laut.de-Kritik

Zwischen Gangsta-Rap und Atlanta-Trap: der ungekrönte Hook-King.

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Seit 2013 ist Kevin Gates fester Bestandteil der US-Hip Hop-Szene, doch trotz mehrerer Platin-Singles und zahlreichen Top 10-Alben ist der Südstaatler weit vom omnipräsenten Mainstream-Status vieler Zeitgenossen entfernt. Seinen Name kennt fast jeder - seine Diskographie fast niemand.

Das dürfte in erster Linie seinem scheinbar aus der Zeit gefallenen Sound geschuldet. Irgendwo zwischen Gangsta-Rap und Atlanta-Trap bedient Gates ein Publikum, das "Culture" ebenso in Dauerschleife laufen lässt wie "Get Rich Or Die Tryin'".

Was ihn weiterhin von vielen Contemporaries unterscheidet, ist ein humorvoller Oddball-Charakter: Seine Interviews sind ungefähr das amerikanische Äquivalent dessen, was Fler hierzulande so vom Stapel lässt. Um zur Erkenntnis zu gelangen, dass sich Gates reichlich wenig um den medialen Zirkus um seine Person kümmert, reichen aber auch ein paar Durchläufe seines neuen Albums "I'm Him".

17 Tracks, keine Features, (fast) keine renommierten Producer: Bei jedem anderen Künstler würde man bei einem solchen Grundgerüst mit B-Ware rechnen, lediglich veröffentlicht um die Streaming-Zahlen in die Höhe zu treiben. Ihm hingegen kauft man schon nach dem ersten Track ab, dass hinter jedem Song eine Vision steckt. Es sind Geschichten eines von Problemen geplagten einsamen Wolfes, der sich, je länger seine Karriere dauert, immer besser in Rolle des einsamen Gangsters zu gefallen scheint: Musik zwischen Lowrider-Paraden entlang der kalifornischen Küste und Existenzängsten in verschneiten Ghettos.

Was die Songs eint, ist Gates' Gespür für eingängige Melodien. Der 33-jährige schreckt nach wie vor nicht davor zurück, seine Sing-Stimme grell scheinen zu lassen, was ihm Wechselspiel mit knallharten Brettern wie "Facts" oder "Push It" für ein differenziertes Klangbild sorgt. Die absoluten Highlights bleiben aber jene Songs, auf denen der Rapper seine poppigen Hooks in vollem Umfang ausspielt. Gerade die erste Hälfte der LP liefert Ohrwurm an Ohrwurm ("Icebox", "Fatal Attraction", "Bags", "Walls Talking"), da verzeiht man ihm auch den einen oder anderen lyrischen Aussetzer ("I was young when my mama had me").

Allerdings wäre es gelogen, zu behaupten, dass sich wirklich jeder der 17 Songs seinen Platz auf dem Album verdient hat. Gerade die Sex-Jams ("Face Down", "Pretend") in der zweiten Hälfte sind alles andere als, nun ja, sexy. Gates' Stimme mag großartige Hooks am Fließband produzieren, als Aphrodisiakum funktioniert sie deswegen noch lange nicht. Besonders, wenn der Inhalt dazu jegliches Feingefühl missen lässt und ähnlich subtil daherkommt wie Sport1 nach Mitternacht.

Für den Rest der zweiten Hälfte gilt leider Ähnliches. Das Momentum der großartigen, ersten neun Songs verliert die Platte bereits nach dem erwähnten "Face Down", erholen kann sie sich davon nicht. Totalausfälle gibt es zwar keine, im direkten Vergleich liefert Gates hier aber nichts, was er wenige Songs zuvor nicht um Längen besser abgeliefert hat. Lediglich der gefühlvolle Closer "Fly Again" bewahrt "I'm Him" davor, in kompletter Belanglosigkeit zu enden.

Doch trotz des Qualitätsabfalls fühlt sich Kevin Gates' neues Album wie eine frische Brise an, die den mittlerweile übersättigten Wallpaper-Trap von seiner Staubschicht befreit. Der ungekrönte Hook-König hält mit diesem Relikt aus vergangenen Tagen die Fahne für simplen, aber engagierten Pop-Rap hoch.

Trackliste

  1. 1. RBS Intro
  2. 2. Icebox
  3. 3. By My Lonely
  4. 4. Bags
  5. 5. Facts
  6. 6. Fatal Attraction
  7. 7. Say It Twice
  8. 8. Walls Talking
  9. 9. Let It Go
  10. 10. Face Down
  11. 11. Push It
  12. 12. Have You Ever
  13. 13. Pretend
  14. 14. What I Like
  15. 15. Funny How
  16. 16. Betta For You
  17. 17. Fly Again

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