laut.de-Kritik

Wenn sich Eiskristalle auf der Tonspur bilden.

Review von

"Ich bin anders als die anderen Rapper. Merk' ich immer wieder." Tatsächlich verkörpert Haze eine Form des erwachsenen Rappers, die manche Kollegen nur behaupten. Eine angenehme Ernsthaftigkeit umwehte ihn zuletzt in einem irritierend professionell ins Licht gerückte Fanfragen-Video. Die EP setze sein Werk inhaltlich fort, das ihn seit "Die Zwielicht LP" überregional bekannt gemacht habe: "Das allgegenwärtige Thema meiner Musik, dass die Vergangenheit einen nur schwer ruhen lässt, dass sie einen immer begleitet, sich spiegelt sich auch in den Zeilen wider."

Besagte Zeilen zeichnen ein trostloses Milieu. Frei von Extravaganzen schleicht der Rapper "Wort Für Wort" durch die gespenstische Atmosphäre seiner Straßen: "Ich laufe durch die Stadt auf der Suche nach den Worten für die Lieder hier. Doch statt 'Wie geht's Familie?', hör' ich, 'Homie, hast du Weed bei dir?'" Den allgegenwärtigen Drogenkonsum, den Haze schon kraft seines Namens repräsentiert, skizziert er als Fluch und Segen zugleich: "Chronische Migräne, Augen zu, Hände sind am Zittern. Cali-Weed, die Therapie, doch Medizin schmeckt bitter."

Unter den von Bedürftigkeit geprägten Umständen lässt sich Humor nur schwerlich kultivieren. "Auf Depris, Digga, keiner lacht, wenn jemand einen Witz macht", bestätigt Haze in "Diebesnest" die tonnenschwere Tristesse, die seine Interviews ausstrahlen, "Lache nur auf Fotos für die Fans und für die Promo." Abseits des knallbunten Artworks gestaltet der Rapper seine lyrische Welt in Graustufen. Entsprechend realistisch schätzt er sich in "Auge" selbst ein: "Ich wollte nie ein Popstar sein, ich war schon immer Rapper. Texte grau so wie das Wetter, nur der Sound hat sich verbessert."

Erfrischend unberührt von aktuellen Strömungen fallen die Instrumentals von Chefproduzent Dannemann aus. Bei der "Zwielicht LP" sei ihm noch nicht klar gewesen, wohin die musikalische Reise gehe, referierte Haze ausgiebig im Interview. Über "Brot & Spiele" und "TagMond" habe er den "Haze-Siganture-Sound" bis zu "Die Zwielicht EP" perfektioniert. Seine Boom-Bap-Beats basieren auf "dreckigen Samples", die er ausschließlich Vinyl-Aufnahmen entnehme. Seine Produzenten vermeiden es, "moderne Elemente" hinzuzufügen, nutzen sie aber bei Abmischung und Mastering.

"Dropp' auch nicht im Sommer, droppe Songs nur für die Winterzeit", rappt Haze in "Instinkt", während sich zeitgleich Eiskristalle auf der Tonspur bilden. Sämtliche Produktionen atmen die kalte Jahreszeit. Ein Piano durchzieht "Auge" wie sanfter Schneefall. Die gelegentlich einsetzenden Violinen verpassen melancholisch schmerzende Seitenstiche auf dem Weg durch das graue Wetter. Knochentrocken wie die Dezemberluft scheppert es durch "Diebesnest" oder "Reue (Outro)". Die Flügel-Loops kommen mal niedergedrückt ("Gabe Und Fluch") und mal angespannt ("The Show Must Go On") daher.

Bei allem Stilbewusstsein droht die Musik unter dieser Schwermut einzuknicken. Es fehlt ein erlösendes Element, das den Ausbruch aus dem Soundbild wagt. Ein Wutausbruch, ein Paukenschlag, vielleicht eine Prise Humor hätten für die notwendigen Kontraste gesorgt. Trotz alledem unterstreicht "Die Zwielicht EP" Hazes Stellung als Konsens-Rapper, der ebenso behutsam wie verantwortungsbewusst mit seinen Talenten umgeht: "Es ist ein Geschenk vom lieben Gott, das ich nicht zum Schlechten nutzen darf, sondern versuchen muss, etwas in der Welt damit zu verändern."

Trackliste

  1. 1. Diebesnest
  2. 2. Wort Für Wort
  3. 3. Instinkt
  4. 4. Auge
  5. 5. Gabe Und Fluch
  6. 6. The Show Must Go On
  7. 7. Reue (Outro)

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LAUT.DE-PORTRÄT Haze

Selten spricht der Name des Labels so sehr für die Stilrichtung des bei ihm gesingten Künstlers: Alte Schule Records passt in Haze' Fall jedenfalls …

2 Kommentare mit 16 Antworten

  • Vor 8 Monaten

    ….. Bei allem Stilbewusstsein droht die Musik unter dieser Schwermut einzuknicken….

    Ist für mich eben dadurch einen weiteren Stern wert!

  • Vor 8 Monaten

    Mehr als passabel! Er hat einen nicht sehr abwechslungsreichen aber doch gut hörbaren Flow und überdurchschnittliche Texte für einen Rapper im Deutschen Streetrapbereich. Die Beats und die Tonqualität allgemein sind für eine Indie-produktion außerordentlich gut! Besonders den Beat von "Gabe und Fluch" finde ich sehr schön, ich habe allerdings eine Schwäche für Beats mit gechoppten Piano-samples. Der frühe Alchemist hat damit bspw auf Swollen Members' erster Platte Wunder vollbracht.
    Ich nehme an, dass Haze Russlanddeutscher ist - mich nerven seine Intonationen und der Akzent manchmal ein wenig, allerdings kann er nix dafür und das ist wahrscheinlich auch nur ein Ding bei mir. Mehr als solide 3/5, wenn er künftig noch ein bisschen mehr Variation in seinen Vortrag bringt, würde ich auch 4/5 geben.

    • Vor 8 Monaten

      Haze ist kroatischer Abstammung.
      Ich mag seinen harten Akzent, vor allem da manchmal das Schwäbische durchschimmert, was ihn ziemlich von der Masse hervorhebt.
      Haze ist tatsächlich mit das Beste was Deutschrap zur Zeit so vorbringt. Das Brot & Spiele Album läuft seit Release rauf und runter.

    • Vor 8 Monaten

      Schwäbisch? Lass das mal nicht unseren hai hören...

    • Vor 8 Monaten

      "Gabe und Fluch" ist aber auch schon wieder nice! Apfel hat die EP noch nicht, freu mich drauf, Haze mit Abstand bester Mann im Deutschrap. Glaube Bruder Sodi hat mir den Jungen damals nahegelegt. Den Akzent feier ich auch sehr, erinnert mich an ein paar Jungs von früher.

    • Vor 8 Monaten

      Wegen 30km-Katzensprung von meiner Wahlheimat aus hab ich mir letztes Jahr auch Mal mehr von Haze auf YT gegeben. Die Inszenierung selbst der ansonsten hübscheren Ecken der Fächerstadt als molochiges asphaltgraues Hinterhofghetto mit Asi-Charme hat er unheimlich drauf in den Vids - wüsste mensch es nicht besser, schafft Haze beinahe sogar den Eindruck zu vermitteln mit Gelbfüßern ließe sich entspannt hängen. Tut's aber nur mit den allerwenigsten der dort lebenden Menschen, imho. Die sind von der Leistungsorientierung und Anbiederung ans geltende Wirtschafts- und Sozialordnungssystem schon ziemlich stramm schwäbisch, darüber hinaus sollte aber selbstverständlich unser Aushänge-Schwabe selbst noch irgendein gebürtiger Gelbfüßer hier lesen, dass Haze als KA-based Bud schwäbelt - die nennen das badisch und hören zudem noch nen Unterschied zu schwäbisch und badisch-originär raus... ;)

    • Vor 8 Monaten

      Kann die Begeisterung nicht ganz nachvollziehen. Das ist alles handwerklich solide, gut gerappt und der eine oder andere Beat passt auch, aber insgesamt finde ich es ziemlich abgedroschen. Haze bringt absolut gar nichts neues und bei den meisten Zeilen habe ich jemand anderen im Ohr, der eine ähnliche Line schon gebracht hat, wie die "Winter"-Line oder die "unter Tage"-Line. Gleiches gilt für die Beats, die für keinen Geschmack zu sehr imitieren und keinen eigenen Charakter haben.
      Was mich auch etwas stört ist, dass er so krampfhaft versucht, ein düsteres Bild zu zeichnen, was teilweise merkwürdige Auswüchse annimmt, wie die Line zur Frage nach Weed statt einer Begrüßung. Das entwickelt hier und da schon eine unfreiwillige Komik.

    • Vor 8 Monaten

      *meinen statt keinen

    • Vor 8 Monaten

      Bin da bei Haine. Kann mir den immer so 1 - 2 Tracks lang geben, und dann ist aber auch gut.

    • Vor 8 Monaten

      Neu ist auf der Platte tatsächlich nix, ich meinte ja oben schon, dass er ein bisschen monoton und variationslos ist. Aber alleine solide Rappen zu können und halbwegs sein Handwerk zu beherrschen reicht in dem Metier eben meistens, um in Relation zu anderen positiv herauszubrechen. Einseitigkeit ist aber eine valide Kritik - ich glaube er wird aber dank treuer Hörerschaft wenig Antrieb haben, viel an seinem Style zu ändern. Was halt schade ist, weil man da definitiv mehr rausholen kann. Die Platte ist halt nur im Vergleich zum Rest ziemlich gut. "originell" sein ist kein besonderer Eigenwert, lieber gut kopiert als schlecht erfunden.

    • Vor 8 Monaten

      So hatte ich dich auch verstanden und bin da deiner Meinung. Das mit der Begeisterung bezog sich auf die Antworten auf deinen Ausgangspost und die Wahrnehmung von Haze hier im allgemeinen. Im Kontext Deutschrap ist das sicherlich gut, für sich betrachtet aber eher solide und für meinen Geschmack etwas zu abgedroschen.

    • Vor 8 Monaten

      Props für Detailverortung, bin da auch bei Xc und Haine.

    • Vor 8 Monaten

      Habe aufgrund der positiven Resonanz hier auch schon etliche Male mit ihm probiert. Leider trotzdem nie warm geworden damit. Rappen kann er, aber mich langweilt der monotone Vortrag sehr schnell.

    • Vor 7 Monaten

      Gelbfiassler "Gangster" aus scheiss Kallsruh...eher nicht ernstzunehmen. :ill:

    • Vor 7 Monaten

      "Gelbfiassler"

      Hab mir ja schon gedacht, dass ich das mit Status "Zugezogen Extraterrestrisch" nicht so ganz korrekt geschrieben haben kann. Versuche jedoch immer solche auch in der Südpfalz sehr verbreiteten und der jeweiligen Mundart folgenden orthographischen Extrawürste zu vermeiden. :D

    • Vor 7 Monaten

      Ich bin total bei Haine und gleichzeitig schwer versucht, seinen Post unter jedes Griselda Release zu copypasten :D

    • Vor 7 Monaten

      @hrvorragend
      Da steckt ein bisschen Wahrheit dahinter und deswegen habe ich die meisten Griselda-Releases nicht in meine persönliche Topliste aufgenommen, obwohl die schon Top waren. Dass sie im Netz und bei Kritikern so viel Aufwind bekommen ist dennoch eine positive Entwicklung und freut mich.

    • Vor 7 Monaten

      @hrvorragend
      Zu Recht :D