laut.de-Kritik

Der Rapper poliert die Goldketten mit Tränen.

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Vom minderjährigen Rap-Talent, das von RAF Camora Starthilfe erhielt, zum Trap-Musiker mit Gesichtstattoos und Drogenerfahrung – Sierra Kidd hat einiges erlebt. Erst 23 Jahre jung, doch "die Augenringe werden immer tiefer". Auf "600 Tage" hält er an den gefühlsbetonten Texten des Vorgängers "TFS" fest und poliert die Goldketten mit seinen Tränen.

"Vielleicht sind das hier meine letzten Worte / die letzten Jahre waren ziemlich harte", lauten die ersten Zeilen der Platte. Sierra Kidd spricht Suizid offen an. Doch er gibt sich zumeist kämpferisch: "Für das alles hab' ich gearbeitet, was für Glück? / Mann, ich muss nach oben gehen, denn ich geh' sicher nicht zurück!"

Dass Sierra Kidds mentale Gesundheit angeschlagen ist, äußerte er bereits in älteren Stücken wie "Januar 2018". Auf "600 Tage" verdeutlicht er noch einmal, welche Auswirkungen die diagnostizierte Angststörung auf sein Leben hat. Dabei betreibt er weder Sensationshascherei, noch bedient er voyeuristische Gelüste. Die Hörerschaft lässt er trotzdem mit einem flauen Gefühl im Magen zurück.

"Mein Engel, ich weiß, du hast Sorge um mich / hasst es, wenn ich mit dir rede und sag', ich hab' Angst davor, dass ich mich umbring'", richtet er sich an seine Freundin. Sierra Kidd zerbricht sich den Kopf über seine Situation. Entsprechend selbstreflektiert fährt er fort: "Hab' nie gelernt, für mich selber zu leben, du kritisierst das, und ich fühl' dich / Jedes Mal, wenn du die Wohnung verlässt, hast du Angst um mich."

Texte wie diese unterlegt Sierra Kidd mit sauber produzierten Instrumentals, die sich selten in den Vordergrund drücken. Melodien steuert der Anführer von TeamFuckSleep via Autotune und Gesang bei. Trotz des wohlklingenden, gar poppigen Ansatzes liegt der Fokus auf Rap. Sierra Kidd wechselt regelmäßig die Flows, verändert seine Stimme bei emotionalen Textstellen und versteht Versmaße höchstens als Vorschläge.

Wiederkehrende Strukturen durchziehen die 14 Stücke nicht. Stattdessen lässt sich Sierra Kidd treiben. "26725" startet mit einem 20-zeiligen Vers, geht in eine Hook über und endet mit einer neunzeiligen Strophe. "Allein" besteht hingegen nur aus einem langen Part, den zwei Refrains umklammern. Schlag auf Schlag geht es weiter, und die Platte endet nach 39 kurzweiligen Minuten.

Sierra Kidd heult Rotz und Wasser. Aufgeben will er aber nicht. Ein Rapper, der seine Deckung komplett herunternimmt und so offen über sein Innenleben spricht, ist hierzulande selten. Hoffentlich bleibt er bei seinen selbstgesteckten Zielen: "Ich will keinen Fünf-Minuten-Hype, ich will einen ewigen / Und über siebzig werden, bevor ich nicht mehr am Leben bin."

Trackliste

  1. 1. Gott
  2. 2. Bete Alles Weg
  3. 3. Big Boi
  4. 4. Sonate
  5. 5. Ready Set Go
  6. 6. Amen
  7. 7. Higher (feat. Edo Saiya)
  8. 8. Schlucha
  9. 9. Keine Angst
  10. 10. Allein
  11. 11. 26725
  12. 12. Wissen Wie Es Ist
  13. 13. Wahrheit
  14. 14. Falte Die Hände

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7 Kommentare mit 3 Antworten

  • Vor einem Monat

    Absolut kein Fan von ihm, aber BIG BOI ist geil.

  • Vor einem Monat

    Einfach ein starker Künstler, selbst wenn man die Art der Musik nicht mag, muss man sich eingestehen, dass er einer der wenigen im Deutschrapgame ist, der die Eier hat sein Seelenleben nach Außen zu tragen. Außerdem besitzt er einen eigenen Sound, hat ein Gespür für Melodien und kann seinen Flow variieren. Das muss man anerkennen, der Rest bleibt Geschmackssache. Für mich ist er schon lange der Beste. Wenn man sich allein mal vor Augen hält was für Bretter er als Freetracks und alles rausgehauen hat, seine Diskografie ist mit 23 Jahren schon stärker als die von jedem alteingesessenem Rapper in Deutschland.

  • Vor 20 Tagen

    Album btw mega stark. Mit dem weissen Album das beste bis jetzt. Dachte nach TFS geht nicht mehr aber hier rappt kidd besser als je zuvor. „Amen“ und „Schlucha“ sind favoriten und rotieren sehr oft.

    Mit Edo Saiya kann ich wenig anfangen, aber der klingt auf dem Album verdächtig nach Joek2 von „Tempelhof Rock“.

    5/5