Porträt

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Lea-Won

"Wenn man nicht finanziell darauf angewiesen ist, Musik zu machen, muss man sie zum Glück auch nur aufnehmen, wenn man wirklich etwas zu sagen hat", erklärt Lea-Won im Interview mit MZEE.

Wundersame Rapwoche: Zu links für den Staatsdienst
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Staiger spricht mit Lea-Won über dessen Abschied vom bayerischen Schulsystem. Außer um das Offensichtliche geht es um Haftbefehls "D.W.A." und Maulis Tics.
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Seinen Veröffentlichungsrhythmus mag das hin und wieder ins Stolpern bringen. Zu sagen hat der Rapper aus München in aller Regel aber eine ganze Menge. Rap und Politik gehen bei ihm Hand in Hand.

Außer mit dem Staat und der Gesellschaft geht Lion Häbler aber auch mit sich selbst hart ins Gericht: "Conscious rap, realtalk, selfrevlekzion and social activision", so umreißt er sein Schaffen in seiner Eigenbeschreibung bei Bandcamp.

Der Anfang liegt irgendwo knapp vor der Jahrtausendwende. Inspiriert vom Musikworkshop eines Lehrers und den Amirap-CDs eines Freundes schreibt Lion, Jahrgang 1984, erste Texte. Instrumentalversionen auf Maxi-CDs von Xzibit oder Nas liefern anfangs die Beats dazu.

Dass es Hip Hop auch auf Deutsch gibt, zeigen ihm Bravo-Compilation-CDs, wobei: "Bei Fettes Brot und Sabrina Setlur wusste ich noch gar nicht, dass das Rap ist." Einzelne Tracks, darunter "Wenn Der Vorhang Fällt", "ANNA" und "Leg Dein Ohr Auf Die Schienen Der Geschichte" von Freundeskreis, hinterlassen besonderen Eindruck.

Es dauert nicht sehr lange, bis sich Lion selbst an die Produktion wagt. Seinen Künstlernamen Lea-Won, eine abgewandelte Schreibweise seines Vornamens und ausgesprochen wie "Lee One", erklärt er mit einem Faible für Asien, das er wohl nicht zuletzt deshalb entwickelte, weil er immer wieder auf die Form seiner Augen angesprochen wird.

Seine kindlichen Zukunftsvorstellungen - "Samuraikrieger oder Judo-Weltmeister" - weichen anderen Vorlieben: "Basketball und vor allem Rap wurden mir wichtiger. Im Beats-Bauen führte ich weiter, was im Kindesalter vielleicht Lego-Spielen für mich war: basteln, bauen, auseinandernehmen, ordnen, neu zusammenfügen."

Auch das Berufsziel konkretisiert sich: Nach dem Abitur nimmt Lea-Won ein Studium auf. Doch auch die Vorstellung, irgendwann als Lehrer in den Diensten des Freistaates Bayern zu stehen, zerschlägt sich.

Zunächst jedoch läuft alles rund. Lea-Won rappt und produziert. Seine ersten drei Alben erscheinen im Jahrestakt. Lea-Won vertreibt sie auf selbst gebrannten CDs und ruft auch sonst, "Money Kills Music", zum munteren Raubkopieren auf. In einer Zeit, in der Metallica oder Moses Pelham MP3-Tauschbörsen verklagen, macht er sich damit nicht überall Freunde.

Lea-Won eckt aber auch sonst oft (und wohl auch ganz gerne) an. Er thematisiert Fremdenfeindlichkeit, sexistische Rollenbilder, kapitalistische Ausbeutung und das Klima in der Gesellschaft. Besonders in den sozialen Netzwerken geht er keiner Diskussion aus dem Weg und erstreitet sich so rasch einen Ruf als schwieriger, zumindest aber anstrengender Diskussionspartner.

Im Battlekontext kann das nicht schaden: Lea-Won schlägt sich in diversen Duellen herum und etabliert sich damit, mit anderen Live-Auftritten und mit seinem steten, wenn auch unregelmäßigem Output in der Münchener Rapszene.

Als Opening Act von Nico Suave, Clueso oder Sage Francis und mit Konzerten im mitteldeutschen Raum vergrößert Lea-Won seinen Bekanntheitsradius schnell und bleibt seinen Grundsätzen dabei treu: Auch sein erstes 'richtiges' Album "Trotzdem Und Gerade Deshalb" verkauft der Rapper von der Bühne aus für schlanke fünf Euro.

Gleichzeitig ist der Mann, der auf den Savas-Schwanzvergleich im Rap ebenso schimpft wie auf die pseudointellektuellen Babylon-Analogien eines Gentleman, und der kritische Analyse der Moralkeule vorzieht, als Anheizer bei Protesten gegen NATO-Veranstaltungen in München tätig.

Hip Hop als Punk der Neuzeit? Bei Lea-Won treffen derlei oft belächelte Phrasen voll ins Schwarze. Dass ihm das später noch auf die Füße fallen soll, ahnt zu diesem Zeitpunkt noch niemand.

2006 geht Lea-Won erst einmal in die Vollen. Kurz hintereinander weg veröffentlicht er "Anti-Style 4 Life", ein Live-Album und die Scheibe "Lernt Mich Lieben (Vol.1)", die allesamt in Eigenregie entstanden, und ist auf der EP "Alles Ansichtssache" vertreten.

Einen richtigen Durchbruch erlebt Lea-Won trotz aller Umtriebigkeit jedoch nicht. Vielleicht ist ihm die Sache auch einfach nicht wichtig genug. Oder aber zu wichtig, um auch nur ein Fitzelchen seiner Überzeugungen dem Kommerz zu opfern.

"Die Leute, die es geschafft haben, Musik zum Beruf zu machen – die Antilopen Gang, Fatoni, um mal ein paar Beispiele aus meiner Generation zu nennen – da ist es eine Frage des Talents, ganz klar", analysiert er im Interview mit MZEE.

"Auf der anderen Seite aber auch des Glücks, zur richtigen Zeit die richtigen Leute gekannt zu haben, die das Ding mit dir in dem Moment durchziehen wollten", so Lea-Won weiter. "Solche Menschen gab es bei mir auch, aber zu einem ganz anderen Zeitpunkt. Mittlerweile bin ich in einem Alter, in dem die meisten Musik entweder professionalisiert oder aufgegeben haben. Ich mache das alles notfalls alleine aus München heraus."

So erweitert er seine Diskografie mal schubweise, mal in größeren Abständen. Abseits davon schließt er sein Studium ab und beginnt ein Referendariat. Die Dinge nehmen den geplanten Lauf, bis einige Schüler dahinter kommen, welches Leben ihr Lehrer abseits des Klassenraums führt.

Ob Schülerschaft oder Kolleg*innen ihn ausgraben, bleibt unklar, Tatsache jedoch: Der zu diesem Zeitpunkt bereits dreizehn Jahre alte Track "Ausbürgerungsantrag" gelangt wieder ans Tageslicht. Lea-Won äußert sich darin kritisch gegenüber der Politik, den Sitten und Gebräuchen seines Heimatbundeslandes. Das macht die Runde, gelangt dem Schulamt und letztendlich der bayerischen Landesregierung zu Ohren. Dort reagiert man wenig amüsiert und zitiert den Referendar zum Gespräch.

Wie Lea-Won später erzählt, dreht sich das erstaunlicherweise weniger darum, herauszufinden, welche möglicherweise Freistaat-zersetzende Einstellung dieser angehende Lehrer denn nun wirklich pflegt, als vielmehr um die Angst um die Außendarstellung: "Was, wenn eine große Boulevardzeitung das rausfindet und dann titelt: 'Freistaat bildet Verfassungsfeind aus'?", malt sich sein Seminarleiter aus. Ja, das wäre natürlich eine weit größere Tragödie, als wenn tatsächlich jemand bayerische Kinder zu Klassenkämpfen anstiften würde.

Lion Häbler wird per Brief dazu aufgefordert, staatskritische Äußerungen fortan zu unterlassen und alles, das sich diesbezüglich interpretieren ließe, aus dem Netz zu entfernen. Er beugt sich zunächst und nimmt "Ausbürgerungsantrag" offline, um seine Verbeamtung nicht zu gefährden.

Dann allerdings rumort es in ihm. Was ist denn überhaupt "staatskritisch"? Will er wirklich ein Rädchen in einem Getriebe sein, das kritisches Denken und freie Meinungsäußerung sanktioniert? Häbler findet für sich die Antwort, scheidet aus dem Staatsdienst aus und unterrichtet fortan an einer Privatschule.

"Ich bilde mir nicht mehr ein, auf einzelnen Songs die komplette Welt bis ins Detail erklären zu können", fasst Lea-Won seine Erkenntnis in Worte. "Heute gehe ich textlich persönlicher und kleinteiliger vor als in meinen Anfangszeiten."

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