laut.de-Kritik

Zwischen Anmut und Abgrund.

Review von

Wer Jamie Stewarts Projekt Xiu Xiu kennt, weiß dass Heiterkeit hier allerhöchstens in ihrer absoluten Negation eine Rolle spielt: Die Welt des Avantgardisten aus LA dreht sich um Vergänglichkeit, Tod, Depression, Rassismus, Gewalt, Vergewaltigungen und dergleichen. Schlicht so ziemlich all jenes irdisch Böse, das an der Existenz einer irgendwie gearteten Menschlichkeit zweifeln lässt. Das spiegelt sich natürlich auch musikalisch wider. So scheint es nicht unerheblich, wenn Jamie Stewart erzählt, er habe festgestellt, dass das Verhältnis von beschissenen zu guten Menschen nicht 99/1 sondern 40/60 betrage und er diese mittlerweile ein bisschen weniger hasse. Ein durchaus nennenswerter Sinneswandel einer so düsteren Seele. Warum also nicht der Misanthropie und allgegenwärtigen Isolation mit einem Duett-Album begegnen, um sich Themen wie zerbrochener Freund- und Gemeinschaften zu widmen?

Doch wenn auch die weltanschauliche Ausgangsposition eine andere ist, so darf man von "OH NO" keine lyrischen und musikalischen Freudensprünge erwarten. Es geht nach wie vor sperrig, gespenstisch und verschroben düster vor sich. Allerdings bringt jeder der fünfzehn Tracks der Scheibe seine gewissen Eigenheiten mit sich, die auf "OH NO" nicht unbedingt für eine stringente musikalische Handschrift sorgen. Das ist natürlich auch in der grundlegenden Verfasstheit eines solchen Duett-Albums begründet, dessen Kollabo-Liste wie ein Best-Of der aktuellen Dark Wave, Postpunk, Experimental und Synthpop Szene erscheint. Mit von der Partie sind etwa Grouper, Twin Shadow, Chelsea Wolfe, Sharon Van Etten, Liars und Shearwater. Allein das spricht für musikalische Qualität.

Allerdings lässt sich Xiu Xius Signatursound ja seit jeher als ein Changieren zwischen Unhörbarkeit und an Genialität reichendes Erkunden musikalischer Grenzen beschreiben. Xiu Xiu machen Musik die herausfordert, die die Grenzen des Zumutbaren auslotet und die etwas mit den Hörer:innen macht, um diese mit Fragezeichen zurück zu lassen. Und genau das ist schließlich eines der Fundamente großer Kunst.

Dementsprechend stellt sich natürlich auch auf "OH NO" die Frage, ob das alles wirklich durchdacht ist, oder ob es Jamie Stewart schlicht und einfach darum geht, möglichst weird zu klingen. Die Outsider Band The Soronprfbs aus dem sehr guten Film "Frank" mit Michael Fassbender in der Hauptrolle lässt sich da als Vergleich in Betracht ziehen. Was ist Musik? Alles ist Musik. Vielleicht. Aber im Vergleich zu früheren Releases ist die artifizielle Verdrehtheit auf "OH NO" deutlich zurückgenommen.

So bildet die Vorabsingle "A Bottle of Rum" mit Liz Harris aka Grouper einen fast schon radiotauglichen Dreampop Hit. Verträumter Gesang und sanfte Gitarrenakkorde sorgen für den wahrscheinlich eingängigsten Song überhaupt im fast zwanzig Jährigen Bestehen der Band. Ganz ähnlich operiert Stewart in "Sad Mezcalita" mit dem betörend hauchenden Gesang Sharon Van Ettens und dem märchenhaft anmutendem Gitarrengezupfe. Schön.

Der mit elektronisch stampfenden Technobeats untermalte Titeltrack "OH NO" entwirft einen manifesten Abgesang auf toxische Beziehungen mit Dekret der Schauspielerin Susanne Sachsse. "Mein Bikini liegt auf Tannennadeln / Ich bin aufgewacht und hab mich über einen Spalt gehockt / Ich hab gedrückt und gedrückt / bis endlich ne Papierrolle mit Namen rauskam / und da standen alle drauf, die an meiner Qual ihre Freude hatten / Die Rolle hab ich an nem bewachsenen Felsen abgewischt / und in das andere Loch gestopft, da wo’s hingehört / Es hat überhaupt nicht wehgetan und wird niemals wehtun". Das sollte einfach mal so stehen bleiben.

Nahezu orchestral wirkt "The Grifters" mit Streichern, mehrstimmigem Gesang und fantastischem Xylophon Outro. Mit "Rumpus Room" wiederum liefert Stewart zusammen mit Liars ein strammes Postpunk Dance-Brett ab. Das könnte sogar irgendwann in der Diskothek funktionieren. Auch "Fuzz Gong Fight" geht industrialmäßig ordentlich nach vorn. There is no ice in my drink / Pop pop pop from behind".

"One Hundred Years feat. Chelsea Wolfe" verleiht dem The Cure Klassiker einen noch eindringlicheren Industrial Touch und gleicht einem Soundtrack aus der Vorhölle der existenziellen Sinnlosigkeit einer aus den Fugen geratenen postmodernen Welt. In "A Classic Screw" stellen sich einem vor schaudern die Nackenhaare auf. Verzerrt gequälte voices und creepy surreale Synthiesounds wirken wie straight aus einer geträumten Alienentführung kommend. Die Referenz zu David Lynchs Werken wurde bei Xiu Xiu ja bereits zu Genüge gezogen und dennoch sollte sie auch hier Erwähnung finden. "It Bothers Me All The Time" geht mit seinen Krach- und Kreischwänden und dezenten Pianoklängen in eine ganz ähnliche Richtung. Definitiv nichts für schwache Nerven.

"Saint Dymphna" mit Twin Shadow hingegen fährt wieder etwas sanftere Geschütze auf und lässt sich mit seinen an den Twin Peaks Soundtrack erinnernden, atmosphärischen Gitarrenakkorden fast schon als Ballade bezeichnen. So bewegt sich “OH NO” stets in einer außergewöhnlichen Melange aus Industrial, technoiden Beats, unbehaglichen Synthiewänden und anmutigen Gitarren- und Pianoklängen, gepaart mit berührenden Duettgesängen.

Xiu Xiu zeigen, dass sich düster verschrobene Experimentierfreude und melancholisch hoffnungsvolle Eingängigkeit nicht zwangsläufig ausschließen müssen. Stampfende Elektrobeats, kreischende Gitarren und unheimliche Klänge gehen eine für die Band verhältnismäßig zugängliche Symbiose ein. Ein schaudernd schönes Avantgarde-Rock-Album mit brillanten Gastmusiker:innen für einsame Stunden, das sich allerdings auch erst mit der Zeit seine volle Wirkung entfaltet.

Trackliste

  1. 1. Sad Mezcalita (feat. Sharon Van Etten)
  2. 2. I Cannot Resist (feat. Drab Majesty)
  3. 3. The Grifters (feat. Haley Fohr)
  4. 4. Goodbye For Good (feat. Greg Saunier)
  5. 5. OH NO (feat. Susanne Sachsse)
  6. 6. Rumpus Room (feat. Liars)
  7. 7. Fuzz Gong Fight (feat. Angela Seo)
  8. 8. I Dream of Someone Else Entirely (feat. Owen Pallett)
  9. 9. One Hundred Years (feat. Chelsea Wolfe)
  10. 10. A Classic Screw (feat. Fabrizio Modonese Palumbo)
  11. 11. It Bothers Me All The Time (feat. Shearwater)
  12. 12. Saint Dymphna (feat. Twin Shadow)
  13. 13. Knock Out (feat. Alice Bag)
  14. 14. A Bottle of Rum (feat. Liz Harris)
  15. 15. ANTS (feat. Valerie Diaz)

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