Ausgesprochen peinlich für den Spiegel: Auf dem von der Redaktion zusammengestellten World-Music-Sampler befindet sich Musik eines vom BKA gesuchten Kinderschänders und Sektengurus.

Hamburg (laut) - Gerne und meistens auch zu Recht brüstet sich der Spiegel als Institution für hervorragende Recherchen. Auch wenn die Absatzzahlen durchaus stimmen, wird in Hamburg nach immer neuen Vertriebswegen gesucht.

Einer der neuesten, sowohl in Print als auch online aggressiv beworbenen Produkte aus dem immer weiter wachsenden Spiegel-Shop ist eine Kollaboration mit dem Plattenriesen Sony BMG in Form einer "wunderschönen musikalischen Weltreise". Für knapp 180 Euro erhält der ambitionierte "KulturSpiegel"-Leser dann alles, was er in musikalischer Hinsicht über die "Kulturen der 5 Kontinente" wissen muss. Für jede World-Music-Spielart gibt es eine von 20 CDs, handselektiert von der versierten Redaktion.

Äußerst peinlich allerdings, dass sich auf der Indien-Auskopplung mit dem klangvollen Namen "Bombay Lounge" neben Klassikern wie dem Sitarist Ravi Shankar auch Musik des Gurus Oliver Shanti befindet, der mit bürgerlichem Namen Ulrich Schulz heißt.

Es stimmt schon, der gebürtige Hamburger ist ein Meister seines Faches, der esoterisch getränkten Meditationsmusik. Die Verkaufszahlen sprechen jedenfalls für ihn: Über 100.000 Platten wurden an das Seelenheil suchende Publikum über seine dubiose Firma Shantirecords abgesetzt. Obwohl sein Name und sein bärtiges Gesicht die meisten seiner Alben ziert, beherrscht der spirituelle Hochstapler laut Aussagen von ehemaligen Anhängern kein einziges Instrument. Von den New-Age-Produktionen seiner Musiker, deren Erlöse eigentlich sozialen Projekten zufließen sollten, sahen die vorgesehenen Adressaten keinen Cent.

Guru auf der Flucht

Viel schlimmer ist jedoch, dass Shanti sich seit 2002 auf der Flucht vor der Polizei befindet. Er wird von der Staatsanwaltschaft München wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern in über 110 Fällen gesucht und steht auf der Fahndungsliste des BKA noch vor mutmaßlichen 9/11-Attentätern. Sein letzter bekannter Aufenthaltsort war laut Fahndungsbericht eine Finca irgendwo in Portugal, wo er als eine Art Sektenführer seinen Anhängern das Geld aus den Jutetaschen zog.

Um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, hat sich die Redaktion des KulturSpiegels wahrscheinlich auch vom Künstlernamen und Liedtitel des falschen Gurus fehlleiten lassen. Mit Indien hat er jedenfalls überhaupt nichts am Hut, das Stück "Indian Ceremony" und das Album, aus dem es entnommen wurde, bezieht sich ziemlich eindeutig auf Schamanentum und indianische Kultur. Bombay my ass!

193 Kommentare

  • Vor 12 Jahren

    Eigentlich könnte man hier mal wieder fragen in wie weit man Musik und Künstler trennen sollte.

    Nachdem der Typ in diesem Fall allerdings das Ganze nicht einmal selbst gespielt hat und moralishc auch noch jenseits von gut und böse anzusiedeln ist, erübrigt sich das hier.

  • Vor 12 Jahren

    @Avis (« Eigentlich könnte man hier mal wieder fragen in wie weit man Musik und Künstler trennen sollte. »):

    solange es nur um finanzdelikte geht, ist es mir wurscht. körperverletzung ist für mich grenzwertig und je nach fall zu entscheiden. die musik von kinderschändern hat allerdings in meinem haushalt und vor allem in meinem kopf keinen platz. was es da noch zu trennen geben sollte, sehe ich nicht. widerwärtiges gesindel dieser art kann sich seine kunst dorthin stecken, wo nie die sonne scheint, ganz egal, wie gut die sein mag.

  • Vor 12 Jahren

    Tja, selber Schuld.

    Wenn Du Dich aufgrund einer solchen Eigenzensur um wirklich gute Kunst bringst, Deine Sache.

    Derartige Delikte liegen in der Zuständigkeit der Strafverfolgung, nicht der Kunstkritik.