laut.de-Kritik

Klamauk aus der handwerklichen Extraklasse.

Review von

Über die Weite seiner inzwischen ziemlich beachtlichen Karriere gab sich Lukas Strobel nicht einen einzigen Moment lang eine Blöße. Kein Skandal, keine Kontroverse, kein privates Detail, kein persönlicher Song. Wer auch immer dieser Mann aus Niedersachsen in Wirklichkeit auch sein mag (Ein Alien? Ein Zeitreisender? Ein Telepath?), er lässt sich wirklich absolut nicht in die Karten gucken. Was er zeigt, das ist Talent. Talent für Songwriting, Talent für Rap wie Gesang, für einschlägige Songkonzepte und den Umgang mit Worten, die er verdreht, als hielte er einen Stall voll Comedy-Poetry Slammern auf Amphetaminen in seinem Keller auf Vorrat.

"Schlaftabletten, Rotwein V" führt seine inzwischen fast schon nostalgische Lo-Fi-Mixtape-Serie von zwischen 2006 und 2011 fort. Eine wirkliche Rückkehr braucht man es nicht nennen, denn bei aller Beachtung schweiften weder "Triebwerke" noch "Musik Ist Keine Lösung" ausgiebig von seiner Kernkompetenz ab: Es gibt Klamauk, der charakterlich näher am Theater als an der Rapmusik stattfindet, verpackt in Kompositionen und Texte, die mit Pop, Rock und Folk-Anleihen weit über dem Durchschnitt stattfinden.

Und einmal mehr muss man ihm die Komplimente machen: "StRw V" macht nichts falsch. Wieder fabriziert er Quoteables in Serie, fertigt aberwitzige Flow- und Gesangs-Konzepte ab und kommt sogar in der Produktion diesmal einen Hauch ambitionierter und detaillierter als bisher daher. Da gibt es auf "Alli- Alligatoah" im Outro elektronische Breaks in den treibenden Riffs, auf "Hass" schreddernden "Crack Street Boys 2"-Rap-Rock und auf "Wo Kann Man Das Kaufen" ein epochales Gitarren-Solo.

Etwas an dieser Platte auszusetzen ist dementsprechend gewissermaßen Meckern auf hohem Niveau und auch sicherlich eine subjektive Haarspalterei. Aber zu einem gewissen Grad fühlt sich "Schlaftabletten Rotwein V" geradezu zu perfekt an. Es ist genau, was man erwartet und so fehlerfrei und handwerklich überzeugend durchgeführt, dass es steril und unnahbar wirkt.

Versteht man einmal Alligatoahs Songwriting-Ansatz, fühlt sich der Aufbau der sechzehn Thementracks fast ein wenig schablonenhaft an. Es ist immer ein ähnlicher, distanzierter Sarkasmus, mit dem er sich Alltagsphänomenen nähert und dann daraus Texte spinnt, die trotz zugegeben brillanter Nuggets (Erzähl' der Kellnerin direkt Memoiren/ Tja, jeder hat mein Päckchen zu tragen/) meistens in auf den Reim geschriebenen Sprücheklopfereien enden, die sich - öfter als man denkt - hinter der wortverspielten Fassade auf recht banale Binsenweisheiten reduzieren lassen.

"Beinebrechen" regt sich über Unzuverlässigkeit im digitalen Zeitalter auf. "Terrorangst" ist die Schulbuch-generische Abwatschung von besorgten Bürgern (es wird langsam wirklich ein Klischee). "Wo Kann Man Das Kaufen" ist Konsum- und Imagekritik im Autopilot, die so sehr daran krankt, sehnsüchtig den nächsten schmissigen Oneliner zu produzieren. Dagegen stehen zwar mit "Meinungsfrei" und "Freie Liebe" durchaus Songs, die sich etwas relevanteren und schwierigeren Themen annehmen, wirklich tiefschürfend wird es auch unter den drei Schichten Ironie selten. Alligatoahs inhaltliche Stärke als Texter liegt in der Beobachtung von kleinen Details im Zwischenmenschlichen oder in größeren Diskursen. Zumeist sorgt seine Kombination aus sarkastischer Distanz und Unwilligkeit, die Beobachtung in einen weitergedachten Kontext einzubetten jedoch dafür, dass die Zeilen Haltung und Kante einbüßen.

Das spiegelt sich auch darin wider, wie Alligatoah seine Vocals performt. Er zieht offensichtlich immer wieder beeindruckende und eingängige Momente aus dem Hut, zum Beispiel das bildschöne Layering auf "Ein Problem Mit Alkohol", die Chanson-Anlehnungen auf "So Gut Wie Neu" oder die eindrucksvolle Agilität auf "Wie Zuhause". Nichtsdestotrotz scheinen alle Momente der Fachkenntnis wie auch die instrumentalen, organischen Produktionstricks wenig zu bedeuten. Sie intensivieren kein Gefühl, verdichten oder unterstützen die Songstruktur kaum, meistens sind es Pop-Momente wie aus einem Fortgeschrittenen-Lehrbuch.

Meisterhaft umgesetzt, denn ein Alligatoah macht seine Songs nun mal catchy. Aber nach so vielen Longplayern des Mannes geht die Magie ein wenig verloren. Vielleicht geht es nur mir so, aber nach den letzten sechs Alben haut es mich nicht mehr um, Alligatoah Wortspiele zu einem bestimmten Thema auflisten zu hören. Und wenn es für Andere anders ist – um so besser. "Schlaftabletten Rotwein V" ist das Alligatoah-Album, das sie wollten. Um einen nennenswerten neuen Akzent zu setzen, ist es aber vielleicht doch ein wenig zu risikoarm und unpersönlich, die Statements alle etwas zu abgedroschen. Das Level an Kreativität, Liebe zur Sprache und vielfältiger Musikalität kann man trotzdem nur respektieren. Für jemanden, der sich offensichtlich viel Raum für die künstlerische Entfaltung in seinem professionellen Umfeld gesichert hat, könnte es nächstes Mal aber ein deutliches Quäntchen wilder ausfallen.

Trackliste

  1. 1. Alli-Alligatoah
  2. 2. Ein Problem Mit Alkohol
  3. 3. Hass
  4. 4. I Need A Face
  5. 5. Die Grüne Regenrinne (Part 1)
  6. 6. Beinebrechen (feat. Felix Brummer)
  7. 7. Füttern Verboten
  8. 8. Meinungsfrei
  9. 9. Freie Liebe
  10. 10. Die Grüne Regenrinne (Part 2)
  11. 11. Terrorangst
  12. 12. So Gut Wie Neu
  13. 13. Meine Hoe
  14. 14. Wo Kann Man Das Kaufen
  15. 15. Die Grüne Regenrinne (Part 3)
  16. 16. Wie Zuhause

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15 Kommentare mit 18 Antworten

  • Vor einem Jahr

    Ich mag Alligatoah, aber das Album fand ich beim ersten Anhören jetzt nicht so sonderlich krass. Vielleicht muss ich es mir auch einfach noch ein paar mal anhören, viele Alben gehen ja erst richtig auf, wenn man sie mehrmals anhört.

  • Vor einem Jahr

    Ich finde, dass er seit "Triebwerke" (das sicher nicht perfekt war, aber dafür humorvoll und das man sich gut anhören konnte) kontinuierlich abgebaut hat. Die Hooks waren schon immer etwas schief und merkwürdig und kommen einem irgendwie bekannt im Sinne von sich wiederholend vor. Die wirklich nicht mehr zeitgemäße Produktion, die für Trailerpark-Platten typisch ist, tut ihr übriges. Texte wie immer zwischen kryptisch, witzig und peinlich. Als Fan kann man sich das sicher kaufen, ich passe, 2,5/5.