laut.de-Kritik

Cloudrap, wie aus allen Wolken gefallen.

Review von

Das Zusammentreffen der Artists hätte willkürlicher nicht kommen können. Auf der einen Seite Gud, früher bekannt als Yunggud, legendärer Sad Boys-Produzent, dessen trippig cineastische Produktion wohl einen Großteil der Arbeit für Yung Lean und das Cloud Rap-Movement Anfang der 2010er leistete.

Auf der anderen Seite: Rx Papi – ein relativer Newcomer aus Upstate New York, der in kürzester Zeit fast ein Dutzend Mixtapes aus dem Boden stampfte und zwischen klassischem Südstaaten- und moderndem Detroit-Einfluss an den Punkt gelangt ist, ein Erbe irgendwo zwischen Max B und Lil B anzutreten. Regional und zeitlich haben die beiden überhaupt nichts miteinander zu schaffen. Aber "Foreign Exchange" entfaltet eine Eigenlogik, die komplett überwältigt. Papis grimmige Straßenästhetik auf Guds resignierter Psychedelia machen Rap so raw, wie er lange nicht geklungen hat.

Kontext: Wir verwenden raw in einem Sinne, wie Lil B es verwenden würde. Im high-in-der-Booth-stehen-Sinne. Im ich-spamme-drei-Tapes-im-Monat-Sinne. Allen voran: Im ich-bin-am-Mic-so-tapped-out-dass-meine-Texte-direkt-aus-dem-Unterbewusstsein-hochgurgeln-Sinne. Rx Papi klingt auf "Foreign Exchange" nicht, als würde er seine Verses groß überarbeiten oder polieren. Sein Skill liegt nicht in der Finesse oder der taktischen Planung und Ausführung von Songideen.

Aber wie er schon auf Tapes wie "Mood" zeigtet, ist er ein Typ, der sich auf Sachen einlassen kann, die kreativer und abwegiger sind als das Material seiner Zeitgenossen. Dass ein Produzent wie Gud in all seiner Genialität nie für ein transatlantisches Crossover rekrutiert wurde, kann nur auf die Engstirnigkeit und die Komfortzone vieler Rapper zurückzuführen sein. Aber auch hier zeigt er, warum er kein einfacher Kollabo-Partner ist. Seine Beats setzen zu einhundert Prozent auf Atmosphäre. Stimmung über Eingängigkeit, Stimmung über Glätte.

Das Instrumental für "Albino Steve" loopt einen schroffen, eisblauen Synthesizer-Sound auf rudimentäres 808-Gebrumme. Songs wie "Rakhel" nehmen simple, aber ungewöhnliche Klangkulissen und lassen sie in ihrer emotionalen Rohheit stehen. Man denkt an Ambient-Musik, an analoge Synths, die die größtmögliche Wirkung in simplen, fast kindlich nostalgischen Sounds finden. Man könnte an Mort Garsons "Plantasia" denken, vielleicht auch an "Watering A Flower" von Haruomi Hosono. Aber er verharrte nicht im 2014-Peak nach "Kyoto", die Intensität von Bladee-Projekten wie "Icedancer" oder "Exeter" hallt auch in diesen Produktionen mit.

Eigensinniger Tobak also, mit dem Rx Papi da arbeitet, aber er macht es goldrichtig, indem er es eben nicht großartig überdenkt und seinen Ansatz nicht verändert. Wenn er auf dem Intro "12 Strout Street" mit einem Loop wie aus einem 90er-Zelda-Wassertempel-Instrumental konfrontiert ist, beginnt er einfach seinen tiradenhaften Rapstil und peitscht seinen Monolog höher und höher. Er spricht so filterlos, dass es teils unangenehm berühren kann, ohnmächtig adressiert er seine Mutter, seinen Stiefvater, seinen Rausschmiss von Zuhause, seinen Gefängnisaufenthalt. Er erzählt, wie er geweint hat und wie wenig er sich diesen Lebensstil eigentlich gewünscht hat.

Mehrmals bekommen wir Songs zu hören, die klingen, wie Gefühlsausbrüche in einer Therapiesitze, die nur zufällig gereimt wurden. Der Abschluss "Liar" ist noch so einer, auf dem er sich fast schmerzlich nackig macht. Die eisige Apathie der Gud-Produktionen, die neutral und resigniert begleitet, statt das Melodrama zu überzeichnen, liefert einen niederschmetternd guten Kontrapunkt dazu.

Dass wir ein paar wahllose Brag-Raps dazwischen bekommen, scheint einfach nur sinnhafter Teil dieser Methode zu sein. Rx Papi rappt eben so, er rappt, indem er sich komplett in seine derzeitige Stimmung steigert und von da an den ganzen Weg geht. Das ist die Rawness, die ich eingangs beschreiben wollte - im Grunde verarbeitet "Foreign Exchange" ja nicht groß andere Themen als viele andere Straßenrap-Alben der Gegenwart. Aber die Intensität, mit der Papi mit dreckigen Fingern in seinem Inneren gräbt und hemmungslos den Seelenschlamm nach oben wirft, koppelt so einzigartig mit Guds später Cloud Rap-Blüte.

Es gibt kaum ein Tape da draußen, das sich ähnlich anfühlt. Und auch, wenn diese Zusammenkunft zweier Weirdos viel zu nischig für einen großen Wurf sein wird, fühlt sich diese Neuaneignung der Cloud Rap-Bewegung doch irgendwie wegweisend an.

Trackliste

  1. 1. 12 Stout Street
  2. 2. N.L.M.B
  3. 3. Teflon Don
  4. 4. Albino Steve
  5. 5. Split Decision
  6. 6. Still In Da Hood
  7. 7. Rahkel
  8. 8. Liar

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4 Kommentare mit 3 Antworten

  • Vor 9 Monaten

    Meine Meinung zum "Nachfolger von Lil B" dürfte niemanden hier überraschen. Auch nach relativ kurzem Reinhören kann ich "Sein Skill liegt nicht in der Finesse oder der taktischen Planung und Ausführung von Songideen." bestätigen.
    Mich interessiert aber eines, was auch eine interessante Parallelentwicklung zu Money Boy in Deutschland ist - Lil B war ja anfänglich ein Meme, das irgendwann ernst genommen wurde. Wie kam es überhaupt dazu? Kool Keiths Soloprojekte nach den Ultramagnetic MCs haben auch niemals einen Status erreicht, der über "komisches performance-art Album, das die jetzige Rapszene persifliert" hinausreichte.

    • Vor 9 Monaten

      Du bist halt kein Hustensaft Jüngling ;)

    • Vor 9 Monaten

      Soll heißen: Bin da bei dir. Das ist wie "Helge & The Firefuckers" nach ernsthaften Rockmaßtäben zu bewerten. Nur unlustiger.

    • Vor 9 Monaten

      Helge ist eigentlich das ideale Beispiel - der Mann ist unglaublich begabt und wahrscheinlich eines der unironisch größten musikalischen Talente im Deutschen Jazz. Macht aber halt Blödsinn und jeder weiß das. Wenn man aber seinen Hintergrund kennt, muss man extremen Respekt haben. Ähnlich bei Kool Keith. Lil B und Money Boy haben ähnliches, ernsthaftes Talent noch nie präsentiert aber mit ihrer quatschmusik eine ganze Jugendkultur etabliert. Künstlerisch finde ich das nicht berauschend aber ich gebe Ihnen zumindest Respekt für so viel Einfluss. Ich glaube Future, Lil B und Kanye anno 2008 sind vermutlich die einflussreichsten Rapper überhaupt.

  • Vor 9 Monaten

    Es gibt nur ein foreign exchange, auch wenn die seit Jahren talentverschwendung betreiben

  • Vor 9 Monaten

    Bei Yannik ist immer Gegenteiltag. Also 2/5.