2. Oktober 2001

"Das war Amerikas Eingliederung in diese ganze Scheiße"

Interview geführt von

Dass Slayer eine gnadenlos geile Live-Band sind, bezweifeln wohl nur wenige. Dass viele der neuen Songs schon beinahe danach schreien, live gespielt zu werden, auch nicht.

Gratulation zum neuen Album. Nach dem ersten Hören hab ich mich gefühlt, als ob ich gerade dreizehn Runden im Ring mit den Klitschko-Brüdern hinter mich gebracht hätte. Ich bin seitdem trotzdem jeden Tag wieder im Ring.

Beide lachen

Tom: Danke, freut mich zu hören, dass wir mal wieder richtig die Fresse polieren konnten.

Warum seid ihr eigentlich extra nach Vancouver, Kanada gegangen, um da eure Platte aufzunehmen?

Tom: Das war Matt’s Idee. Matt Hyde unser Producer wollte die Sache nicht unbedingt in LA durchziehen und schlug die Warehouse Studios in Vancouver vor. Im Endeffekt wäre es aber schlauer gewesen, alles in LA durchzuziehen. Jeff hatte sowieso von Anfang an keinen Bock auf Vancouver.

Jeff: Mich musste man beinahe an den Haaren dahin schleifen. Und wenn ich jetzt zurück denke, muss ich feststellen, dass wenn wir in LA geblieben wären, die Scheibe schon viel früher fertig gewesen wäre.

Tom: Auf jeden Fall. Wir waren da irgendwie nicht so in unserem Element.

Wieso, habt ihr euch da nicht wohl gefühlt?

Tom: Öh, nicht wirklich. Es wurde einfach alles etwas zu exzessiv. Die Barbesuche, die Hockeygames, dann sind wir auch ab und zu heim gefahren zu unseren Familien. Das wäre in LA einfach anders abgelaufen.

Jeff: Ja, definitiv. Da hätten wir uns mehr auf die Sache an sich konzentrieren können. Im Endeffekt sind wir mit der Scheibe voll und ganz zufrieden. Sie tritt gut in den Arsch. Nur in LA wäre sie schneller fertig gewesen.

Kam Bryan Adams mal auf nen Besuch vorbei??

Beide lachen wieder, dabei fällt Jeff beinahe die Sonnenbrille aus dem Gesicht.

Tom: Nein, wir hofften zwar alle, dass er mal reinschaut, tat er aber nicht. Wahrscheinlich ist er erstmal in den Urlaub geflogen, nachdem er gehört hat, wer da in seinen Studios rumwerkelt.

Jeff: Das ging wahrscheinlich so: "Wer ist da drin? Slayer? Taxi!

Tom: Nein, er lebt ja auch gar nicht in Kanada. Er wohnt, glaube ich, in London. Aber die Studios sind wirklich cool. Drei separate Studios auf drei Stockwerken. Sehr angenehm zu arbeiten da.

Ich hab gehört, ihr habt euch das Studio erstmal etwas ummodeliert. In welchem Zustand habt ihr es wieder verlassen?

Jeff: Wir waren brav und haben nichts kaputt gemacht. Hm, schade eigentlich (lacht)

Tom: Wir mussten uns einfach wohl und heimisch fühlen um einigermaßen konzentriert arbeiten zu können. Wir haben also Poster an die Wände gehängt. Ein paar Totenschädel und jede Menge Kerzen verteilt und das Licht soweit gedimmt, dass man beinahe nichts mehr gesehen hat. So wie wir es eben mögen, die Atmosphäre und alles. Alles was wir machen, hat etwas Dunkles an sich.

Für welchen Wrestler war eigentlich der Song "Here Comes The Pain" gedacht und wie kam die Sache ins Laufen?

Tom: Für Sid Vicious aus der WCW. Die Company von ihm trat an uns heran und bat uns, den Einmarsch-Song für ihn zu schreiben. Letztlich haben sie ihn aber nicht verwendet, da er anscheinend zu schnell sei.

Jeff: Er hatte wohl keinen Bock zum Ring zu rennen, aber eigentlich ist der Song doch recht langsam. Jetzt haben wir ihn einfach mit aufs Album genommen und die WCW benutzt ihn als Intro und Outro für die Show. Aber nur das Gitarrenriff.

Ok Jungs, und wie könnt ihr das rechtfertigen, einen so geilen Song wie "Bloodline", für einen so miesen Streifen wie "Dracula 2000" rauszugeben?

Tom: (lacht) Da gibts eigentlich nichts zu rechtfertigen. Als wir den Song geschrieben haben, war der Film noch nicht zu sehen. Wir wurden gefragt und fanden die Idee recht cool. Inzwischen hab ich den Film aber gesehen und muss sagen, mein Toaster hat mehr Ausstrahlung als irgendeiner der Darsteller.

Auch die Idee, dass Dracula mit Judas identisch sei, ist doch dermaßen an den Haaren herbei gezogen ...

Tom: Das hielt ich eigentlich für eine recht interessante Idee. Aber ansonsten ist das kein wirklich großer Film, da hast du recht.

Dabei ist der Song so geil

Jeff: Danke, das ist es doch was zählt. Tut mir leid, dass du den Film sehen musstest (grinst), aber Hauptsache der Song war gut.

Zu gütig. Lasst mich aber jetzt mal auf etwas kommen, was gar nicht zum Lachen war. Der Anschlag auf das WTC. Wann und wo habt ihr davon gehört und was ging euch dabei durch den Kopf?

Tom: Wir sind beide gerade erst von einer Autogrammsession in einem Plattenladen heim gekommen. Das war so eine Mitternachts-Autogramm-Aktion, wo um Punkt zwölf die Türen aufgemacht wurden, und die Fans als allererste die neue CD kaufen und sich ein Autogramm abgreifen konnten. Das ging so vier Stunden und gegen Fünf war ich dann zu Hause. Ich war dann gegen 5.45 Uhr endlich eingeschlafen, als mich meine Frau aufweckte und mir erzählte, meine Schwester habe gerade angerufen. Sie würden das WTC bombardieren. Ich konnte es gar nicht glauben. Ich bin sofort zum Fernseher gerannt und sah, dass das eine Gebäude schon brannte. Ich war noch halb im Schlaf, als das andere Flugzeug dann in den zweiten Tower einschlug und dachte nur: Seh ich hier gerade ne Wiederholung oder passiert das jetzt wirklich gerade? Aber es war keine Wiederholung. Es war unglaublich zu sehen, wie die Gebäude eingebrochen sind. Ich war wie paralysiert. Das was mich am meisten bestürzt, ist die Menge an Personen, die in diesen Gebäuden gearbeitet haben. Sie wissen ja immer noch nicht die genaue Anzahl der Opfer. Zum Glück haben es einige raus geschafft. Eigentlich wollten wir an exakt diesem Tag nach Europa fliegen, aber die Flüge wurden natürlich alle gecancelt. Wir hätten eigentlich nach Irland und Belgien fliegen sollen, aber eine Woche lang ging da gar nichts.

Wie habt ihr euch dann gefühlt, als ihr ins Flugzeug gestiegen seid, um hierher zu fliegen?

Tom: Verdammt unwohl. Vor allem unsere Familien waren über unseren Entschluss hier zu spielen gar nicht glücklich. Jetzt sind wir halt hier, aber wir werden nach der Tour so schnell wie möglich wieder heim fliegen.

Was haltet ihr von den Statements eures Obercowboys Bush Jr? Der Kerl erzählt die ganze Zeit etwas von Krieg, aber bei allem Mitgefühl, es ist nach wie vor ein terroristischer Anschlag einer Gruppe. Wenn man darauf mit Krieg antwortet, ist man selbst der Auslöser.

Tom: Ich frag dich mal was. Angenommen vier Lufthansa Maschinen würden gekidnappt und in irgendwelche öffentlichen Gebäude in Deutschland getrieben. Wie würdest du dann über Krieg denken?

Exakt so wie jetzt auch. Nur weil hierbei Unschuldige gestorben wären, muss das nicht in einem Krieg wiederholt werden.

Jeff: Es ist ne schwierige Frage. Das Problem, das ich dabei sehe, ist eben: Wo ist der Feind, wo sind die feindlichen Truppen? So gesehen ist das natürlich kein Krieg. Ich denke, Bush hat das auch deutlich genug dargelegt, dass das eine ganz andere Art von Krieg ist.

Tom: Ja, das muss auf jeden Fall klar sein. Er muss die Leute daran erinnern, dass wir nicht die Art von Krieg haben, in den Truppen gegeneinander kämpfen. In Amerika ist aber jedem bewusst, dass wir gegen einen unbekannten, unsichtbaren Feind kämpfen. Das Problem ist, dass dieser Feind überall ist. Zu Jeff sagte ich neulich, dass dies jetzt Amerikas Eintritt in die globale Gemeinschaft war. Hier in Europa und in beinahe allen andern Teilen der Welt habt ihr schon lange mit Scheiße wie dieser zu tun. Nicht in dem Ausmaß, aber trotzdem. In Amerika gabs das bis auf einige wenige Ausnahmen so nicht. Das war Amerikas Eingliederung in diese ganze Scheiße. Jetzt müssen wir uns auch um Terrorismus kümmern, vor allem in unserem eigenen Land. Jetzt können wir wohl endlich von "One World" sprechen. Jetzt muss die Welt gemeinsam auftreten und handeln, um den Terror zu bekämpfen. Und das ist es, was Bush sagt.

Er weist auch immer wieder daraufhin, dass wir den Feind nicht kennen und es deshalb ein langer, harter Kampf werden wird. Es soll einfach jeder wachsam und mit dabei sein. Wenn du in Amerika auf den Flughafen gehst, denkst du immer nur: Ach ist das Leben nicht toll, schubidubidi. Hier in Europa hab ich immer das Gefühl, dass die Leute einfach aufmerksamer sind und schauen, ob alles noch stimmt. Jetzt musst du immer und überall wachsam sein und das kotzt mich an. Für mich hat Amerika etwas von seiner Freiheit verloren. Viele von unseren als selbstverständlich erachteten Freiheiten gehen zum Teufel. Einfach um uns selbst zu schützen, das stinkt doch.

Wie kommt es eigentlich, dass ihr nach all den Jahren immer noch so verdammt aggressive Musik macht? Woher kommen die Aggressionen bei euch, worüber regt ihr euch noch auf?

Tom: Wir sind einfach ein Haufen wütender Kerle.

Immer?

Jeff: Nö, jetzt grad nicht (grinst). Aber wir machen halt das, was wir gut können. Verdammt wir sind Slayer, sollen wir auf einmal fröhliche Musik spielen? Das hätte doch nichts mehr mit uns zu tun. Die Fans haben doch bestimmte Erwartungen an uns und die werden eigentlich erfüllt.

Denkt ihr, dass euch Presse und Fans diesmal strenger bewerten bezüglich der Frage, ob ihr eurer Linie treu geblieben seid oder andere Einflüsse mit verarbeitet?

Tom: Oh ja, darauf kannst du einen lassen. Die sind da wesentlich kritischer, da sie ja wissen, was sie erwarten können.

Jeff: Es ist aber nicht so, dass wir uns davon unter Druck setzen lassen. Wenn wir im Proberaum sind, spielen wir, worauf wir Bock haben. Wenn wir dann ein bestimmtes Riff ausarbeiten, stellen wir uns höchsten vor, wie es live wohl an der Rübe schraubt. Das ist dann aber die einzige Überlegung beim Songwriting Prozess. Wir spielen den Sound ja immer noch, weil wir ihn lieben.

In letzter Zeit ist es ja gang und gebe, mit anderen Bands oder Künstlern zu kooperieren. Wie siehts da bei euch aus?

Jeff: Nö, keinen Bock

Tom: Ich hab Max Cavalera auf der letzten Soulfly-Scheibe bei einem Song unterstützt. Aber außer den Tracks mit Ice-T und Atari Teenage Riot für den "Judgement Night"- bzw. den "Spawn"-Soundtrack wars das auch schon. Aber für ein ganzes Album mit anderen Künstlern zu kollaborieren, das wär ja wie ein Side-Projekt.

Haben sich andere Bands mal an euch gewandt?

Jeff: Ich wurde ein paar Mal gefragt, aber meine Antwort war immer: Nope! Nee! Mach ich nich!!

Tom: Das gleiche gilt für mich. Slayer ist ein Full-Time-Job. Ich denke nicht, dass es mich glücklicher machen würde, bei einer anderen Band zu spielen.

Vielen Dank für das Gespräch.

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