laut.de-Kritik

Genau so klingt ein Aufstand!

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Genau so klingt ein Aufstand! Marschtrommeln, akustisches Durcheinander. Bedrohlich langsam baut sich eine Front auf, bereit loszulegen. In der Ferne hört man leise Worte: "There is no more room for forward, for back...focus in us flight, and spring. Jump...take up space. It is in the air...take what is yours. Take on space..." Im nächsten Augenblick gibt ein Schrei das Signal: schallende Hörner überschlagen sich, dunkle Bläser treten mit massivem Druck nach, und ein Beat treibt den Mob stetig weiter "March ... march ... march!" Dann wieder Stille. "Is That A Riot?" Oh ja. Und die Youngblood Brass Band spielt den Soundtrack dazu.

Drei Jahre liegt das letzte Studioalbum der Blasmusiktruppe aus dem Nirgendwo von Wisconsin zurück. Und "Is That A Riot?", die mittlerweile fünfte Platte der Genre-Wanderer, ist erneut weit von Heterogenität entfernt. Trotzdem klingt die Youngblood Brass Band nicht mehr wie auf ihren großartigen Vorgängeralben "center.level.roar" oder "Unlearn".

Ein Grund: der Ausstieg des musikalischen Masterminds - Sousafonist Nat McIntosh, der sich Anfang 2005 von der Gruppe trennte. Außerdem ist der Untergang von New Orleans an der Brass Band nicht spurlos vorbei gegangen. Der Stadt, die das Genre Brass, das eigentlich in England Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden ist, maßgeblich beeinflusst hat. New Orleans wurde im vergangenen August vom Hurrikan Katrina weggespült. Auch die musikalische Identität hat dabei etwas abgekommen. Der Jazz hat seine Geburtstätte verloren, dem Brass hat Katrina, sozusagen, die erste eigene Wohnung vernichtet.

So klingt "Is That A Riot?" über weite Strecken traditioneller. Klassische Jazz-Improvisationsstücke hat man von den Jungs jedenfalls in dieser Form noch nicht gehört. Ein Beweis dafür, dass die Mitglieder der Brass Band wahre Instrumentalisten sind. Trotz der Rückbesinnung auf musikalische Tradition schlägt der Longplayer aber genauso in die andere Richtung aus. So innovativ, ja mutig, stießen die Youngbloods auch noch nicht in ihre Hörner. Gerade Dave Skogen an den Drums streut diverse extravagante Ideen in den Soundtopf: südamerikanische Tempi, Bongosätze, Missy Elliot'sche Drumlines und sogar den tot gewünschten Diwali-Rhythmus kann man im Zusammenspiel mit einer achtköpfigen Blechbläsertruppe wieder hören.

Natürlich rappt Dave auch. Wobei, eigentlich hat er noch nie wirklich gerappt. Seine Spoken Words-Einlagen haben Hip Hop-Fans eigentlich immer nur als Rap bezeichnet, damit sie vor ihren Kumpels nicht in Erklärungsnot geraten, wieso sie jetzt auf einmal auf Blasmusik stehen. Dabei ist Daves Poesie tiefgründig und deswegen schwer greifbar, meistens sogar zu leise, weil nur ein Teil des Ganzen. Trotzdem passt jede Zeile wie der Jazz zu New Orleans.

So opulent "Is That A Riot?" mit "March" beginnt, so verhalten enden die knappen 60 Minuten. "Thanks" könnte ohne weiteres von einer Dixie-Band stammen, die auf einem Hochzeits-Schiff mitsamt -Gesellschaft über den Bodensee dümpelt. Doch auch (oder gerade) mit diesem Song verbeugt sich die Youngblood Brass Band vor dem Genre, ja, vor der Blasmusik, die diese Jungs mit ihrer eigenen Interpretation im 21. Jahrhundert ankommen lassen.

Trackliste

  1. 1. March
  2. 2. Nuclear Summer
  3. 3. Waiver
  4. 4. But You Can’t Run
  5. 5. Pala Minima
  6. 6. JEM
  7. 7. Dead Man Stomping
  8. 8. Ake
  9. 9. Is That A Riot?
  10. 10. Bone Refinery
  11. 11. Sell Me More Or Like You Just Don’t Care
  12. 12. Will
  13. 13. Thanks

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