laut.de-Kritik

Wenn die dicken Hosen sitzen, klappt's auch mit der Nachbarin.

Review von

"Aaaaaaaaahhhhwww, shit! You know what time it is? It's the return of the motherfuckin' Ying Yang Twins!" Ich kann nichts dafür: Mr. Collipark treibt mir allein mit dieser Ansage das breiteste aller möglichen Grinsen ins Gesicht. Yeah! Ein weiterer Ausflug in den wahren wilden Hip Hop-Süden kommt mir gerade recht.

Sämtliche Möchtegern-Pimps, über die ich mich in jüngster Vergangenheit ärgern musste, mögen sich bitte ihre kindischen feuchten Wunschträume in die Haare schmieren und "Chemically Imbalanced" als vortreffliche Unterrichtsstunde betrachten: So geht es nämlich auch, meine Herren. Auch bei den Ying Yang Twins dreht sich alles um einen ordentlichen Fick, am besten in Verbindung mit einem nicht minder ordentlichen Rausch. Wenn aber die dicken Hosen sitzen und nicht - wie bei zu vielen anderen - haltlos um einen nicht vorhandenen Arsch schlackern, dann klappt's auch mit der Nachbarin.

Mr. Collipark eröffnet den Ausflug nach Atlanta mit fettem Marching Band-Sound. Kollege Schuh bekommt feuchte Augen ob der im Hintergrund ertönenden Cowbell, über meine eigene Reaktion auf die erneute Begegnung mit D-Roc und Kaine möchte ich dezentes Stillschweigen bewahren. Bei diesen Brüdern passt einfach alles. Vollkommen unterschiedliche Stimmen, vereint in treibender Dynamik und schier berstend vor Witz und nur mühsam im Zaum gehaltenem Wahnsinn: Das macht Spaß. In "Jigglin" kommt der Kontrast zwischen rauem Reibeisenklang und unaufhaltsam leiernden Raps besonders gut zur Geltung: Kaum zu fassen, dass derart verschiedene Vocals dennoch auf identischer Wellenlänge schwingen.

Es wird wieder ein wenig geflüstert, dann sind wir auch schon mittendrin im Strip-Club, um "1st Booty On Duty" bei der Arbeit zuzuschauen. Money makes the world go round, alles andere ebenso. Mr. Collipark protzt wie eh und je mit hallenden, supervoluminösen Bässen und zackigen Claps, die er hier durch ein Glöckchen, dort durch einen schmachtend gesungenen Chorus aufhellt. "Do you like what you see?" Mir gefällt insbesondere, was ich höre.

"Take It Slow": Der Abstecher ins Schlafgemach war längst überfällig. Für Los Vegaz' sachten Gesang werfe ich mit Freuden jeden R. Kelly aus dem Fenster. Kaine und D-Roc legen sich mächtig ins Zeug. Bei derart gekonnter Anmache lässt sich jede Lady gerne zum Schaumbad gleich noch das Blaue vom Himmel herunter versprechen. "We always make the bed boom": Begleitmusik der erlesensten Sorte, solange die Beteiligten - was ohnehin das Vergnügen erhöht - über mehr als eine homöopathische Dosis Humor verfügen.

"Jetzt brauch' ich einen Drink. Und eine Zigarette." Schon das "Liebeslied" der Beginner wusste um die Bedürfnisse danach und zwischendurch Bescheid. Der Wirt, der zur letzten Runde aufruft, dürfte seiner Artikulation nach jedenfalls schon ausreichend einen im Tee haben. Kein Wunder, schließlich ist weder "Big Boy Liquor" noch "Big Boy Weed" Stoff für Zwerge. Eine fette musikalische Grundlage aus den Reglern Jonathan "John Boy" Wrights bewahrt vor Verdauungsbeschwerden.

Ein starker Magen ist dringend erforderlich: Brian "B" Tealer serviert, typisch für die Küche der Südstaaten, "Collard Greens". Bedrückende Pianoklänge, Friedhofsglocken, irres Gelächter, düstere Raps und gedehnter Gesang verbinden sich zu einem überaus dichten Klangerlebnis mit der Erkenntnis: "Mary Jane is my everything / And I think I love her more than a lady." Wie lange wird das gut gehen? Klar: "'Till Death do us part."

Breit genug? Dann lockt langsam aber sicher die Tanzfläche. Für die zweite Hälfte von "Chemically Imbalanced" teilt sich Mr. Collipark den Platz hinterm Pult mit Wyclef Jean und Jerry "Wonda" Duplessis. "Water" erbringt den Beweis, dass die Twins durchaus sauber auf den Punkt zu rappen verstehen. Stimmgewalt und Tempo, Geschrei und ein Sample aus "Apache", das andere wirklich gar nicht mehr bringen dürfen: Wenn das kein Club-Hit wird, ziehe ich in Erwägung, meinen Job an den Nagel zu hängen.

Ähnliche Erwartungen hege ich für "Dangerous": Hier müssen Hall & Oates' "Maneater" sowie Ram Jams "Black Betty" herhalten. Rockgitarren zur Untermalung einer ganzen Reihe von lechzenden Kerlen, denen die Augen schier aus dem Kopf und die Zungen auf die Füße fallen? Passt prima! Wir hätten es nicht mit den Ying Yang Twins zu tun, erfolgte nicht unmittelbar ein Bruch. Wenn die "Family" besungen wird, werden harte Jungs plötzlich weich wie Butter: Akustisch umgesetzt von zarten Klaviergeklimper und freundlichem Orgelsound.

In "Friday" fehlt den dramatischen Bässen leider ein wenig der Nachhall. Das gehetzte "Leave" macht den angeflauten Eindruck allerdings sofort wieder wett. Klartext ist Trumpf: "I don't wanna be your man, I wanna fuck you." Soll ich euch ein Geheimnis verraten? Aber nicht allzu erschüttert sein: Zuweilen wollen Frauen nichts anderes - was nicht bedeutet, dass man sich deswegen von einem notgeilen Bübchen gleich wie der letzte Dreck behandeln lassen muss. Respekt macht sexy - denkt mal drüber nach, ihr Aggro-Nasen. Falls ihr wisst, wie das geht.

Wie schon auf dem Vorgänger erklärt Mr. Collipark das Album und die Welt in einem schier endlosen Outro. Die letzten Worte behalten sich die Twins jedoch selbst vor: "Open" kehrt noch einmal mit schlichtem, eindringlichen Rhythmus in den Booty-Club zurück. "So you like it rough?" Hier entlang! Mit "In This Thang Still" schließt sich der Kreis. "We are born in Atlanta. Raised in Atlanta. So we're talking 'bout Atlanta." Vielleicht ist es das, was dieses Duo so ungemein glaubwürdig macht.

Trackliste

  1. 1. Intro
  2. 2. Keep On Coming
  3. 3. 1st Booty On Duty
  4. 4. Jack It Up
  5. 5. Jigglin'
  6. 6. Take It Slow
  7. 7. Patron (Skit)
  8. 8. Big Boy Liquor
  9. 9. Smoke Break (Skit)
  10. 10. Collard Greens
  11. 11. Water
  12. 12. Dangerous
  13. 13. Family
  14. 14. Friday
  15. 15. Leave
  16. 16. One Mo For The Road (Skit)
  17. 17. Open
  18. 18. In This Thang Still

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