laut.de-Kritik

Hypnotische Melodien zwischen Wurmloch und Realität.

Review von

1976 hatte sich Jean Michel Jarre anscheinend zum Ziel gesetzt, zwischen sämtlichen Stühlen Platz zu nehmen. Die erste Welle experimenteller Elektroniker schwappte vorher bereits über den Erdball. Klaus Schulze "Irrlicht"erte durch fremde Synthie-Sphären, Edgar Froese und Tangerine Dream setzten 1975 mit "Ricochet" eine gewaltige Duftmarke. Kraftwerk fuhren auch schon recht virtuos auf der "Autobahn". Der heißeste Scheiß hörte damals auf den Namen Punk.

Da kommt Jean Michel Jarre, der bislang eher als der Filius von Maurice (der unter anderem die Soundtracks von "Lawrence Von Arabien" und "Ghost" verantwortet) und als Produzent von Werbejingles bekannt war, mit einem rein elektronischen Album um die Ecke, das mit den erwähnten Protagonisten und Genres kaum etwas zu tun hat. Zwar verwendet Jarre wie seine Kollegen Synthesizer, Rhythmus-Maschinen und Sequenzer, doch sein Ansatz gestaltet sich weitaus weniger experimentell und abgespacet.

Auch mit Mike Oldfield wird Jarre gern verglichen. Mit ihm verbindet ihn etwa die Tatsache, dass er "Oxygène" ebenfalls wie Sauerbier bei Labels und A&R-Typen anbieten musste, ehe sich Querköpfe dazu entschlossen, den ungewöhnlichen Klängen eine Plattform zu bieten. Bei Oldfield griff Virgin-Gründer Richard Branson zu. In Jarres Fall avancierte Francis Dreyfus mit seinem Label zum Geburtshelfer dieses Albums und machte nebenbei einen ganzen Sack Kohle. "Oxygène" verkaufte sich wie geschnitten Baguette.

Vielleicht lag es daran, dass sich die Musikpresse damals - besonders in Großbritannien - auf Jarre als Hassobjekt eingeschossen hatte. Schulze und Co. hätten diese Art von Musik schon ausreichend abgehandelt, lautete der Vorwurf, der Franzose habe dem nichts Neues hinzuzufügen. Langweilig, abgehoben und dröge wirkten seine Kompositionen. Noch dazu ehelichte der Gallier die auf der Insel äußerst beliebte Schauspielerin Charlotte Rampling. So einen Typen muss man doch hassen. Was hat der, das ich nicht habe?

Wie wärs mit hypnotischen Melodien? Die hält "Oxygène" nämlich zuhauf parat. Wo die Elektroniker der Berliner Schule meist auf Atmosphäre setzen, strafft Jarre dieses Konzept und baut auf kürzere Tracks. Die landen so punktgenau, dass die sechs Teile des Albums schon den Zenit dessen erreichen, was Jarre künstlerisch auszudrücken vermag. Auch wenn sich der aus dem südfranzösischen Lyon stammende Musiker in den Jahren nach diesem Release zu einem gefeierten Star mausert, der nicht selten vor einem Megapublikum von mehreren Hunderttausend Zuschauern auftritt: Die geballte Ladung Inspiration und Atmosphäre setzt er hernach nie wieder so perfekt in Szene.

Kaum eine seiner zahlreichen Kompositionen besitzt den Wiedererkennungswert von "Part II" mit seinen hüpfenden Noten und dem ebenso hibbeligen Bass-Rhythmus. Futuristische Soundeffekte schweben am Ohr des Hörers vorbei und bereiten den Boden für einen intergelaktischen Space-Trip der Extraklasse. Wie ein vertonter Drogenrausch schubst Jarre den Hörer in entlegene Galaxien, zieht ihn in Wurmlöcher und spuckt ihn am Ende wieder in die Realität zurück. Diesen Parforce-Ritt toppt nur noch der vierte Teil.

Wer die Töne dieses Tracks nicht kennt, muss auf einer einsamen Insel der Molukken aufgewachsen sein. Träumerischer und stilsicherer hat bis dato niemand Elektronik zur Klangerzeugung eingesetzt. Einfach fantastisch, auch wenn sich Jarre bei der Ausformulierung der Melodie von Gershon Kingsley und dessen "Popcorn" inspirieren ließ.

Dabei lässt der Start ins Album noch gar keine Großtaten dieser Dimension vermuten. Wie Regentropfen lässt Jarre die Töne ploppen, ehe blubbernde Sounds das Zepter übernehmen. Klänge wie aus dem Theremin jaulen durchs Off und führen auf einen zwischenzeitlichen Höhepunkt hin, der den klassischen Background seines Urhebers anklingen lässt. Ein wenig Wagner auf Acid dudelt hier durch.

Die Art und Weise, wie der Franzose das Album aufbaut, lässt vermuten, dass er von seinen beiden 'Hits' schon vorab so überzeugt war, dass er die restlichen Tracks darum herum konstruierte. Wie ein Konstrukt klingt "Oxygène" dennoch nicht. Wäre der Fade Out am Ende des dritten Parts nicht der physischen Begrenztheit des Mediums Schallplatte geschuldet, Jarre hätte ein Album in einem Guss geschaffen, das so harmonisch und natürlich klingt wie das Vogelgezwitscher kurz vor Ende von Seite eins.

Elektronische Kühle kann hier gar nicht aufkommen, ganz im Gegenteil. Wenn "Oxygène" nach knapp 40 Minuten mit dem letzten Streich ausklingt, fühlt man sich automatisch an karibische Strände versetzt, mit einem Cocktail in der Hand, ganz nahe bei der sanften Brandung, die einem die Füße umspült.

Man muss Jarre zugute halten, dass die sechs Teile gar nicht so antiquiert klingen, wie es das Alter der verwendeten Synths vermuten lassen würde. "Oxygène" gehört zum Kanon der Musikhistorie wie "Sgt. Pepper" der Beatles oder Led Zeppelins "IV". Nicht umsonst verwendet jeder Provinz-Regisseur zur musikalischen Untermalung seiner Dokumentationen Musik aus vorliegendem Album.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Part I
  2. 2. Part II
  3. 3. Part III
  4. 4. Part IV
  5. 5. Part V
  6. 6. Part VI

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