laut.de-Kritik

Kakophonie im Lo-Fi-Gewand: Scott Walker für Arme.

Review von

Xiu Xiu veröffentlichten die letzten paar Jahre einige beachtliche Platten. So interpretierten sie mit "Plays The Music Of Twin Peaks" (2016) den Score von Angelo Badalamenti zur gleichnamigen Serie neu und bewiesen dabei ein gutes Händchen für atmosphärische Spannungsbögen. Deutlich poppiger geriet "Forget" (2017), das bowieskes Flair ausstrahlte. Den auf diesem Album eingeschlagenen Weg gehen die Amerikaner auf "Girl With Basket Of Fruit" nicht mehr weiter. Zum Vorgänger verhält sich die Scheibe wie Schalke zur Meisterschale.

Weiterhin gibt es ein neues Line-Up, das jetzt aus Sänger und Mastermind Jamie Stewart, Thor Harris (Swans), Jordan Geiger und Angela Seo besteht, die auch gemeinsam mit Greg Saunier von Deerhoof das Werk produzierte. Dem schlossen sich im Studio weitere Gastmusiker wie beispielsweise ein Meister-Yoruba-Drummer an. Dementsprechend kommen rituelle und polyrhythmische Momente nicht zu kurz.

Dies verdeutlicht schon der Vorbote "Scisssssssors", der mit wildem Getrommel und klaustrophobischen Keyboard-Klängen eine surreale Horror-Atmosphäre erschafft, während Jamie Stewart mit seinem Geflüster und Gehauche die beklemmende Stimmung des Tracks verstärkt. Dass man songwriterisch nicht mit dem klassischen Strophe-Refrain-Strophe-Refrain-Schema zu rechnen braucht, macht die Nummer von Anfang an klar.

Dennoch hätte man, wenn zu Beginn des Albums etwas mehr Kreativität erwarten können. Eine Stimme aus dem Computer, die zu zackiger Elektronik und allerlei psychotischen Soundeffekten "Girl With Basket Of Fruit" unzählige Male wiederholt, ist nicht unbedingt das Gelbe vom Ei. Man bekommt den Eindruck, als wäre dem Bandkopf keine gute Melodie eingefallen. Textlich kehrt er dabei das Caravaggio-Gemälde Knabe mit Früchtekorb ins Gegenteil. Mit Mehrdeutigkeiten geizt die Platte also nicht. Mit Provokationen und Normbrüchen ebenso wenig.

So findet der Sänger in "It Comes Out As A Joke" abstrakte Umschreibungen für Vergewaltigungsfantasien, während mittendrin dissonante Drumschläge und eine Orgel ertönen, die aus einem satanischen Horrorstreifen der Sechziger stammen könnten. Irgendetwas Greifbares oder gar ein roter Faden? Fehlanzeige. Die Grenze des Unerträglichen dürfte so langsam überschritten sein.

Allmählich beschleicht einen das Gefühl, Xiu Xiu könnten auch "Hänschen Klein" oder "Kommt Ein Vogel Geflogen" im ohrenbetäubenden Harsh-Noise-Gewand auf Platte bannen und man würde es ihnen trotzdem gierig aus der Hand fressen. Nur wird der alte Hape Kerkeling-Witz auch nicht besser, wenn man ihn zum tausendsten Mal erzählt. Aber Jamie Stewart scheint es mit dem Werk tatsächlich ernst zu sein.

In "Mary Turner Mary Turner" singt er über den grausamen Lynchtod einer Afroamerikanerin, die ein rassistischer Mob auf qualvollste Weise hinrichtete. Wobei man sich streiten kann, ob sich das überhaupt noch als Gesang bezeichnen lässt, wenn er zu Industrial-Sounds und einer Vielzahl an undefinierbaren Geräuschen, die sich anhören, als hätte man sie mit einem defekten Kassettenrekorder aufgenommen, mit schiefer Stimme verstört und verängstigt Unverständliches ins Mikro winselt. Das klingt nicht schockierend, sondern wie Scott Walker für Arme.

Das selbe Trauerspiel in "Amargi Ve Moo". Zu hoffnungslosen melodramatischen Streichern in tiefstem Moll, gegen die Nico-Alben wie wahre Stimmungsaufheller anmuten, jammert und schluchzt der Amerikaner, als schneide er sich beim Singen in einem kalten, düsteren Kellerloch gerade die Pulsadern auf. Als bedeute das Hören dieser Platte nicht schon genug Selbstkasteiung. Jedenfalls reicht das Stück zu keiner Sekunde an die Melancholie und Intensität von "A Promise" (2003) heran.

In "Normal Love" kommt mit behutsamen Klaviertupfern und leichtem R'n'B-Flair dann doch noch so etwas wie Melodik ins Spiel. Dass der Track misslingt, liegt einzig und alleine an Stewart selbst, der sich mit seinem Timbre nah an der Stimmfärbung David Bowies bewegt, aber mit einer unerträglichen Penetranz seinen Schmerz ins Mikro jault. Der Meister dreht sich im Grabe um. Auf "Forget" wirkten die verletzlichen Momente auf jeden Fall eindringlicher.

Als interessanter Stilbruch erweist sich dagegen "Pumpkin Attack On Mommy And Daddy", das mit kaputten technoiden Beats und arcademäßigen Videospielsounds die Musik Xiu Xius um eine frische Prise trashigem Humor bereichert. Es hätten durchaus mehr solcher stilistischer Ausreißer sein dürfen, denn etwas Lebendiges und Dynamisches vermisst man an allen Ecken und Enden. Man lauscht im Grunde genommen fast durchgängig einer Kakophonie im Lo-Fi-Gewand.

Dadurch verkommt "Girl With Basket Of Fruit" zum "Lulu" für die Sorte von NOISEY- und Pitchfork-Lesern, die bei einem solchen Machwerk wie diesem sofort "radikal", "unerhört" oder "verkanntes Meisterwerk" schreien. Aber vielleicht unterstreicht es ja die Krassheit der Texte, wenn man die Musik bei klarem Bewusstsein keine zehn Sekunden erträgt.

Hoffentlich fangen sich Xiu Xiu mit den nächsten Veröffentlichungen wieder und verbinden anrüchige Sexyness und ungekünstelte Brüchigkeit mit elegantem Songwriting und subtiler Mystik. Mit dieser Scheibe schießen sie leider zu sehr über das Ziel hinaus.

Trackliste

  1. 1. Girl With Basket Of Fruit
  2. 2. It Comes Out As A Joke
  3. 3. Amargi Ve Moo
  4. 4. Ice Cream Truck
  5. 5. Pumpkin Attack On Mommy And Daddy
  6. 6. The Wrong Thing
  7. 7. Mary Turner Mary Turner
  8. 8. Scisssssssors
  9. 9. Normal Love

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