laut.de-Kritik

Schlechter Arsch, guter Rapper.

Review von

Zeit hat er sich gelassen, der Joey, fünf Jahre sind ins Land gegangen! Sein zwischenzeitlicher Hauptjob als Schauspieler scheint zu fordern, wir wollen ihn als Rapper aber nicht missen. "1999" bleibt ein Meilenstein, "B4.Da.$$" und "All-Amerikkkan Badass" schwankten zwischen Suche nach musikalischer Weiterentwicklung heraus aus der 90er-Eastcoast und Politisieren à la Capital Steez, und gerade das letzte Album zeigte auch den (nicht ganz geglückten) Willen, sich vom Haus- und Hofproduzenten Statik Selektah etwas unabhängiger zu machen.

Selektah, der letztes Jahr mit Kota The Friend einen kongenialen Partner für "To Kill A Sunrise" fand, ist wieder stärker einbezogen auf "2000". Zusammen machen die beiden letztlich, was sie jetzt schon eine ganze Weile machen, seit die skelettierten Beats der Anfangszeit passé sind: soulige, melodiöse Beats, darüber Badass mit seinem distinktiven, schnellen, aber stets hervorragend verständlichen, rauen Organ. "Make Me Feel" dient da als exemplarisches Beispiel. Auch "Where I Belong", "Cruise Control" und vor allem "Eulogy" geben sich als typische Badass-Songs, durchgehende Stream-Of-Consciousness-Flüsse, gefühlt endlos, und zwar in einem guten Sinne. Wie schon auf den Vorgängern sind hier die stärksten Stellen zu finden, wenn Badass völlig losgelöst über Minuten aus dem Spitten nicht mehr rauskommt. Dazu kommt das ihm eigene Selbstvertrauen, schon Diddy als Opening Act zeigt, neben der expliziten Aufzählung im selben Track, in welcher Schublade der New Yorker sich selbst verortet.

Wie stark dieser Ansatz nach wie vor sein kann, zeigt auch "Brand New 911" mit einem gut aufgelegten Westside Gunn, dessen Aggressivität guttut. Badass zeigt diese live, agiert auf "2000" stimmlich aber eher laid-back. Dazu passen nicht nur die Beats, sondern auch die Texte. Denn auch hier hat sich Joey nicht nur nicht weiterentwickelt, das Ausmaß seiner Nabelschau in jungem Alter ist befremdlich.

"2000" handelt im Endeffekt von Joey, der über sein Leben reminisziert. Das ist schlicht eine Verschwendung, denn sprachbegabt ist der MC immer noch. Der One-Liner-Ansatz von "B4.Da.$$" tat ihm besser, stellte seine Begabung in den Vordergrund und verdeckte seine Inhaltsleere.

Badass bleibt davon unabhängig ein starker Rapper, dessen Stärken so groß und einzigartig sind, dass seine Limitierungen nichts daran ändern, wie gut "2000" ist. Bei "Zipcodes" merkt man plötzlich, dass Mark Borino, bekannt von "Certified Lover Boy", den ersten Killerbeat des Albums beisteuert. Und man merkt, dass man trotzdem gut unterhalten wurde bislang und wie stark Badass dann auffährt. Beim erneut von Steez handelnden "Survivors Guilt" zwingt Rakhi, dessen Gesellenstück zwei Tracks auf "To Pimp A Butterfly" waren, Badass mit einem percussionlastigen Beat zu präziser Delivery. Dann nimmt man Joey seine tiefen Verletzungen auch besser ab als im immer selben, technisch starken, aber weinerlichen Stil, der dazu führt, dass ordentliche Songs wie "Head High" oder "One Of Us" neben Selektahs stärkster Arbeit auf dem Album, "Show Me" verblassen. Denn vor allem wenn Joey vom Produzenten gefordert wird, verliert er sich völlig im Strudel seiner eigenen Fähigkeiten; auf "2001" dann gerne mehr davon.

Trackliste

  1. 1. The Baddest f. Diddy
  2. 2. Make Me Feel
  3. 3. Where I Belong
  4. 4. Brand New 911 f. Westside Gunn
  5. 5. Cruise Control
  6. 6. Euology
  7. 7. Zipcodes
  8. 8. One of Us f. Larry June
  9. 9. Welcome Back f. Chris Brown & Capella Grey
  10. 10. Show Me
  11. 11. Wanna Be Loved f. J.I.D
  12. 12. Head High
  13. 13. Survivors Guilt
  14. 14. Written in the Stars

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