine schauspielerischen Tätigkeiten auf eigene Musikvideos.

Innerhalb der Reihe "Tim trifft" gab es auch ein Treffen mit Fabian Römer, mit dem du eine Zeitlang in einer WG gewohnt hast. Er sagt da über dich: "Wenn der Tim mal Alkohol trinkt, hat es etwas zu bedeuten." Wie gut kannst du Alkohol kontrollieren?

Super gut. Ich habe das große Glück, dass ich relativ unempfindlich gegen Süchte bin. Sobald ich merke, dass ich eine Sache tue, ohne sie mit Absicht zu tun – also sei es jeden Abend ein Glas Wein zu trinken – dann finde ich das irgendwie komisch. Es fällt mir dann relativ leicht es wieder sein zu lassen. Ich hasse es, Zeit zu verschwenden und morgens mit einem dicken Kopf aufzuwachen, weil ich den Abend zuvor zwei Gläser zu viel getrunken habe. Das kann ich nicht mehr.

Pop-Schnuckel oder Deutsch-Poet: Welche Bezeichnung ist dir lieber?

Ich staune, dass du nicht Schwiegermutters Liebling gesagt hast. Das hat mal jemand im Zuge meines ersten Albums in einem Text über mich geschrieben und das wurde mir jahrelang vorgehalten. Die Leute sollen mich nennen wie sie möchten, mir ist das relativ egal.

Schreibst du eigentlich Tagebuch?

Würde ich tatsächlich gerne, aber dazu fehlt mir einfach die Geduld. Ich glaube auch, wenn ich Tagebuch schreiben würde, würde ich nie wieder einen Song schreiben. Das Songschreiben hat mir für mich genau diesen Effekt, sich Dinge von der Seele zu schreiben.

Du hast kürzlich Hertha BSC in einem Interview unter anderem als "Touri-Verein" bezeichnet. Paul Keuter, ein Klub-Offizieller, hat daraufhin mit folgender Aussage gegen dich zurückgeschossen: "Vielleicht konzentrierst Du Dich lieber mal aufs Erwachsenwerden, Du Flitzpiepe!?" Hat er recht?

(lacht) Ich wusste tatsächlich nur, dass da jemand was gesagt hat als Antwort, aber nicht genau was. Ich finde das eine ziemlich lustige Aussage, weil alleine das eine ganze Menge über das eigene Denken aussagt. Keine Ahnung, ob ich erwachsen bin und ob das die Zielstellung sein muss. Ich bin einfach ein großer Fußballfan und für mich ist das ziemlich unterhaltsam, wenn ich was zum Thema Fußball sagen darf. Darüber rede ich in Interviews tausendmal lieber als über andere Dinge. Ich habe tatsächlich gar nichts gegen Hertha, aber ich bin mit Union aufgewachsen. Es ist ja klar, dass ich meine Meinung dann auch sage. Das darf man dann vielleicht auch als Vereinsverantwortlicher abstrahieren können.

Wie gehst du generell mit dem Älterwerden um?

Ich habe bis jetzt noch gar kein Problem damit älter zu werden. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass wenn man mich sieht nicht erwarten würde, dass ich 34 bin. Aktuell ist es immer noch so bei mir, dass es mit jedem Jahr eigentlich nur besser wird. Ich möchte auch gerne in Würde altern und nicht mit Mitte 50 noch so tun als wäre ich Anfang 20.

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