27. April 2021

"Der Kommunismus hat nie gesagt, dass ein Ferrari schlecht ist"

Interview geführt von

Ein Gespräch über Aufmerksamkeit, unglücklich machende Mechanismen, das coolere Kompliment, öde Playlisten, das Potenzial der Krise, Greenwashing, Privatsphäre, die Kluft zwischen Ost und West, Graffiti als politischen Akt, Lernfähigkeit, Retrogott und das Maß des Erfolgs.

Mit Pöbel MC nicht auszuschweifen: eine echte Herausforderung (die, Spoiler, komplett misslungen ist). Obwohl er seine Privatperson auch nach seinem Top-Ten-Erfolg mit seinem letzten Album "Bildungsbürgerprolls" noch sehr strikt aus dem Rampenlicht heraushält, bietet der Mann so viele Anknüpfungspunkte, dass man kaum entscheiden kann, was man zuerst wissen möchte. Um das Gespräch nicht schon auf der Fragen-Seite vom Hundertsten ins Tausendste springen zu lassen, möge seine eben erst erschienene EP "Stress & Raugln" als roter Faden dienen.

Ich werde versuchen, mich an deiner EP entlangzufragen.

Ja! Ist doch schön, wenn es auch mal um die Musik geht!

Der Eröffnungstrack "Würde In Zahlen" reißt jedenfalls gleich mit der ersten Zeile ein Fass auf: "Ja, kann schon sein, bisschen Rap kann jeder." Ist das so?

Ja, klar. Kann ja auch jeder ein Gedicht aufsagen und 'n bisschen rumrhymen. Es ist cool, dass die Anknüpfungspunkte der Musik niederschwellig sind. Aber es gibt ja noch die darauf folgende Zeile, die da noch einen anderen Kontext reinbringt. Also ... bisschen rappen kann jeder, auf jeden Fall. Gut rappen, das ist schon wieder 'ne ganz andere Frage. Is' so wie Joggen: Viele Leute können joggen, sehr viele Leute. Aber ... schnell? Und ausdauernd? Weiß ich nicht.

Ich hab' die Anschlusszeile im nächsten Track gefunden: "Jeder wird jetzt Hip Hop-Gangster oder Tik Tok-Tänzer oder redet Stuss in seinem Podcast wie 'n Influencer". Ist das gut?

Das ist eigentlich nur eine Exemplifizierung der vorhergehenden Zeile. Da sag' ich ja: "Willkommen im Zeitgeist, Menschen wollen krampfhaft Talente zeigen." Und durch die Selbstvermarktungsmöglichkeiten sozialer Medien ist schon ein Phänomen, dass jetzt viel mehr Leute als vor dreißig Jahren irgendwie versuchen, Aufmerksamkeit zu erregen mit irgendwelchen Talenten. Mal mehr, mal weniger nachvollziehbar.

Der Nachteil, wenn sich jeder beteiligen kann, ist halt, dass sich jeder beteiligen kann.

Genau. Das ist Vor- und Nachteil zugleich.

Was, glaubst du, macht das mit der Qualität?

Die Qualität wird meistens schon eher über die Aufmerksamkeit, die Quantität der Klicks definiert, zumindest meiner Wahrnehmung nach. Deshalb ja auch die implizierte Kritik im "Würde in Zahlen"-Track: Irgendjemand ist lustig oder interessant und kann was gut, wenn er darüber viel Aufmerksamkeit bekommt. Zumindest in den Maßstäben des sozialen Netzwerks. Womit aber noch nicht gesagt ist, dass das nicht auch oft stimmt. Es kriegen ja auch viele Leute, die Sachen gut können, dann auch zurecht viel Aufmerksamkeit. Aber es kriegen auch viele Sachen viel Aufmerksamkeit, die jetzt so rein künstlerisch gesehen, ohne ein zu elitäres Kunstverständnis an den Tag legen zu wollen, vielleicht nicht so wertvoll sind.

Ich bin ja Fan davon, dass Leute einfach mal machen. Wenn es immer mehr gibt, wird es aber natürlich nicht einfacher, aus der Flut von Zeug die Perlen rauszufischen.

Ja, genau. Und es wird ja dann vielleicht auch nicht mal wirklich belohnt, eigenständige und interessante Kunst zu machen. Sondern es wird eher belohnt, was die breite Masse bedient. Oder einen bestimmten Sound, eine ganz bestimmte Ästhetik und Selbstdarstellung, die in einem kapitalistischen System als hervorgehoben und attraktiv erscheint. Und diese selbstverstärkenden Mechanismen sind dem künstlerischen Ausdruck und den Möglichkeiten der Leute, sich zu entfalten und 'ne eigene Idee zu entwickeln, bisschen abträglich. Das erstreckt sich sicherlich von der äußerlichen Selbstdarstellung über das, was man inhaltlich, textlich in Rapmusik findet, hin zu allgemein der Darstellung von Statussymbolen und kapitalistisch wertmäßig beladener Selbstdarstellung im weitesten Sinne. Auch viele Playlisten haben ja eine gewisse Logik: Sie wollen eben viele Follower haben, und lassen damit nur einen bestimmten Sound zu. Das motiviert wieder Labels, bestimmte Leute zu platzieren und Leuten auch im Produktionsprozess ihrer Musik nahezulegen, einen bestimmten Sound zu generieren. Dadurch entsteht dann, glaub' ich, mehr Einheitsbrei als alles andere.

Glaub' ich auch. Und für die Leute, die aus diesen offensichtlich funktionierenden Schemata rausfallen, wird es noch schwieriger.

Genau. Weil dann der Gegenweg ja auch schnell als Trotz oder Unzufriedenheit mit der eigenen Erfolglosigkeit abgetan wird. Oder auch die Kritik daran. Dann ist natürlich schwierig, dagegen irgendwie vorzugehen.

Du sagst: "Erfolg ist keine Zahl." Woran bemisst sich Erfolg für dich?

Na, ja. Erstmal merkt man ja für sich selbst, wenn man in diesem ... ich nenn' es mal "Game" mitspielt, dass man von der quantitativen Rückkoppelung schon auch 'n bisschen abhängig wird. Man fängt selbst an, mitzuzählen, und dann denkt man, der eine Track ist besser als der andere, weil er häufiger aufgerufen wurde. Das ist für einen selbst und die eigene künstlerische Arbeit schon relativ blöd. Man möchte ja eigentlich schon seinen Erfolg in dem Track nach seinem Gefühl sehen. Oder dem nach, für wie wichtig man das jetzt hält, was man in dem Track sagt, oder für wie gut musikalisch umgesetzt. Ja ... Erfolg für mich ist die Zufriedenheit, die man verspürt und aus sich selbst heraus generiert. Wieder mehr für sich Musik machen - jetzt in meinem Kontext gesprochen. Das lässt sich natürlich allgemein auf Schaffensbereiche übertragen, dass man das als Selbstzweck versteht. Erfolg ist für mich, wenn ich nach 'nem Studiotag oder einem Konzert mit 'nem guten Gefühl nach Hause gehe. Egal, ob ich jetzt vor ganz vielen oder ganz wenigen Leuten gespielt hab'. Egal, ob der Track, den ich jetzt gemacht hab', potenziell irgendwas einbringt oder nicht.

Da klingt durch, dass es selbst Leuten wie dir, die auf diese ganze Zahlenhuberei eigentlich nicht so viel geben, schwerfällt, sich davon frei zu machen.

Ja, natürlich. Ich werd' ja auch daran gemessen. Feedback darüber, was ich so mit meiner Zeit anstelle, ergibt sich oft aus solchen Zusammenhängen. Platt gesagt: Irgendwelche Verwandten von mir verstehen so schon besser, dass ich auf einem halbwegs professionellen Niveau Musik mache. Wenn ich ihnen sage, dass ich mit meinem letzten Album in den Top Ten der deutschen Albumcharts war, dann verstehen sie das. Wenn ich ihnen sage, ich mach' halt einfach Musik, ich verdien' auch 'n bisschen was dabei, es macht mir Spaß und ich finds besser als den ganzen Tag im Büro zu sitzen, dann kucken sie mich so an und denken: Hmm, okay, wirklich erfolgreich bist du dann ja wohl nicht. Doch, vielleicht ja schon, weil für mich das gelingende oder erfolgreiche Leben eins ist, mit dem ich zufrieden bin und auskomme und vielleicht auch anderen Menschen irgendwie behilflich sein kann. Man ist ja nicht frei von diesen Mechanismen und der ganzen Bezifferung. Die spornen auch an und können auch motivierend sein, in irgendeiner Weise etwas Positives generieren. Aber in vieler Hinsicht halte ich es halt für einen fehlgeleiteten Parameter. Vor allem auch für einen unglücklich machenden Parameter, um über sein eigenes Schaffen, seine eigene Situation und über Kunst nachzudenken.

Wenn es funktioniert - Glückwunsch noch zum Top-Ten-Einstieg - dann freut es einen aber ja wahrscheinlich auch.

Ja! Ja, genau. Total!

Das ist ja schon eine sehr handfeste Art der Anerkennung.

Richtig. Wobei letztendlich ist es ja nur ein Parameter für umgesetztes Geld mit dem Release in der Releasewoche. Ob man darauf wieder sagen will: Na, das war jetzt aber was, das haste jetzt aber, musikalisch gesehen, gut gemacht ... Ich kenn' das ja noch aus einer ganz anderen Perspektive. Ich hab' früher Schlagzeug gespielt und Metal gemacht. Ich würde auch sagen, dass manche Sachen, die wir gemacht haben, rein musikalisch gesehen für dieses Genre, was es sein sollte, gar nicht schlecht waren. Es hat sehr viel Aufwand drin gesteckt, sehr viel Energie und sehr viel Leidenschaft. Trotzdem hätte man jetzt niemals, glaube ich, in so einer Dimension professionell Musik machen können. Einfach, weil das gesellschaftliche Interesse an dieser Kunstform viel geringer ist und es damit schon selbstverständlich ist, dass man alles in anderen Maßstäben denkt. Damit schätzt man aber vielleicht auch den Wert der Musik irgendwie anders. Selbst extrem erfolgreiche Metal-Bands oder auch Jazz-Bands oder Blues-Combos finden ja nicht in den deutschen Album-Charts statt. Da sind gestandene Musiker von 45 Jahren, die 35 Jahre ihres Lebens einem Instrument oder ihrer Musik gewidmet haben. Ich weiß nicht, soll man denen jetzt sagen, dass sie weniger erfolgreich Musik gemacht haben als Pöbel MC, weil Pöbel MC auf Platz zehn der deutschen Charts war? Ich glaub' kaum.

Glaubst du, es hat auf Pöbel MC eine Auswirkung? Jetzt warst du Top Ten-Rapper, jetzt hast du mit der nächsten Platte eine Erwartung zu erfüllen?

Es macht auf jeden Fall ein bisschen was mit mir. Aber gleichermaßen versuch' ich auch, mich kritisch damit auseinanderzusetzen. Nicht nur mit dem Hintersinn, das vordergründig vorgeben zu können. Sondern auch mit dem Hintersinn, dass es mir selbst halt hilft, ich mich davon unabhängig machen und Spaß haben kann am Musikmachen, ohne zu viel drauf zu schauen, was es einbringt. Aber dass man davon frei ist ... das halt' ich für sehr schwierig.

Du sagst auch: "Ich scheiß auf die Kritik und den anbiedernden Applaus." Sich komplett frei machen von der Rezeption kann man ja wahrscheinlich nicht. Wenn einem komplett egal wäre, was die Leute davon halten, müsste man ja nichts veröffentlichen.

Ja. (Zögert.) Jaaa. Ja, weil man es damit ja überhaupt zur Diskussion stellt. Du unterstellst, dass dieses Zur-Diskussion-Stellen ein Ansinnen verfolgt, das sozusagen tiefer liegt als etwas öffentlich verfügbar zu machen. (Überlegt) Aber man kann auf jeden Fall unterschiedlich stark damit umgehen. Wenn man selbst merkt, dass man da jetzt vielleicht gerade 'n bisschen übersteuert oder dass es sich in der eigenen Welt, in der eigenen Musik, im eigenen Schaffen irgendwie in eine falsche Richtung entwickelt, dann gegensteuern: Das kann man, glaub' ich, schon. Sich vollständig davon befreien: Das glaub' ich nicht, nee.

Leute, auf deren Meinung du Wert legst, gibt es aber hoffentlich schon?

Ja, selbstverständlich. Wenn jetzt zum Beispiel Musikerkollegen, von denen ich das Gefühl hab', dass sie ein gutes Empfinden haben, Sachen feiern oder ich Nachrichten bekomme, von Leuten, bei denen ich das Gefühl habe, dass sie teilweise auch genauer hinhören, und mir dann positive Geschichten erzählen, die ich ganz gut auf mich selbst beziehen kann, wie sie aus der Musik irgendwie Energie und Kraft schöpfen, dann find' ich das schon schön. Weil es ist ja auch für mich selbst so. Ich bin ja auch dankbar dafür, dass es viel Musik gibt und ich mir viele unterschiedliche Tracks von Leuten anhören kann und manche mich in bestimmten, vielleicht auch schlechten Stimmungen wieder hochholen und mir irgendeine Art von Energie geben, die mich dann durch den Tag begleitet. Das so von Leuten zu hören und da auch was zurückzugeben, das bedeutet mir schon viel, auf jeden Fall.

Ist das für dich eher eine Motivation, als mit Musik Geld zu machen?

Ja. Na, klar. In den systemischen Umständen, in denen wir leben, bin ich auch daran interessiert, mit Musik Geld zu verdienen. Weil ich dadurch ja nicht viele andere Sachen machen muss und ich allgemein 'n bisschen unbeschwerter leben kann. Extremsituationsmäßig, wenn jetzt irgendjemand mir schreibt: Ich hatte 'ne Depression, mir gings superschlecht und ich hab' in der Zeit immer das Album gepumpt und es hat mir irgendwie Halt gegeben ... Wie will man das finanziell aufwiegen? Was soll Geld in so einer Situation überhaupt aussagen, im Vergleich dazu? Von daher ist das natürlich das größere Kompliment, und es ist auch, glaub' ich, der coolere Status. Es gibt Rapper und Rapperinnen, die Millionäre werden. Die haben auch ein Ansehen in der breiten Masse, sind erfolgreich. Aber es gibt auch Leute, die sind vielleicht nicht so wahnsinnig reich geworden und hatten nie den großen populären Durchbruch, aber die haben einfach 'ne gute Reputation. Jede Person, die sich tiefer mit dem Genre beschäftigt, weiß, was die machen und warum da viele Leute so Respekt vor haben und was da drinsteckt. Dieses Standing, diese Art von ... ja, Respekt oder tiefsinnigerem Status, den man in so einer Subkultur bekommen kann, ist schon auch etwas, was zumindest für die Kunst, aber auch für mein Verständnis, mehr wert ist als ... ja ... bloßer finanzieller Erfolg. Von mir aus jetzt ein Retrogott ist, glaub' ich, nicht steinreich geworden, mit seiner Musik. Aber jeder, der Deutschrap bisschen kennt und ein bisschen Ahnung davon hat, weiß, dass das irgendwie cool und dass Retrogott eine respektwürdige musikalische Figur ist. Ich will jetzt an dieser Stelle nicht gesondert Retrogott als den Allheiligen des Deutschraps in den Vordergrund stellen. Das sollte jetzt einfach nur ein Beispiel sein, bei dem das 'n bisschen zutrifft. Der hat ja so eine Reputation, wo alle Leute, die ein bisschen was davon verstehen, sagen: Ja, das ist cool. Wir feiern das alle. Wir haben Respekt davor, und das ist auch sehr, sehr viel wert.

Retrogott ist ein gutes Beispiel. Den feiern viele ja auch deswegen, weil er in der Lage ist, sein eigenes Zeug zu reflektieren, weil man bei ihm auch eine gewisse Lernfähigkeit beobachten konnte. Im Gegensatz zu vielen anderen, die auf ihrem Film hängenbleiben.

Ja, voll. Total. Da gehts jetzt wahrscheinlich um diese Homophobievorwürfe, Punchlines und so weiter. Das ist ja aber auch total unrealistisch, zu glauben, dass man zu jedem Zeitpunkt seines Schaffens in Stein gemeißelte Dinge von sich gibt. Es ist auf jeden Fall hervorzuheben und respektabel, dass er sich da selbst gut reflektiert und einen neuen Standpunkt dazu gewonnen hat. Aber eigentlich ist es etwas, das man jemandem auch zugestehen kann. Gerade der Kontext, in dem er damals Musik gemacht hat, hatte ja in vielerlei Hinsicht noch gar nicht den Anspruch. Viele Themen sind gesellschaftlich noch gar nicht so breit diskutiert worden, wie es heutzutage der Fall ist. Dementsprechend find' ich sowieso ein bisschen schwierig, wenn es Leute gibt, die ihm das immerwährend vorhalten würden.

Davon gibts ja aber reichlich. Ich find' ein echtes Problem, dass Lernfähigkeit nicht mehr honoriert wird. Leute bekommen jeden dummen Quatsch, den sie vielleicht mit zwanzig mal besoffen von sich gegeben haben, bis in alle Ewigkeit angekreidet. Das geht jetzt ja noch besser als früher, weil alles sehr viel lückenloser dokumentiert wird, du kannst alles wieder rausgraben. "Der hat irgendwann mal 'Hurensohn' gesagt, der ist für alle Zeiten verbrannt!" Die Unversöhnlichkeit, mit der da gerade in sehr linken Kreisen argumentiert wird, find' ich ganz schlimm.

Ja, ja, genau. Und wenn man denen dann ihr eigenes Verhalten von vor fünf Jahren vorhalten würde, bevor sie im AJZ einen auf ultrareflektiert gemacht haben, dann müssten sie sich selbst auch verachten. Lernfähigkeit sollte honoriert werden - sofern sie dann authentisch und tiefsinnig ist. Ein oberflächliches Statement, "War ja nur 'n Witz, damals. Sorry, sag' ich nicht mehr.", das reicht natürlich nicht. Aber bei so jemandem wie Retrogott ist schon glaubhaft, dass er die Kritik auch wirklich durchdrungen hat, progressiver denkt und so auch vielleicht Kunst macht. Aber an sich find' ich auch ganz schrecklich, wenn sowas Natürliches und eigentlich ja Selbstverständliches nicht mehr wahrgenommen wird und nicht mehr zählt.

Es setzt ja auch gar keine Anreize für irgendjemanden, was dazuzulernen, wenn es ihm dann eh nix nützt.

Ja, wenn die Rehabilitierungsperspektive ausfällt.

Boah, du hast einfach Fachvokabular dafür.

Idealerweise ist der Anreiz ja aber die intrinsische Motivation, nicht zu diskriminieren. Nicht, dafür dann keine Kritik mehr zu bekommen. Aber natürlich geht das Hand in Hand. Das ist ja klar.

"Die Leute in meinem Arbeitskontext wissen schon, dass ich eher nicht AfD wähle."

In einem Interview - ich glaube, es war in der Juice - hast du gesagt: "Reich sein ist ein Ideal, das ich größtenteils langweilig finde." Ich geh' komplett konform. Geld öffnet natürlich aber trotzdem Türen und Möglichkeiten.

Ja, ja. Auf jeden Fall. (Lacht) Ich wohn' auch lieber in einer schönen Wohnung als in einer ganz beschissenen.

Irgendwo rappst du, sinngemäß, wörtlich krieg' ich es nicht hin: "Mit dem Geld, das sich manche die Nase hochziehen, könnten sich andere 'ne ziemliche Zeit über Wasser halten".

"Das Geld, von dem sich manche Zecken Nasen legen, kann ein Geflüchteter benutzen, um einen Monat zu überleben. Deine Szene hat den Dresscode und frisst auch dolle healthy, geht zur Demo, aber macht da nur paar Selfies. Ich schreib' ein paar Texte und man frisst mir aus den Händen" und so weiter. Ähem ... ja, voll. Man tut sich ja auch strukturell oft keinen Gefallen, wenn man als links denkender Mensch dieses Schema komplett ausklammert. Weil die Niederschlagung des kapitalistischen Systems, die im Jetzt stattfinden könnte/müsste, wie auch immer, die wird ja de facto nicht stattfinden. Das heißt, es gibt irgendeine Art von Notwendigkeit des Sich-Arrangierens mit den Umständen. Da ist man dann natürlich teilweise auch gut beraten, mit Geld, intellektuellen Ressourcen und Machtressourcen so umzugehen, dass man zumindest einen gewissen Teil seiner Ideen gesellschaftlich irgendwie platzieren und durchsetzen kann. Deswegen find' ich es auch schwierig, sich mit so einer Geisteshaltung - aus natürlich auch teilweise berechtigten Gründen - Bildung und anderweitigem Streben nach Einfluss zu verwehren. Was es ja auch viel gibt.

Reichtum ist also nicht per se böse, sondern es kommt drauf an, was man damit macht?

Ja, selbstverständlich. Es gibt ja auch Leute, die durchaus progressiv denken, die jetzt von mir aus Professor\*innen werden oder Jurist\*innen, und die damit schon extrem wichtigen Rückhalt auch für sehr viele linke Strukturen und Bewegungen bilden. Das sind die ja auch nicht geworden, weil sie gechillt haben und gesagt: "Naja, wir leben ja eh in blöden Umständen, und all diese Strebsamkeit ist ja sowieso nur ein Zuarbeiten für ein verfehltes System." Dabei ist es, denk' ich, auch legitim, Geld zu verdienen. Aber wenn man mit seinem Geld dann nichts anderes anzufangen weiß, als zu sagen: "Haha, ich fahr' jetzt den Ferrari und ihr seid die Trottel", dann hat man es natürlich verfehlt. Auch der Kommunismus hat nie gesagt, dass ein Ferrari etwas Schlechtes ist. Es ist nur fragwürdig, wenn so etwas genutzt wird, um Unterschiede zwischen Menschen hervorzuheben und Überlegenheits- und Unterlegenheitssysteme zu definieren.

"Wacke Texte kompensiert auch kein Flavor." Siehst du das so streng?

Ja. Was heißt "streng"? Es gibt viele Tracks, die musikalisch erstmal gut wirken, die 'ne coole Stimmung haben, die Spaß machen. Aber oft stell' ich dann fest, wenn die Texte dann doch irgendwie 'n bisschen bescheuert oder auch redundant über die Gesamtzahl von Tracks auf einem Release sind, dass es sich dann sehr schnell erschöpft und sehr schnell uninteressant wird. Dadurch wird der Wieder-Hör-Wert der Musik relativ gering und auch allgemein nicht viel Bleibendes geschaffen. Es gibt ohnehin sehr viele Releases, sehr viel Material, das so in den letzten fünf bis zehn Jahren im Deutschrap-Bereich hochgespült wurde, und die Frage ist: Welche dieser Releases kann man sich in zehn Jahren auch noch guten Gewissens reinziehen? Woran erinnert man sich überhaupt? Ich glaube, das sind dann eher die Sachen, in denen - natürlich zusätzlich zu einer guten musikalischen Präsentation, 'nem geilen Vibe, was auch immer - dann auch Sachen gesagt werden, Zeilen drin sind, die originell oder interessant oder künstlerisch sind, die irgendwas gut abbilden und die zusammen genommen über den Track 'ne Art von Ausdruck entwickeln.

Ob du da nicht deine eigene Textfixiertheit überbewertest?

Idealerweise würde ich halt gerne einen interessanten, guten Text schreiben und das so musikalisch einbetten, dass es dann auch Spaß macht, sich das anzuhören. Und man aber gleichzeitig dadurch Dinge entdeckt, die man dann auch nachhaltig feierbar findet. Ufo zum Beispiel hat auf ein, zwei Tracks 'nen ganz guten Sound. Das macht mir manchmal Spaß, mir die Mucke durchzuhören. Nur das, was er sagt, ist meistens irgendwie öde. Oder für mich halt nicht feierbar oder fragwürdig. Ja, der ist jetzt sehr erfolgreich damit, aber ich weiß nicht so genau, wie groß da die Langlebigkeit ist. Ein Sound und das, was die Musik dann erstmal macht, das Gefühl, das man da bekommt, das ist ja auch gar nicht so gut abspeicherbar wie ein durchdringender Text. Oder?

Ich bin halt auch sehr textfixiert. Wenn aber ein Track jetzt aus irgendwelchen Gründen knallt, dann kann ich schon kurzzeitig über einen dummen Text hinwegsehen. Wenn es inhaltlich oder moralisch fragwürdig oder komplett indiskutabel wird, dann kann ich das nicht feiern. Wenn aber irgendwas nur hohl ist oder prollig oder 'n bisschen dumm, dann kann durchaus passieren, dass mir die Funktionalität über die lyrische Qualität geht.

Ja, ja. Das würde mir ja auch beim ersten oder zweiten Mal hören so gehen. Ich meine nur, mittelfristig sind das keine Tracks, die mich bei der Stange halten. Bei irgendwelchen Ekelhaftigkeiten oder sonstigem Scheiß: klar. Das meinte ich jetzt gar nicht, damit. Ich meinte eher 'nen Track, in dem nichts Weltbewegendes gesagt wird, der gut klingt, in dem die Stimme an einer bestimmten Stelle halt gut durchkommt oder der einen besonders vibigen Beat hat oder sowas, der ist dann halt da. Aber wenn der Text irgendwie nicht so substanziell ist, dass ich auch bei mehrmaligem Hören noch was dran finde oder für mich einprägsam oder nachvollziehbar ist, was da gesagt wird, dann glaub' ich, dass die Langlebigkeit des Tracks und das Vergnügen daran relativ gering sind. Aber das mag, wie du ja schon erwähnt hast, aus meiner Orientierung kommen. Es ist eh alles nicht repräsentativ, was ich hier von mir gebe.

Anderes Ding: Deine EP heißt "Stress & Raugln". Ich wette, dass dich jeder nach dem dämlichen Wort "Raugln" fragt.

Wieso dämlich?!

Gibt es das überhaupt?! Nachdem ich mich hab' drüber aufklären lassen, was zum Teufel das bedeuten soll, find' ich aber, dass der Titel die Dualität der Platte ganz gut zusammenfasst: auf der einen Seite der Stress, den einem der Zustand der Welt beschert, und auf der anderen der Versuch, damit zurecht zu kommen, indem man in Party und Suff flüchtet.

Richtig.

Das Presseinfo las sich, als sei die EP aufgeteilt in einen ernsten und einen Spaß-Teil. Lässt sich das überhaupt trennen, wenn das eine die Reaktion auf das andere ist?

Hmm ... (überlegt) Wie würdest du das denn sehen, quasi als außenstehende Person? Sind die Tracks so autark voneinander?

Ich find': gar nicht. Für mich sind diese beiden Welten spätestens im zweiten Track "Motivierter Schlendrian", heftig kollidiert, wenn du da die einen, die sich um ihren TikTok-Hype kümmern, den anderen gegenüberstellst, die währenddessen im Mittelmeer ersaufen.

Ja, aber schon in einer relativ düsteren Ästhetik irgendwie präsentiert. Naja, bei so Tracks wie "Raugln" sag' ich ja auch: "Heute mach' ich nur den harten, sammle Kraft für gute Taten." Kontextualisiert wird das ja schon in dem Sinne, dass natürlich diese Flucht, das Raugln, das Raugln des Pöbels, keine absolute Sache ist, sondern ein Luftholen und dann ein Zurückkehren zu den ernsten Dingen. Weil man sich, glaub' ich, als Mensch in dieser Gesellschaft auch nicht vollständig allen Debatten und Problemen und Perspektiven entziehen sollte. Sondern vielleicht auch, zumindest im Kleinen, versuchen kann, dazu beizutragen, dass es eben erträglich bleibt oder ein bisschen erträglicher wird.

Eskapismus als Schutzmechanismus?

Ja, als funktionale Ritualisierung. So, wie das Wochenende im Kapitalismus dafür da ist, die Arbeitswoche wieder mit vollem Elan zu bestreiten, ist das Raugln im Antifaschismus dafür da, nicht zu verzweifeln. (Lacht)

Du beklagst - auch in "Motivierter Schlendrian" - dass Nachhaltigkeit nur als Marketingtool benutzt wird und wir nur dann empathisch sind, wenn es um unsere eigenen Interessen geht.

Ich denke, dass sehr viele Firmen auf sehr vielen Ebenen sogenanntes Greenwashing betreiben und dass auch im Klimapolitischen sehr oft vorgegeben wird, man würde ja irgendwie handeln und sich um die Belange künftiger Generationen kümmern. Aber tatsächlich orientiert sich ein Großteil der Entscheidungen daran, was gegenwärtig rentabel ist, und nicht daran, was ökologisch gerade geboten wäre. Natürlich werden die meisten Menschen, egal ob im Kontext progressiverer gesellschaftlicher Themen oder auch, wenn es um größere politische Entscheidungen geht, dann irgendwie mitfühlen oder im Bezug auf bestimmte Themen sehr sensibel und woke, um das mal neudeutsch auszudrücken, wenn sie 'ne Vorstellung vom eigentlichen Problem haben. Die meisten Vorstellungen von Problemen erhalten wir, glaub' ich, nicht im Theoretischen - einige Leute vielleicht schon, die sich darüber vielleicht entsprechend emotionalisieren können - sondern im Erleben von Missständen, von Umständen. Wenn unser eigenes Wohlergehen in gewisser Weise daran geknüpft ist.

Ich find' trotzdem besser, ein Unternehmen kümmert sich zum Beispiel um nachhaltige Produktion, weil es damit gut werben kann, als es tut es nicht.

Total. Aber gerade wenn man jetzt so in den Bereich Energieerzeugung schaut, oder auch in den Bereich der Mobilität, dann denkt man, das sind die größten Weltverbesserer überhaupt, die von früh bis spät nichts anderes machen als Armut zu bekämpfen, Wasserversorgungssysteme zu bauen und Bäume zu pflanzen. Letztendlich ist das oft Rüstungs- und Ölindustrie, die durch ihr Handeln und ihre Profitorientiertheit ganz massiv überhaupt erst dazu beigetragen hat, dass entsprechende Veränderungen des Klimasystems mit mutmaßlich sehr schwerwiegenden Folgen drohen. Das heißt, dass ich das eigentlich schon relativ klar so sehe, dass versucht wird, auch im Kapitalismus sich so zu transformieren, um eben nicht zugeben zu müssen: Ja, das System, wie wir konsumieren und wie wir mit der Natur und den Waren, unserer ganzen Lebensgrundlage umgehen, ist schadhaft, und deswegen müssen wir das System einreißen. Sondern: Nein, wir können dieses System nach unseren Bedürfnissen entsprechend transformieren und in dieser Transformation dann weiter toll Geld verdienen und müssen strukturell überhaupt nichts ändern, sondern einfach nur so 'n bisschen nachjustieren. Und ich glaube, dass diese Botschaft nicht zutreffend ist. Beziehungsweise wenn sie irgendwelche Probleme abwendet, dann für eh privilegierte, auf dieser Ebene einflussreiche, westliche, meist weiße Personen. Klar, dass veränderte Extremwetterlagen oder auch ein Ansteigen der Meeresspiegel oder eine Dürre in Deutschland nicht so stark ausfallen mögen und technologisch auch kompensiert werden können, ist sicherlich richtig. Aber die Bereiche der Erde, die höchstwahrscheinlich von den Veränderungen des anthropogen veranlassen Klimawandels beeinflusst sind, sind ja auch die, die ohnehin schon relativ gebeutelt sind.

Die trifft es unmittelbar zuerst. Die Langzeitwirkung werden wir hier dann schon auch zu spüren bekommen. Wenn wir riesige Bereiche der Erde unbewohnbar machen, und bei uns gehts noch halbwegs - wo sollten die Leute hinkommen?

Ja, absolut. Punkt ist nur, dass dann mit ziemlicher Sicherheit die Leute hier nicht stehen werden und sagen: Ja, na klar, wir helfen euch. Gar kein Problem. Wahrscheinlich nicht.

Seufz. "Pumpe Auf Stress" hat mich emotional am meisten erwischt, weil da sehr viel Persönliches drinsteckt. Trauer, Verlust, Getriebenheit, Ringen um Kontrolle, Zwang zum Funktionieren-Müssen ... hör' ich das alles nur, weil ich es gut kenne?

Ich denke, das steckt da alles drin, ja.

Für deine Verhältnisse fand ich das relativ privat. Du achtest ja schon sehr drauf, deine Privatperson von deiner Rapper-Persona getrennt zu halten.

Ja, genau. Der Track fällt jetzt vielleicht ein bisschen plakativer aus als das normalerweise der Fall ist. Aber trotzdem hat der ja auch eine allgemeine Greifbarkeit, die viele auf sich und ihre Lebensumstände adaptieren können. Deswegen seh' ich mich da jetzt nur so als Stimmungsrepräsentant oder Träger eines Zeitgeistes, der dann sozusagen musikalisch einen Ausdruck findet.

Wieso ist dir diese Trennung von Privatem und der Kunstfigur so wichtig? Ich nenn' das jetzt einfach mal so, auch wenn da gar nicht so viel Künstliches dabei ist, eher eine gewisse Distanziertheit.

Ach, das ist mir aus ganz vielen Gründen wichtig. Einmal für den allgemeinen Schutz meiner Privatsphäre. Egal wie bekannt oder unbekannt, stelle ich es mir nicht so toll vor, im Internet exponiert zu sein. Dann ist es auch 'n bisschen Schutz, weil es ja schon auch die politische Positionierung gibt, bei der teilweise ja durchaus Leute bedroht oder angegriffen werden. Davor muss man sich, glaub' ich, als politisch aktiver Mensch schützen. Dann gibt es natürlich noch andere Aktivitäten, bei denen man auch nicht möchte, dass man großartig superidentifizierbar ist. Und darüber hinaus ... naja, mach' ich ja noch ein, zwei andere Sachen und möchte mich da vielleicht nicht unbedingt über meinen Rap unterhalten. Die Leute sind ja auch oft bisschen verklemmter oder können, teilweise generationsbedingt, Rap nicht so wahrnehmen, wie wir das jetzt vielleicht können. Sondern es wird dann schnell aus Einzelaussagen irgendwas Extremes gedeichselt, wo man dann sehr viel Energie aufbringen muss, um klarzustellen, was die eigentliche Haltung zum Thema ist. Oder es wird allgemein gesellschaftlich als so etwas Verwahrlostes, Asoziales, Unangemessenes, Kriminelles dargestellt. Und mit solchen Leuten will ich einfach ungern über diese Art von Kunstform reden. Weil das hat für die keinen Mehrwert, und für mich ist das nur Stress.

Kenn' ich. Wenn man mit Leuten spricht, die mit Rap nichts zu tun haben, kommt man immer gleich in so einen komischen Rechtfertigungsmodus und muss erklären, warum man DAS gut findet. Gegen das Zerrbild von Rap, das die haben, ist schwer anzuargumentieren.

Genau. Das ist so eine gesellschaftliche, kulturelle Prägung. Diese ganzen Hip Hop-Klischees. "Yo, yo, yo!", und du denkst nur: "Gut. Ciao." Und dann ... naja, manche Tätigkeiten. Äußerungen, Positionen sind ja schon recht subversiv. So weit würd' ich einfach in meinem Privatleben und in meiner Anschauung mit Arbeitskollegen oder so meist schon nicht vordringen. Es sei denn, es ist irgendwie geboten. Oder man hat einen vertrauensvollen, coolen Rahmen, damit du weißt, dass die Leute bestimmte solidarische Grundanschauungen mittragen. Das kann man aber bei Über-60-Jährigen nicht immer so erwarten. Was ich auch okay finde. Ich bin mir recht sicher, dass ich in einem Rahmen arbeite, wo die Leute irgendwie humanistisch drauf sind. Aber zwischen humanistisch drauf sein und gesellschaftliche antifaschistische Bestrebungen verstehen ist teilweise doch 'ne Kluft.

Die Momente, in denen man auch im echten Leben Position beziehen muss, gibts ja aber dauernd. Sagst du ja selbst: "Wer Unrecht duldet, hilft auch mit, es zu erhalten."

Genau, ja. Das ist auch total so. Aber dafür brauch' ich dieses Vehikel nicht. Das kann ich als Privatperson losgelöst davon machen, das ist dann auch passend. Die Leute in meinem Arbeitskontext wissen schon, dass ich eher nicht AfD wähle. Und auch sonst ... wenn ich mich als einzige Person im Webmeeting darum bemühe, 'ne gendergerechte Sprache oder sowas zu verwenden, dann sind die teilweise auch 'n bisschen verunsichert hinsichtlich ihrer Verwendung von Begriffen. Aber trotzdem hab' ich da kein Bedürfnis, meinen künstlerischen Output zu diskutieren. Oder die da überhaupt irgendwie zu involvieren oder sie davon wissen zu lassen. Deswegen ist Anonymität auf der Ebene auch geboten. Ich will das selbst entscheiden können.

"Krisen machen vielleicht ein bisschen weise, aber nicht glücklich."

Das Zitat mit dem Unrecht war aus "Alman Brothers". Da gibt es außerdem die Zeile "Geldgeile Affen, die sich für unpolitisch halten". Ist es überhaupt möglich, sich unpolitisch zu verhalten?

Du möchtest jetzt, dass ich sag': NEIN! Aber natürlich gibt es Abstufungen hinsichtlich dessen, wieviel jemand versucht, durch sein Handeln und seine Haltung in einem gesamtgemeinschaftlichen Sinne zu bewegen. Sagen wir: Ein Einsiedler in den Alpen, der mit dem Bergbauern einen Pakt geschlossen hat, dass der dem ab und an mal 'ne Kanne Milch und ein Brot vor die Hütte stellt und der dafür dann seine Weide mit der Sense mäht, ansonsten nichts mit niemandem zu schaffen haben will und im Wald spazieren geht, der hat jetzt durch diese Entkoppelung vom gesellschaftlichen Rahmen erstmal keine direkte politische Aktivität. Nichtsdestotrotz kann natürlich seine Existenz als Symbol einer bestimmten politischen Haltung verstanden werden.

Hm. Aber du merkst schon, dass du eine Situation, in der jemand unpolitisch sein kann, da gerade sehr mühsam konstruieren musstest?

Nee, nee! Ich wollte sie nur deswegen in diesem Fall so stark konstruieren, um einen Extremfall zu schaffen. Von dem gibt es natürlich Abschwächungen, die realistischer sind. Das heißt: Ich glaube schon, dass politisch sein, politisch handeln irgendwie eine Qualifizierbarkeit hat. Nichtsdestotrotz ist gerade jemand, der in einem öffentlichen Raum Musik macht, sich äußert und auch so normal am gesellschaftlichen Leben teilnimmt, zu einem großen Teil auch Teil des politischen Systems - und damit auch irgendwie politisch. Dementsprechend ist es natürlich so, dass die meisten Menschen - und oft auch die, die von sich behaupten, nicht politisch zu sein - politische Handlungen begehen und politische Einflussnahme betreiben.

Nochmal zurück zu "Pumpe auf Stress", da bin ich über die Zeile gestolpert: "Krisen machen weise, aber sicherlich nicht glücklich." Kein Widerspruch zum zweiten Teil. Aber wir haben aktuell eine Krise von lange nicht dagewesenem Ausmaß - und ich hab' nicht das Gefühl, dass gerade irgendwer besonders weise wird.

Na, ich mein' da vielleicht eher so die persönliche Krise. Da ist es ja doch schon so. Zumindest ist meine Erfahrung, dass man aus einer Trennung oder einer Verlusterfahrung eines geliebten Menschen eine gewisse Art von Lebensklugheit ziehen kann, die einem bei der Bewältigung von zukünftigen Problemen behilflich ist. Und wenn man das mit dem Wort "weise" umfasst, was vielleicht zu kurz gegriffen ist, aber in mancherlei Hinsicht vielleicht schon nicht unpassend, dann machen Krisen vielleicht ein bisschen weise, aber eben nicht glücklich. Eigentlich sollten das so 'ne Aussage kontrastieren wie "Was dich nicht umbringt, macht dich nur stärker". Weil so ist es ja genau nicht. Ich werd' vielleicht ein bisschen lebensklüger aus den Problemen, die ich bewältige und über mich ergehen lassen musste. Aber was ich ja zumindest eine Zeit lang auch sein möchte, ist glücklich und zufrieden. Und das ist eben nichts, das in der Krise wirklich stattfindet.

Heißt, diese Aussage bezieht sich rein auf das persönliche Erleben, nicht skalierbar aufs große Ganze?

Doch, natürlich ist das skalierbar. Umgekehrt könnte man deiner Aussage schon auch widersprechen. Zumindest am Anfang der Corona-Pandemie haben ja auch viele gesagt: Naja, ist ja auch toll, dass wir jetzt nicht jedes Wochenende feiern gehen, sondern ich lern' mal wieder zu Hause bisschen auf meinem Instrument zu spielen. Ich les' ein paar Bücher und erkenn' gerade, was vielleicht in meiner Lebensführung in den letzten Jahren schief gelaufen ist. Ich seh' das jetzt als Chance, mich ein bisschen umzuorientieren. Ich hab' schon so lange nicht mehr so viel mit meinen Verwandten gesprochen. Ich mach' Sport, und blablabla ... Es ist für viele ja schon auch ein Ausgangspunkt für vielleicht auch positive Veränderungen gewesen. Die medizinische Forschung hat übelst angezogen und in einem Zeitraum von zwei Jahren mehr über einen Virus gelernt, als sie über manche bereits bekannten Viren weiß. Es hat schon immer ein großes Potenzial, irgendwie auch Energien freizusetzen. Im Prozess des Sich-gegen-die-Krise-Auflehnens und des Verarbeitens der Krise kommt viel Nützliches zusammen, das auch für die Zukunft nützlich sein kann. Aber es bringt nichts, wenn es nicht auch der unmittelbaren Zufriedenheit dient. Wenn du nur Krisen in deinem Leben hast und die bewältigst, dann lernst du aus dem Bewältigungsprozess vielleicht viel dazu und hast viele deiner Kompetenzen und Fähigkeiten aggregiert. Aber du brauchst eben auch Phasen, in denen es dir gut geht. Und nach diesen sollte man suchen. Deswegen ist die Krise zu überwinden.

Als das mit Corona losging und sich die Einbrüche in der Wirtschaft abgezeichnet haben, hab' ich in meiner Naivität echt gedacht, es werden zu viele unter die Räder kommen, als dass man die alle den Bach runtergehen lassen könnte. Ich hab' mir eingebildet, das sei jetzt eine historische Chance für eine gesellschaftliche Umstrukturierung. Solche Hoffnungen haben sich aber ja völlig zerschlagen. Die Illusion, dass man zum Beispiel endlich mal über ein Grundeinkommen sprechen könnte: verpufft.

Ja. Nicht zu Unrecht.

Du sagtest mal: "Ich geh' nicht davon aus, dass das System, in dem ich meine Zukunft plane, in zwanzig Jahren noch Bestand hat." Die Aussichten sind ja nicht gerade stabiler geworden - oder doch?

Weiß ich nicht. Ich denke nicht. Ich denke, dass dieses ganze Pandemiegeschehen eher Versuche bestärkt, bürgerliche Freiheiten einzuschränken, zugunsten des Schutzes, aber auch der Überwachung und Kontrolle der Gesellschaft. Teilweise ist das, zumindest aktuell, gesundheitspolitisch geboten, teilweise fragwürdig. Betrachtet man dann noch andere Entwicklungen, etwa bei der Polizeigesetzgebung, technologischen Überwachungsmöglichkeiten und beim Datenschutz, siehts schnell problematisch aus. All diese Entwicklungen bergen zumindest die Gefahr, das Gesellschaftssystem, in dem wir leben, noch unfreier zu machen, als es ohnehin schon teilweise ist.

Einen Systemzusammenbruch haben wir hier ja schon hinter uns. Du hast mal erzählt, dass du in deiner Familie noch die unterschiedlichen Auswirkungen und Prioritätensetzung beobachten kannst, je nachdem, ob sie im Osten oder im Westen sozialisiert wurden. Glaubst du, dass dieser Unterschied irgendwann verwischt?

Ja. Wenn man einen sehr langen zeitlichen Rahmen ansetzt, glaub' ich schon, dass das immer weniger wahrnehmbar wird. Aber für meine Generation find' ich es schon noch recht deutlich. Unsere Eltern sind in der DDR groß geworden und unsere komplette Lebensumgebung ist vom Einfluss dieses Systems durchsetzt gewesen. Das heißt, dass wir schon noch unter einem sehr direkten Einfluss dieser politischen und kulturellen und sozialen Begebenheiten stehen. Dementsprechend glaube ich, dass man bei vielen Leuten in meiner Generation systematische Unterschiede zwischen in Ost und West Sozialisierten ausmachen kann. Ob das in fünfzig Jahren noch so sein muss? Dass glaub' ich nicht.

Es braucht noch eine Genration?

Ja, oder zwei, und sicherlich auch noch ein bisschen wirtschaftliche sowie kulturelle Umstrukturierung. Aber das sind ja Prozesse, die schon laufen.

Haben wir glücklich den Raugln-Teil erreicht: Schaffst du das denn, die schlimmen Dinge kurzzeitig ausblenden?

Ja, auf jeden Fall.

Beneidenswert.

Das heißt: Wie kurzfristig? Für mehrere Wochen: nicht. Aber mir jetzt mal 'nen gemütlichen Abend machen, an dem ich mich nicht mit irgendwas dieser Art beschäftige: durchaus. Ich hab' tatsächlich auch aufgehört, Corona-Nachrichten zu lesen und mir derartige Sachen reinzuziehen.

Das hebt die Lebensqualität enorm. Sich nicht den ganzen Tag auf irgendwelchen Newstickern rumtreiben, entspannt kolossal.

Ich weiß auch gar nicht, was das für einen Mehrwert haben soll. Die Artikel auf vielen Nachrichtenportalen sagen mir gefühlt seit 'nem Dreivierteljahr das gleiche. Warum ich jetzt mein Hirn mit irgendwelchen Dingen fluten sollte, auf die ich eigentlich auch gar keinen Einfluss habe, erschließt sich mir tatsächlich nicht.

"Ich lache über dich, weil du nicht über dich lachen kannst." Wie wichtig ist, dass ein Künstler über sich lachen kann?

Sehr wichtig, denk' ich. Weil man ja, sofern man etwas mehr in der Öffentlichkeit steht, auch etwas mehr Kritik abbekommt, oder irgendwelche anderen Äußerungen über das Schaffen der Person. Wenn man das immer alles bierernst nehmen würde, hinterher wäre, und seinem Unmut über alle möglichen Schmähungen, die man da erfährt, freien Lauf lassen würde, dann würde man ziemlich unzufrieden sein. Deswegen muss man diese Kritik an einem mit Humor nehmen, Und das kann man, glaub' ich, am besten, wenn man eh um seine Schwächen und Probleme weiß und damit einen entspannten Umgang pflegt.

Bei "Farbverbrecher*innen" fiel mir wieder mal extradeutlich auf, wie wahnsinnig unterschiedlich Graffitimenschen und Rapper drauf sind. "Der beste Maler, den ich kenne, dampft und schweigt" - und lässt die Wand sprechen. Das ist ja schon sehr dezent, im Vergleich zu diesem Seht-her-ich-bin-der-Größte-Geschrei im Rap.

Ja, gut, das ist jetzt aber eine Sache, die im Graffiti nur über ein anderes Medium generiert wird. Da wird ja auch versucht, 'ne möglichst waghalsige Aktion an 'nem guten Spot zu machen, damit dann zumindest alle Eingeweihten sehen, wie das Panel oder wat auch immer man gemalt hat, durch die Stadt rollt. Es ist schon auch sehr selbstdarstellerisch und sehr kompetitiv. Aber durch diese illegalisierende Einschreibung nicht an so 'ne direkte Selbstdarstellung gekoppelt.

Dafür muss man aber aushalten können, das Werk für sich sprechen zu lassen.

Genau. Aber auch das ist oft beflügelt von dem Wunsch nach Fame und Aufmerksamkeit. Nur dass sich das halt anders artikuliert als im Rapbereich. Die Leute suchen in dem, was sie tun, nach Anerkennung, und sie machen Sachen, weil sie wissen, dass sie Anerkennung bringen.

Vorhin ging es schon darum, ob ein Mensch unpolitisch sein kann. Wie siehts mit einem Writer aus? Der Track klingt, als habe Graffiti auf jeden Fall immer eine politische Dimension. Als Statement: Rückeroberung des öffentlichen Raums.

Wenn man damit auch oder im Wesentlichen illegales Malen meint, ist Graffiti ja schon an die Frage gekoppelt, ob es gesellschaftlich legitim ist, das zu tun oder nicht. Das dann trotzdem zu tun, ist natürlich schon einmal eine Art von Ungehorsam, auch gegenüber politischen Verhältnissen. Man eignet sich quasi einen Raum an und setzt sich drüber hinweg, was die Besitzordnung und die politischen Verhältnisse so sagen. In dem Sinne ist das erstmal schon sehr politisch. Ob es dann auch noch eine politische Botschaft im Geschriebenen sein soll, was für ein politisches Selbstverständnis eine Crew hat, ist noch einmal ein anderes Thema.

Im Akt des Malens steckt die politische Dimension?

Im Graffitibereich ganz eindeutig.

Ich habe zwei Wörter gegooglet. Einmal natürlich "raugln". Bin inzwischen überzeugt davon, dass du dir das ausgedacht hast ...

Richtig.

... das andere war "Polydipsie". Vielen Dank für den Erkenntnisgewinn. Ich hab' mich wie in der Sendung mit der Maus gefühlt. Schön, dass es das wirklich gibt. Das ist ja jetzt wirklich nur ein Sauftrack.

Richtig. Das hast du in diesem Fall sehr gut erkannt. Trotzdem hab' ich immer das Gefühl, dass mir durch vorhergehende Tracks und eine gewisse Zuordnung im Deutschrap-Bereich immer eine politische, gesellschaftskritische Ebene zugeschrieben wird, dass die Leute das bei mir das auch immer viel schneller da herausextrahieren und zu sowas machen. Bei der Veröffentlichung von "Alman Brothers" hieß es irgendwo in der Presse: "Er knallt seinen Hörer\*innen gesellschaftskritische Punchlines um die Ohren" ... naja. "Alman Brothers" hat jetzt die eine oder andere gesellschaftskritische oder politisch konnotierte Punchline, aber es ist jetzt auch kein großes Polit-Feuerwerk. Da meinte ich nur zu Dr. Durstig, mit dem ich den "Polydipsie"-Track zusammen gemacht habe, dass sie bestimmt auch darin noch irgendwas finden, was jetzt 'ne ganz große politische Dimension haben soll, und selbst diesen Track noch zu etwas gesellschaftskritischem ernennen. Deswegen: sehr angenehm, dass du gesagt hast, dass das einfach nur ein stinknormaler Sauftrack ist. Das ist es nämlich.

Prezident sagte mal: Wenn du bei der Kritik einmal in irgendeiner Schublade gelandet bist, dann ist es total schwer, da wieder rauszukommen. Er meinte, er habe "Du Hast Mich Schon Verstanden" auch deswegen gemacht, damit sich mal wieder jemand mit seinem Zeug auseinandersetzt und nicht alle wieder nur schreiben, das sei halt gut getexteter, schlecht gelaunter Intellektuellenrap.

Genau, das ist halt ein bisschen seltsam. Das ist fast wie die Lehrerin, die in der Schule die Aufsätze der meisten Schüler nicht mehr liest, sondern nur 'n Note druntersetzt, weil sie denkt: "Die war eigentlich immer ganz clever. Und der war nicht so clever." Meine Schwester hat mal, weil sie eine recht gute Schülerin war, in einen Aufsatz geschrieben: "Frau Soundso ist dumm." Sie hat für diesen Aufsatz trotzdem eine Eins bekommen, weil der offensichtlich nicht gelesen wurde. Oder die Frau war so unbeschwert, dass sie das einfach hingenommen hat. (Lacht) Das kann natürlich auch sein. Aber wahrscheinlicher ist, dass sie es sich wirklich nicht reingezogen hat.

Okay. Jetzt haben wir da aber diesen Sauftrack. Der schreit ja nach Live-Auftritt. Das ist doch nichts, das man zu Hause hören mag.

(Lacht) Naja. Einige Instagram-Storys haben mir da was anderes erzählt.

Das würde ich auf den aktuellen Mangel an Alternativen schieben. Sowas hörst du draußen mit deinen Kumpels und lötest dich dabei zu.

Ja, richtig. So ist es auch gedacht. Mein Traum von dem Track ist auch tatsächlich, dass ich irgendwie 'ne kurze Kunstpause mach', bevor der losgeht, und alle sich nochmal was zu trinken holen können, und wir dann alle zwei Minuten lang richtig doll Durst haben.

Schön. Ich sehe: Das Bühnenprogramm steht schon. Wurde ja auch schon oft genug verschoben. Wie ist der Status?

2022 soll es 'ne Tour geben. Ich freu' mich drauf. Falls es stattfinden sollte. Meine Tour heißt "Mission Impöbelble".

Das ist hoffentlich kein Omen. Letzter Track, letzte Frage zu "Söhnlein Brilliant": "Die Welt ist widersprüchlich, doch ich kann sie ertragen." Warum, glaubst du, können das so wenige?

Es ist witzig. Danach wurde ich jetzt schon mal gefragt. Erstmal bezieht sich die Punchline in meinem Denken ganz straight auf die Punchline davor. Ich sage ja: "Sie nennt mich 'Macker', aber will dann mit mir schlafen - die Welt ist widersprüchlich, doch ich kann es ertragen." In diesem Sinne wars eigentlich nur eine Punchline, die den voherigen Teil kontrastiert. Ansonsten: Ja! Viele Leute wollen einfache, klare, für sie vorhersehbare Systeme und Zusammenhänge. Sie wollen einfache Antworten, wollen Sachen über Dinge wissen und sehnen sich danach, dass das alles ganz greifbar und klar ist und dass sie an irgendwelchen Erkenntnissen über Dinge festhalten können. Aber so ist die Welt nicht. Deswegen ist es auch oft schwierig, zufrieden zu sein. Ich kann das auch nicht immer gut. Aber ich gebe mir große Mühe, zu verstehen, dass die Welt eben pluralistisch ist.

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