21. Dezember 2020

"Ich bin mein Leben lang pleite"

Interview geführt von

Etwas mehr noch als andere Bands lebt die Hamburger Künstlergruppe HGich.T vom Kulturprodukt Live-Auftritt. Doch auch ihre durchgedrehten, unkopierbaren Trash-Happenings hatten 2020 Sendepause. Stattdessen nahm die Gruppe schon wieder ein Album auf.

Ende November erschien mit "Los Angeles" das sechste Studioalbum des Kollektivs HGich.T, das auf laut.de mit 1/5 bewertet wurde. Wir verabreden uns mit Tutenchamun alias Arne Behrens zum Telefon-Interview. Er ist sozusagen das Maskottchen von HGich.T, gerne wird der Mann in Windel und Warnweste mit dem Sänger verwechselt. Zuständig ist Tutenchamun vor allem für Videos und sehr gutes Aussehen.

Alles fit?

Tutenchamun: Ganz okay. Ich bin schon seit sechs, halb sieben wach. Wahrscheinlich hab ich gestern die falschen Pillen gefressen. Oder sagen wir die richtigen Pillen, aber die falsche Pille. Wie geht's dir?

Auch okay, meine Freundin ist wieder gesund, wahrscheinlich kein Corona, dafür Lebensmittelvergiftung mit Husten. Den falschen Döner gegessen.

Fischdöner würd ich nicht kaufen.

Schwein.

Schweine sind sehr reinliche Tiere, das weiß ich aus eigener Erfahrung, da bin ich informiert. Auf meinen Wunsch hin haben wir ein Stachelschwein im Video zu "Der Destroyer", ein Song unseres neuen Albums, eingesetzt. Da bin ich ein klassischer Deutscher, nämlich Golf-Fahrer. Besonders im Vorspann zum Video, da kommt das Stachelschwein noch dazu im Text vor. Nämlich im Gespräch mit Herrn Kuhlbrodt.

Dietrich Kuhlbrodt alias opa16, lebt der noch? Muss kurz im Internet nachsehen.

Jaja, das wär sonst die letzten Tage passiert. Den habe ich live das letzte mal vor zehn oder zwölf Tagen gesehen. Auf jeden Fall gab es in der ganzen Umgebung von Hamburg nur einen seriösen Filmtierverleih, der überhaupt ein einziges Stachelschwein hatte.

Was kostet ein Stachelschwein zum Mieten?

Das willst du nicht wissen, ich hab's zum Glück vergessen. Deutlich über 1000 Euro und das Ding kann dafür fast nix. Stachelschweine kommen mit Betreuer und eigenem Filmmenschen und dann geht irgendwie nur ein Drittel von dem, was versprochen wurde. Letztendlich will es nur Spaß haben und wegrennen. Es war seriös und teuer, ich glaube nicht, dass man uns verarscht hat, aber so ein Stachelschwein ist wirklich eines der ungeeignetsten unter den halbwegs normalen Filmtieren.

"Ich hab offiziell Abitur"

Könnt ihr euch sowas in der Pandemie noch leisten?

Nein, wir sind ja überhaupt nicht aufgetreten. Bei uns kommt gerade eh vieles zusammen. 2019 war ich erstmal freiwillig in der Klapse, dann war irgendwie was Wildes, was ich vorgeahnt hatte, dann war irgendwie Hannover und Silvester und Hamburg und dann war ganz schnell schon dieser Megaskandalwahnsinn wegen diesem Vollarschloch. Dann war ganz schnell schon Corona, das hieß nicht nur keine Auftritte, sondern auch, dass einer von uns die Professur niedergelegt hat und ich von Vorträgen ausgeladen wurde.

Das heißt du bist jetzt pleite?

Da kommen vielleicht zwei Monate zusammen, wenn ich die Tage im Leben zusammenzähle, wo ich nicht freiwillig für Freunde was gemacht habe, was man Arbeit nennt. Ich habe nie gearbeitet, außer Kunst. Ich bin mein Leben lang pleite, ich habe mich noch nie selbst finanzieren können, ich strebe auch gar nicht mehr an das zu ändern. Mir kommt die Galle hoch, wenn ich in der Tagesschau Berichte sehe, wie irgendwelche Skilifts wegen Corona nicht aufmachen können. Als würde das den kleinen Mann interessieren, ob bei irgendwem der Skiurlaub ins Wasser fällt. In der Kulturindustrie arbeiten irgendwie hunderttausende Leute, die gerade arbeitslos sind, und die sind aber egal.

Glaubst du ans Coronavirus?

Ja, natürlich. Für mich sind Fakten keine Glaubensfragen. Wobei Fakten auch ein problematisches Thema sind. Weil, was Fakt ist, ist so ein bisschen die Frage. Über 99 Prozent der Menschen wissen nicht, was Fakt und Sache ist, weil die können mir höhere Physik nicht erklären. Wissenschaft ist zwar seriös und objektiv und keine Meinungsfrage, aber sie ändert sich so rasend schnell, dass, wenn wir scheiße sind, wir Wissenschaft von vor 500 Jahren belächeln. Das sollte man nicht tun, weil auch das war Wissenschaft und echte Erkenntnis.

Hast du was studiert?

Du kannst mich sozusagen zu allem ausfragen, außer zu Juristerei, Biologie und Philosophie nur im Nebenfach. Ansonsten kannst du mir mit Grundschuldpädagogik genau wie mit Kunst, Physik oder sonst was kommen. Wobei ich von Kunstgeschichte und was Kunst eigentlich sein soll, gar nichts weiß. Ich hab offiziell Abitur. Es gibt da ein gesellschaftliches Ich und ein wirkliches Ich – in beiden kann man wild drin rumgestalten. Wenn man das früh erkennt, dann hat man die Chance im Leben, recht viel daran zu drehen. Es hat mal jemand etwas sehr Weises gesagt: "Man kann wenig beeinflussen, wie viel man einnimmt, aber man hat fast zu hundert Prozent Einfluss darauf, wie viel man ausgibt!" Frag mal die alten Leute. Die wissen, was im Leben geil ist und was wichtig ist und was scheiße.

"Ich stehe auf den Kater danach"

Bist du eigentlich gerne besoffen?

Nein, weil meine Haut total verrückt spielt, wenn ich zu besoffen bin. Worauf ich aber stehe, genauso wie auf Übermüdung, ist der Kater danach. Ich bin so jemand, der hat extrem viel Interesse an widernatürlichem Verhalten. Obwohl ich eigentlich gar nicht so viel Drogen in meinem Leben genommen habe. Zwar kann ich dir sagen, was auf jeder Droge so ungefähr abgeht, aber ob man das wirklich braucht, weiß ich nicht. Vielleicht ist es gar nicht gut sich dahingehend abzustumpfen. Wenn man nur noch geil auf Koks vögeln will, aber die intensive Schönheit des Lebens nicht mehr wahrnehmen kann, dann läuft ja vielleicht auch was falsch.

Den Rausch der Bühne brauchst du als Künstler aber?

Klar, das ist ein geiler Rausch. Es ist auch häufig mein Ziel auf der Bühne alles zu vergessen. Oft habe ich schon einen klar gesetzten Plan, was live vielleicht mit mir passiert, aber ich liebe es, in so verdödelte Sackkassen rein zu peilen. Wenn die Zeit gnadenlos läuft und man wahrnimmt, dass auf einmal gar nichts mehr geht und man aber irgendwas machen muss. Man kann sich ja nicht nicht verhalten, man ist ja da und kommuniziert, ob man will oder nicht. Wenn etwas entsteht, was ich nicht mehr beurteilen kann, weder emotional noch rational, dann wird es für mich interessant.

Wärst du gerne mal bei Anne Will?

Joah, naja, boah. Das ist dann die Frage, was sitzen da für andere Gäste und was geht dann da ab. Ich finde ja, die moderiert gar nicht so schlecht, aber Fernsehen ist irgendwie nicht mein Ding. Anders wie bei uns beiden jetzt, wo man inhaltlich genau zuhören muss, geht im Fernsehen viel über Kleidung, Gestik und Mimik. Wenn du Schwachsinn in der richtigen grammatikalischen Art und Weise erzählst und das mit der richtigen Körpersprache, dem richtigen Gestus tust, dann kriegt der Mensch das nicht hin, dem Inhalt zu folgen. Man konzentriert sich dann auf den anderen Rotz.

Was würdest du also zu Anne Will anziehen?

Eben, das frage ich mich gerade. Gehe ich da hin als Prominenter? Wahrscheinlich schon, nur um diesen Kontrast zu generieren. Mich hinzustellen und zu sagen: "Ich seh zwar aus wie Humpen und hab ne Windel an, aber trotzdem ist der Satz, den ich gesagt habe, viel gewaschener als der von dem Typen im Anzug."

Am Ende wird noch behauptet, du hättest auf die Bühne gekackt. Wie damals in Hannover.

Ich wollt's gerade sagen. Zum Schluss wird wieder behauptet, ich hätte denen in die Kabel geschissen, dabei hab ich nen Böller gezündet und dann dachte der Techniker doch nicht, dass die Anlage durchgebrannt oder die Kamera umgekippt ist, sondern dass ich da hingeschissen hätte. Das ist durch die Medien gegangen. Sag mal, wann fängt eigentlich das Interview an, hast du dir nicht mal das Album durchgehört?

Danke.

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