8. Januar 2019

"Brooklyn wurde gentrifiziert"

Interview geführt von

Masta Ace ist ein HipHop-Urgestein, das nicht nur seit mehreren Dekaden konstant Musik veröffentlicht, sondern auch stets Gunst und Anerkennung seiner Zeitgenossen genoss. Ein Grund dafür ist, dass er trotz einem Sound, der 2018 vor allem Nostalgiker ansprechen dürfte, immer ein offenes Ohr für neue Stimmen in der Szene hatte.

"A Breukelen Story" markiert ein offizielles Kollabo-Album mit dem kanadischen Produzenten Marco Polo, der vor allem durch Zusammenarbeit mit Rappern wie Pharoahe Monch, Talib Kweli und Rah Digga auf sich aufmerksam machte. Wir haben die beiden angerufen, um über den Hip Hop der Welt von Brooklyn über München bis Kroatien zu sprechen und zu fragen, was einen guten Newcomer ausmacht.

Ihr habt im letzten Jahr "A Breukelen Story" veröffentlicht, ein Kollabo-Album über die musikalische und städtische Tradition von Brooklyn. Wie war die Resonanz bisher? Seid ihr zufrieden?

Masta Ace: Ich bin zufrieden! Ich weiß zwar nicht, wie es Marco geht, aber in meinen Augen lief es wirklich gut. Ich habe das Gefühl, gerade im Vergleich zu meinen letzten Releases sind da einfach deutlich mehr Leute, die etwas dazu zu sagen haben. Positives Feedback gab es zwar immer, aber dieses Mal sind da wirklich eine Menge Kommentare, die wirklich mit Freude und Wertschätzung darauf reagieren. Deswegen ist das für mich definitiv eine positive Situation.

Marco Polo: Mir haben ein paar enge Freunde erzählt, dass sie total genervt von meinen Instagram-Stories sind, weil ich die ganze Zeit die Reaktionen und Lieblingssongs von irgendwelchen Fans reposte und deswegen Story nach Story hochlade. Mir geht es da wie Masta Ace: Es ist begeisternd zu sehen, dass es doch eine ganze Menge Leute erreicht zu haben scheint und die Rückmeldung wirklich durchgehend positiv war. Das ist toll.

Ja, nachvollziehbar. Es klingt ja nicht nur wie ein total gelungener Throwback für Fans von Oldschool-HipHop und BoomBap, es thematisiert ja auch viele dieser Themen neu.

Masta Ace: Ja, klar, es ist ja auch keine Raketenwissenschaft, wenn man ehrlich ist. Trotzdem haben wir jetzt nicht gezielt versucht, ein BoomBap-Album zu machen. Unser Ziel war einfach, das zu machen, was wir halt dope finden. Nicht, um einen Sound zu bedienen, den irgendwelche spezifischen HipHop-Fans abfeiern würden.

Hattet Ihr denn einen bestimmten Sound im Kopf oder ist das alles eher im Arbeitsprozess so entstanden?

Marco Polo: Ich glaube tatsächlich nicht, dass wir eine spezifische oder explizite Vision für einen Sound hatten, aber es ist mit Ace ja so, dass er schon einen ganz bestimmten Geschmack an Beats hat. Und er hält seinen Rap dann auch ganz bewusst auf diesen Beats, die er für sich und seine Art als angemessen erachtet. Dafür respektiere ich ihn. Ist ja nicht so, dass er nicht anerkennen würde, dass in anderen Sparten nicht auch der ein oder andere dope Beat entstehen würde, aber das ist dann eben nichts für ihn. Aber ich wollte, dass er in dieser Zone ist, die eben doch von seinen älteren Projekten und seinen bisherigen Lebensereignissen abgesteckt ist. Und dafür habe ich ihm die Produktion gegeben. Produktion, die mit dieser Energie synergieren würde, mit diesem Vibe. Und dabei wollte ich natürlich trotzdem ich selbst bleiben und klingen, wie ich eben klinge. Ich denke, dadurch ist dann doch ein sehr kohärenter Sound entstanden.

Ja, ein bisschen hätte man diese Sparte ja auch von eurer Kombination erwarten können. Dass ihr DJ Premier liebt, habt ihr ja schon oft genug gesagt, aber gerade "Breukelen Story" schlägt noch einmal in die Kerbe von frühen A Tribe Called Quest-Sachen oder den melancholischen Pete Rock-Beats.

Marco Polo: Mann, das sind definitiv Namen, das geht runter wie Öl. Mit diesen Namen verglichen zu werden, ich bin wirklich dankbar, dass Leute so fühlen. Das sind Mount Rushmore-Produzenten die du da nennst. Es freut mich, das zu hören.

Eine Sache fand ich besonders spannend: Wie der Name es schon andeutet, dreht sich "A Breukelen Story" primär um Brooklyn als Ort. Dabei hat sich seit Aces erstem Impact in der Szene, "Da Symphony", wohl einiges verändert. Was ist das Brooklyn von 2018?

Masta Ace: Oh Mann, es ist ein absolut anderer Ort (beide lachen). Gentrifizierung, das ist passiert! Da fließen inzwischen ganz andere Geldsummen und Wirtschaftszweige durch das Viertel. Früher war Brooklyn ein harter Fleck Erde. Kriminalität war an der Tagesordnung, ausgeraubt zu werden war mehr oder weniger normal. Das war Teil von dem, was die Leute sich unter Brooklyn vorgestellt haben. Wenn du da hingehen willst, wirst du halt vielleicht ausgeraubt. Und deswegen ist es nicht schlecht, dass die Dinge sich geändert haben, auch wenn es irgendwie romantisch ist, von einem so kaputten Ort abzustammen. Mir gefällt der Gedanke, dass Brooklyn jetzt Coffeeshops und abgefahrene Restaurants hat. Es ist einfach ein anderer Vibe jetzt. Und wenn ich ehrlich bin: Gerade in meinem Alter, da bin ich schon ein bisschen beruhigt, dass es nicht mehr wie früher ist. Dass es nicht mehr der neue wilde Westen ist. Wo du auf dem Weg zum Einkaufen von irgendwelchen Kids überfallen wirst. Das wäre verrückt, wenn es immer noch so wäre. Es hat sich wohl alles ein wenig zum Guten verändert.

"Die meisten Features, die ich aufgenommen habe, habe ich vergessen"

Aber kann es sein, dass diese schwierigen Umstände mit ein Grund waren, dass sich in den 80ern und 90ern in Brooklyn dieses magische Klima entfalten konnte, das all diese ikonischen Artists hervorgebracht hat?

Masta Ace: (überlegt) Ja, doch, das dürfte definitiv ein wichtiger Aspekt gewesen sein. Damit dieser Vibe und dieser Sound so entstehen und gedeihen konnte. Schau dir M.O.P. an, schau dir die Boot Camp Clik an. Das sind alles Rapper, die ihren Sound und ihre Stimmung dem damaligen Brooklyn zu verdanken haben.

Denkt ihr, es gibt eine Verbindung zwischen harten Zeiten und guter Kunst? Dass diese Notwendigkeit, diese Sehnsucht nach einem Ausweg oder einer Alternative die kreativen Ideen der Leute beflügelt?

Masta Ace: Das würde ja zum Beispiel Detroit erklären. Da ist so verdammt viel Talent in Detroit. Vielleicht ist es wirklich ein Produkt der Umstände, dass solche Hot Spots immer auch mit spannender Musik überkochen.

Klar. Wenn man auf Black Milk, Danny Brown oder Tee Grizzly schaut, da kommt gerade verdammt viel gutes Zeug aus Detroit.

Masta Ace: Und das ist ja auch nur die Spitze des Eisbergs! Man könnte da Namen nennen, Namen über Namen und wäre immer noch nicht fertig. Ja, die Szene in Detroit kann was.

Aber wenn wir es schon von Lokalität haben, da gibt es etwas, das mich schon immer interessiert hat. Es gibt da ein deutsches Album, das ich absolut liebe, das selbst nach deutschen Standards ziemlich unbekannt ist. "Primat City Music" vom Münchner Duo Primatune. Das hat tatsächlich ein Masta Ace-Feature gesnatcht, Anfang der 2010er. Als ich da genauer recherchiert habe, ist mir aufgefallen, dass du eine ganze Menge Parts für Acts jenseits des Atlantik aufgenommen hast. Was ist deine Erfahrung mit europäischem HipHop?

Masta Ace: Ja, es ist wirklich verdammt cool, dass über die Jahre eine ganze Menge europäischer Rapper mit mir arbeiten wollten. Ein offensichtlicher Grund dafür ist vermutlich, dass ich einfach leichter zu erreichen bin als manch anderer Rapper. Wenn man mit mir Kontakt aufnehmen will, dann schreibe ich auch zurück. Wenn mir jemand einen Beat schickt, den ich schön finde, dann werde ich da wohl auch einen Part darauf kicken können. Die meisten der Features, die ich in diesem Rahmen aufgenommen habe, habe ich vergessen. An die Primatune-Jungs erinnere ich mich noch, natürlich auch, weil es noch nicht so lange her ist, aber ich habe in meinem Leben inzwischen mit so vielen Rappern gearbeitet, dass ich dir bei so manchem Part gar nicht mehr sagen könnte, wo der herkommt.

Da habe ich mich gefragt: Seid ihr schon einmal an einen Ort gereist, dessen HipHop-Kultur euch aktiv überrascht hat?

Masta Ace: Oh ja, für mich war das definitiv Kroatien. Ich wusste ehrlicherweise ja überhaupt nichts über das Land damals, ich habe nur das ein oder andere in den Nachrichten mitbekommen. Und da hieß es halt, dass da ein Krieg tobt. Weißt du, da hocke ich in den Neunzigern in den Staaten und mache meine Alben, denke, die Welt ist hart, und dann lande ich in Kroatien, wo in den frühen Neunzigern Panzer durch die Straßen gerollt sind. Als ich dann 2001 in Kroatien am Flughafen gelandet bin, hätte ich nicht erwartet, was mich da erwartet: Sneakerheads, ein randvoller Club voller Kids, die wirklich Bock auf Rap hatten. Und es war eine verdammt gute Show. Es war dope. Überhaupt nicht, was ich erwartet hatte.

Was hattest du denn erwartet?

Masta Ace: So hart das vielleicht klingt, aber ich hatte tatsächlich schon im Flieger darüber gesprochen. Ich wusste ja nicht, wie sehr sich die Zeiten geändert hatten und dass der Krieg endgültig vorbei war, deswegen habe ich mich wirklich gefragt, mir Sorgen gemacht, ob da jetzt nicht Militär am Flughafen stehen könnte. Aber tatsächlich war das ganze Land im Wiederaufbau und die Stimmung war ganz anders, als ich sie mir vorgestellt hatte. Erbaulich. Und verdammt, die Leute haben HipHop geliebt. Sie haben die ganze Nacht mit uns gerockt und die Show war der Hammer.

"Die gröberen Fehler stammen von den MCs"

Um mal wieder auf das Album zu sprechen zu kommen: Über das Projekt zeichnet sich eine Linie an Skits ab, die nachzeichnen, wie Marco nach Brooklyn gereist ist, um sich als Produzent einen Namen in der Szene zu machen. Zuletzt hörst du in sein Beat-Tape rein, findest es fresh und gibst ihm eine Zukunft. Passiert so etwas wirklich? Oder ist das ein Traum von HipHop-Romantikern?

Masta Ace: Es passiert wirklich die ganze Zeit. Es passiert öfter, als man sich das vorstellen könnte. Ständig, im Grunde nach jeder Show, kommt irgendjemand zu mir, und drückt mir ein Beat-Tape oder eine Demo in die Hand. Trotzdem haben sich die Zeiten natürlich ein bisschen verändert, seit Marco mir seines in die Hand gedrückt hat. Der Markt ist einfach geflutet und es ist unmöglich, sich alles anzuhören.

Marco Polo: Man würde verrückt werden.

Ist es schade, sich nicht mehr alles anhören zu können?

Masta Ace: Es ist unmöglich, absolut unmöglich. Ich komme von jeder Tour mit so viel Material nach Hause, das könnte ich einfach nicht alles anhören. Es gibt Grenzen.

Marco Polo: Ich kann es mir ja nur ausmalen, wie es ihm damit geht, aber guck mal: Ich bin selbst nur ein Produzent, aber ich bekomme die ganze verdammte Zeit Instrumentals von irgendwelchen Produzenten geschickt.

Was erhoffen sie sich denn davon, dir Beats zu schicken?

Marco Polo: Feedback, meistens. Oder Networking. Aber ich kann mir das genauso wenig alles anhören. Ich veranstalte meine Wettbewerbe hier und da, das ist aber auch alles, das ich leisten kann. Sonst würde ich den Überblick verlieren.

Mal angenommen, ein Newcomer hätte jetzt doch das Glück, dass ihr Play auf seine Demo oder seinen Beat drückt. Was wäre die häufigste Sache, die sie falsch machen?

Marco Polo: Mal angenommen, da ist ein Newcomer-Producer und der macht sich so ein bisschen einen Namen und kommt an die Gelegenheit mit jemandem vom Kaliber von Ace zu arbeiten. Ich glaube, der häufigste Fehler, den die Leute dann in dieser Situation machen, ist, dass sie verschüchtert und scheu sind, sich nicht trauen, ihre Qualitäten zu zeigen. Sie gehen dann einfach mit dem Flow und ordnen sich unter.

Das hat definitiv auch für mich eine Weile gebraucht, bis ich mal an einem Punkt war, an dem ich reale Producer-Arbeit gemacht habe. Bei den ersten paar Sessions mit größeren Namen, da habe ich mich kaum getraut, meine zwei Cent beizutragen. Ich war einfach happy und genügsam damit, einfach da sein zu können. Gerade, weil es so schwer ist, einen Fuß in die Tür zu kriegen. Bei meinen ersten Arbeiten mit Ace, dachte ich mir einfach nur: 'Halt die Klappe, lass die Meister ihr Ding machen! Die werden schon wissen, was sie tun!'. Aber inzwischen habe ich auch ein paar Jahre im Game im Nacken und weiß, wie ich meinen Mund aufmache, wie ich mich einbringe und wirklich einen Beitrag zu einer Session leiste. Aber andererseits. Es gibt bestimmt auch Jungs, die ohne jede Cred in die Session stürmen, denken, sie wären Dr. Dre und dann allen den Tag verderben. Keine Ahnung, Ace, passiert sowas?

Masta Ace: Ich glaube tatsächlich, dass die gröberen Fehler eigentlich immer von den MCs stammen, nicht von den Produzenten. Die machen selten Probleme. Was mir oft begegnet sind Leute, die zusammenarbeiten wollen, aber noch nicht einmal einen angefangenen Song an mich herantragen. Die sagen dann, sie wollen arbeiten, aber ich soll den Verse zuerst machen, damit sie dann darauf reagieren können. Und dann denk ich mir immer: 'Yo, das ist nicht, wie das funktioniert! Es ist dein Projekt, dein Song, da sollte deine Vision zuerst stehen, nicht meine.' Wenn jemand ein Feature will, sollte am besten schon der Verse stehen, damit ich nur noch meinen beisteuern muss.

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